genau 6 Monate nach dem ersten Besuch in der Forensik:
Erdinger Literatentreff erneut hinter Panzerglas
Ein "volles Haus" erwartete den Literatentreff auch bei seiner zweiten Lesung in der geschlossenen Frauenabteilung der forensischen Klinik im Bezirkskrankenhaus Taufkirchen.
Eine Atmosphäre von Offenheit, Vertrautheit und Zuversicht kennzeichnete den Abend. Die Insassinnen präsentierten pünktlich zu diesem Treffen mit berechtigtem Stolz die druckfrische Erstausgabe ihrer eigenen Zeitschrift "Emotions"; trugen daraus in der Folge eigene Texte vor.
Vom Lampenfieber merkte man kaum etwas, obwohl der Kreis für viele ungewohnt gross war.
Auch wenn das Treffen angesichts der forensischen Problematik nicht mehr als ein Kratzen an der Oberfläche sein konnte, zeigte es doch erstaunliche kreative Potentiale. In diesen Texten wird so viel Aufwühlendes an Schmerz spürbar, dass Schreiben und sich mit Worten berühren hier eine ganz besondere Dimension erreichte. Daraus ersieht man, wie es wichtig es für diese Menschen ist, den Mut zu haben, sich weiter zu öffnen, neue Einsichten, Möglichkeiten und Perspektiven entstehen zu lassen.
Texte zum Krieg der eigenen Seele, Selbstzweifel, Kummer und Schmerz, aber dann auch Hoffnung, Sehnsüchte und Träume, sich etwa eine Hand zu suchen, um gemeinsam aus der Dunkelheit heraus auf grünen Wiesen den warmen Strahlen der Sonne entgegen zu gehen; sich nicht länger zu verkriechen und sich statt dessen jeden Tag auf die Menschen und das Leben freuen.
Das beschrieb etwa C. M. über eine Zeit im buddhistischen Kloster sowie in einem Reisebericht über eine Flussfahrt an chinesischen Dörfern vorbei.
Musikalisch der Auftritt einer Songschreiberin, die mit ihrer Gitarre melodiös und dynamisch ihr "Rainbow" und "Fallen Rain - Shining Sun" sang und dafür stürmischen Beifall erhielt.
Amüsant geschrieben von S. G. die Kurzgeschichte "Ein Unglück kommt selten allen". Die Schilderung eines chaotischen Tages mit einer Reihe von Unglücksserien beginnt mit dem mausetoten Mitbrings des Katers Zombie und endet mit einer neuen Bekanntschaft, die zeigt, dass es mehr Spass macht, Unglücke zu teilen.
"Drinnen" und "Draussen" vermischten sich:
Auf Seiten des Erdinger Literatentreff war es Erna Anders, die nach adventlichen Gedanken als Neu-Münchnerin Aufbruchstimmung vermittelte.
Siegi Unterhuber, der prägnante, auf den Punkt kommende Sichtweisen weitergab, etwa der Kontrast zwischen Gross- und Kleinstädtischem aus der Sicht seiner zweijährigen Tochter.
Die Autorin Petra Neumayer aus Isen las ein einleitendes Kapitel ihres Romans über einen Vertreter der alternativen homöpatischen Medizin. Horst Theis berichtete von sehr persönlichen Erfahrungen bei einem von ihm organisierten Hilfstransports in die Karpaten.
Sibylle Böhmer-Rawas schilderte in ihrer Kurzgeschichte "Kummergoldschmuck" auf poetische Weise die guten und schlechten Stationen Ihres beruflichen Werdegangs - Befreiung heisst manchmal Kündigung.
Spontan wie eh Monika Kleeblatt aus Germering mit erst am Vortag verfassten tiefgründigen Gedanken, die in dem Appell mündeten, Mut zur eigenen Meinungen zu haben.
Bruno Neri skizzierte idyllische Ansichten seiner süditalienischen Heimat und der Kinderzeit, und Friedeborg Stisser überzeugte mit wundervoll zarten, an Vollkommenheit grenzenden, lyrischen Versen.
Man roch den Weihnachtspunsch beinah, als mit Betty Simmerls "Seltsamern Mettengang", die damals 9-jährige Dorfenerin Kindheitserinnerungen präsentierte, als die Geschwister und die Dienstmagd etwas zu viel des alkoholischen Getränks zu sich genommen hatten, und sich Weg und Mette so ganz anders dahinzog. Lea Tomaschowski beendete um halb elf Uhr die Lesung mit einer märchenhaften Guten-Nacht-Geschichte über eine Fee am Ende des Regenbogens das sehr geglückte 38. Erdinger Literatentreffen.
Wie Günter Bichlmaier von der Forensischen Klinik und Walter Koppe vom Erdinger Literatentreff zum Abschluss meinten, soll es nicht das letzte gewesen sein.
Während sich manche Bürger in Taufkirchen mit ihrer Initiative gegen eine Ausweitung der Forensik im Bezirkskrankenhaus beschäftigen, gelang hier in kleinem Rahmen ein Stück Integration. Bürger und Untergebrachte in einem Raum, Integration im wahrsten Sinn.
Der Literatentreff bleibt auch in den nächsten Wochen aktiv, denn der 8. Ausgabe der Literatenzeitschrift Gedanken-Sprung gehen Redaktionstreffen (FR 12.12. und 19.12.2003 jeweils ab 19.00) voraus, zu dem Texte und Illustrationen weitergegeben werden können. Auch eine inhaltliche Mitarbeit ist möglich. Kontakt: 08122/85662 Böhmer-Rawas.
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Pressebericht von Günter Bichelmaier (Leiter der Forensik im BKH Taufkirchen):
Literatentreff in der forensischen Abteilung des Bezirkskrankenhauses Taufkirchen.
Die Erdinger Literaten trafen sich am Donnerstag, den 4. Dezember, zum zweiten Mal in einer ungewohnten Umgebung. Ort war der Sporttherapieraum der forensischen Abteilung des BKH Taufkirchen (Vils). Es kam zu einer interessanten Begegnung zwischen "Drinnen und Draußen", die sich auch dadurch zeigte, dass abwechselnd gelesen wurde.
Den Auftakt lieferten die Patientinnen des Hauses, die bei dieser Gelegenheit die erste Ausgabe von "Emotion" vorstellten, einem internen "magazin von den patienten der forensik". Die Patientinnen lasen mehrere, großteils sehr persönlich gehaltene, aber auch in der Phantasie entstandene, Texte daraus vor. Walter Koppe moderierte stets souverän. Er schaffte es immer wieder, die Übergänge zwischen den einzelnen Beiträgen themenbezogen und abwechslungsreich zu gestalten.
In der von etwa vierzig Personen besuchten Veranstaltung kamen aber auch die Erdinger Literaten nicht zu kurz. Horst Theis berichtete voller Emotionen von Hilfslieferungen nach Rumänien, Sibylle Holo-Rawas erzählte vom "Kummergoldschmuck", Siegfried Unterhuber stellte kurze Gedichte aus einer erst im November erschienenen Anthologie vor und Petra Neumeyer las das erste Kapitel ihres neuen Romans. Insgesamt etwa fünfzehn Insassinnen und Literaten stellten ältere und neuere, kürzere und längere Werke vor. Großen Beifall fanden auch zwei selbstkomponierte und getextete Lieder zur Gitarre, die von einer in der Forensik untergebrachten Frau vorgetragen wurden und wirklich hitverdächtig klangen.
Während sich einige Bürger in Taufkirchen mit ihrer Initiative gegen eine Ausweitung der Forensik im Bezirkskrankenhaus beschäftigen, gelang hier in kleinem Rahmen ein Stück Integration. Bürger und Untergebrachte in einem Raum, Integration im wahrsten Sinn. Die Erdinger Literaten wollen sich auch in der nächsten Ausgabe des "Gedanken-Sprung" mit diesem Thema beschäftigen. Schwerpunkt des wohl im Januar erscheinenden nächsten "Gedanken-Sprungs" wird die Integration sein und dabei ist nicht nur an psychisch Kranke gedacht.
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