"Menschen und Zeit"
Ausstellung von Sibylle Böhmer-Rawas im Erdinger Frauenkircherl
Vernissage: Freitag, 25.06., 19 Uhr
geöffnet: 25. - 31.06.,   12 - 18 Uhr

Pressebericht
(Erdinger Anzeiger)

 

Pressebericht
(Erdinger Süddeutsche)


Die Bilder waren nie so aktuell wie derzeit - obwohl sie zeitlos sind. Das Leid der Menschen. Der Mensch als Spielball fremder Mächte und höherer Interessen.
Sibylle Böhmer-Rawas weist mit Ihrer Ausstellung auf dieses individuelle Leid hinweisen, um die Menschen in den Kriegs- und Hungergebieten eben nicht zu vergessen. Die Ausstellung als Zeichen der Solidarität, und als Zeichen gegen das Vergessen. Genauso wie der Besuch. 


Laudator Brian Burger von der Plattform Heimstetten:

Sehr geehrte Besucher und Besucherinnen!

Bevor sie sich nun alle in die Vernissage “stürzen“ werden, möchte ich Sie alle um ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten:

Wir blicken jeden Morgen in den Spiegel und sehen ein Gesicht. Was ist das für ein Mensch? Es gibt Künstler, die blicken in andere Gesichter und stellen sich die gleiche Frage.

Wir sollten nicht gleich schockiert zurückweichen und flüchten vor den hässlichen Unwägbarkeiten des Lebens. Wenn wir uns im Spiegel sehen, sind wir dann nicht auch nachsichtig mit uns, wenn wir eine Hautunreinheit entdecken und versuchen, das wieder ’hinzukriegen’?

Diese hier ausgestellten Bilder schauen nicht weg. Sie schauen hin. Sehr genau. Aber nicht voyeuristisch. „Es gibt doch schon genug Schreckensbilder in den Massenmedien“, würden sie sagen?

Die Kommunikation wird immer schneller und je mehr Möglichkeiten wir dazu haben, desto einsamer werden wir dabei. Eine Ausstellung im Allgemeinen und diese Ausstellung im Besonderen, braucht viel Zeit. Ganz besonders die Menschen, die sie betrachten. Also nehmen sie sich Zeit.

Die Bilder wollen betrachtet werden und zwar aktiv. Ich möchte sie alle dazu ermuntern, sich in die Bilder hineinzudenken, sie sich zu eigen zu machen. Denn so kann sich der Kommunikationsprozess vom Schöpfungsakt auf uns Betrachter in der Ausstellung übertragen und dann im Anschluss daran in Gesprächen wiederum auf andere und so weiter und so fort. Nehmen sie mit der Künstlerin Kontakt auf.

Eine unendliche Reihe von Austauschmöglichkeiten tut sich uns so auf. Leid und Hoffnung, Mensch und Zeit – Kommunikation und Kreativität als Lebensraum für Gefühl und Verstand.

Denn jedes Werk ist Ausdruck einer stummen Kommunikation zwischen Modell und Künstlerin. In jedem Bild kann ein Teil derjenigen gefunden werden, die es kreiert hat. Aber auch ein Anteil derer, die abgebildet wurden. Denn Identität entsteht im wechselseitigen miteinander. Zentrale Qualität der vielen Portraits ist das Spannungsfeld von Hoffnung und Angst. Auch eine zentraler Faktor, der unser Menschsein ausmacht. Vielleicht kann uns die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber sogar zur Inschrift des Apollontempels in Delphoi führen: „gnóthi seautón“ – „Erkenne Dich selbst.“. Wir brauchen einander. Was kann falsch daran sein, Hilfe und Anteilnahme geben und empfangen zu wollen? Denn dazu sind nicht nur „Verworfene“ fähig. Es ist keine Krankheit, sich Sorgen zu machen, es ist menschlich. Die Angst vor Traurigkeit und Leiden wird uns nicht davor bewahren, uns damit auseinandersetzen zu müssen, denn wir leben in einer Risikogesellschaft und das Leben ist das spannendste Risiko von allen. Unsere Erfahrungen und Wissensinhalte sensibilisieren uns für unsere Umwelt. Das hat die hier ausstellende Künstlerin am eigenen Leibe erfahren. Geboren und aufgewachsen in Berlin, Studium der Bildenden Kunst in Frankfurt/Main, literaturwissenschaftliche Studien in Frankfurt, Hamburg und München. Ausgedehnte Reisen und damit Kenntnis vieler Menschen und Länder.

Einem Menschen, der als Übersetzerin arbeitet, kann man wohl eine Kompetenz in der Kommunikation unterstellen. Diese drängt nicht nur in der Malerei, sondern auch in zahlreichen Gedichten und Lesungen nach Ausdruck und Gehör. Der Inhalt ihrer Werke soll seinen Schwerpunkt auf den Schattenseiten des Daseins haben, verbunden mit einem Aufruf zur Verbesserung der herrschenden Verhältnisse. Jedoch schützt eine ausgeprägte Kommunikation nicht vor privaten Rückschlägen. Aufrufe verhallen all zu oft in der Leere von Ignoranz und Bequemlichkeit, denn, wie Anton Tschechow sagte: „Je kultureller – desto unglücklicher.“.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Bitte haben sie keine Angst vor Politik, sondern nehmen sie selbst daran Teil!

Es ist ein weiter, beschwerlicher Weg zum Licht. In dieser Ausstellung blitzen immer wieder bunte Lichtpunkte der Hoffnung auf, an denen man ‚auftanken’ kann, also freuen sie sich auf eine rasante Achterbahnfahrt durch die Untiefen unseres Lebens. Der Mensch ist krisenanfällig und Fassaden heruntergerissen zu bekommen ist unbequem. Rückschläge, die uns im Leben widerfahren, machen uns skeptisch und das Bedürfnis des Helfens kann uns verzweifeln lassen. Als Betrachter von Bildern jedoch haben wir die Möglichkeit, ohne Gefahr und in aller Ruhe über die tieferen Schichten der Abgebildeten und des Abbildenden nachzudenken und frei zu spekulieren. Immer mit dem Hintergedanken, dass das Bild nicht der Künstler ist und umgekehrt. Allerdings kann jeder sein eigener „Gedanken-Künstler“ sein.

Das ist die Freiheit im Geiste für den Betrachter und die Freiheit der Seele des Künstlers. Betrachten sie doch bitte diese Ausstellung also als geschützten Denk- und Fühlraum und tauschen sie ihre Gedanken mit anderen Betrachtern aus. Um mit gutem Beispiel voraus zu gehen und ein wenig anzuregen, hier einige meiner gewagten, assoziativen Gedanken zu einzelnen Bildern aus verschieden Zeiten und von verschiedenen Menschen: Auch Faust ließ sich mit Mephistopheles Mantel um die Welt tragen:   

Kambodscha 2004: Eine Frau. Sie ist traurig. Sie sucht nach Hilfe.

Liberia 2003: Eine Gruppe von Kindern. Eine hungrige Horde. Leiden sie wirklich oder stellen sie sich nur zur Schau, um ihren Vorteil daraus zu ziehen? Der Betrachter wird skeptisch, denn es gibt zu viele von diesen kleinen und auf den ersten Blick niedlichen „Negerkindern“. Sind sie organisiert? Sind sie vielleicht sogar so gut organisiert und haben gar noch mehr Geld als das „rote Kreuz“, das immer zum Betteln an die Haustüre kommt und einem Angst und ein schlechtes Gewissen einreden will: „Guten Tag, schön, dass ich sie zuhause antreffe. Nur zwei Minuten Zeit und einen kleinen Monatsbeitrag bitte, sonst lassen wir sie im Notfall verrecken.“?

Es soll ja Menschen geben, die intelligente Raketen erfinden, andere räumen dann das entstandene Malheur in zylindrische Metallbehälter und diese dann in Helikopter, die wiederum andere Gebaut haben und mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Es soll übrigens auch Menschen geben, die Wählerstimmen und als Belohnung dann Steuergelder hergeben.

Wer nützt eigentlich wen aus in diesem Verwirrspiel? Wir müssen trotz allem skeptisch bleiben. Darf man so etwas überhaupt denken: „Was isst der Papst heute zu Mittag?“ Man sieht ihn gelegentlich im Fernsehen.

 

München Frank Wedekind: Der Erdgeist/Die Büchse der Pandorra vor nicht allzu langer Zeit: Ein buntes Gesicht aus schwarz, gelb, blau und rot. Eine gewisse Leichtigkeit trotz der schmerzensvollen Augen. Eine Komödie bahnt sich an, nach all der Tragik. Doch die Farbe scheint nur eine Maske zu sein. Ein leichtes Tuch oder ein Mantel, den man sich umwerfen kann, um weiter zu kommen und durchzuhalten. Ein warmer, sonniger Mantel inmitten all der Kälte. Ein Tiger aus Licht. Etwas, nach dem auch wir suchen. Aber auch ein Gefüge von Sexualität, Macht und Prostitution. Vielleicht eine Frau namens ‚Lulu’?

 

Indien 2002: Eine Frau. Sie trägt eine Schale auf dem Kopf und Traurigkeit im Gesicht. Das bisschen an Kameldung in diesem schlichten Behälter wird die Feuerstelle zuhause nicht lange erhellen können, um die wenige Nahrung zuzubereiten. Sie muss eine Menge „Mäuler“ stopfen. Sie lenkt ihren Gang zu den Plastikplanen. Es ist kein Campingplatz!

Mit dünnen Armen und ärmlicher Kleidung blickt sie während des Laufens angstvoll in die Zukunft. Sie trägt auch eine „Schale“ um sich. Es liegt viel hinter ihr, dass ihr das Vertrauen auf bessere Begegnungen mit dem Schicksal schwer macht. Die Hoffnung auf die nächste Inkarnation macht gefügig, aber nicht satt.

 

Irak 2004: Ein alter Mann mit Kopftuch. Er stützt nachdenklich Gesicht und Nasenrücken mit seinen knorrigen Fingern. Die Bürde seiner Verantwortung und Lebenserfahrung lastet schwer auf ihm. Auch er möchte fröhlich sein aber auch Sicherheit haben. Er scheint für andere sorgen zu müssen. Vielleicht ein Vater, der über den besten Weg seiner Kinder nachdenkt. Sein Wille versucht, das Schicksal zu lenken. Sein Realismus schützt ihn vor Allmachtsgedanken. Aber nicht vor Bombenangriffen.

 

Indien 2003: Eine kämpferische, junge Frau mit wirrem Haar, ein junges Mädchen mit altem Gesicht. Frech und doch sehr skeptisch. Man denkt an die Französische Revolution. Ein bitter-süßes Lächeln und hervortretende Schlüsselbeine. Sie ist zart und lebensdurstig zugleich. Jedoch mahnt sie eine immense Vorsicht zur Zurückhaltung. Sie scheint durch die Striche, die sie auf das Papier bannen und existieren lassen, gefangen zu sein. Die Vorsicht stammt aus dem Wissen über die Möglichkeit der Transzendenz und der darauf gerichteten Ungeduld. Ihre großen Augen wirken wie eine Brille vor den Augen. Sie sieht die Welt durch sich selbst. Um sich nicht im Wege zu stehen, sollte sie transparent werden. Was ihr helfen könnte, wäre, sich durchlässig zu machen. Aber die Angst vor den Schmerzen ist leider größer. Wer hat sie ihres Selbstvertrauens beraubt?

 

Ja, die Welt ist nun mal profan! Aber trotz aller Betrachtung und Beschaulichkeit wäre es vielleicht besser, die Welt nicht mehr nur zu interpretieren, sondern sie endlich aktiv zu gestalten. Oder zumindest die Konstruktion von Welt.

Diese Bilder können wir nicht selbst gestalten, denn sie sind schon fertig. Jedoch können wir möglicherweise in der Auseinanderseztung mit den Werken unsere Gedanken gestalten, die Einfluss nehmen auf unser Handeln und somit auf unsere Welt. Es ist möglicherweise naiv, so etwas zu sagen. Aber um John Lennon zu zitieren:

“You may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you'll join us
And the world will be as one”

 

Auch der noch ältere Künstler Bertolt Brecht hat uns in der Dreigroschenoper etwas auf den Weg gegeben, dass ich auch ihnen als Gedankenanregung für die Ausstellung mitgeben will:

„Ihr Herrn, urteilt jetzt selbst: ist das ein Leben?

Ich finde nicht Geschmack an alledem

Als kleines Kind schon hörte ich mit Beben:

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm

 

 

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich

Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.

Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich

Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.“

 

Diese Gedanken stammen aus den Jahren 1928 (Brecht ) und 1971 (Lennon). – Mensch und Zeit. – Ist es nicht endlich an der Zeit, zu handeln?

Machen auch sie sich ihre eigenen Gedanken und verknüpfen sie die Empfindungen und Gedanken, zu denen die Werke anregen mit Erfahrungen aus ihrer eigenen Biographie. Denn wir sind alle Menschen mit wichtigen Erfahrungen und Zukunftvisionen. Treten sie mit der Künstlerin im Gespräch in Kontakt, wenn sie das möchte.

So wird auch diese Ausstellung zur Steigerung und Intensivierung unserer Lebensqualität und möglicher Weise, mit ganz viel Glück, ein wenig zu einer schöneren Neukonstruktion unseres eigenen Seins und unserer Welt beitragen können.

Das gilt natürlich für jede Ausstellung aber es ist ein wichtiges Anliegen dieser Künstlerin, die Ausbeutung der unterpriviligierten Mitmenschen in der so genannten „dritten“ Welt anzuprangern und damit muss sich im demokratischem Sinne auseinandergesetzt werden.

Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und selbstverständlich ganz besonders bei Frau Sybille Böhmer-Rawas, dass ich heute hier mit diesem Text beigetragen durfte und wünsche allen viel Vergnügen mit ihren subjektiven Sinneserfahrungen und der dazugehörigen Datenverarbeitung in ihren Gehirnen.

Der Tunnel durch dieses Panoptikum des Leids ist dunkel und einsam. Aber gehen sie hindurch und gelangen sie aus der Höhle der Schattenspiele hinaus ans Licht der Befreiung der Menschen von ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Die Welt ist eine veränderbare, wenn wir nicht allzu ängstlich sind.

Die Menschen haben ihre Zeit, um sie angenehm zu verbringen.

Menschen gestalten das Fernsehen. Menschen bestimmen die Lehrpläne.

Die Zeiten ändern sich.

Vielen Dank für Ihre Konzentration und Aufmerksamkeit.

Brian Burger, Kirchheim bei München, 12.06.2004  


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