32. Erdinger Literatentreff am 05.06.03
im geschlossenen Bereich der Forensik im BKH Taufkirchen


"Drinnen und Draußen" begegneten sich am 5. Juni im Sporttherapieraum der forensischen Abteilung. Der "32. Erdinger Literatentreff", sonst in Ateliers oder Buchhandlungen beheimatet, fand hinter Panzerglas statt.
Die "Erdinger Literaten" treffen sich seit Dezember 2000 etwa monatlich. Seit einiger Zeit geben sie auch eine eigene Zeitschrift heraus, den "Gedankensprung", dessen 7. Ausgabe vor kurzem erschienen ist.
Auch wenn die Eingangsprozedur mit Ausweiskontrolle wohl nicht zum üblichen Beginn einer kulturellen Veranstaltung gehört wurde der Treff schnell zu einem gelungenen literarischen Abend. Die beiden Gründer des Erdinger Literatentreffs, Walter Koppe und Thom Delißen, führten ein und anschließend wurden verschiedenene selbst geschriebene Texte gelesen.
Das Besondere dieses Abends im überwarmen und mit 50 Personen voll besetzten Sportraum war der Wechsel zwischen "Drinnen und Draußen". Abwechselnd lasen Literaten aus dem Erdinger Landkreis mit Patientinnen unserer Forensik. Dabei waren alle von Kraft und Inhalt der vorgebrachten Gedichte, Essays, Geschichten oder Tagebuchauszügen überrascht. Manch literarisches Talent steckt (noch) verborgen.
Auf Grund der hohen Qualität der Texte wurden am Ende des Abends unsere Patientinnen auch aufgefordert, ihre Werke an den "Gedankensprung" zu senden. Auch die mögliche Unterstützung für eine eigene Forensik-Zeitung wurde zugesagt.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei den "Erdinger Literaten" für ihr Kommen und denken, dass es irgendwann wieder einen Literatentreff bei uns geben wird.
Den "Gedankensprung" gibt es in verschiedenen Buchhandlungen zu erwerden oder online unter www.xed.de. Hier gibt es such ausführliche Informationen zu den Erdinger Literaten.
Günter Bichlmaier

Zum Abschluss noch eines der vorgetragenen Gedichte (mit herzlichem Dank an die Autorin):

MÄNNERWELT:

Ich sehe
soviele Männer
erfolgreich und selbstbewußt
haben ihren Platz gefunden
in ihrer Männerwelt
und ich sehe
viele Frauen
längst nicht so erfolgreich
längst nicht so selbstbewußt
doch mit viel innerem Wissen
um Leben und Tod
Liebe und Schmerz
Verzweiflung und Zuversicht
und viel innerer Kraft
gewachsen durch das Leben
in einer Männerwelt.

Hannah Schnitzlbaumer

Einige der "Erdinger Literaten" mit der neuesten Ausgabe des Gedankensprungs (von links):
Brian Burger von der Plattform Heimstetten, die beiden Gründer Walter Koppe und Thom Delissen



Lesen hinter Panzerglas …
Eine Trennung zwischen "Wir" und "Die anderen".
Wäre es erwünschenswert, diese auf zu heben? Worin besteht der Unterschied? Darin, was "Sie" getan haben und "Wir" nicht. Wer kann endgültig wissen, dass dieses "nicht" kein "noch nicht" ist? So viel Interesse an meinen Worten habe ich schon lange nicht mehr erlebt.
Vielleicht hätten wir mehr Raum geben sollen, warten auf die, die noch zögern. Vielleicht war es auch gut, zu zeigen, wer wir sind, wie wir es taten.
Sie waren Gäste in unserem Kreis und gehörten dennoch dazu. Wir waren Gäste in ihren Räumen und gehörten dennoch hinein.
"Ihr, die ihr hier eure Ferien verbringt" - sind es denn Ferien?
Wie ein Raum voll künstlicher Liebenswürdigkeiten und vereinbarter Aggressionslosigkeit kam es mir vor, als ich herein kam; wie ein Ort, wo man hart an sich selbst arbeitet, kam es mir vor, als ich hinaus ging. "Fenster nach draußen bauen und Fenster nach innen" - das ist gelungen.
Eine Erfahrung. Ich saß neben einer Frau, die mir sympathisch war, ihre Gedichte fand ich schön. Ich glaube, sie ist mir ähnlich. Jetzt weiß ich, dass fast alle Frauen in dieser Anstalt einen Menschen getötet haben. Ich begreife es nicht. Es ist ein Verbrechen - kein Zweifel. Doch Menschen sind Menschen, ein Leben lang, egal, was sie tun.
Es hat etwas bewirkt.

Monika Kleeblatt




Bilder: Brian Burger, Walter Koppe
Die nächsten Termine des Erdinger Literatentreff:

Do, 03.07.: im Atelierhaus Erding bei Sabine Penzenstadler
So, 27.07.: literarischer Frühschoppen bei Sinnflut, mit buntem Programm


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