Die Weisse Rose
Zeitzeuge Franz-Josef Müller erinnert an die Geschwister Scholl

Erst vor wenigen Tagen, am 22.02.03, jährte sich der 60. Todestag von Sophie Scholl, die als 22-jährige zusammen mit ihrem zwei Jahre älterem Bruder Hans beim Verteilen von Flugblättern verhaftet und darauf hingerichtet wurde.

Der wie Sophie 1924 geborene Franz-Josef Müller, Gast der von Hildegard Kronawitter organisierten Veranstaltung. war Zeitzeuge und gehörte dem Umfeld der Weissen Rose an; jener Münchner Widersstandsgruppe, die sich innerhalb einer kaum vorstellbaren und rechtlosen Zeit im Nazionalsozialismus gebildet hatte, um den Menschen jenes Unrechtsystem vor Augen zu führen, welches schließlich so unmenschlich war, wie sie dies beschrieben und deren junges Leben kostete.

Der vitale 82-jährige Müller saß während des Akts am 22.03., als stellvertretend für die Widerstandsgruppen Sophies Büste samt marmorner Tafel in Walhalla feierlich eingeweiht wurde, neben Bayerns Ministerpräsident Stoiber. Gleichwohl kritisierte er, daß man für diese Selbstverständlichkeit der offiziellen Anerkennung 60 Jahre brauchte, in der zum ersten mal auch kein Unterschied zwischen katholischen und kommunistischen Widerständlern gemacht wurde.
Kein Wunder, daß die Geschwister-Scholl-Stiftung, die derzeit unzählige Ausstellungen und Vorträge organisiert, z. B. in der Uni München auch eine Gedenkstätte errichtet wurde, nicht etwa hierzulande sondern in Washington gegründet wurde, für dessen Anlaß Müller neben Ex-US-Aussenminister Kissinger saß.

Die gut hundert Zuhörer im ev. Pfarrheim warteten gespannt auf Müllers Erzählung, wie er etwa den zwei Jahre älteren Hans Scholl als Hitlerführer kennenlernte. Es dauerte dann einige Zeit, bis die Widersprüche zwischen der politischen Realität und den eigenen Idealen für die beiden unüberbrückbar und unerträglich wurden.
Ein Erlebnis prägte ihn, als vor seinen Augen jemand scheinbar ohne Grund von Nazis zusammengeschlagen wurde. Die Antwort seiner Mutter, die von Beginn an dem Nationalsozialismus sehr kritisch gegenüberstand: "Franz, so sind die Nazis, die reden nicht lang, die schlagen zu".
Weitere Faktoren, wie die gute und humanistische Bildung mit den griechischen Philosophen, dem Ulmer Pater Eisele, oder die Nachrichten der Auslandssender, passten so gar nicht in die Welt der Propaganda.
Und dann, ab etwa 1937 kam auch noch das Wort Euthanasie dazu, dessen genaue Bedeutung sich Müller erst einmal erklären lassen mußte.
1940, also mit 16 Jahren, verteilte er seine ersten Flugblätter, die man hinter der Kirchenorgel versteckte, bevor sie, um den Verdacht von Ulm fernzuhalten, per Post in einer Auflage von 1000 Stück über Stuttgart an Gastronomen, Kirchenvertreter, Lehrer und Künstler versandten. Wegen der 1000 12 Pfennig-Briefmarken erzählte man den Eltern, daß man Bücher fürs Abitur brauche.
Während Müller offiziell als Feuerwehrhelfer eingeteilt war, gelangten die Flugblätter bis nach Oslo (Kreisauer Kreis) und wurden per Flugzeug an zahlreichen Orten abgeworfen. Je mehr deutlich wurde, daß der Krieg verloren ging, desto mehr nahm man unsere Meinungen ernst, desto größer wurden die Anstrengungen der Gestapo, die Weisse Rose zu enttarnen.


Sophie Scholl starb 22-jährig


Franz-Josef Müller


zusammen mit Dr. Hildegard Kronawitter


gut 100 interessierte Zuhörer

Müller erfuhr von der Verhaftung der ersten Mitglieder der Weissen Rose im elsässischen Epignal, als er einen Zeitungsausschnitt zugeschickt bekam: "Volksverräter hingerichtet", und von Generalfeldmarschall Keitel erfuhr er: Franz Müller ist zu verhaften.
Das schwächste, gesundheitlich labilste Glied in der Gruppe hatte dem gewachsenen Druck nicht mehr Stand gehalten.
So wurde er nach München und in den Volksgerichtshof, am Justizpalast, abgeliefert.
Am 19.04.03 jährt sich jene Verhandlung gegen die Mitglieder der Weisse Rose zum 60. Mal, als Freisler, der berüchtigte Vorsitzende des Volksgerichtshofs, Ankläger und Richter in einer Person drei Todesurteile und den anderen gegenüber wie Müller langjährige Gefängnisstrafen aussprach.
Wenn es noch eines Beweises für das Erscheinen der Flugblätter bedurft hätte: die Schärfe des Verfahrens, die 11 Stunden Verhandlung ohne Verteidiger und die 753 Tage Haft, in der ihn wahrscheinlich ein mitverurteilter Kommunist das Leben rettet, weil er ihm vor einem Spitzel warnte.
Die Ordnung als höchster Wert hatte keinen Platz für Menschlichkeit: Während die Essenration derer um einen halben Schöpflöffel erhöht wird, weil sie die Spuren des Todes beseitigen, wird der Todeskampf der Hinzurichtenden exakt auf die Sekunde mit der Stoppuhr festgehalten. "Keine besonderen Vorkommnisse" steht dann auf den Listen. Außer bei Hans Scholl, bei dem dort dessen letzte Worte eingetragen waren: "Es lebe die Freiheit!".
Welch Dramatik am Kriegsende: Während Freisler im Februar 1945 während eines Bombenangriffs getötet wird; wie es heisst, mit von ihm unterschriebenen Todesurteilen in der Hand und noch manche der Mitgefangenen sterben, gelingt Müller kurz vor Kriegsende die Flucht. Er stellt sich in der Nähe Heilbronns amerikanischen Befreiern.