20.06.2004:

Ins Vogelknirschhaus kommen die stillen Tage




eigener Artikel im Erdinger Anzeiger:
Albert Siegel im Knirschvogelhaus


Manfred Trautmann & Band als vorläufiger Endpunkt der Veranstaltungsreihe Begegnungen


Der Ort am Vogelknirschhaus in Walpertskirchen wirkt selbst an regnerischen Sonntagvormittagen nicht ganz so trist wie anderswo. Das liegt nicht allein an jenem satten Grün zum Bahndamm hin, der an einen dichten Regenwald erinnert. Auch das Gebäudeinnere scheint trotz der dunkelgrauen Wolkenfetzen noch einladend offen und hell. Vor allem an diesem Tag. Die Hausherren und -damen Knirsch und Vogel, seit Jahren für Offenheit in Sachen Kulturveranstaltungen bekannt, für Lesungen, Musikaufführungen, auch Ausstellungen, haben den Theaterregisseur und Autor Manfred Trautmann geladen, und der Musik kommt innerhalb des Aspekts Begegnung zur Literatur diesmal ein besonderer Stellenwert zu. Immerhin sind mit Trompete (Gabriel Keogh), Schlagzeug (Edwin Karbaumer), Kontrabass (Stephan Glaubitz), sowie Klavier (Gastgeber Dieter Knirsch) gleich vier Instrumente vertreten.

Witzige Geschichten, oft mit Hang zur Satire, verkauft Trautmann seit Jahren an grosse Tageszeitungen, und hat diese zu einem Buch zusammengetragen.

Mit ihnen entführt er nun die Zuhörer hinweg aus hiesigen Regenwälder; etwa in die Welt eines Angestellten, der sich in einer kurzen Mittagpause an der verkehrten Kasse im Supermarkt anstellt. Dann nimmt er uns mit in die grosse Welt der Oper, wundert sich über merkwürdig hüpfende Darsteller, welche im Angesicht des Todes immer noch fröhlicher zu singen scheinen. Eine ebenfalls eher groteske Art der Kommunikation hat sich Tante Anne von einem Ort in der Einflugschneise des Münchner Flughafens angewohnt. Die ansonsten sehr redselige Verwandte verharrt regelmässig in Phasen exakt 20-sekündigem Schweigens.

Zwischen den Texten bauen die Musikinstrumente die Brücken, jazzig verspielt, gewinnt mal das eine oder andere die Oberhand, um sich zu kraftvollen Soli zu steigern. Passend die Opernarie "voi che sapete mozart", ein lockeres "days of vine and roses", und auch ein ver-jazztes "Prosit der Gegemütlichkeit" ist mit dabei. Der Grund: Trautmann zitiert humorvoll-ironisch einen typisch bayuwarischen Volksvertreter, der mit der Anzahl der Biere dem Volk immer näher kommt.

Dazwischen wird der Autor ernster. Eine fast beklemmende Stille breitet sich aus, als Trautmann aus seinem Buch "Das Leben geht dich nichts an" den Text "Jetzt kommen die stillen Tage" über den Tod des Großvaters vorträgt. Sie beinhaltet die Frage kindlicher Mitschuld, aber auch tiefer Befreiung.

Mit der Kurzgeschichte "Dampflok", erschienen in der 8. Ausgabe der Erdinger Literatenzeitschrift Gedanken-Sprung, schliesst sich der Kreis; der Bahndamm wird zum Thema, aber eher still und nachdenklich. Im Text sieht ein verkrüppeltes Kind sehnsüchtig der kräftig stampfenden schwarzen Maschine hinterher.

Trautmann erklärt, spricht von Erfahrungen, erinnert sich, ...

Dabei gelingt es ihm, alleine durch seine Stimme und durch spärliche, aber akzentuierte Gestik Szenarien zu schaffen, welches das Publikum in Bann zieht. Gekonnt setzt er seine Stimme als Stilmittel ein, polternd, sanft, verängstigt, leise und laut. Alleine seine Stimmlage und das Tempo vermögen zu vermitteln, daß sich die Ereignisse nun überschlagen, oder sich eine schon fast gespenstische Ruhe ausbreitet.

Nach der abwechslungsreich-kurzweiligen Veranstaltung, grad was auch die Begegnung zwischen Text und Musik betraf, folgen im Vogelknirschhaus nun stillere Tage. Im September oder Oktober immerhin soll die Folge der Begegnungen auf lockere Weise fortgeführt werden. Eine Ausstellung von Erich Heuschneider und ein Abend mit italienischen Opern sind in Planung.