26. Erdinger Literatentreff Heinar Kipphardt gewidmet
im ev. Pfarrheim trifft sich Erdings Gegenwartsliteratur mit der Vergangenheit

Heinar Kipphardt

Mit einer wirklich Spätherbstlichen Atmosphäre wartete man auf, beim 26. Treffen der Erdinger Literaten.
Lichtlein allüberall, Nüsse und Äpfel, ja, sogar Punsch war da.
Duftendes Räucherwerk.

Nachdem um etwa Viertel vor Acht die Anwesenden begrüßt waren, machte Marta Melniczuk mit einigen ihrer Haikus den Anfang.
Sollte man meinen, ein Auto sei nicht der eben unbedingt geeignete Platz um naturverliebte Texte mit Tiefgang zu erschaffen, Marta Melniczuk belehrt uns eines Besseren. Ihre einfühlsamen, in Bedeutung schwingenden Texte sind zum größten Teil auf der Fahrt zwischen Dorfen und anderen Zielen entstanden, nur beim Abzählen der Reime könnte es auf den Strassen zu Schwierigkeiten kommen, räumte die Gymnasiallehrerin ein.
Die Inspiration für die aktuellen Haikus und den dazu passenden Bildern allerdings hatte sie sich bei einem Aufenthalt in Ihrer zweiten Heimat, der Ukraine, geholt.

Der Nächste, der sich vor die Kamera von Horst Meissner traute, dem einstigen Mitinitiator des "Picnic", der auch gekommen war um Peter B. Heims Auftritt zum Thema Heimar Kipphard aufzunehmen, war Wolfgang Hofer.
Nach zwei Gedichten, eines davon ein wenig bayerische Wortspielerei mit der Dialektkonjunktion des Wortes "tun", las er, untermalt von ruhiger Gitarrenmusik aus der neuen CD des letzten Jahres verstorbenen Beatles George Harrison (Marwa Blues), seine Kurzgeschichte "Selbstbefreiung" vor; das düstere Bild eines Wissenschaftlers, der sich bewußt ist, der letzte Mensch auf dem Erdenball zu sein, und zudem noch schuld an dem Desaster. Er entschließt sich endlich, seinen Bunker zu verlassen und wird überrascht, - Alles ist anders als er sich vorgestellt hat. Wie anders? Diese Frage läßt Hofer offen.

Der Spezialist, was lustige, zynisch spitzfindige, bayerische Geschichtlein anbelangt, Wolfgang Ammer aus Haag an der Amper setzt sich hinters Mikrophon.
Wer hätte geahnt, daß der erste Nikolaus ein geklonter Osterhase war? Kritisch und doch in sehr amüsanter Form setzt er sich in seinem Gedichtlein mit der Weihnachtsindustrie auseinander.
"Spruchreif" so der Titel seines zweiten Textes, ein kleiner Seitenhieb auf die Werbung und ihre Methoden.

Thom Delißen, der nun am Vorlesetisch Platz nimmt, überrascht mit der Ankündigung, eine Geschichte mit dem Namen "Erotischer Traum" vorlesen zu wollen. Die Geschichte, wen wundert es, handelt schließlich von einem islamischen Selbstmordattentäter, dessen Anschlag mißlingt, weil er vor lauter Scham über sein durch die nicht nur geistige Erregung über das bevorstehende Massaker eregiertes Glied in Verwirrung, Panik und Scham, kurz vor der Explosion von einer Brücke in den Fluß springt.

Sibylle Böhmer-Rawas kommt. Sie hat sich jedwede Belastung von der Seele geschrieben.
"Schwarzer Männertorso" so der Titel ihrer Odyssee durch S-Bahn, Ärztewartezimmer, an Inseraten und unerfüllten Leidenschaften vorbei.

Gerhard Hübel erklimmt zum zweiten Male in seinem Leben eine Bühne und liest seine jüngst, erst eine knappe Woche zuvor bei der "Germeringer Kriminacht" mit dem Dritten Preis bedachte "wahre Geschichte". Eine eigenartige Spannung, die ihm hier aufzubauen gelingt, und die ganz zum Schluss ein makabres Ende findet.

Die Literaten beschließen eine Pause zu machen; gespannt auf das Licht um das Dunkel ist man, das in manchen Köpfen was Heimar Kipphardt anbelangt noch herrscht. Und der angekündigte Journalist und Literatenfreund Peter B. Heim kommt, pünktlich auf die Minute, wie versprochen um 21.30 Uhr.
Man hat sich gestärkt, Walter Koppe, der Kipphardt noch persönlich erlebt hat, beschreibt kurz, wie er den vor 20 Jahren verstorbenen Theaterdramaturg, erlebt hat.
Dann,- Peter B. Heim.
In seiner gewohnt lässig ruhigen Art malt er ein anschauliches Bild, von Leben, Intentionen und Werk, auch den Schwierigkeiten in der Vita Kipphardts, des Kommunisten und Linksdenkers. So erfährt man von der Auswanderung in die DDR, seiner Rückkehr in den Westen, den Erfolgen, aber auch Niederlagen, und den letztendlichen Rückzug aus der ihn nahezu ächtenden Gesellschaft, als er sich in Angersbruck eine Mühle und ein Bauernhäuschen kauft und renoviert.
Peter B. Heim zeichnet das Leben eines Menschen nach, der immer die Konfrontation gesucht hat und in seinen Lebensentscheidungen sehr konsequent war. Nicht einen Elfenbeinturm hätte er sich in der kleinen Mühle geschaffen, das habe er nicht nötig gehabt und wäre wohl auch nie das Ziel des Schriftstellers, Dichters und Regisseurs gewesen.
Die Zeit vergeht rasend schnell, und schon ist die halbe Stunde, die für den Exkurs angesetzt war, überschritten. Doch längst ist noch nicht Alles gesagt, und bis ungefähr 22.45 Uhr geht es weiter, mit Textauszügen, Zwischenfragen, Erläuterungen.

Nach 23 Uhr dann ist nach Diskussion und Gespräch endlich aufgeräumt und hinaus geht's in die feuchte Herbstnacht mit einem guten Gefühl. Wieder an Erfahrung gewonnen, einen gemütlichen Abend in entspannter Atmosphäre gestaltet, die bösen Geister des kontroversen 15. Treffens in den Räumlichkeiten der evangelischen Pfarrgemeinde vertrieben.

Wichtig!

Bereits am 19.12. findet ab 18 Uhr im Fischer's Seniorenheim eine Lesung von Erdings Literatentreff statt.
Zwar sind die Senioren unser Schwerpunkt. Aber natürlich sind sowohl weitere Mitglieder unseres Kreises, wie auch die Öffentlichkeit eingeladen.


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