PETRA HEILMANN
Also ich bin erst seit etwa einem Jahr hier.
Und das Jugendzentrum gibt es seit 18 Jahren. Vorherige Leiter waren Herr Rupp und Herr Steinbeisser.
THOM DELIßEN
Hast Du, oder habt ihr eine bestimmte Philosophie? Habt ihr irgendwo festgelegt was ihr erreichen wollt?
PETRA HEILMANN
Es geht erst einmall mehr um pädagogische Grundsätze. Wir beide, Volkmar (Van der Groenen) und ich, haben uns in der Mitte unserer Vorstellungen gemeinsame Grundlagen erarbeitet; pädagogische Grundsätze. Wobei, für mich geht es vor allem um die Integration sowie die Förderung und das Leben von Toleranz; in der täglichen Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen und Bedürfnissen der einzelnen Jugendlichen.
Weiter geht es um soziales Lernen, das Fördern von Engagement für die Angelegenheiten, die den Jugendlichen wichtig sind, die Übernahme von Verantwortung, aber auch die Möglichkeit sich auszuprobieren, sich z. B. als DJ zu üben, eine Party zu planen, sich Leute zu suchen, die etwas auf die Beine stellen, zu tanzen, usw.
Wir unterstützen die Jugendlichen, geben Impulse und begleiten sie. Das Team bringt unterschiedliche Erfahrungen in die Arbeit mit ein. Ich komme aus der Resozialisierung, habe viel im Migranten- und Jugendbereich gearbeitet, Volkmar hat neben dem Studium der Sozialpädagogik Erfahrungen in der Technik und dem Organisieren von Veranstaltungen, und der Dritte im Bund ist selbst Migrant und ergänzt uns hier ganz wichtig in unserer gemeinsamen Linie. Der Alltag bringt immer wieder Diskussionswürdiges verschiedenster Art hervor. Grundsätzlich müssen wir in unserer Arbeit sehr flexibel sein und uns immer wieder auf Neues einlassen.
Die Hausordnung und das Jugendschutzgesetz bieten den Jugendlichen zuerst einmal den Rahmen für einen Aufenthalt im JuZ.
THOM DELIßEN
Ich denke mir, das ist in Ordnung, wenn sie verschiedene Ansichten haben, wie manche Dinge zu lösen sind, aber die Probleme bleiben doch dieselben. Stichwort Ausländerproblematik.
PETRA HEILMANN
Das Wort Ausländerproblematik ist mir zu allgemein - außerdem ist das Wort Ausländer nicht mehr zeitgemäß - wenn dann Migranten. Die Migranten sind so untereschiedlich - ich wehre mich gegen Pauschalierungen, ist für viele aber bequemer - hilft aber nicht genau hinzusehen. Ich möchte in meiner Arbeit Polarisierungen "abarbeiten". Es geht zuallererst immer um Jugendliche und nicht um Nationen. Die Jugendlichen definieren sich in erster Linie über Gruppen, die auch Merkmale der kulturellen Zugehörigkeit haben, aber genauso wichtig ist Musik, Kleidung, Sport, usw.
Ein wirkliches Nationenproblem haben wir hier im Jugendzentrum nicht. Viele Betrachter von Außen tragen mir zu, ob das nicht ein Problem ist hier viele Migranten zu haben. Es sind genauso deutsche Jugendliche im JuZ und die Freundschaften gehen nicht schwerpunktmäßig nach den Nationen. Bei Problemen oder Missverständnissen schalten wir uns ein und versuchen zu vermitteln. Das ist ein sehr großer Teil unserer Arbeit hier. Die Problemdichte hat nichts mit der kulturellen Zugehörigkeit zu tun.
THOM DELIßEN
Nun, natürlich ihre Bemühungen in allen Ehren, aber es gibt da doch ein Problem?
PETRA HEILMANN
Die anderen haben ein Problem. Die sagen, ihr habt da Migranten, aber das ist das Problem der anderen. Es gibt da viele die sagen, ihr habt da Ausländer. Die haben einfach keine Ahnung. Die definieren das vollkommen falsch. Wir haben viele jugendliche Migranten, die haben einen deutschen Pass, sie unterscheiden sich im Alltag in keinster Weise von anderen Jugendlichen.
Natürlich gibt es auch Kids mit einem kulturellen Hintergrund, es gibt welche,die sind strenger erzogen, aber in ihrem normalen Verhalten unterscheiden sie sich, in der Regel, von keinem anderen Jugendlichen.
Und wir haben Probleme, ob das nun Alkohol angeht oder andere Sachen, genauso mit den Deutschen. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Schwierigkeiten gibt. Wir haben ja auch sehr viele Migranten, aus Afrika, wir haben eine Vietnamesin, wir haben Albaner, wir haben Deutsche, ca. 40 - 45 Prozent.
Aber, seht ihr, es gibt soviel Unterschiede zwischen uns, zwischen ihm und Dir, zwischen Dir und mir, zwischen allen, dass es letztendlich darum geht, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Das ist hier mein tägliches Leben. Und auch wenn wir sagen, die Skater können wiederkommen, haben wir unterschiedliche Gruppen. Aber es geht nicht um die Unterschiede, sondern um die Gemeinsamkeiten. Das ist auch in der Religion so.
Und wenn ich mir das ansehe, wird mir eh schlecht. Es geht um die Gemeinsamkeiten.
Wieso geht es immer um die Unterschiede, nie um das was uns zusammenhält,
Gemeinsamkeiten.
THOM DELIßEN
Ich muss sagen, das ist ein hehres Ziel, das Du da vertrittst .Ich bin beeindruckt.
PETRA HEILMANN
Nein, das ist kein Ziel, das ist eine Lebenseinstellung. Ich komme aus dem Migrantenbereich, habe immer mit Migranten gearbeitet, mit Jugendlichen gearbeitet. Ich habe im Gefängnis gearbeitet, ich habe viel mit Migranten zu tun gehabt, und das ist einfach, so möchte ich leben. Das ist jetzt also nichts, was ich mir konstruiere, und das hat auch hier nicht immer die absolute Akzeptanz, es gibt natürlich verschiedene Einstellungen und da muss man halt diskutieren.
THOM DELIßEN
Ich habe einen jugendlichen Bekannten, der mir erzählte, dass es hier wohl eine starke Gruppe gäbe, die so präsent sei, dass andere erst gar nicht kämen, bzw. rausgeschmissen würden.
PETRA HEILMANN
Das ist so nicht. Wir haben natürlich Klicken.
THOM DELIßEN
Ich weiß das natürlich nicht, das ist mir von außen zugetragen worden.
PETRA HEILMANN
Wenn wir als Erwachsne ausgehen wollen, oder in eine Kneipe, dann sagen die einen 'wir gehen zum Griechen', oder 'wir gehen zum Italiener', 'wir gehen dorthin, um ein Bier zu trinken', oder 'wir gehen zum Inder'. Weil wir uns da wohlfühlen und die Leute treffen, die wir kennen. Wir erreichen hier mit unserer Arbeit nicht alle Jugendlichen Erdings. Wir haben erst letzthin ein Gespräch im Spielberg gehabt, weil es da Probleme gab, wir haben hier sicherlich auch einen Kern von 40 - 50 Jugendlichen, die regelmäßig hier herkommen, nicht alle tagtäglich, das ist nur eine kleinere Gruppe, natürlich sind da so kleinere Kämpfe alltäglich.
WALTER KOPPE
Wie sieht das konkret innerhalb des JUZ aus. Gibt es da signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen? Kommt es da nicht zu Aggressionen?
PETRA HEILMANN
Natürlich haben wir gewisse Leute, die immer wieder ihre Grenzen testen. Aber dafür haben wir ja auch die Möglichkeit des Ausschlusses. Wenn die hier reinkommen und zu nem Mädchen sagen, 'he was willst Du, Du fette Sau', dann schalten wir uns ein, wenn wir dabei sind.
Wir haben kein Alkohol- oder Drogenproblem. Alkohol gibt es nur auf Parties und im Rahmen des Jugendschutzgesetzes. Wir haben natürlich Freundeskreise, die sich hier treffen und hier reinkommen.
Aber ich glaube, es ist das Stigma, das wir nach außen haben, wenn viele erst gar nicht reinkommen.
WALTER KOPPE
Da sind Vorurteile.
PETRA HEILMANN
Wir sind offen für neue Besucher und haben die letzte große Party mit schwerpunktmäßig "Skatern" gefeiert. Leider ist diese übel ausgegangen. Das war nach unserer Einschätzung ein Konflikt zwischen 2 bis 3 Jugendlichen. Die neuen Besucher bringen neue Ideen mit ein und es fand auch ein Austausch statt. Es waren viele Jugendliche da, die sonst nie hierherkommen und angenehm überrascht waren. Wir werden uns in diesem Sinn auch weiterhin bemühen und diskutieren viel mit dem JuZ-Rat und weiteren Besuchern. Auch den Vorfall haben wir intensiv bearbeitet und mit den Jugendlichen nach Lösungen gesucht.
WALTER KOPPE
Nun ist es natürlich oft so, daß nur die Negativschlagzeilen nach außen dringen. Und es ist wohl auch nicht sinnvoll, alles und jeden zu kontrollieren.
PETRA HEILMANN
Richtig, trotzdem haben wir uns aufgrund des Vorfalls zum Ziel gesetzt, dass wir bei den nächsten Partys noch viel genauer hinschauen müssen. Ich meine, ein Messer kann jeder haben, ich habe auch so ein Werkzeug, das nehme ich dann eben her um mir die Fingernägel sauber zu machen, oder eine Schraube zu drehen. Aber wir haben nicht die Möglichkeit hier jeden persönlich zu kontrollieren. Natürlich, wenn ich sehe, dass einer mit einem Springmesser rumspielt, dann sage ich, komm tu das weg, geh nach Hause, so etwas hat hier nichts zu suchen.
Wenn wir bei einer Fete kontrolliert Bier ausschenken, da gibt es dann halt nur so und soviel Kästen, der Rest wird weggesperrt, dass einer ein Bier zuviel erwischt.
Aber die andere Sache ist, das muss man natürlich auch sehen, dass wir hier in Erding nur zwei Leute sind, die nächsten 3 Tage bin ich sogar allein. Und ich kann nicht überall sein. Außerdem, wenn ich mich bei so einer Fete wie eine Aufpasserin in die Mitte stellen würde, da gingen sie alle nach Hause.
WALTER KOPPE
Es gibt ja die Forderung ein zweites, jedoch autonomes Jugendzentrum einzurichten, das kommt von den Ökologen, den Jusos, auch vom Jugendparlament.
Ich meine, das wäre ja auch gar nicht schlecht. Dann gäbe es zwei organisierte Bereiche; ich weiß nicht, kannst Du Dir das vorstellen? in wie weit hast Du Kontakt zu solchen Gruppen?
Es gibt ja auch den Vorschlag, hier in Erding ein Bürgerhaus, ein Forum der Kultur einzurichten, in der man Jugendliche einbinden kann. Wie stehst Du dazu?
PETRA HEILMANN
Also, es ist ja so, dass man als Jugendzentrum nie alle Bereiche abdecken kann. Aber was jetzt zum Beispiel das autonome Jugendzentrum in Dorfen angeht, die da zum Beispiel das Antifata Cafe aufgemacht haben, da kenne ich durchaus Leute aus Dorfen, die sagen, da würde ich nie hineingehen.
Ich persönlich finde es Klasse, habe mich mit den Leuten dort auch unterhalten; die sagen, ganz klar, wir brauchen niemanden, wir wollen unser Ding alleine machen. Wenn's da mal Schwierigkeiten gibt, wegen was auch immer, dann wird es halt zugemacht, und dann wieder auf.
Die wollen ihr Ding alleine machen. Das ist halt hier anders.
WALTER KOPPE
Die haben eben dann den Vorteil, dass sie unbeeinflusster aus sich selbst heraus wachsen können, den Umgang mit Grenzen über Selbstverantwortung kennenlernen.
PETRA HEILMANN
Weißt Du, ich habe da neulich eine ganz interessante Radiosendung gehört, von einem Münchner Jugendsender. Da ging es auch um dieses Thema.
Nur Jugendzentrum und Pädagogen, das deckt einen Bereich ab, aber die anderen Sachen, Musik, Bands, Künstler oder nur einfach Leute die sich treffen wollen oder so muss aus Eigeninitiative entstehen. Aber dann muss man den Jugendlichen auch die Möglichkeit geben Mist zu bauen, ein bisschen einstecken, und nicht gleich den Hahn zudrehen, wenn es nicht klappt.
THOM DELIßEN
Zum Beispiel Proberäume für Bands. Hättet ihr die Räumlichkeiten?
PETRA HEILMANN
Wir haben einen Proberaum, wir haben auch eine Punkband, die bereits nachgefragt hat
WALTER KOPPE
Dilon?
PETRA HEILMANN
Weis nicht, wie sie heißt. Wir haben auch einen Jugendlichen, der mit Freunden traditionelle türkische Musik spielt, aber auch experimentiert.
WALTER KOPPE
Wir experimentieren ja auch ein wenig. Mit unserem Literatentreff.
PETRA HEILMANN
Ja, da bin ich halt mal gespannt, ob das die Jugendlichen auch erreicht.
THOM DELIßEN
Es ist ja auch die Ansicht geäußert worden, dass es da irgendwie um Gesellschaftsschichten ginge. Du hast gesagt, in Dorfen wären mehr die Gymnasiasten....
Wer hält sich denn hier so auf?
FRANKY
Bei uns ist das relativ gemischt.
Wir haben eigentlich alles hier, was es so gibt. Es sind Leute da, die auf die Jungenrealschule gehen, auch viele Leute die arbeiten, in die Lehre gehen, Arbeitslose. Alle. Eigentlich alle.
WALTER KOPPE
Wann kommen die so?
PETRA HEILMANN
Ja, ist ja ganz klar, von den Älteren kommen viele nach Fünf.
WALTER KOPPE
In welcher Altersklasse sind die Jugendlichen hier?
PETRA HEILMANN
Ich würde sagen von 14 bis, na ja- 21. Ja, wir haben Lehrlinge, die kommen dann eben nach der Arbeit, zum ratschen. Schüler von der Schule am Lodererplatz, von der Realschule, auch vom Gymnasium.
WALTER KOPPE
Es gab da eine Umfrage am Gymnasium, erst kürzlich, und dabei ist eben herausgekommen, dass die Befragten der Ansicht sind, das Jugendzentrum biete zu wenig Möglichkeiten.
PETRA HEILMANN
Ja, aber das was wir hier haben, entspricht den Interessen vieler Jugendlichen.
WALTER KOPPE
Ja, den Interessen von denen die hier sind.
PETRA HEILMANN
Wir sind offen für die Bedürfnisse auch weiterer Jugendlicher
Ich habe auch schon mit Schülersprechern Kontakt gehabt, wegen einer Fahrt zu einer Jugendmesse, aber da ist halt dann recht wenig passiert.
Jedenfalls nehmen gerne weitere Anregungen auf.
|
WALTER KOPPE
Franky, als was definierst Du Dich?
FRANKY
Also ich definier mich als Rapper. Ich bin Rapper.
WALTER KOPPE
Und wo ist da der Treffpunkt?
|
FRANKY
Na, rappen kann man hier im JUZ auch, aber Szene ist eigentlich keine da. Wo ich es eigentlich richtig angefangen habe, das war in Mühldorf.
In Mühldorf ist es auch ganz anders. Da ist das Jugendzentrum, da geht wirklich jeder rein.
Skater, Popper, Punker alles mögliche...
WALTER KOPPE
Ist das größer als das JUZ?
FRANKY
Nee, das ist eigentlich wesentlich kleiner.
WALTER KOPPE
Das ist anders als hier. Woran liegt das?
FRANKY
Das liegt an den Leuten. In Mühldorf kennt sich halt jeder, und die Szene ist so aufgebaut, da wenn was los ist, dann geht halt jeder hin und da lernen sie sich kennen und sind dann überall wie eine Klicke.
WALTER KOPPE
Meinst Du nicht, dass es daran liegt dass Mühldorf kleiner ist als Erding?
FRANKY
Nein. In Mühldorf sind die Leute einfach irgendwie offener.
THOM DELIßEN
Und hier mehr Klickenbildung?
FRANKY
Ja. Ja. Mehr Klicken hier.
PETRA HEILMANN
Schön, das ist jetzt die Meinung von einem. Aber es ist wirklich so, dass von den Jugendlichen gefragt wird, wer geht da hin, wen treffe ich da, aber es gibt auch Leute, die kommen so. Wir haben da zum Beispiel einen Jugendlichen Argentinier, der ist jetzt 18.
Der ist gekommen, hat niemanden gekannt, hat gesagt, ihr seid das Jugendzentrum, ihr müsst mir helfen. In letzter Zeit sind viele neue Jugendliche gekommen.
FRANKY
Also ich finde das ist überall unterschiedlich. Ich bin hier reingekommen und die Leute haben erst mal gefragt, he wer ist denn das, was will der hier. Und in Mühldorf bin ich reingegangen und da waren die Leute: He wie geht's Dir, was machst Du, wie heißt Du? Viel offener einfach. Woran das liegt, weiß ich einfach nicht.
PETRA HEILMANN
Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Erding eine Kleinstadt ist? Obwohl das nicht der Grund sein kann. Wir sind am Diskutieren, woran das liegen kann.
WALTER KOPPE
Oder es ist so, München ist ja nur ein wenig mehr als eine halbe Stunde mit der S-Bahn entfernt, so dass diejenigen, die etwas bewegen wollen, dann in München ihre Möglichkeiten suchen. Also das ist auch der Punkt für mich, dass Dorfen, obwohl von der Einwohnerzahl wesentlich kleiner als Erding, doch kulturell, zumindest in Relation zu Erding, interessanter und vielschichtiger ist.
PETRA HEILMANN
Da ich die Situation in Dorfen nicht persönlich kenne, kann ich dazu nur sagen - ich bin ja auch keine Erdingerin, finde aber, dass Erding für die Jugend hier im verbandlichen Rahmen viel bietet. Von der Wasserwacht zu den Pfadfindern, den Sportvereinen, etc. Im JuZ treffen viele Jugendliche ihre Freunde, wollen abhängen und Spass haben. Hier gilt es eine Balance zu finden zwischen dieser Art seine Freizeit zu genießen und besonderen Angeboten - nicht um das Vorsetzen von Kursen usw., sondern um die Förderung von Eigeninitiative und Mitbestimmung. Daran arbeiten wir hier im Team und mit dem JuZ-Rat. Ein weiterer Schwerpunkt ist, daß viele Jugendliche noch Orientierung brauchen; dies geht vom Gespräch bis hin zum gemeinsamen Schreiben von Bewerbungen. Viele Jugendliche sind hier alleingelassen bzw. bekommen es nicht auf die Reihe. Für kulturelle Angebote, hier zählt auch die HipHop- und Breakerszene dazu, sind wir offen, bzw. unterstützen dies - ein Kontrastprogramm zu den jetzigen Aktivitäten würe klasse, aber muß gut vorbereitet werden - Ideen und Aktive sind gefragt.
Ein weiterer Punkt ist das Personal - da sind wir konzeptionell am Planen und in der Zukunft auch am Umstrukturieren. Anregungen nehmen wir gerne auf. Allerdings sind uns hier auch Grenzen gesetzt.
WALTER KOPPE
Das heißt es ist ein bestimmter Schwerpunkt da, es gibt da Fälle, bei denen geholfen werden muß. Ihr seid also da Ansprechpartner für die Schwächeren in der Gesellschaft, und habt entsprechende Ansprüche in dieser Richtung.
Müssen dabei nicht andere Dinge zu kurz kommen, grad im Bereich Kultur?
THOM DELIßEN
... daß weniger Platz bleibt für Möglichkeiten in einer ganz anderen Ebene? Filme, Theater, Lesungen, Musik?
PETRA HEILMANN
Wir sind ein Jugendzentrum und kein Kulturzentrum, wobei das natürlich zusammenhängt. Wir bieten oder spiegeln einen Teil der Jugendkultur wieder und da findet sich natürlcih nicht Jeder wieder. Aber wie gesagt - wir sind offen. Es ist nicht so, dass hier nur die Schwächeren der Gesellschaft sich treffen - ich denke, wir haben eine Bandbreite aus Erding im JuZ - alles Jugendliche, die hier leben, zur Schule gehen, bereits arbeiten; manche, die auch Arbeit oder eine Ausbildung suchen. Wir haben ca. 600 m² Fläche - es ist eigentlich genug Platz da.
WALTER KOPPE
Dann sind also grad jene Leute willkommen, um hier etwas zu machen, die euch kritisieren, weil ihr zu wenig macht, oder es zu wenig Möglichkeiten gibt.
Mangelt es an Verständnis?
PETRA HEILMANN
Ja, wir haben da diesen wunderschönen Raum..., der steht gerne zur Verfügung. Und nicht nur der - einfach mit uns sprechen!!
WALTER KOPPE
Das wäre dann natürlich mehr oder weniger autonom gedacht, eigenständig.
PETRA HEILMANN
Wir sind kein autonomes Haus! Wir sind ein Jugendzentrum mit einem pädagogischen Team und arbeiten in einem bestimmten Rahmen. Ein komplett autonomes Haus ist eine völlig andere Sache. Der Bedarf für so ein Haus ist wohl da und ich unterstütze das auch. Das wär eine tolle Ergänzung. Spricht sicher nicht alle Jugendlichen an - aber bestimmt viele.
THOM DELIßEN
Auch wenn man jetzt zusätzlich offenen Treffs organisiert, es geht sicher um das Problem dann fehlender Zeit, um Personalmangel?
PETRA HEILMANN
Personalmangel ist der eine Punkt, und es geht konkret um solche Umstrukturierungen, an die wir arbeiten. Ein Jugendkulturhaus mit offenem Treff, z. B. ein Jugendcafé, wär klasse. Ein Mix sozusagen - aber sicher nicht total autonom. Wir sind derzeit dabei, ein Konzept zu entwickeln.
Wir wollen ja umbauen; haben Pläne die Räume hier anders zu nutzen, und gehen damit an den Stadtrat. Mir schwebt ein Kulturhaus vor, mit einen Cafebereich drüben, und verlängerter Öffnungszeit.
Derzeit wissen doch viele der Jugendlichen nicht, wo sie nach 22 Uhr hin sollen, hängen im Spielberg herum, das ist momentan ein absoluter Streitpunkt. Eben weil da viele Jugendliche rumhängen, auch am Sonntag. Das ist da drüben auch sehr attraktiv gemacht, mit dem großen Kioskbereich, Spielautomaten, dem Cafe, usw.
Dann finden auch mal Streits und Rangeleien statt, ich mein, das sind eben Jugendliche, die nicht still sein können, und dann gibt es vielleicht auch mal blöde Kommentare. Und die Kassiererinnen, die den ganzen Tag da sitzen, und ja vielleicht auch was besseres zu tun hätten, die beschweren sich dann natürlich.
THOM DELIßEN
Und was hat das jetzt konkret mit dem Jugendzentrum zu tun?
PETRA HEILMANN
Dass wir längere Öffnungszeiten bekommen, daß wir die eigenen Räume beleben und projektbezogen mit unterschiedlichen Gruppen besetzen. Wie gesagt, dazu bald mehr.
WALTER KOPPE
Bis wann ist das geplant? Das muss ja alles mit Architekten abgestimmt werden, die Wand hier ist wohl sicher eine Tragende.
Wegen der besseren Nutzung hatten wir uns zunächst mit den Jugendlichen abgesprochen, dann hatte uns ein Architekt Vorschläge gemacht, Kosten ermittelt; derzeit sind wir dabei, dies an die Stadt weiter zu geben, um es genehmigen zu lassen, was sehr umfassend ist; auch, weil wir in ständigem Austausch mit den Jugendlichen sind.
THOM DELIßEN
Mir hat jemand gesagt, das Jugendzentrum sei im Endeffekt nur ein verlängerter Arm des Kulturreferates der Stadt. Wie sieht's aus, mit Reglementierung von oben.
PETRA HEILMANN
Es gelten die Standards und Konzeptionen der offenen Jugendarbeit. Ich verstehe mich nicht als verlängerter Arm des Kulturreferats. Wir haben genug Spielraum in unserer Arbeit. Ich weis nicht, wer so was beurteilen kann - sicher niemand, der in der Praxis steht.
THOM DELIßEN
Das ist alles was von euch quasi verlangt wird? Oder kommen da konkrete Auflagen von oben?
PETRA HEILMANN
Natürlich gibt es Interessen - wie bei jedem Arbeitgeber. Das Thema Alkohol wird immer wieder diskutiert und auch andere Fragen. Das ist für mich legitim und völlig in Ordnung. Ich bin in der Lage nach langer Berufstätigkeit Stellung zu beziehen und wir setzen Schwerpunkte im Team. Wer hören will, dass wir Marionetten des Rathaus sind, den muß ich enttäuschen.
THOM DELIßEN
Thema Drogen. Bier könnt ihr wegschließen, ...
PETRA HEILMANN
Bier bzw. Alkohol ist im JuZ nur an Paries mit Teilnehmern über 16 Jahren möglich und nicht automatisch zwingend. Wir haben hier die Hand drauf. Alkohol gehört mit zur Lebenswelt der Jugendlichen. Ich stehe dazu, dies in einem kontrollierten Rahmen zu begleiten und es nicht auszublenden.
Ansonsten sind viele Jugendliche heimlich im Keller, Parkhaus, oder wo auch immer auf geheimen Saufparties zugange. Da sollen sich lieber mal viele Erwachsene an die eigene Nase fassen. Es ist einfacher etwas zu verbieten als sich damit auseinanderzusetzen. Darüber diskutiere ich gerne und leidenschaftlich. Hier gehtt es um einen verantwortungsvollen Umgang und nicht um das Ausblenden. Andere Drogen sind natürlich tabu. Wer das Jugendschutzgesetz nicht einhält und die Hausordnung dem drohen Hausverbot und weiteres.
THOM DELIßEN
Dieses Problem soll vor 3 - 4 Jahren so massiv gewesen sein, dass auf den Toiletten sogar gefixt wurde.
PETRA HEILMANN
Dazu kann ich nicht viel sagen, ich bin erst seit einem Jahr hier. Ich weiß aber dass vor ein paar Jahren hier Dealer rausgeschmissen wurde.
THOM DELIßEN
Du hast gesagt, ihr seid relativ offen, auch für Gruppenbildung und so weiter.
Hat das irgendetwas mit den Nazischmierereinen von vor eigen Wochen zu tun?
PETRA HEILMANN
Gruppenbildung war so gemeint, daß wir offen sind für unterschiedliche Interessengruppen von Jugendlichen. Mit den Nazischmierereien hat das nichts zu tun. Nicht nur wir waren davon betroffen. Wie weit die Aufklärung dazu sind weis ich nicht. Eine "Rechte Szene" haben wir im Jugendzentrum sicher nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
WALTER KOPPE
Da oben habt ihr jetzt einen schönen Raum; hier wollt ihr umbauen und ein offenes Cafe einrichten. Glaubst Du, daß es damit auch Möglichkeiten gibt, Leute zu gewinnen, die sie nutzen, um etwas anderes machen zu wollen, Filme, Diavorträge, oder jetzt zum Beispiel den Literatentreff?
PETRA HEILMANN
Klar gibt es die Möglichkeit - immer im Rahmen der personellen und räumlichen Kapazität. Ich kann nur sagen: vorbeikommen und das Gespräch mit uns und den Besuchern suchen - so wie bei der jetzigen Veranstaltung des Literatentreffs.
(Es folgt Fachsimpelei über den