Das ist typisch George! Immer, wenn es richtig losgeht, kriegt er die
Kurve nicht. Gelangweilt sitzt er zwischen uns, gähnt zum
wiederholten Male und macht ein grießgrämiges Gesicht.
Doch, wenn uns allmählich der Gesprächsstoff ausgeht und wir mehr
trinken als reden, uns eher anöden, dann kurvt George auf.
„Kommt, los jetzt, wir machen noch einen drauf!", ruft er
abenteuerlustig.
Energisch schleudert er seine schwarzen Locken in den Nacken,
grinst uns herausfordernd an. Mit bestechendem Blick schweifen
seine brennend dunklen Augen von einem zum anderen. Und
tatsächlich, er schafft es jedes Mal, dass wir langsam vom
Barhocker rutschen, um mit ihm draußen die Nacht zu erobern.
Das ist die eine Leidenschaft von George: nach Mitternacht von Bar
zu Bar zu ziehen. Seine zweite Leidenschaft ist das Fahrrad fahren.
Er ist geradezu versessen darauf.
„Du weißt ja gar nicht wie das ist, wenn ich da mit sechzig Sachen die Kurven nehme, rauf und runter, runter und
rauf", ruft George begeistert, „weißt du, einfach mal eben so zum Dorfener Stadttor hinaus ins Isener Tal: Vocking, Kohlwies, Lex, Mitgild, Haman, Isen, Burgrain......", George schließt verzückt seine Augen.
Seufzend lehnt er sich im Fahrradsattel zurück, verkreuzt seine Wetter gebräunten Arme vor seinem durchtrainierten Oberkörper, während seine rechte Fußspitze wippend den Bodenkontakt hält.
Enthusiastisch bricht es aus ihm heraus: „Auf einmal wird dir die Straße wie eine zweite Haut. Du schmiegst dich in jede Kurve, eroberst den nächsten Hügel, verweilst einen Augenblick und schon rast du ins nächste Tal. Und wieder
gibst du dich den Rundungen hin: kurvig, kurvenreicher, immer noch kurvenreicher. Irgendwann setzt der Kick ein. Regelrechte Rauschzustände. Diese Achterbahn im Kopf, ein ständiges Rauf und Runter. Das ist schier zum
Ausflippen!" ruft George schnell, strampelt los und ist schon wieder hinter der nächsten Kurve verschwunden.
„Ich verstehe dich nicht George. Es gibt doch noch was anderes, als immer nur wie ein verrückter die Kurven auszufahren", habe ich George schon oft entgegen gehalten.
„Ach, das verstehst du nicht!", lacht George mich jedes Mal aus, „ich
muss einfach jeden Hügel umrunden, jeden Bogen durchkurvt haben.
Alles will ich hier er - fahren! Verstehst du?", tönt George mit seiner
tiefen Stimme.
„Aber warum denn nur George?"
„Hm, ja,.....warum? Warum?", George stutzt, verzieht nachdenklich
seine Stirn, „das habe ich mich noch nie gefragt. Ich bin halt
neugierig, will einfach wissen, was es hinter der nächsten Kurve
gibt."
„George, du kurvst nun schon seit Jahren hier herum. Du kennst dich
doch hier bestens aus, in- und auswendig. Dir ist doch diese Gegend
längst vertraut!"
„Eben nicht!", protestiert George, „sonst würde ich doch nicht mehr
hier herum radeln."
„Dann hast du noch nicht gefunden, was du eigentlich suchst", rufe
ich George noch nach, der schon wieder mit seinem Fahrrad in die
nächste Kurve einbiegt.
Seit letzter Woche hat es sich herum gesprochen: George radelt nicht mehr! Und der Grund? Na? Ja richtig! George hat ein Mädchen. Endlich! Wir dachten schon, dass George anders herum sei, weil ihn Mädchen einfach nicht interessierten. Aber jetzt hat er seine Lisa.
Vertrauensselig hat mir George kürzlich erklärt: „Und weißt du, was an Lisa so schön ist? Jetzt kann ich Kurve um Kurve, Hügel um Hügel, die Täler, die Höhle ergründen, fühlen, tasten, streicheln. Ich kann mich an ihre Rundungen schmiegen und jedes Mal ist es wieder aufregend schön. Jede Kurve ein neues Abenteuer."