18.01.2004:
Begegnungen

Albert Sigl
im Knischvogelhaus in Walpertskirchen



eigener Artikel im Erdinger Anzeiger


Gastgeber Dieter Knirsch und Albert Siegel

Auch an diesem nasskalt tristen Sonntag wirkt der Ort noch fast idyllisch. Zum steilen Bahndamm hin geschlossen, öffnet sich der Blick nach Norden, gewährt Ausblicke in sanfthüglige Wiesen und Felder. Dabei bietet das Anwesen Vogel und Knirsch noch eine ganze Reihe weiterer Aus- und Einblicke.
Zwar sind die asiatischen Zierfische der kalten Jahreszeit wegen unter Planen verborgen, doch nebst Hund, Katz und auch Ziegen zeugen auch Lamas für weit über die heimischen Raine hinaus reichende Fluchtlinien.
Ein Teil des vor Jahren umgebauten Scheunengebäudes gleich daneben bietet Aussichten ganz anderer Art. Vor einigen Jahren haben Hansjörg Vogel, langjähriger Redaktionsleiter des Bayrischen Rundfunks, dessen Frau Franziska, Lehrerin und Autorin von Kurzgeschichten, die Zwillingstöchter Stephi und Vroni, sowie Schwiegersohn Dieter Knirsch, Klavierlehrer an der Kreismusikschule dort nebst Wohnraum auch Platz und Sichtachsen für Begegnungen geschaffen.
Wechselnde Künstler möchte man einbeziehen, etwa nach Verbindungen zwischen Literatur mit Musik suchen; auf diese Weise ein Anlaufpunkt für kulturinteressiertes Publikum sein.
Diesen Sonntag war zum ersten mal der Autor Albert Sigl eben dort zu Gast. Gerade in den letzten Jahren durch zahlreiche Lesungen und auch Buchveröffentlichungen bekannt geworden scheint der 50-jährige derzeit in seiner kreativsten Phase. Fünf Texte, zum Teil erst wenige Wochen alt, hat er für die sonntägliche Martiné zusammengestellt; entführt die rund 50 Zuhörer in seine Vergangenheit.
In "Gefühle" betrachtet er düster-schaudernd eine Beerdigung aus Kinderaugenhöhe.
Die Bilder wechseln. In "Der Schrottplatz" schlüpft er in die Rolle eines alten, aus der Grossstadt ausgebrochenen Schrotthändlers, dessen einziger Bezug zur Aussenwelt eine verkehrsreiche am Hof vorbeiführende Strasse ist, und jenem Hund, dem die innere, blecherne Trostlosigkeit der Worte nichts auszumachen scheint. Kam Sigls Rhetorik eben noch trotz der Ernsthaftigkeit des ersten Textes locker und plaudernd, wirkt dieser anstrengend, reihen sich nun die Sätze ohne Hebungen oder Pausen hektisch aneinander. Während das Klavier eben noch an Glockenläuten erinnerte, scheinen die Töne des Klaviers nun zufällig, bizarr, aus der Handlung herausgerissen.
Während Sigls "Nach dem Krieg" als kurzes, aber starkes Bild, den letzten Weg eines alten Mannes skizziert, der den Hügel hinauf schreitet, ist er bei "Wildwuchs" wieder zurück in die Kindheit der Nachkriegszeit zurückgekehrt, erinnert er sich an den schweigsamen Grossvater und ans nächtliche Kartoffelklauen mit der Mutter, in der ihm die Sterne wie die Löcher in einem Kartoffelsack scheinen.
Die eher nachdenkliche aber lebendig vorgetragene Lesung, von Dieter Knirsch passend begleitet, eben noch an Sergej Prokofieffs Oper "Peter und der Wolf" erinnernd, schliesst mit der Geschichte "Uwe und Harry", Organisatoren einer Kleinkunstbühne, die tatsächlich einmal einen Dichter auf die Beine halfen, nachdem anstatt Publikum lediglich eine Flasche Schnaps anwesend war...
Eine solche Kleinkunstbühne möchte das Vogelknirschhaus nicht sein, auch wenn es hier ebenso wenig ums Geld gehen mag. Denn wichtiger seien Qualitäten, und das soll auch bei den künftigen Veranstaltungen und Begegnungen so sein, meint etwa Vreni Vogel.
Also gute Perspektiven für weitere Ein- und Ausblicke.

Nächste Möglichkeit, nächste Begegnung:
So., 07.03: Texte: Eugen Häusler, Musik: Hristo Hristov und Dieter Knirsch


(Dieser Bericht entstand für den Erdinger Anzeiger)