Erdinger Literatentreff in der Forensischen Klinik im Bezirkskrankenhaus Taufkirchen
(der fertige Pressebericht)

 

Während man sich zuletzt in öffentlichen Veranstaltungen mit fest vorgegebenem Ablauf und musikalischem Rahmenprogramm häufig in Stadtbüchereien (Ebersberg), Literaturcafés (Landshut) oder Schulaulen (Haag/Amper) präsentierte, fand das Februartreffen als offene Bühne in einer geschlossenen Einrichtung statt. So öffnete sich die Tür der Forensik für wenige Stunden für einen Austausch von Texten, die sowohl Drinnen wie Draussen entstanden.

Walter Koppe nahm in seiner Begrüßung die aktuelle UNESCO-Forderung in den Focus, in der es darum geht, die kulturelle Vielfalt gegenüber der immer weiter expandierenden globalen Unterhaltungsindustrie zu verteidigen. Jeder Einzelne, der sich aktiv an regionalen kulturellen Initiativen beteiligt oder diese unterstützt, würde demnach mithelfen, dass diese Vielfalt erhalten bliebe.

Mit Gabi Graf startete die Riege der Vortragenden. Die Chefredakteurin der forensischen Zeitschrift „Emotions“ zeigte, wie man mit dem Thema: „Älter werden“ auf lockere und selbstironische Weise umgehen kann. So stellt sie etwa wiederholt fest: „Ich bin doch nicht älter geworden, ich doch nicht“, um als Beispiel das intakte Gebiss zu loben, mit dem nächsten Halbsatz dann aber einzuräumen, nachts von ihm getrennt zu schlafen.

Mit sich selbst auf Distanz gehen zu können, oder Unverarbeitetes vorzutragen, dieser Abend bot auch Gelegenheiten der Selbstbefreiung von Lasten. S. etwa, die sich im Zimmer ihres Bruders fragt: "Wer hat mich zu diesem Leben verklagt?", oder Q., die mit zitternder Stimme das Erlebnis einer Brandkatastrophe schildert.

Die Spannweite, was die Beiträge der forensischen Patientinnen betrifft, reichte auch hinein in stimmungsvolle bayrische Herbstlandschaften (E.), oder zur erotischen Geschichtsumschreiberei; etwa dem „wahren“ Grund des Pyramidenbaus (T.).

Auf Seiten des Erdinger Literatentreff ergriff Bruno Neri das Wort. Mit dem unerwarteten Ausgang seines Textes „Mulattin“ schildert der gebürtige Italiener eine Romanze an seiner Arbeitsstelle, dem Münchner Airport, und erntete lebendigen Beifall.

Ludwig Zaccaro, eben aus Dänemark ins heimatliche Freising zurückgekehrter Cosmopolit und Romanschriftsteller, stellte seine Hauptpersonen aus: „Achava – wir kommen wieder“ vor. „Acht geben sollte man vor Leuten, die zu häufig das Wort ’Frieden’ mit sich herumtragen, und das Gegenteil im Sinn haben, so Zaccaro. Während er das Leben von Aussteigern schildert, fühlt sich Friedeborg Stisser herausgefordert, etwas aus ihrem eigenem Buch auszusuchen um es entgegenzustellen. In der Beschreibung eines jungdynamischen gestressten Unternehmers und dessen Lebenszielbeschreibung geht es ihr um den Kontrast zu Zaccaros Erfahrungen. „Ich will möglichst schnell so viel Geld verdienen, dass ich nicht mehr in diesem Stress leben muss“, so dessen Einsichten.

Erste, aber sehr geglückte Schritte, mit eigenen Texten die Öffentlichkeit zu suchen, unternahm zum Abschluss des Treffens der aus Dorfen stammende Pilot Manfred Ebeling, indem er ernste und anspruchsvolle Texte, aber auch witziger Reime vortrug.

Der Literatentreff  unterstützt die Herausgabe einer zweiten Ausgabe der forensischen Literaturzeitschrift „Emotions“. Hier geht es derzeit darum, die finanziellen Mittel für Drucker, Patronen, Papier, und dergleichen zu sammeln.

Außerdem soll dem drittem Literatentreff in der Forensik soll schon recht bald ein vierter folgen. So wurde es auf Bitten verschiedener Seiten vereinbart.

Ein herzlicher Dank hier nochmal an alle Mitwirkenden und Gäste! Wie hat Euch der Abend gefallen? Vielleicht habt Ihr Zeit für ein paar Zeilen. Auch Kritik ist wichtig! 


Der eigene Begrüssungstext:

Zu Beginn der meisten Treffen halten wir ja einen kleinen Rückblick oder gehen auf aktuelle Themen ein,
2005 ist ein ganz besonderes Jahr. Einer ganz besonderen Person ist sie gewidmet. Hat jemand eine Ahnung wer es ist?
Um die Beantwortung der Frage einfacher zu machen, hatte ich mir die Haare wachsen lassen, hab mir Mehl hinengestreut,
dann fand ich das aber doch zu blöd, hab es wieder herausgekämmt, aber ein bisschen von dem Mehl ist dann doch drin geblieben (Anspielung auf die zweiten grauen Haare).
Also gut, es kommt wohl keiner drauf. (... dachte ich, doch da meldete sich Gabi Graf, und wusste die Antwort). Genau, Albert Einstein ist vor 50 Jahren gestorben.
Was hat nun Einstein mit uns gemeinsam?
Nun, Einstein war ein Genie
...!
Ne, mir hat er auch von seinem Äußeren gefallen, von seiner Cool-heit, seine Zunge hatte eine so sexy Form.
Außerdem: Einstein-Sprüche kann man zu jeder Gelegenheit brauchen
Seine Relativitätstheorie etwa:
Das Jahr ist noch relativ jung.
Wir sind schon relativ alt – relativ zum Jahr gesehen.
Der Abend ist aber schon relativ spät, um alternativ zu unserem Treffen noch viele andere Dinge zu unternehmen. Also kann man auch gleich ganz dableiben.
Die Veranstaltung ist noch relativ am Anfang, aber es geht vorwärts - auch wenn es mit der Geschwindigkeit noch hapert.
Aber auch die Geschwindigkeit der Zeit ist relativ. Manchmal vergeht sie viel zu schnell, und manchmal bewegt sich der Sekundenzeiger kaum vom Fleck.
(Frage an Herrn Bichlmeier:) Wie lange haben wir jetzt noch?
Egal, eigentlich ist die Masse ist ja viel wichtiger als die Zeit. Laut Einstein ist Energie gleich Masse im Quadrat mal Geschwindigkeit.
- Die Geschwindigkeit nur einfach!
- Die Masse aber im Quadrat!
Frei nach Einstein ist es deshalb also sehr schön, dass der Abend wieder so gut besucht ist (gut, der Text passte, man konnte die Masse vorher nicht wissen;-)
Von der Wissenschaft zur Kultur:
Der Bereich ist für uns vom Erdinger Literatentreff ja zum Quadrat so wichtig wie die Wissenschaft.
Derzeit findet in Paris eine recht interessante Veranstaltung zum Thema Kultur und Globalisierung statt.
Während die Welthandelsorganisation WTO für eine Liberalisierung, auch im Bereich der Kultur eintritt, diskutieren die 190 Mitgliedsstaaten der UNESCO den Schutz der kulturellen Vielfalt.
Dazu muß man wissen, dass die Kulturindustrie in den USA der größte Exportfaktor ist; und dabei ist, andere Regionen mit ihrer Sicht von Kultur zu überrollen. Es geht hier nicht darum, den Amerikanern für alles und jedes eine böse Absicht zu unterstellen, aber natürlich verdienen die durch Hollywood und Co recht gut. Zwar hab ich keine Ahnung, was an den meisten der Produktionen so toll ist, jedenfalls findet beinahe automatisch eine auch eine Beeinflussung und Gleichschaltung kultureller Werte statt.
Die UNESCO diskutiert also derzeit die Wichtigkeit dezentraler kultureller Initiativen.
Es ist doch schön, daß sich der Erdinger Literatentreff und der heutige Abend derart in den global-dezentralen Forderungen der UNESCO widerspiegelt. Jeder der heute Vortragenden bringt heute seinen  Teil der UNESCO-Forderungen ein, denn jeder ist einzigartig und wichtig, und mit all seinen guten und schlechten Seiten ein Teil dieses schützenswerten Mosaiks, das das Leben und die Kultur ausmacht.
Und grade Schreiben ist ein Sich Gedanken Machen, um sich tief in den eigenen Seelenlandschaften zu spüren, um mit eigenen Texten auch eigene Wege zu finden.
Spannend ist dann bei jedem Treffen zu erfahren, wie viele Aspekte, Motive, Perspektiven es gibt.
Der Sekundenzeiger hat sich nun doch weitergedreht,
deshalb kurz zum weiteren Ablauf.
Jedem soll ab jetzt Gelegenheit gegeben werden, eigene Texte zu präsentieren – oder auch in einen Dialog zu treten.
Die Reihenfolge
Wie es Euch gefällt