Politik auf xED Geschichte auf xED Veranstaltungskalender S6-Kulturforum
Josef Martin Fischers wilde Jahre
(W. Koppe, 16.01.01.)

Zur Diskussion um die zum Jahreswechsel 2000 /01 aktuelle Frage über die Vergangenheit grüner Bundespolitiker
(Der Absatz in dicker Schrift fand sich als Leserbrief im Spiegel)


Die vor 27 Jahren verursachten Wellen branden wider gegen das Jahr 2001, bieten schier unbegrenzten Stoff in Diskussionssendungen und Extraausgaben im Blätterwald. Vor allem das Zentralorgan der "Springer-Presse" ist wieder mit dabei, um die Wogen öffentlicher Entrüstung, wie bereits vor drei Jahrzehnten noch höher zu spülen, wie es der Literaturpreisträger Heinrich Böll in seiner "verlorenen Ehre der Katharina Blum" so treffend beschrieb; dieses Mal, um sich auf vorderster Front gegen den ehemaligen Vertreter der linken Spontibewegung, den heutigen Außenminister zu stürzen, und die konservative Opposition seziert genüsslich das scheinbare rotgrüne Dilemma, vergleicht das linksrevolutionäre Umfeld der Vergangenheit mit den rechten Schlägern der Neuzeit und fordert nach einer ganzen Reihe von Ministerrücktritten im Kabinett Schröder nun auch den Kopf des geachteten Außenministers, dessen Opfer der entscheidenste und todbringenste für Rotgrün sein dürfte.
In der Tat ist Gewalt mit nichts zu rechtfertigen. Und doch ist es wertvoll und äußerst lehrreich, sich die Zeit von Damals und der Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen, in der es oftmals reichte, ein rotes Spruchband gegen den Vietnamkrieg aufzuspannen, um den Gummiknüppel auf sich niederschlagen zu spüren. Im Gegensatz zur heutigen Szene war Gewalt bezüglich Täter und Opfer damals kaum zu trennen

- übrigens: auch die Krawallmacher der 68er fragten nach "vor 27 Jahren"!

Im Gegensatz zu den perspektivlos dumpfgeistig grölenden Fusstreter der 98er forderten die 68er Solidarität, wollten die Welt verbessern und verstanden sich als politisches Sprachrohr der Schwachen. Der Vergleich der hippibewegten Sandalen- und Turnschuhträger der 68er mit den Springerstifelbewaffneten der 98er hinkt also ganz gewaltig.
Vielleicht bietet die nun in Gange getretene Diskussion rund um die 68er genau das Gegenteil von dem, was sich konservative Kreise erwünschen. Vielleicht kommt eine tiefer gehende Diskussion zustande, und Jugendliche entdecken jene Zeit für sich, und daß es mancher Entgleisungen zum Trotz einmal Leute gab, die sich für größere gesellschaftliche Ideale, Philosophien und Mitmenschen einsetzten, und vielleicht bewirkt dies einen Gegentrend zum Egoismus der Jetztzeit.


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Lauf so schnell Du kannst, Herr Fischer, - ich bin neben Dir!
(Thom Delißen: 23.01.01.)

So bemerkt der Mensch, daß er seiner Identität, die sehr wohl aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht, nicht entkommen kann, ja, daß dieselbe durch Öffentlichkeit und Publikationen, genauso, wie durch Verfälschung und Verschleierung fast nach Belieben manipuliert werden kann.
Sicher ist, daß das Individuum selber gewiß großen Einfluß auf jedwede Verzerrung dessen, was es sich als Image geschaffen hat, besitzt, genauso sicher jedoch, daß selbst die Vergangenheit, als feststehende Tatsache, nach Belieben in diesem oder jenem Licht gesehen werden kann und wird, sie zu drehen und zu wenden, schlicht sie in die gewollte Form zu pressen, eine reine Frage des Machtpotentials ist.
Sicher spielt auch die Stabilität, die wahre (was für ein hehres Wort!) Größe der geschaffenen Persönlichkeit eine Rolle, - wen würde es heute tangieren, wenn Einstein schwul gewesen wäre, oder Brandbömbchen auf seine ideologischen Widersacher geworfen hätte?
Der Erfolg, die geschehene Tat zählen, - und da tun sich wohl einige unserer politischen Personen der Öffentlichkeit, welcher Gruppierung auch immer, reichlich hart.
Nichtsdestotrotz muß man hinzufügen, daß eine realistische Form der Auseinandersetzung mit der jeweils momentanen Gegenwart, mit politischen Strömungen, gesellschaftlichen Zielen und den verschiedenen Formen der Versuche diese Strömungen in Kanäle zu leiten, diese Ziele zu erreichen, ein immens wichtiger Faktor zur Erlangung eines glaubwürdigen Images, eines Persönlichkeitsbildes, daß auch durch geballte Säureangriffe von mit unglaublicher Macht ausgestatteten potentiellen Gegnern im Geiste nicht zu beschädigen oder gar zu zerstören, negativ zu verändern ist.
Doch im Gegensatz zu einer aus Erleben und Wissen und Erfahrung entstandenen Persönlichkeit, ist die öffentliche Meinung, die diese Persönlichkeit ja in jeder Weise trägt, eine Figur aus frischem Lehm, aus Plastilin, - und die Zeitspanne, die vergeht, bevor die Masse, aus der diese öffentliche Meinung besteht, sich verhärtet und, in welcher Form auch immer, Zugang zu Bestand und Dauer hat, enorm groß ist. Es sei denn, das Machtpotential, das aufgewendet wird, das ungebrannte, ja sogar das schon gebrannte Figürchen zu verändern, ist so groß, daß die ?physikalischen? Tatsachen einfach an Bedeutung verlieren, ja, nicht mehr existieren.
Die Figur der Öffentlichkeit, der Meinungsträger kann, bis hin zur martialischen Unkenntlichkeit nach Belieben verändert, oder eben ganz einfach zu einem bedeutungslosen, kleinen Häufchen ohne Form und Aussage transformiert werden.

TD Textdesign 2001

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