Edi Speckmaier aus Isen, Frontman der bayrischen Underground-Combo "1000 Heftl", redet mit
Thom Delißen und Walter Koppe über vergangene Zeiten
Thom
Du bist ja nicht direkt aus Erding, hab ich gehört.
EDI
Nein, geboren bin ich 1952 in Steinhöring (Lkr. EBE), und aufgewachsen in Forstern, einem Industriedorf, bekannt durch die Traktorenfabrik Eicher, die es ja heute auch nicht mehr gibt.
Nach der Grundschule kam ich dann auf die Realschule nach Erding, das war ungefähr 64.
Das war am Anfang die am Grünen Markt, dann irgendwann wurde der Neubau in der Münchner Straße fertig. Der heutigen Tassiloschule. Das war so '65.
Thom
8. Klasse, - da warst Du schon relativ, sagen wir mal "jugendlich". Was hast Du da freizeitmäßig so unternommen?
EDI
12 oder 13, ja. Damals durften wir in dem Alter noch nicht so weggehen. Erst später.
In der Zeit wo ich dann weggegangen bin, da gab es das Capri, das heutige Barcelona, da hast Du halt die Leute so getroffen.
Das war so die zweite Hälfte der 60 ziger, da war das ein beliebter Schülertreffpunkt. Schräg gegenüber gab es noch die Nachtwache, die war im Keller.
Auch das war so ein Treffpunkt für die Jugendlichen. Zum schmusen, Musik hören usw.
Ganz wichtig als Treffpunkt war auch das Parkcafe, weil es in schulnähe lag.
Thom
So Organisationsmäßig ist da nichts gelaufen, so in der Art von Teehaus oder ähnlichem?
EDI
Das ist alles erst später gekommen.
Thom
Vom "Amerikahaus" habe ich etwas gehört.
EDI
Ja so was gab es, aber früher so um die 50 ziger Jahre oder gleich nach dem Krieg.
Die Amis haben schon eine klare Umerziehungslinie gehabt. Es gab da auch Zeitschriften, in denen die Jugend aufgefordert wurde, an antifaschistischen Freizeitmöglichkeiten, die von den Amis organisiert wurden, teilzunehmen.
Walter
War da ein Hauch von Antifaschismus in Erding
EDI
Allgemein gesprochen war es wohl so, dass die Amis da eine klare Umerziehungsrichtlinie hatten; z. B gegen die Prügelstrafe in der Schule. Das war schon fortschrittlich pädagogisch. Diese Einrichtungen wie z.B. das Amerikahaus, ein Instrument der Beeinflussung, ganz klar. Sozusagen diesen Deutschen, den Teutonen "Bildung" beizubringen. Aber das war ja nicht Erdingspezifisch, das haben sie ja überall gemacht. Aber darüber zu reden bin ich eigentlich noch zu jung.
Thom
Haben die Amis deiner Meinung nach die politische und kulturelle Jugend nachhaltig beeinflusst, oder ist das dann wieder so im Sande verlaufen?
EDI
Nein. Das ist nicht im Sande verlaufen. Ganz klar. Nein. Die kulturelle - politische Beeinflussung war sehr deutlich.
Das ging hin bis zur Prostitution, was ja auch ein Teil der amerikanischen Gesellschaft und Alltagkultur ist, nicht wahr? Das war eine Möglichkeit für die armen deutschen Mädels an Geld zu kommen. Die sind dann aus München hier raus gefahren.
Ich weiß jetzt die genaue Zahl nicht, aber es hat so 20 Musiklokale in Erding gegeben, teilweise Lifemusik. Ich rede jetzt von der Zeit um 47 bis 55
In den 68 haben die Amis ja keinen Einfluss mehr gehabt.
Walter
Da gab es ja auch dieses Problem mit Mischehen. Wie war ganz generell das Verhältnis der Amerikaner zu den Deutschen?
EDI
Ja, das war auch so eine Sache. Da hat es viele gegeben. Es sind auch viele ausgewandert. Das hat sich aber dann alles irgendwie geändert, mit der Einflussnahme der USA. Es ging nicht mehr so konkret um antifaschistische Aufklärung, sondern Deutschland war ja durch die Koreakrise und dem kalten Krieg zum Handelspartner und Verbündeten geworden. Und Erding war eine Garnisonsstadt. Das war schon etwas Besonderes. Da war ein starker Einfluss.
Thom
Die Amis waren auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Ich kann mir vorstellen, dass Erding durch den Fliegerhort und die Anwesenheit der Amis doch irgendwie Vorteile gehabt hat.
EDI
Ja, genau.
Thom
Dass Erding jetzt im Vergleich zu den umliegenden Bauerndörfern, das da mehr die sture Bauernart geblieben ist, während Erding dann doch ein wenig offener war?
EDI
Ja. Man muss sehen, Erding war ja schließlich eine Stadt.
Von daher, ich meine das städtische war schon immer etwas anderes.
Aber das hat auf alle Fälle einen starken Einfluss gehabt.
Walter
Also Erding ist schon immer durch den Militärflughäfen stark beeinflusst worden, der ja der größte Arbeitgeber im Landkreis war.
EDI
Ja, z. B. Williamsville, das war ja alles von Militärs bewohnt.
Da gab es bestimmt auch viele Dinge, wie Kindergärten und solche Sachen, die innerhalb der Kasernen stattfanden.
Aber da kann ich Dir nicht viel drüber erzählen. Da müsstest Du den G.* fragen, der war damals mehr so im Dunstkreis der Kasernen, dessen Vater war amerikanischer Soldat.
Thom
Es ist halt irgendwie auch eine Basis, das Fundament auf dem dann alles spätere entstanden ist.
EDI
Ja. Das stimmt, natürlich.
Walter
Du bist ja Lehrer geworden und auch er, der G*. Ist das Zufall, oder haben viele aus Deiner Generation diesen Weg eingeschlagen?
So den Weg in die Kultur, in die Pädagogik, um eine Art Lehrerrolle zu übernehmen?
EDI
Du meinst politisch engagiert? Tja, ich weiß nicht was ich sagen soll. Wenn Du mich jetzt fragst, warum ich Lehrer geworden bin, das war weil ich, als ich zur Schule gegangen bin, dort etwas Neues, Wissenswertes erfahren habe, etwas, das über dieses dörfliche Niveau hinausging. Ich hatte also angenehme Erfahrungen in der Schule, und nach dem Abitur war klar, dass ich Volkschullehrer werden will. Volkschullehrer wohlgemerkt. Nicht Gymnasiallehrer oder etwas anderes, weil ich etwas weiter geben wollte, an die Landjugend. Das kam durchaus aus so einer Art Weltverbesserungsverständnis heraus. Es hat sich natürlich in diesem Bereich mittlerweile schon alles relativiert, ist anders umgesetzt und stellt sich jetzt noch einmal anders dar, aber damals war es so.
Thom
Ich sehe da das "aus dem Ländlichen herausreißen".
Die neue Kultur aufs Land bringen, der vielleicht noch etwas rückständigen Bevölkerung die Gegenwart näher bringen?
EDI
Ja, obwohl man ja noch nicht so viel an Erfahrung gemacht hatte, hat man schon bemerkt, dass das was da auf dem Dorf ablief, obwohl Forstern ja ein Industriedorf war und Erding eine Stadt, doch nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluß ist.
Thom
Wie bist Du denn den Amis gegenübergestanden? Bist Du auf deren Welle abgefahren, hat Dich das, was da so rüber geschwappt ist, Hamburger und Cola und dergleichen mehr, beeinflusst?
EDI
Ganz spontan, ich muss das jetzt analytisch angehen, kann ich Dir sagen, dass wir von der Musik, über den Radio, wir konnten damals Radio Free Europe, einen tschechischen Sender, einen Propagandasender der Amerikaner für die Tschechei, sehr gut empfangen, und sind dann auch beeinflusst worden. Da haben sie halt Rockmusik gespielt und das war's. Ja, wir haben ihn "Tschech" genannt. Dann gab's natürlich noch AFN und ab 68 dann Ö 3.
Walter
Der Sendemast des AFN stand ja im Erdinger Moos bei Eicherloh.
EDI
Ja am Nachmittag haben wir dann diese Songs gehört. Beach Boys, Motown, Diana Ross.
Die ganzen geilen Sachen halt. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal "Good Vibrations" von den Beach Boys gehört habe, das war dann schon etwas, da sind wir initiiert worden.
Thom
Natürlich, gerade Du als Musiker...
EDI
Nein, Nein. Praktizierender Musiker bin ich erst mit 36 geworden, damals war ich nur Fan. Ich konnte Dir halt, genauso wie andere die Aufstellung einer Fußballmannschaft, die einzelnen Gruppen und Musiker aufzählen.
Die Auswahl war noch nicht so groß - auch bei den Zeitungen.
So eine Zeitung wie den "Playboy" hat es damals nicht gegeben. Und natürlich kam fast alles, wofür man sich interessiert hat von den Amerikanern. Und dann gab es halt "Konkret" oder "Das da", wo nackte Frauen und Politik gemischt wurden.
Thom
Ja. Da kamen auch die Zigaretten her, "Lucky Strike", Drogen wahrscheinlich?
EDI
Also Drogenmäßig habe ich die Erfahrung gemacht, dass da von den Amerikanern in Erding wenig lief.
Bei uns gab es aber Leute, die einen Trip nach Indien oder Afghanistan oder so gemacht haben, und Stoff mitgebracht haben. Das waren so die 60 ziger. Über München ist sicher einiges gelaufen. Doch über die Lucky Strike Zeit an sich kann ich da wenig sagen; da war ich noch zu jung.
Thom
Ja klar, aber wir haben doch immerhin mal festgehalten, dass so in der Zeit von 45 bis 65 die Gesellschaft hier in Erding und Umgebung schon sehr stark von den Amerikanern beeinflusst war, dass da nachhaltig was geblieben ist.
EDI
Ja, das ist wohl so.
Thom
Ich denke mir, dass es doch auch wohl eine Verbindung gegeben hat, zwischen Politik und den Treffen in diversen Lokalen?
Und dass in diesem Zusammenhang dann doch wohl irgend etwas aufgetaucht ist, Jugendzentrumsmäßig?
EDI
Ja, das alles hat aber noch viel Zeit gebraucht.
Was ich miterlebt habe, da waren wir so um die 15 oder 16 Jahre alt, in dieser Zeit. Ich war '68 16 Jahre alt.
Und ungefähr zu dieser Zeit hat das auch angefangen, dass man weggehen durfte, dass die Freiheiten größer waren, Mädchen etc.
Gut, was gab es für Möglichkeiten?
Da gab es diese Tanzbälle, in den Bauernsälen der Wirtshäuser, da spielte dann eine Coverband, live. Wenn sie gut waren haben sie eben unseren "Rock" gespielt, entsprechend sind wir auch hingegangen, waren sie schlecht, Schlagerfuzzis halt, haben sie Pop gespielt. "Topsys" oder "Günther Aichner Sextett" oder später "Seperations".
Das war die eine Möglichkeit, die andere Möglichkeit, ohne Auto, hat nicht existiert.
Da war eigentlich tote Hose. Die ganze Szene ist ja erst um die 70 ziger Jahre entstanden, als eben diese Leute, die damals diesen Mangel verspürt haben, quasi eine Marklücke entdeckt hatten, und die entsprechenden Kneipen aufmachten.
Hirschwirt, Ferstl Keller. usw.
Das war dann eben eine Verdienstmöglichkeit Es wurde also bald klar, dass auch hier die kapitalistische Logik gilt.
Nun, in Forstern hatten wir z.B. einen relativ liberalen Pfarrer, der uns einen Raum zur Verfügung gestellt hat, da sind dann natürlich die wildesten Feste abgegangen.
Das war 69. Da ging es so ab, dass im Garten gevögelt wurde. Ja.
Ja, damals kannte man natürlich auch schon verschieden Leute, und zumindest Alkohol als Droge wurde benutzt. Da ist es schon abgegangen.
In dieser Zeit hat es auch schon die ersten Discos gegeben, in Erding war das das "Popcorn" das war da wo jetzt das Pascha ist. Nennt sich das noch so?
Walter
Landshuter Straße?
EDI
Das war da am Haupteingang der Kaserne, im Keller. Das war dann schon was.
Aber es war halt schwierig hinzukommen. Die Busverbindung war schlecht und man ist getrampt oder aber eben zu Fuß gegangen. Und Privatfeste, natürlich.
Es gab in Erding zu dieser Zeit schon Bürgerkinder, die hatten Verbindung zur Münchner Szene, die waren eben schon ein wenig älter. Doch auch wir haben uns zu dieser Zeit begonnen zu politisieren. Natürlich im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg, was natürlich auch unsere Haltung gegenüber den Amerikanern beeinflusst hat.
Walter
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt waren die Amerikaner ja die "Befreier" vom Nationalsozialismus und sind auch von der Jugend positiv aufgenommen worden.
EDI
Na ja, der Nationalsozialismus war damals überhaupt nicht so das Thema, ist nicht so problematisiert worden, war nicht "Topos"; über diese Dinge hat man nicht soviel erzählt, wie man es heute zum Beispiele in den Schulen tut.
Walter
An was hat das gelegen, dieses in den Hintergrund schieben? Die Vergangenheit der Lehrer?
EDI
Da gab es ganz andere Lehrpläne, vielleicht waren auch die Lehrkräfte teilweise etwas befangen
Thom
Das ist einfach vergessen worden, unter den Tisch gekehrt.
Walter
Obwohl doch die Amerikaner versucht haben aufzudecken...
EDI
ja das stimmt. Es hat auch so Entnazifizierungsprogramme gegeben, das ging hin bis zu personellen Konsequenzen.
Aber dann, etwa gegen '48, als die Koreakrise begann, war der Nationalsozialismus nicht mehr der Hauptfeind. Durch die allgemeine Politik haben sich die Fronten verschoben, Deutschland ist auf einmal nicht mehr Gegner sondern Verbündeter und Wirtschaftspartner. Ich meine die Fraktion der Antifaschisten, die es bei den Siegermächten sicher auch gegeben hat, die hat sich einfach nicht durchgesetzt.
Walter
Und dann hat es wohl auch kritische Bürger und Jugendliche gegeben, die gesehen haben, was für eine politische Lage sich momentan darbietet, Korea und Vietnam eben, und so entstand wohl auch eine gewisse Kritik an Ameruika.
EDI
Ja, wobei es jetzt einmal analytisch gesehen, immer ein ganz zweischneidiges Schwert ist, weil ja genaugenommen wir die Kinder von Coca Cola waren.
Thom
Ich glaube, das kann man durchaus als Dilemma der damaligen Jugend bezeichnen?
EDI
Ja, Ich meine, Du warst irgendwie gegen die Amis, aber dass der Frank Zappa oder Bob Dylan auch Amerikaner waren, hast Du nicht realisiert. Du hast es irgendwie nicht reflektiert.
Walter
Obwohl es ja Amerikaner waren, mit denen man sich durchaus solidarisieren konnte, die ja auch Protestlieder gesungen haben.
Thom
Ich glaube da hat sich bei der deutschen Jugend doch auch irgendwo ein neues Selbstbewusstsein gefunden, auf der einen Seite haben sie nichts mehr mit dem Nazitum ihrer Eltern zu tun gehabt und sind auf der anderen Seite ja irgendwo im freien Raum gestanden.
Sie haben also aus den Zutaten, die ihnen zur Verfügung standen, etwas Selbstständiges entwickelt.
Walter
Das ist die Frage. Waren die Kids damals zu sehr beeinflusst? Wie konnten sie sich befreien?
EDI
Ja, wie alle Jugendlichen. Wir sind halt in die Zeit hineingewachsen, die eben da war.
Das war zu meiner Zeit der Babyboom. Es war einfach so, dass die Zukunft rosig ausgesehen hat. Vorher große Zerstörung, jetzt der Wiederaufbau, keine Sorgen. Man lebte in der Illusion, dass alles immer besser wird. Vollbeschäftigung, Wirtschaftsaufschwung.
Was sich ja heute ganz anders darstellt. Denn wir wissen, wenn bestimmte Dinge nicht schleunigst in Ordnung gebracht werden, dann kann uns noch einiges passieren. Diese ganze Problematik Umweltschutz, die hat es damals hier so noch nicht gegeben.
Die Allererste Titelgeschichte, die konkret von dieser Materie handelte, erschien 1971 im Spiegel, ich schrieb damals meinen Abituraufsatz über eben dieses Thema.
Walter
Ökologiebewegung hat es damals also noch nicht gegeben. Das Bewußtsein ist damals aber ganz langsam entstanden.
EDI
Es hat schon Vereine gegeben, Bund Naturschutz, oder die Tierschützer, aber als großes Thema, dass sich quasi aus einem gesellschaftlichen Problem ergibt, wurde das damals nicht gehandelt. Das kam erst durch diesen ganzen Aufbau, dieser Industrialisierung, als auch die Landwirtschaft in zunehmenden Maße technisiert wurde. Erst da ist dieses Problem eigentlich entstanden.
Thom
Stichwort "Establishment". Kannst Du da was mit anfangen?
EDI
Ja, gut. Das war damals ein Begriff der quasi von den Studenten auf uns überkommen ist. Die theoretischen Geschichten, die damit verbunden waren, habe ich mir erst später erlesen. Damals gab es halt die Studenten, und der SPIEGEL war unsere Informationsquelle, in dem man eben auch Dinge lesen konnte, die durch die anderen Medien nicht in der Art und Weise bekannt gemacht wurden.
Und diese Zeitschrift war für mich schon sehr wichtig. Das war meine Politisierung.
Ich meine Berlin, Dutschke usw. Daraus ergab sich dann, dass wir in der 11 oder 12 Klasse des Gymnasiums einen republikanischen Club gegründet haben.
Thom
Republikanisch?
EDI
Nun, das hat nichts mit den Republikanern von heute zu tun. Sie ging hervor aus der bürgerlichen Revolutioneinerum 1848, die sich gegen die Monarchie entwickelt hat, was hier eben auf die "herrschende Schicht" übertragen wurde. Auch politische Diskussionsgruppen und Arbeitskreise sind damals entstanden.
Walter
Das war so die Zeit der Schülerzeitung "EYE", die über das Gymnasium versuche das Laufen zu lernen. Zwei Ausgaben hat es gegeben.
EDI
Also beim "EYE" war ich überhaupt nicht dabei. Das waren ältere Schüler.
Damals der Schulsprecher, der "Morphi" aus Dorfen und vorher noch der FX. Bogner,
den kennt ihr, den Regisseur, der war auch Schulsprecher, und dann der Peter Hauber, der heute bekannte Kunstmaler in Erding.
Der war damals schon eine wichtige Persönlichkeit, weil er bei der ersten Rockband gespielt hat, die sich da so konstituiert hat. Ja, er hat gesungen und Bass gespielt, Theater. Ja der Benni Hauber, so haben sie ihn damals genannt, war so das Modellbild des "angry young man" in Erding.
Der Vater Künstler, er ein wenig anders erzogen... Vor allem in der Schule war er derjenige, der sich getraut hat, den Mund auf zum machen.
Da waren dann auch schon mehr Kontakte nach München.
Hat so eine Art Vorbildfunktion gehabt.
Mit den Bildern von seinem Vater, die das Stadtbild ja stark geprägt haben. Die ganzen Ladenschilder. Das komplette visuelle Bild von Erding in meiner Kindheit ist vom alten Hauber geprägt.
Walter
Übrigens, die Tochter vom Peter will jetzt auch Malen lernen. Das überträgt sich anscheinend so über die Generationen.
Thom
War die Jugend Erdings politisch? Oder war es doch mehr so ein Bauernhaufen?
EDI
Gut, in dieser Pauschalität kann man das eigentlich überhaupt nicht beantworten.
Man muss da unterscheiden, es gab die Erdinger Bürger, den Mittelstand, die Kaufleute. Den H., der jetzt das Stadttheater macht, oder den V., der den Hirschwirt aufgebaut hat. Es gab den Hermann Kronseder, der wieder mehr aus der Arbeiterklasse kam. Rebellierende Jugendliche waren wir gewissermaßen alle.
Aber Freizeit, Alltagsvertreib und Politik waren damals noch nicht so trennbar wie heute. Wir haben uns eben in diesem Zeitgefühl ein wenig selber organisiert.
Man konnte das damals eben einfach nicht so trennen, was ist jetzt politisch, was ist Freizeit. Es war mehr eine Protesthaltung.
Es kam auch irgendwie auf die Eltern an.
Thom
Ich meine, wenn man jetzt so aufs Land schaut, ist das doch alles irgendwie organisiert. Altertümlich. Schützenverein, Burschenverein, wie es sich alles schimpft. Gab es so was in Erding auch, vielleicht in verstärktem Maße?
EDI
Ja, klar. Ich denke der CSU Nachwuchs von Erding oder der nicht revoltierende Teil hat sich genau auf diese Weise reorganisiert.
Thom
Und was war da dominant?
EDI
Natürlich immer die schweigende Mehrheit.
Die anderen, wir in diesem Fall, krakeelen zwar laut und laufen in bunten Kleidern herum. Aber die "Silent - Majorety" war immer bei denen.
Walter
Ja, aber die macht keine Mode, die macht keine Trends. Die Trendsetter wart ihr.
EDI
Ja, obwohl ich sagen muss, dass diese ganze Sondersituation, die wir damals gehabt haben, die Beeinflussung, Veränderung schon auch bei den sogenannten Normalen große Veränderungen gezeitigt hat.
Das können wir heute vielleicht noch gar nicht so realisieren, aber unsere Kinder dann.
Thom
Gab es denn, so eine Art Kriegszustand, wie wir es heute haben, zwischen z.B. Neonazis, Skinheads etc.?
Oder zum Beispiel die Bürgerlichen gegen die Alternativen?
EDI
Also diese ganze subkulturelle Differenzierung hat damals noch nicht existiert,
Hip-Hopper, ausländische Jugendliche die Hip-Hop hören, Neonazis, Jugendliche die Rock hören, Reggae hörende Kiffer, Technofans, das gab es alles nicht.
Es war, wie wenn Du jetzt sagst, eine Pflanze die frisch aus dem Boden kommt und erst beginnt sich zu entfalten, Triebe zu bekommen, Blätter.
In unserer Subkultur war noch viel dabei, es war noch nicht so gesplittert.
Freizeit, Musik hören, diskutieren, auch über Politik, das war alles noch zusammen.
Walter
... weil die Auswahl noch nicht so groß war.
EDI
Genau. Beziehungsweise, wir selber waren ja die Generation, die diese Auswahl dann geschaffen hat. Hirschwirt, Ferstl Keller, Bands, Studios.
Da wurde die Revolte teilweise zum Geschäft gemacht.
Das Picnic war da eine neue Form von Treffen, nicht so sehr ein Wirtshaus.
Thom
Das war ja nun nicht kontrolliert oder städtisch organisiert?
EDI
Also, der Wunsch nach einem Treffpunkt hat sich relativ schnell ergeben. Das hat schon bei unserm Pfarrkeller damals angefangen. Wir hatten einfach keinen Platz, wo wir uns treffen konnten. Natürlich sind wir auch ins Wirtshaus gegangen, aber wir haben dann vom Gymnasium aus geschaut, was es da so geben könnte.
Dann kam zuerst diese republikanische Clubidee, das dauerte aber nur ein halbes Jahr.
Das ging politisch gesehen so gegen den Obrigkeitsstaat.
Thom
Was uns wieder zurückführt zu diesem "Establishment-Denken":
EDI
Ja, richtig. Es war so die Vorform eines selbstorganisierten Treffs.
Und dann hat dieser Club einen Brief bekommen, von einem Studenten, der ein kleines Haus in Oberding gehabt hat, dass er uns als Treffpunkt zur Verfügung stellen wollte.
Das war ein Raum, eine Küche, ein großer Garten.
Der war vom sozialistischen Deutschen Studentenbund, damals die einzige linke Organisation. Spätere hat sich das dann aufgeteilt in KPD, KPD/ML oder auch die RAF usw. Die Fraktionisierung eben.
Und dieser Krüger hat uns eben angeboten dass wir uns bei ihm treffen. Und das wurde auch angenommen.
Es war dann so eine Art politischer Freizeittreff. Aber es war ein Haus, quasi "freies Gebiet", wo wir uns treffen konnten.
Damals ging es eben auch los, dass einige Leute gemeint haben, es müsse jetzt endlich mal was passieren, andere wiederum wollten nur abhängen.
In dieser Zeit, eigentlich auch schon früher gab es in Dorfen die "Dorfener Bude" organisiert vom E., und dessen Vater stellte das ehemalige Schlachthaus zur Verfügung.
Da waren wir doch schon beeinflusst von Studenten, die in München so einiges mitbekommen hatten.
Walter
Hat das dann noch etwas mit der Republikanischen Clubidee zu tun gehabt?
EDI
Nun, dieses republikanische Clubmodell hat sich dann schnell verloren, in diese Gruppen, wie KPD, KPD/ML.
Aber es gab eine bestimmte Zeit, wo das alles noch zusammenlief. Und wir haben damals richtige Schulungen gemacht. Marx, Engels, Einführung in die marxistische Wirtschaftstheorie, Wilhelm Reich "Was ist Klassenbewusstsein?" und diese Texte sind dann mehr oder weniger, kam drauf an welche oder wie viele Protagonisten jeweils vorhanden waren, unter das Volk, die Jugend, gebracht worden.
Walter
Hat da die "Rote Mühle" eine Rolle gespielt?
EDI
Isen ist erst eine Folge gewesen. Die "Rote Mühle". Das war nach Oberding. Als wir wieder einen neuen Raum brauchten.
Thom
Ja, ihr müsst doch aber als "quasipolitische Bewegung" mit doch wenigstens dem Hang zur Offenlegung von euren Theorien auch eure Gegner gehabt haben.
EDI
Ja natürlich. Das lief in erster Linie in der Schule ab. Wir hatten und haben aber in Erding eine relativ liberale Politik in der Schule.
Was da war, das war das Mädchengymnasium, das von Klosterschwestern geleitet wurde. Kleidungsvorschriften, konservativ eben.
Es war also in erster Linie Schulkampf; politischer Arbeitskreis und dergleichen.
Später dann gab es diese Spaßfraktion, die auf der Spaßebene Politik gemacht haben, die waren dann schon ziemlich krass, mit Einbrüchen in die Schule. Da hat man sich eben auch mit unpolitischen verbünden können. Spontimäßig eben.
Natürlich gab es auch immer Jugendliche die sich nicht explizit politisch
organisieren wollten, darüber wurden auch eine Auseinandersetzung eführt, auch
theoretischer Art.
Thom
Die große Vietnam Demonstration in Erding?
EDI
Da weiß ich nichts von, was aber nichts heissen mus.
Walter
Der B., ein ehemaliger Gymnasiallehrer, hat mir das erzählt.
EDI
Ein sehr integrer Typ.
Demnach soll das die größte Demo in Erding überhaupt gewesen sein.
(Nachtrag Walter)
Es handelte sich um die zum Tod von Martin Luther King.
Walter
Mich wundert, dass Du so spät zur Musik gekommen bist?
Du warst also wirklich nur Konsument, die ganze Zeit lang?
EDI
Ja, aber irgendwann hat mich diese Phrasendrescherei in der Szene gelangweilt, es hat immer weniger mit meinen Wünschen zu tun gehabt. Es war unemotional.
Thom
Es hat sich nichts bewegt.
Walter
Da warst Du nicht allein, das ist damals vielen so gegangen.
EDI
... und ich habe herausgefunden, dass man mit Musik und Texten viel besser etwas rüberbringen kann. Das war dann auch in der "Roten Mühle" in Isen. Das war eine alte Sägemühle und Getreidemühle in Isen, die erst vor kurzem abgerissen wurde, nachdem sie ungefähr 5 Jahre leerstand. Eine wichtige Person für die Politisierung in Isen, Dorfen. Lengdorf und auch Erding war schon immer der P. gewesen, das ist ein Filmer und der war immer schon aktiv. Bei ihm haben wir uns auch getroffen. Dann haben wir wie gesagt die "Rote Mühle" gefunden. Da gab es auch den Vietnamausschuss, die Politabteilung, wo ich einer der Protagonisten war.
Dann gab es auch das neue JUZ in Dorfen, so zwischen 72 und 74, das gegen den Widerstand des konservativen Dorfener Pfarrers, dem eine schlimme Nazivergangenheit nachgesagt wurde, organisiert wurde.
Walter
Wie muss man sich so einen Kampf vorstellen.?
EDI
Ja der Pfarrer hat eben gesagt, es gibt Sportvereine etc. und es gibt kirchliche Vereine.
Thom
War das dann autonom?
EDI
Nun, es gab eben Zuschüsse von der Stadt, - aber solche Einrichtungen gab es ja überall.
Die wollten halt keinen Pädagogen oder so. Weißt Du, diese ganzen Sachen sind nicht im Rahmen der öffentlichen Politik abgelaufen.
Es hat sich halt im Rahmen der Politisierung der 68 er Jugend, die eben keine Wirtshausfans mehr waren, doch einiges geändert. Da war eine Unzufriedenheit da, sei es was zum Beispiel Musik, Essen und Örtlichkeiten anbelangt.
Das könnt ihr uns nicht bieten, wir wollen unsere eigenes Ding.
Walter
Es gab in Erding einen Vorläufer vom Picknick, in dem Gebäude wo jetzt die Metzgerei Schachtl ist.
EDI
Da weiß ich nichts davon.
Walter
Wie siehst Du die heutige Zeit im Vergleich zu früher? Was ist mit der heutigen Jugend los, im Gegensatz zu früher, der relativ aktiven Jugend, wo ja genügend Protagonisten vorhanden waren, wo auch etwas bewegt worden ist, sei es das JUZ in Dorfen oder ähnliches?
EDI
Heute ist dieser ganze Freizeitbereich vollkommen kommerzialisiert. Das gab es damals noch nicht. Die ganzen Bedürfnisse, die existierten waren ja noch nicht kommerzialisiert.
Die sind ja gerade erst im entstehen gewesen.
Diese Bedürfnisse haben sich damals gebildet, und sind dann von den Leuten, die damals diese Unzufriedenheit gespürt haben, quasi übernommen worden. Die haben dann die Treffpunkte entstehen lassen. Haben davon gelebt. Ausbeuten? Na ja, nicht nur negativ.
Das war das sogenannte "Alternative. Aber Geld musste verdient werden.
Walter
Also die Leute, die vorher protestiert haben, sind dann in dieses gesellschaftliche Fahrwasser geraten.
EDI
Ja, oder pleite gegangen.
Thom
Das war ja so die allgemeine Erfahrung der Leute, die dann vom Jeansträger zum Schlipsträger avanciert sind.
EDI
Ja, die Erfahrung des Lebens. Ja, die Erfahrung, daß man Kompromisse machen muss, das man seine Träume nicht unbedingt immer verwirklichen kann, dass man da als Jugendlicher einfach so impulsiv dahingelebt hat, und irgendwann drauf kommt, das da halt doch noch mehr ist.
Walter
Verdienen, Familie und so.
EDI
Ja. Genau.
Thom
Da denke ich mir ist bei der heutigen Jugend doch irgendwo eine Perspektivlosigkeit da. Weil ich mich frage, für was kann die heutige Generation denn noch kämpfen? Für bessere Computer?
EDI
Ja. Das ist schon problematisch. Ich denke mir, wir haben es da wesentlich einfacher gehabt, weil tatsächlich irgendwelche leeren Territorien im kulturellen Bereich da waren.
Spaßguerilla kommt heute im Fernsehen. Da sehe ich mir den Harald Schmidt an, dann habe ich meinen Spaß. Und der verdient einen Haufen Geld damit.
Ich kann drüber lachen, aber ich muss nicht mehr aktiv sein.
Walter
Damals war es halt noch notwendig sich aktiv zu entfalten.
Thom
Heute wird alles vorgekaut.
Walter
Dazu seh ich aber noch die Bereitschaft von oben, etwas entfalten zu lassen.
Ich sehe dann halt auch die Stadt entsprechend, es ist ein Jugendzentrum da, aber kein autonomes, das heißt die Jugend hat keine Möglichkeit sich irgendwie zu engagieren.
Und wenn man sich engagieren möchte, das ist meine Erfahrung, ist es relativ eng in der Stadt, in dem man Neues oder Selbstbestimmtes erst kaum zuläßt.
Da fehlt dann auch der Platz für die Kinder und Jugendliche, sich zu entwickeln.
Genau das ist dann eben auch die Frage: In wie weit bietet eine Stadt wie Erding Freiräume?
EDI
Ja weißt Du, ich war da bei einer Diskussion dabei, wo es um das autonome Jugendzentrum ging.
Und ich vertrete mit anderen zusammen die Ansicht, ich meine das kann man ganz klar sagen, die sollten erst einmal sehen, was sich denn da im Juz realisieren lässt, verwirklichen lässt, erst einmal ausprobieren.
Walter
Also ich bin der Ansicht das heutige JUZ ist mehr eine Jugendverwahranstalt.
EDI
Weißt Du, bevor die sinnvoll eine Frage nach einem neuen autonomen Jugendzentrum stellen können, müssen sie erst einmal sehen, was bei dem alten noch so geht.
Jugendverwahranstalt? Das mag schon sein. Aber es kommt immer darauf an, wie man definiert und wer definiert. Und wenn sie sagen, Hey, da sind Ressourcen, da iss ne Anlage, da ist ein Raum, der ist geheizt, da gehen wir jetzt mal rein und machen ein Fest, schauen wir mal. Weißt Du, Platz ist in der kleinsten Hütte.
Ich meine, die jungen Leute sollen schauen, genauso wie wir damals geschaut haben, dass sie bekommen was sie brauchen.
Walter
Ich meine wir bräuchten etwas selbstverwaltetes, autonomes, kreatives, so eine Neuauflage des Picnics, ein Bürgerhaus.
EDI
Du bist vollkommen unhistorisch. Du kannst doch nicht verlangen, dass die Stadt
100 000 Mark zahlt, für ein Gebäude, die Stadt die sowieso alles zupflastert, in jedem Bereich, obwohl sie doch meint, mit dem Sozialpädagogen und dem jetzigen Jugendzentrum alles getan zu haben im sozialen Bereich. Da führt kein Weg hin.
Thom
Schon gar nicht unter dem Schlagwort "autonom"
EDI
Kannst Du vergessen. Die Zeit der Proteste ist vorbei. Alles zu sehr kommerzialisiert, ausgejuckt. Da musst Du die Literaten dazu bringen auf die Straße zu gehen und zu protestieren.
Walter
Die Forderung reicht immerhin von Literaten bis Jusos, von Horst Schmidt bis Roswitha Bendl.
Thom
Vielen Dank für das Gespräch, Edi.
EDI
Gern geschehen.
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