S6-Kulturforum
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Es war einmal ...
oder:
Wer lesen darf und wer nicht?

Stadtratsitzung zum Programm in Erdings Stadtbücherei
am 18.02.03


Reaktion auf den SZ Artikel "Aufgespiesst" vom 20.03

Längst nicht mehr alle Zuhörer harrten bis Halbneun aus, als der Stadtrat endlich mit der mit großer Spannung erwarteten Diskussion über Lesungen der Stadtbücherei begann.
Wir erinnern uns:
Angela Niestroy, nebenbei SPD-Stadträtin, hatte dort in der Vorweihnachtszeit Märchen vorgetragen, bis dies von Seiten der Stadt und Kulturreferentin Sollanek (CSU) untersagt wurde, weil man zunächst Regeln für deren Nutzung aufstellen wollte. Nun, diese sollten in dieser Sitzung diskutiert und dann ausgehandelt werden.
Außerdem sprach sich bereits im November 2002 (Artikel in SZ und Erdinger Anzeiger) CSU-Stadtrat Gotz gegen die Forderung des Erdinger Literatentreffs nach einem Kultur- und Bürgerzentrum aus; und zwar mit dem Argument, daß diese für ihre Lesungen doch die neue Stadtbücherei nutzen sollten. Wer nun auf entsprechende Beschlüsse im Erdinger Stadtrat hoffte, sah sich allerdings getäuscht, denn was soll nun heissen, daß Gotz die "bewährte Praxis beibehalten" und die Räumlichkeiten für büchereifremde Veranstaltungen nicht zur Verfügung stellen möchte?
Kronseder (SPD) gab nochmals zu verstehen, daß es nicht um parteipolitische Veranstaltungen geht, aber um eine grundsätzliche Offenheit gegenüber unterschiedlichen Veranstaltern, und. Parteikollege Schmidt ergänzte, daß es sich dabei auch nicht um büchereifremde Veranstaltugen handelt, wie z. B. bei der Märchenlesung von Angelika Niestroy, die im übrigen in Rücksprache mit der stadtangestellten Leiterin der Bücherei, Frau Müller-Hess, stattgefunden hätte.
Wenn sich das Problem von Vizebürgermeisterin Sollanek allein darauf konzentriert, daß sie sich von Niestroy übergangen fühlte (so zumindest deren kleinlaute Aussage in der Sitzung), kann man das also schwer Niestroy anlasten, sondern lag am Informationsfluß innerhalb der städtischen Einrichtungen, bzw. dem, was zwischen beiden Institutionen bis dato als Ausgemacht galt.

Doch was gilt nun am Ende der dreistündigen Sitzung?
Einstimmig wurde beschlossen (also auch von den SPD-Räten), daß alles so bleibt wie es ist
- oder sein soll?
Was dies wiederum heissen soll?
... daß vorerst zumindest den Mutmaßungen Tür und Tor geöffnet bleibt, während sich die reale Tür erst dann geöffnet oder verschlossen zeigt, wenn Vereine, Institutionen und Einzelpersonen einen Antrag auf eine Lesung stellen.
Ein Versuch (des Erdinger Literatentreff) scheint das wert zu sein.
Falls sich herausstellt, daß es auch weiterhin keinen Ort für kulturelle Offenheit gibt, wird die Forderung nach einem Kultur- und Bürgerhaus um so dringlicher.

Interessant übrigens die Ausführungen von VHS-Leiter Fröhlich zu Beginn der Sitzung rund drei Stunden zuvor, also um 17.45 Uhr:
Ihm zufolge sei die Zahl der Kursteilnehmer im Jahr 2002 weiter gestiegen, allerdings wären die Einnahmen zurückgegangen, was u. a. daran läge, daß man die Angebote im Bereich Gesellschaft, Politik und Zeitgeschichte ausdünnen habe müssen.
- Politik scheint out!
Ob dies nun auch daran liegt, daß es immer weniger Gelegenheiten gibt sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen?
Einerseits sucht man den engagierten Bürger - andererseits: wehe, man ist es.
Die derzeit wesentlichen Entscheidungsträger lokaler Provinz scheinen noch immer von jener Angst gegenüber den "wilden" ´68er geprägt, daß sie gar nicht erkennen, daß unsere Zeit längst durch das Gegenteil gefährdet ist: dem politischen Desinteresse.
Angst macht nicht, daß jemand versucht, auch einmal politische Texte in einer Stadtbücherei vorzutragen, sondern daß sich immer weniger für Weltbilder, Ideale, auch politische Anschauungen und Werte interessieren.

Für den Erdinger Literatentreff existieren alle Arten der Literatur - auch die politische.
Dabei legen wir auch hierbei Wert auf politische Unabhängigkeit, weil unsere Vereinigung so viele Meinungen wie Mitglieder hat, und der Vorstand nicht für alle Mitglieder sprechen kann, und darf.
Allerdings geht es darum, Defizite und Tendenzen geistiger Bücherverbrennungen aufzuzeigen
- und es geht darum innerhalb der vorhandenen Einrichtungen einem möglichst breitem und buntem Spektrum an Literatur ein Forum zu bieten.

Wie tief muß stattdessen die Angst bei manchen Räten sitzen, z. B., wenn es um die artverwandte Idee eines Kultur- und Bürgerhauses im ehemaligen Postgebäude geht?
Ist diese Angst vor Kommunikation und vor einem Kommunikationszentrum chronisch?
Wie sonst setzt man sich nicht einfach mit dem Konzept oder denjenigen auseinander, die diese ins Spiel gebracht haben, und bildet sich sein Urteil hinterher, anstatt in den Tageszeitungen (zuletzt Gotz und Rathmann am 18.02.03 in Erdings SZ) anderen das eigene Unwissen zu beweisen, Tatsachen und Stadnpunkte wiederholt zu verdrehen?
Zu offensichtlich das Ziel, die Idee so madig wie möglich und damit keine ernsthafte Diskussion in Gang bringen zu wollen.
Die Antwort auf diese offensichtliche Nicht-Bereitschaft der maßgeblichen Bürgervertreter zum Dialog, grade auch wenn es um Bürgerinteressen geht, kann nur ein Bürgerbegehren sein.


Stadtbuecherei Erding
Erdinger Literatentreff