Das Kasino des Luftwaffeninstandhaltungsregiments 1 in Erding war gut gefüllt. Angehörige der Bundeswehr, geladene Gäste aus Politik und Kultur, sowie Pressevertreter hatten den Weg ins gut bewachte Kasino im Kasernenbereich gefunden.
Während des rund zweistündigen Vortrags inklunsive einer Fragerunde hätte man eine Stecknadel fallen hören können, denn mit Egon Bahr war ein politisches Urgestein der Bundesrepublik Deutschland zu Gast, der bereits unter Hitler diente, um dann in den 60ern die Ostpolitik unter Willy Brandt massgeblich mitzugestalten, deutsch-deutsche und deutsch-sowjetische Verträge auszuhandeln, also in ganz heiklen Fragen der Sicherheit und Verteidigung involviert war; inzwischen eine Reihe von Politikergenerationen überlebt hat; und dessen Ausführungen man wegen der weltpolitischen Erfahrungen gespannt lauschte, weil politische Visionäre wie er (Sein Buch "Wandel durch Annäherung" war 1963 Anstoß zur neuen Ostpolitik) grad in Zeiten vielfältigen Umbruchs und der Osterweiterung wieder sehr gefragt sind.
Die Welt hat sich seit der Wiedervereinigung und dem Friedensvertrag vom 15.03.1991 gewandelt, führt der Sozialdemokrat, Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg aus, denn während bis dahin alle wichtigen Fragen von den Grossmächten entschieden wurden, ist die Bundesrepublik heute souverän. Doch laut des ehemaligen Staatssekretärs und Bundesminister für besondere Aufgaben im Bundeskanzleramt leiden wir grosse Not, weil wir nie gelernt haben, diese Rolle zu hinterfragen, geschweige neu zu definieren.
Nun aber sind wir gezwungen, dies nachzuholen, meint er und zitiert CDU-Politiker R. von Weizsäcker, der von der Machtbesessenheit der Nazis sprach, welche eine Machtvergessenheit der heutigen Bundesrepublik folgte. Ähnlich einem soeben 18-jährig gewordenen, so der 81-jährige, müssen wir uns heute ganz dringend an diese Selbstverantwortlichkeit gewöhnen.
Damit war er im Zentrum seiner Ausführugen angelangt, nämlich der Frage nach dem deutschen Weg, in der er dem Staat gegenüber der letzten verbliebenen Grossmachte Amerika eine emanzipierte Rolle entwarf, die nur als Mitglied eines vereinigten Europas realasiert werden könne.
Da die USA auch einem vereinten Europa militärtechnisch weit überlegen sei, und dies auch so bleiben wird, kann es für Europa bezüglich Krisensituationen nur darum geben, sich Kompetenzen im lösen friedlicher Mittel anzueignen, um schliesslich hier auch die USA in ein Vertragswerk einzubinden, die ihrer militärischen Stärke wegen eigentlich machen könnte was sie wolle; auch wenn der 11.09.99 immerhin einen tiefen Schock bedeutete, weil es der Supermacht vor Augen hielt, dass waffentechnische Überlegenheit alleine noch keine Sicherheit bieten muss.
Bahr sucht die für unsre demokratisch-europäischen Massstäbe so schwer zu verstehende kompromisslose Haltung der USA verständlich zu machen. Die oft überhebliche Art, mit der man etwa den eurasischen Kontinent kontrolliert, habe sich aus den historischen Säulen Macht und Sendungsbewusstsein entwickelt. Allerdings habe dies George Bush zuletzt ins Extrem getrieben, da ihm zufolge Gott die Macht verliehen habe, um die Welt zu kontrollieren.
Für Europa müsse es nun darum gehen, die eigene politisch-philosophische Grundhaltung in ein Konzept zu bringen, um eine Arbeitsteilung mit den USA anzustreben, auch wenn dies nicht einfach sein wird. Hier entsann sich Bahr an ein Gespräch mit Ex-US-Kollege Kissenger, der war zunächst äusserst skeptisch, als er diesen über Verhandlungen mit der UdSSR informierte. Dass man auf diese Weise schliesslich mehr als mit Konfrontation erreichte, sah schliesslich auch die USA ein; und dies macht Bahr zuversichtlich, auch künftig Methoden zu entwickeln; Vereinbarungen und Verträge auszuarbeiten, die anstatt auf grosse militärische Stärke auf Rechtsbewusstsein und Selbstbestimmung setzt, um darin auch die USA einzubinden. Aus diesem Grunde sei dann die Haltung der Regierung Schröder an der Seite Frankreichs nur logisch und wegweisend gewesen, weil es eine epochale Entscheidung für Europa war und setzt den Kanzler damit in eine Reihe mit den grossen Kanzlern Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl. Laut Verfassung (§§ 26 im GG) hätte sich Schröder andererseits auch strafbar gemacht, mahnt Bahr, und wird gleich darauf auch in versöhnlichem aber bestimmten Ton hinzufügt: "auch künftig bleiben wir friedlich und berechenbar".
"Das war früher zwischen den beiden Supermächten nicht einfach: einerseits solte sich Europa nicht fürchten,
(Bericht im Aufbau)
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