Applaus und Vorhänge!
... für jeden.

- strebt nicht ein jeder Mensch nach Anerkennung

... und ist es nicht am Schönsten, diese Erfahrung mit Kindern zu teilen?
Wie schlimm ist es, diese Anerkennung nie kennengelernt zu haben?

Der Höhepunkt der Ferienfreizeitgestaltung 1990 in Coburg (dort hatte ich mich im Rahmen einer Berufsumorientierung gemeldet; mein Weg führte mich schließlich vom Programmierer zum Architekturstudium) war es, mit den sechs- bis achtjährigen Kindern ein Theaterstück einzuüben und gegen Ende der beiden Wochen der Stadt Coburg schließlich vor gefülltem Saal (Eltern, Bürgermeister, ...) aufzuführen.
Nach dem Ausfall der in Ausbildung befindlichen Sozialpädagogin war ich auf mich allein gestellt. Zusätzlich gab es unter den Kindern vor allem mit einem sehr schwierigen und eigensinnigem Mädchen Probleme, welches schon einmal ausgebüxt war. Um die Hyperaktive besser einzubeziehen übertrug ich gerade dieser die wichtigste Rolle (sie spielte den Bürgermeister). Sie rechtfertigte mein Vertrauen, spielte ihren Part hervorragend. Das selbst verfasste Theaterstück war ein riesen Erfolg und erhielt den größten Beifall des Abends. Die beiden Leiterinnen der Ferienfreizeit luden mich auf die Bühne und busselten mich ab. Ich stand danach wohl etwas verlegen herum ;-)

Beschreibung des Stücks:

Erster Vorhang:
Auf der Bühne ein Schreibtisch mit Telefon und einer groben Karte mit den Orten Coburg und Lichtenfels, sowie einem Waldstück dazwischen. Mädchen A (7 Jahre) spielte einen Beamten.
Das Telefon (zuvor auf Tonband aufgenommen) klingelt:
Beamter: "Jawohl, ... Ja", ...
(geht zur Karte): "die Straße zwischen Lichtenfels und Coburg wird gebaut."
(nimmt einen dicken Filzstift) und zieht zwischen die beiden Orte eine fette Linie.

Zweiter Vorhang:
Wunderbar romantische Musik. Auf der Bühne tanzen und springen die kleineren Kinder als Hase, Vogel, Igel, Frosch und Reh verkleidet herum.
Sie hatten sich zuvor ihre Verkleidung weitgehend selbst gebastelt,
und stellen sich nun in einer zuvor eingeübten Reihe und mit eigenen Texten vor:
z. B. sagt der Hase:
"Ich bin der Hase Max, und wohne im Wald, mir gefällt es, zwischen den Bäumen herumzuspringen", ...
"Ich bin der Igel Miriam, und auch ich wohne hier im Wald, ..." ...

Dritter Vorhang:
Das Büro des Bürgermeisters.
Mit jenem (schwierigeren, etwa 9-jährigen) Mädchen:
Auch hier läutet das Telefon:
(Die Rolle war dem frechen, etwas vorlaut jungenhaftem Mädchen angepasst, und so hatte sie einen etwas längeren Dialog; sinngemäß etwa wie folgt)
"Ja hier ist der Bürgermeister"
"Ist das richtig, die Straße von Lichtenfels aus ist bewilligt?"
Wie sieht es mit der Finanzierung aus?
"Aha, verstehe. Keine Probleme".
"Der Zeitplan?"
"Alles klar. Wir werden gleich beginnen"
"Gut, verstehe"
"Ich werde alles in die Wege leiten"
Der Bürgermeister geht einmal auf der Bühne auf und ab, überlegt und ruft bei einer Straßenbaufirma an:
"Hier ist der Bürgermeister. Ich brauche dringend einige Arbeiter für den Straßenbau"

Vierter Vorhang:
Im Wald hüpfen die Tiere auf und ab, der Vogel flattert mit seinen großen Schwingen.
Da tauchen von der Seite zwei als Arbeiter verkleidete Kinder auf, und beginnen die auf der Bühne befindlichen Pflanzen zur Seite zu schieben.
Da melden sich
der Igel: Halt!
Hase: Wer seid ihr?
Reh: Was macht ihr hier?
Arbeiter 1: Gegenfrage: Was macht ihr hier?
Vogel: Wir sind die Tiere aus dem Wald und wohnen hier!
Arbeiter 2: Dann müsst ihr umziehen. Wir bauen hier eine Straße und da müssen die Bäume hier weg.
Hase: Das geht aber nicht
Igel: Aber wo sollen wir denn hin?
Reh: Das ganze muss ein Irrtum sein.
Vogel: fragt doch mal die Leute im Publikum
Die beiden Arbeiter zusammen ins Publikum: Sollen wir nun die Straße bauen oder nicht?
Das Publikum schrie tatsächlich laut:
NEIN!!!!!!

---- Ende -----

(Einige Tage danach zeigt mir eine der Leiterinnen im JuZ Domino einen längeren Zeitungsartikel über den Abend, leider komme ich nicht dazu ihn zu lesen, denke, es gibt irgendwann später noch Gelegenheit, doch dann geht alles schneller als gedacht und ich verlasse Coburg.
Zweimal war ich danach noch in Coburg. Beim ersten mal schau ich im JuZ vorbei, doch die Leiterinnen (die beiden 'Andreas' und ...) sind nicht da. Jahre später komme ich in die Innenstadt, werde von einem der Kinder erkannt, und mit "Hallo Walter" begrüßt. Das kleine Mädchen von damals hat ihren ersten Freund dabei.
Heute würde mich tatsächlich interessieren, ob die damals geplante Straße (wegen
irgendeinen Zeitungsartikel damals bin ich auf die Idee zum Theaterstück gekommen) inzwischen gebaut wurde.

Viele weitere Jahre vergehen, doch die Idee des Verkehrsreduzierens lässt mich nicht los. 1998 beschreibe ich das Konzept einer lokalen kartenbasierten Mitfahrzentrale für Kommunen. Die MiFaZ entsteht.