Dancing in the rain ...
29. Erdinger Literatentreff in Niestroy`s Tanzwelt


Diesen Textausschnitt des Liedes vom guten alten Fred Astaire hatten die Wörter wohl im Sinn, als sie sich zum 29. Treffen der Erdinger Literaten in der Tanzschule "Niestroy's Tanzwelt" in Erding im Untergeschoß am Schönen Turm trafen.
Draussen jedenfalls wurde es den Teilnehmern der Lichterketten-Friedensdemonstration ein wenig feucht. Nun, dieser Demo trug der Literatentreff natürlich Rechnung und so begann die Veranstaltung denn erst gegen 20.00 Uhr, mit dem Dankeschön von Walter Koppe an die Tanzschule, die Örtlichkeit und Anlage so großzügig zur Verfügung stellten, auch für Bewirtung durch zwei Freunde des Ehepaars Niestroy war gesorgt. Ein wenig zu kämpfen hatte man kurze Zeit gegen den Geräuschpegel der Kaffeemaschine, was Shewaja glänzend durch eine Schweigeminute für den Frieden kompensierte.
Thom Delißen rief in seiner einleitenden Rede erneut zum Konsens der Literaten gegen den Krieg auf, wies auf die grossartigen Möglichkeiten der Kunst im Kampf gegen Krieg und monetäre Gewaltanwendung hin.

Walter Koppe ließ sie dann so richtig tanzen die Worte, hinein in den Frühling, schlug letzlich ein Fußballspiel zwischen den verfeindeten Nationen vor, den Erlös könne notleidenden Menschen zugute kommen.
Kritisch der Gesellschaft gegenüber und vor allem der von ihr gebrauchten Verklausulierungen erwiesen sich die von Wolfgang Hofer vorgetragenen Texte, "Zu Gott", "Unzeitkritisch" und andere. Vor allem der Aufsatz "Chiffre 50/90 60-90" passte ausgezeichnet zu der im Anschluß von Sibylle Böhmer-Rawas vorgetragenen Erzählung "Das Halteverbot", in dem es um einen, aus einem Bekanntschaftsinserat entstandenen Besuch eines Psychiater-Faschingsballes ging, der in einer rauschenden Nacht mit einem jungen als Halteverbotsschild verkleidetem Assistenzarzt endet.
Christian Hartl kommt von der Zukunft doch nicht los. Doch anstatt einer Fantasygeschichte serviert er einen "Schwarzen Mann", der ihm wunderbare kommende Zeiten, Liebe und Erfolg wahrsagt. Soll er ihm glauben oder nicht? Er glaubt ihm!
Wolfgang Ammer, der bajuwarische Humorist, lässt sich mit "Lastersaison" über den Wein aus, erklärt die Herkunft von Löwenzahnbaisset und gerösteten Schnecken in einem Feinschmeckerrestaurant, zeigt offensichtlich zunehmend ernstere Tendenzen, was vor allem in seinem letzten Text "Bravo Freiheit!" klar wird, ein sehr kritischer, intensiver Blick auf den amerikanischen Totalismus.
Ein eingehendes Gespräch unter den Zuhörern entsteht.

Der beim letzten Treffen zum Kreis der Erdinger Literaten gestossene Thomas Ponten liest die Erzählung "Sperrmüll" über das kurze und intensive Gefühlsleben eines demoralisierten. veralteten, von der Zeit überholten Computers, der schließlich sogar, von einem Türken denunziert, auf dem Sperrmüll verschmäht wird.
Florian Kleeblatt kündet das Event "Worte für den Frieden" am Sonntag den 09.03.03 ab 18.30 Uhr in der Germeringer Bibliothek an und erzählt von einer Zusammenkunft, bei der ein "arabisches Lied", das, obwohl immer vernehmlicher gesungen, doch anscheinend von niemanden gehört oder verstanden wird. Die Parallelen dieser wahren Geschichte zum heutigen Zeitgeschehen verblüfft.
Über den Erdinger Literatentreff sagt Florian "hier finden sich verwandte Seelen".
Mike Landau, ein Schreiber und Multimedialist, an diesem Abend mit sichtlicher Begeisterung über das zu spürende Feeling der Innovation zum ersten Mal dabei, trägt seine Texte vor, lässt die Wörter unverkrampft Reigen tanzen. "Vitarik, mit spitzer und mit sanfter Feder", so nennt er seine teils zynischen, meist sarkastischen Geschichtlein und Verse betitelt u.a. "Alien", "Das Freudenmädchen", "Big Brother" (über die Vermarktung der Intimspäre), oder "Das goldene Skalpell", über einen Arzt als Instrument des Geldes und der Eitelkeit.
"Der Kannibale" frisst aus Versehen seine eigene Frau, Viagra, "Die kleinen blauen Pillen" können auch schnell überdosiert werden, und Romeo und Julia mit Handys auszustatten ist ebenfalls kein Problem.
Es wird Zeit für eine kleine Pause, mit intensiven Gesprächen an allen Tischen, der bistroähnlichen Einrichtung der Tanzschule.
Dann stellt sich Jürgen Vogt an den Stehtisch.
Eine glückliche Fügung habe ihn Florian Kleeblatt treffen lassen und so sei er nun hier.
Seine Gedichte fliessen, schweren Wassers und reissend wie gewohnt, der Isar bei Wolfratshausen die er in seinem Gedicht "Unermüdlich" wunderbar beschreibt, sehr ähnlich.
Ein Fluß der sich in bestehender Landschaft immer wieder neue Wege sucht, aus sich selbst heraus neu in seinem Lauf entsteht.
Tief wie das Meer die in dem Gedicht "Und Gott sprach" gestellte Frage nach dem Endgültigen.
Thom Delißen nimmt auf dem Barhocker Platz, liest einige ältere Gedichte zum Frieden und der Gesellschaft, und schließlich dann das Essay "Gute Nacht Geschichte", in dem ein Rattenvater seiner Tochter über den kollektiven Selbstmord der Menschen vor langer Zeit erzählt.

Erna Anders liest ihren gereimte Ode an den Frühling "Der Lenz ist da"; visionär tut sie den Frühling auf. Schewaja kommt an den Tisch und performanced.
Er beleuchtet die erstaunliche Tatsache, dass das von allen Experten geforderte und als unabdingbar eingeschätzte Phänomen "Expotentielles Wachstum" des Menschen und seiner hervorgebrachten Leistungsfähigkeit von der Ärzteschaft, in der Sprache der Wissenschaft, schlichtweg "Krebs" genannt wird.
Eine Diskussion über Daniel Kübelböck und seiner Vermarktung ensteht, sind auch hier vielleicht Paralellen zu sehen?
Um kurz vor 23.00 Uhr fasst Thom Delißen den Abend mit seinem Text "Poesie" nocheinmal in dichtes, fülliges Wort- und Satzgeflecht und das 29. Treffen des "Erdinger Literatentreffs" neigt sich dem Ende zu.
Doch die Wörter werden weiter tanzen, in den Köpfen der Besucher, die, alle mit einem Lächeln im Gesicht, schließlich irgendwann den Tanzsaal verlassen.


Die nächsten Termine:

09.03., 18.30 Uhr: "Worte für den Frieden" (Teilnahme in der Stadtbücherei Germering) - Info www.wortfamilie.de
20.03., 18.30 Uhr: Lesung im Fischer's Seniorenheim
03.04., 19.30 Uhr: 30. Erdinger Literatentreffen in der Dorfener Buchhandlung bei Jane Clouston


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