Brüder

Ist es nicht so, daß manch Geschichte gar nicht erst erfunden werden muß?
Sie existiert vor Ort, liegt irgendwo faul in der Gegend herum, und die Kunst ist es lediglich, sie zu erkennen, aufzunehmen und entsprechend wiederzugeben.
Manchmal allerdings wird man auch von einer erdrückt.

Es waren einmal zwei Brüder ...
und es war lange her, in beinah finstrer Vergangenheit, als der Größere den Jüngeren begrüßte. Immerhin, der Ältere der beiden war schon gut drei Jahre hier auf dieser Welt, und sich des besonderen Vorgangs durchaus bewußt, auch wenn er die Variante mit dem Klapperstorch nie so recht glauben wollte, sich statt dessen einen geheimnisvollen Aufzug vorstellte, der von diesem riesig großem Krankenhaus direkt in den Himmel führte; zum Kommen und Gehen.
Er freute sich mächtig, als er den lange erwarteten unbekannten Bruder endlich sah, und gewann den neuen Erdenbürger auch rasch als Freund. Gern übernahm er diese erste Verantwortung, war ihm gegenüber zum Zwischenglied zu den Eltern geworden, Vermittler und Vorbild des Kleineren, um sich auf den ersten eigenen Schritten zurechtzufinden und Richtung zu geben.

Eines Tags staunten die Eltern nicht schlecht; der Ältere hatte das dicke gelbe Münchner Telefonbuch genommen, darin Seitenzahlen eingefügt. Wenn auch einige Ziffern spiegelverkehrt und krumm, so war man doch recht stolz, und der Vierjährige wurde samt Ergebnis in Bekanntenkreis und Verwandtschaft herumgezeigt. Ein Wunderkind?
Der jüngere Bruder spitzte die Ohren. Bewundert wollte auch er werden. Bald schon nach "Mama" und "Papa" krakelte er: "vier, drei, sieben, fünf - vier drei sieben fünf!" und erzielte damit nun ebenfalls Aufmerksamkeit; irgendwann hatte man ihm eine Schürze mit Zahlen darauf angefertigt, um so nun ebenfalls bestaunt zu werden.
Für den Vater galt der Ältere damals als legitimer Nachfolger. Ob Hobby oder Beruf, so suchte er sein eigenes Wissen, seine Fähigkeiten und Leidenschaften an ihn weiterzugeben - wenn auch streng und ohne Widerspruch.
Und dann gab es dieses Erlebnis; eigentlich völlig unbedeutend, dachte der ältere Sohn damals. Mit fünf oder sechs Jahren hat man vielleicht einen ersten leisen Geschmack von Gefühlen in Mund und Nase, verschieden süße und saure; auch solche, wie er sie hatte, wenn er Ziffern niederschrieb, in Gedanken nebeneinanderreihte, sie niederkritzelte oder addierte: Jedes von den Zeichen hatte ihren eigenen Charakter, und damit ihr besonderes Geheimnis.
... Ob es neben der Mutterliebe noch eine andere Liebe gab? Naja, wahrscheinlich hatten sich auch Mutter und Vater gern, und sicher auch noch viele andere Menschen, ...
Jedenfalls wollte Mutter nun von ihm wissen, ob sich Vater mit einer anderen Frau trifft. Und dann fiel ihm ein, daß so eine Frau vorhin mit im Auto saß; "ja, sie war jünger", antwortete er ohne besondere Regung. "Man soll nicht lügen" - immerhin, das wußte er doch.
Und es wunderte ihn deshalb, daß seine Mutter zu weinen begann, konnte es nicht fassen, spürte irgendwann selbst die salzigen Tränen über seine Lippen fließen, wollte trösten, fand aber selbst keinen Trost.

Doch noch etwas schlimmeres geschah. Von nun an wurde er nicht mehr mitgenommen in die Welt der Erwachsenen, wurde durch seinen Bruder ersetzt.
Von nun an lernte er das Leben in Mutters Küche kennen.
Jeden Winkel der Wände - stille, traurige weiss gekachelte Wände; oder das Muster der Tapeten, sich auf engem Raum wiederholend; wie die Tage, die Wochen, die Monate.
Während draußen vor dem Fenster die Wolken vorbeizogen, der Wind ans Fenster drückte, oder sich ein paar wärmende Sonnenstrahlen in die Küche verirrten, stellte er sich vor, was der Bruder nun bei den Freunden des Vaters erleben würde; wie er "drei - vier - sieben" Fähigkeiten oder Menschen kennen lernt - oder ganz einfach im Auto mitfährt - still!
- Nie mehr danach wurde zuhause etwas an Mutter weitergegeben, nie etwas über heimliche Mitfahrer oder Besuche in anderen Häusern, auch wenn Mutter immer noch sehr häufig weinte - zu sehr hatte Vater dem Jüngerem dies ins Gewissen gemeißelt. Diesen Fehler immerhin wollte er kein zweites Mal tun.
Doch noch etwas anderes geschah. Um seinen so unerwartet privilegiert gewordenen Stand zu festigen, erfand der Jüngere gegenüber seinem Vater Schläge, die er von seinem Bruder nie erhielt, die aber für den Vater das Mittel war, alle noch folgenden Ungerechtigkeiten zu legitimieren: "Hab ich nicht schon immer gewußt, daß DER ein Lügner und Heimtücker ist", waren dann die Worte gegenüber der viel zu schwachen Mutter, die vergeblich den Streit zu schlichten suchte, sich notgedrungen auf die Seite des Älteren schlagen mußte, damit jedoch die zusätzliche Legitimation für Vater war, sich ganz offen auf die Seite des Jüngeren zu stellen.
Das Geschrei, der Streit, Weinen und Klagen gehörten zum Alltag.
Wurden die Erfolge der ersten Kindheit noch stolz nach außen getragen, so änderte sich das, denn Probleme durften niemanden etwas angehen. Auch Diskussionen, Kommunikation, Versuche, irgend etwas zu klären gab es nicht.
In der Schule brachen Leistung und Motivation des Älteren in sich zusammen; das "Wunderkind" war längst verunsichert, gehemmt, stotterte; wurde zum Schulversager.
Und wieder das Thema Liebe! Was ist das? Pubertät? Wovon sprachen all die anderen Kinder?
Er verstand nichts, wurde weiter isoliert, isolierte sich selbst, war kaum noch vorhanden, wurde nicht mehr wahrgenommen.
Sehnsüchte, Sexualität - Er spürte etwas, erlebte riesige Gefühle, riesige Leidenschaften, doch blieb er allein. Jahre, Jahrzehnte.
In seiner Heimatstadt hatte man ihm längst den Stempel eines Versagers aufgedrückt.
Der Einzelgänger wider Willens mußte in die Fremde, um endlich ein Stück Welt, um Normalität kennenzulernen, Bekanntschaften zu finden, wenigstens einen klitzekleinen Teil jugendlicher Liebe nachzuerleben, und weit jenseits der Dreissig Mittlere Reife und Fachabitur nachzuholen.

Dicht vor der Diplomarbeit jedoch holten ihn die prägenden Erlebnisse und damit all der Idealismus wieder ein; jenes Mittel, jener Glaube, der ihn immerhin nie abstürzen ließ, zog ihn wieder in seinen Bann; er konzentrierte sich auf ein soziales Projekt, das er Jahre zuvor initiierte, und ihm nun Auszeichnungen und Preise einbrachte; und wurde dafür, die Ablenkung war verlockend und zu groß - "wie ein erneuter Faustschlag ins Gesicht", exmatrikuliert - das gesellschaftliche Aus; diesmal von väterlich verlängerter Hand endgültig erledigt.
Und trotzdem geht die Geschichte weiter; ob man will oder nicht entsteigt Neues, Gedankensprüngen gleich, jenem geheimnisvollem Aufzug.
Und auch jener jüngere Bruder existiert noch. Nach außen hin scheinbar Unscheinbar, durchaus nett und selbstsicher arbeitet er im Beruf des Vaters, fährt das Auto des Vaters
- zufrieden, aalglatt, sitzt auch heute noch eines tief in dessen Zentrum eingebrannt: dessen Erfolgsgeheimnis.