Erding - kulturfeindliche Stadt?


Peter Wipplinger, künstlerischer Leiter des Erdinger Stadttheaters hat am 13. Oktober sein Amt niedergelegt und bis auf drei fest zugesagte Veranstaltungen Ende Oktober bis Anfang November alle weiteren Aufführungen abgesetzt.
Nachdem Wipplinger mit dem Konzept des Stadttheaters in Erding nie recht Fuss fassen konnte, zuletzt beim Programm des Kabarettisten Josef Prettner nur vier bis fünf zahlende Zuschauer den Weg zu ihm fanden, rechnet er nun mit Erding als das "kulturfeindlichstes Eck Deutschlands" ab und stellt resigniert fest, dass Kultur in der sich so modern gebenden Stadt scheinbar nicht benötigt wird (Erdinger SZ vom 14.10.03).
Nun könnte man Wipplinger recht geben, um einen fiktiven aber irgendwie leider auch zu realen Erdinger zitieren: "Kultur? Kultur brauch ma ned, sowas ha'm ma no nia ghabt", oder es mit den Worten von Kulturreferent Sattelmaier auszudrücken (auf die Frage, was Kulturförderung leisten kann (SZ vom 04.01.03)): "es geht nicht darum, neue Akzente zu setzen, denn die Leute könnten damit überfordert werden".
Wenn es nun an kulturell fordernder Tradition mangelt - vielleicht, weil diese auch gar nicht gewollt ist, da es ja alteingesessene Werte in Frage stellen könnte(?), heisst das allerdings noch nicht, dass es nicht auch Kreise anderer Sichtweisen und -weiten gibt.
Wipplingers Feststellung "in diesem Eck macht man keine Kultur, weil keine benötigt wird" reicht mir dann aber doch zu kurz.
Wieso gab es einen Tag vor Prettners Auftritt in Niestroy's Tanzwelt einen Auftritt der Kabarettistin Martina Ottmann - vor 100 sich gut amüsierenden und zahlenden Gästen (!), oder einen weiteren Tag zuvor mit der Jahresausstellung des Erdinger Kunstvereins eine Grossveranstaltung - Schwerpunktthema übrigens: Integration?
Nebenbei: Ich selbst bin Vorsitzender des Erdinger Literatentreff, betreibe mit der "Kultimativen" für den Landkreis Erding eine Webplattform, weil auch ich das Manko erkannt habe, und diesen Bereich fördern will.
Das eigentliche Problem zwischen den kulturell Aktiven ist, dass sie sich häufig nicht anders verhalten wie jene, für die Kultur (und damit auch Kontakt und gegenseitiges Kennenlernen) nicht notwendig ist und Kästchen bilden, um sich auf diese Weise genauso aus dem Weg zu gehen wie der Kultur.
Ein Publikum aber will erobert werden, indem man sich grade unter die potentiellen Kreise und möglichen Kooperationspartner begibt, den Kontakt sucht, sich auch terminlich abspricht, was zumindest für den Erdinger Literatentreff nie geschah, welcher häufig am selben Tag stattfand, wie z. B. eben jene schwachbesuchten donnerstäglichen Lesungen im Stadttheater.