Eine Stadtführung in vier Dimensionen

Mit Dr. Bauer durch Erdings Stadt und Vergangenheit
Mit Helmut Pieroth über Erdings Dächer
jeden 3. Sonntag im Monat; Start: Touristinfo-Büro am Schönen Turm








Dr. Bauer ist zum Erdinger geworden. Der aus München stammende ehemalige Soldat und heutige Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte hat den regionalen Bezug zum Steckenpferd erkoren; als Fotograf, der die baulichen Veränderungen recht sensibel ins Bild setzt (siehe die Ausstellung: "Liebenswertes Erding"); parallel dazu jedoch auch als Forscher, in dem er neue, teils aufsehen erregende Theorien über Erdings früheste Vergangenheit aufstellt.

Der Weg zu den sonntäglich angebotenen Führungen durch Erdings Innenstadt lag also nahe, die Dr. Bauer nun für Touristen wie Einheimische unternimmt - und dessen umfänglich erworbenes Wissen, seine Eindrücke und Perspektiven sind der Weitergabe wert.

Obwohl in eineinhalb Stunden der Führung nur ein kleiner Teil der Stadtgeschichte gestreift werden kann, danach hat selbst ein Erdinger das Gefühl, die Stadt nun um einiges besser, oder neu kennengelernt zu haben.

Wußten Sie, daß Preßburg, die heutige Hauptstadt der Slowakei, und Pretzen, der südliche Vorort von Erding am Ostufer des Sempttals dem selben keltischen Wortstamm abgeleitet, wahrscheinlich als ältester Ort der Region gilt. Laut Dr. Bauer war hier, bzw. dem wenig entfernten, noch südlicher gelegenen Singlding, Erdings erster Handels-, und Marktplatz. Hier verlief eine keltische Handelsstraße nach Osten, und kreuzte die "Alte Römerstraße", deren nördliche Fortführung heute noch als Straßenbezeichnung für Langengeislings Hauptstraße zwischen Erding in Richtung Moosburg existiert.
Dr. Bauer kommt ins Erzählen, kommt über den Fund eines Bronzeschwerts zu sprechen, welches nur Eigentum wichtiger Keltenfürsten sein könne, und einem Wappen, welches den Eigentümer wohl als Handelstreibenden ausweist, was wiederum jenen Ort in Erdings Süden als bedeutenden Handelspunkt noch wahrscheinlicher macht. Immerhin wird noch heute jener "Singldinger Markt" alljährlich in Erdings neuer Stadtmitte abgehalten, wohl aus ferner dunkler Vergangenheit überliefert.
Der Hobbyforscher läßt die Jahrtausende wieder auferstehen, ist in Gedanken frei, und spekuliert.
Man muß Altes wohl auch mal in Frage stellen dürfen, um neue Wege zu erkennen, Neues herauszufinden - auch wenn es hier die eigene Vergangenheit betrifft.
Ähnlich faszinierend seine Erkenntnisse zu Erdings Stadtwappen, welches er als keltisches Ard, einer Pflugschar ausgemacht hat. Die Gründer unserer Stadt hätten demnach dieses keltische sprechende Wappen entdeckt, und für sich selbst verwendet. Auch diese alte Urform "Ardinger" ist heute noch im Umlauf; genauso die für jene Pflugschar in Schottland (Mehr dazu gibts übrigens im Heft 19 vom "Erdinger Land" des "Historischen Vereins").
Dr. Bauer erzählt von der schwedischen und französischen Belagerung, und der fast vollständigen Vernichtung Erdings im 30-jährigen Krieg. Auf seiner Tour durch die Gassen ordnet er lokale Heilige und Namen aus der Vergangenheit bestimmten Gebäuden zu, geht auf bauliche Details ein, auch zu Stadtmauer und Graben, zeigt reizvolle Ausblicke.

Diese Ausblicke werden in der nächsten Stunde noch steigerungsfähig; im wahrsten Sinne des Wortes - und zwar per Turm. Die Idee, die Pieroth vor Jahrzehnten zum Turmführer machte, entstammte eigentlich einem Jux, erzählt er, und lächelt dabei.
An den jungen Stadtrat namens Bauernfeind machte er einmal die leichtfertige Bemerkung: "wenn Du einmal Bürgermeister wirst, steig ich auf den Stadtturm".
Nun, als Bauernfeind vor 12 Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde, erinnerte sich dieser an Pieroths Worte, und seitdem nimmt dieser Touristen die schmalen steilen Treppen mit nach oben. Am 16. Juni 2002 übrigens das 967ste Mal.
"Die Tausend möchte ich schon noch voll machen, dann höre ich auf", meint Erdings Rekordkletterer während er uns den Weg nach oben weist, und gleich von weiteren Rekorden erzählt; und zwar was die Glocken und Glockengießer Erdings betrifft; und dann zeigt uns Pieroth auf halbem Weg die tonnenschweren Kostbarkeiten, und nennt sie klangvoll beim Namen.
Die Größte Europas, heute im Dom zu Köln, stamme immerhin aus Erding, meint er, doch Erdings Glockengießermeister Czudnochowsky verriet niemand die Geheimnisse der Zusammensetzung.
Da ist Helmut Pieroth schon gesprächiger. Und er gibt Auskunkt von den letzten richtigen Bewohnern des Turms; unter anderem einer Dame, die heute noch irgendwo da weit drunten unter uns im südlichen Landkreis lebt.
Inzwischen sind wir in den durchaus wohnlichen Räumen oben angekommen, werfen Blicke aus ca. 40 Meter Höhe auf den Schrannenplatz, zum Schönen Turm, oder die Lange Zeile hinunter. Bei gutem Wetter kann man von hier bis nach München sehen, oder ins Gebirge, meint Pieroth beiläufig.
Und zwischendurch begiebt man sich noch einmal in Gedanken Jahrhunderte zurück, und läßt das Städtchen als überschaubares von Mauern und Toren begrenztes ovalrundes Nest auferststehen.
Vom Treppensteigen oder auch der "dünnen Luft" da oben durstig geworden, kommen mir Dr. Bauers Worte wieder ins Bewußtsein, daß bereits damals vor vielen Jahrhunderten in beinah jeder Gasse Bier angezapft worden sei.
Das ist auch heute noch so, denke ich, und die Rückkehr in die Gegenwart fällt damit nicht ganz so schwer aus. Immerhin war so auch der nächste Weg an diesem dritten Sonntagnachmittag im Monat (immer dann finden Stadtführungen und Turmbesteigung statt) bereits vorgezeichnet.

weitere Lektüre zu Erdings Geschichte bietet der Hist. Verein in seiner Zeitschrift Erdinger Land

weitere Luftaufnahmen im Erdinger Landkreis