20 Jahre TAGWERK

 

Erinnerungen
und
Erfahrungen

 

 


Der Grüne KV Erding anno 1984(?)


20 Jahre ist es nun also her.

Es war irgendein Donnerstag im Spätsommer vor 20 Jahren im längst legendärem Hirschwirt.
Im Nebenzimmer, gleich rechterhand hinter der Eingangstür mit dem riesigem Hirschgeweih, hatte sich der Grüne KV und einige Sympatisanten eingefunden. Erst wenige Jahre zuvor waren die Grünen in Erding gegründet worden. Es herrschte Aufbruchstimmung.

Franz und Christa gehörten genauso zu den Stammgästen wie Karl-Heinz, Klau-Di, auch ein Rüdiger Vogel, ein irgendwie Köhler, natürlich Agnes Steinmetz, Vallentin Dasch, Migo Lichtenwimmer oder Hanna Ermann. Dazu gehörte auch eine lose Zahl unregelmäßig erscheinende Gäste, teils um sich von den kreativen Köpfen informieren oder inspirieren zu lassen; darunter befand sich auch ein Heinar Kipphardt. Der bekannte Autor hatte sich in seinen letzten Lebensjahren in der Nähe von Frauenberg niedergelassen.
Auch ich genoss die konstuktiv-lockere Atmosphäre; die Art wie diskutiert, argumentiert, wie Pläne geschmiedet wurden und ich spürte, welche Kraft von den drei zusammengestellten massiven Holztischen in diesem Raum ausging. An einem dieser Abende hörte ich zum ersten Mal von der Idee.
Franz und Christa stellten ihr Projekt TAGWERK vor. Nachdem das Konzept klar war, zögerte ich keinen Moment, als es darum ging, konkret der ökol. Erzeuger- und Verbrauchergenossenschaft beizutreten, wurde als Nr. 20 oder 30 Mitglied.

  

„Strom kommt aus der Steckdose“?  

Die Plakatständer jener Zeit sind mir noch in Erinnerung. Vor Bundestags- oder Landtagswahlen wollten man die Grünen damit zu belächelten und irgendwie wohl geistig begrenzten „Nein“-Sagern erklären, die keinerlei Alternativen präsentieren. "Atomstrom Nein Danke" - und was dann?
Ich hatte einige Male solchen Leuten geantwortet: Macht euch doch selbst ein Bild von den Grünen, schau sie Dir an, hör zu. Da steht mehr dahinter, als man mit solch plumpen Sprüchen zu bezwecken sucht. Allerdings war ich zu jener Zeit ein eher zurückhaltender und stiller Beobachter. Aber ich hielt die Eindrücke fest, notierte Aktionen und Termine; Veranstaltungen zur Mülldeponie im Sollacher Forst, zu Anti-Flughafen-Demos in Franzheim, zum Waldsterben.
Vor allem fuhr ich, sobald Zeit und mein alter roter VW-Käfer es zuließ nach Prenning. Ich wurde hier Teil des zumeinst regen Treibens. Ständig gab es zu tun. Man hörte Hämmern, oder das Geräusch der Kreissäge vor dem Schuppen, welcher sich ganz allmählich in ein Getreide-, Obst und Gemüselager verwandelte. Ich lernte den Umgang mit den Geräten, lernte mit meinen eigenen Händen Zement zu mischen, den Boden zu betonieren, Bretter zu Regalen zu schneiden, Drainagen und Kanäle auszuheben. Ich half beim Abriss des alten Schuppens auf der gegenüberliegenden Seite,  jätete Unkraut, pflanzte Bäume. Einmal auch half ich beim Verkauf auf dem Marktplatz. Bald darauf war ich Imker, also Herr über zwei Bienenvölker. Die "Beuten" hatte ich stolz selbst zusammengezimmert.

  

Christa & Franz

Das alles entsprach meinen Sehnsüchten, das sich für eine gute Sache zu engagieren, mit der eigenen Hände Arbeit etwas mit zu erschaffen, bei der ich wusste, dass es wichtig und richtig war
– Das wußte ich damals, nicht erst heute, 20 Jahre später.
Und natürlich wollte ich mich auch in eine Gemeinschaft integrieren, wie es diese war. Ich war in dem Alter, in dem man seinen Weg, auch seine Ideale sucht. Ich versuchte bei diesen Personen Techniken abzuschauen, zu lernen, um so die eigenen Potentiale zu öffnen, suchte nach Leitbildern zur eigenen Orientierung für den eigenen künftigen Weg.

Die Grünen, oder eben auch TAGWERK, das waren damals ziemlich austauschbare Begriffe, denn die Grünen machten TAGWERK und TAGWERK waren die Grünen. Jedenfalls war die Gruppe um Franz und Christa ein Stück zur eigenen Heimat geworden. Ich erinnere mich an Christas Eltern; den stets eher griesgrämigen an den Rollstuhl gefesselten Vater, für den der alternative Rummel in Prenning eher rätselhaft-unverständlich blieb, obwohl er gegen Ende doch noch ganz allmählich in die Szene hineinwuchs und die Leute zu schätzen lernte. Jedenfalls konnte sich der Arme ;-) nicht wehren. Ich erinnere mich an Christas Mutter, die ebenfalls von Erding-Siglfing kommend sich viel schneller in den einsamen Hof Prenning eingewohnte, der viel zu selten wirklich still blieb. 
Ich kann mich noch an die Zeit vorher erinnern, als ich van Christas Elternhaus läutete, weil ich Kontakt zu den Grünen suchte, und Christa "die Grüne" in Erding war. Ihre Mutter stand in der Tür und gab Auskunft, dass sie noch im Gymnasium in Hl. Blut arbeitet.
Die Schule schien Christa ihr ganzes, viel zu kurzes Leben nicht loszulassen. Einige Jahre später studierte sie im Alter um die 35 an der Landwirtschaftshochschule in Landshut, machte sich damit ungewollt zum Vorbild für mich, der ich ebenfalls im fortgeschrittenerem Alter mittlere Reife und  Fachabitur nachholte, um mit 36 mein Architekturstudium in Wismar zu beginnen.

Ich erinnere mich an die damals noch kleine, sehr lebendige Tochter, die mich stets freudig begrüsste, an die beiden so unterschiedlichen Hundecharaktere, die trotz ihrer äußeren Unterschiede so gut zusammenpassten. So war auch TAGWERK, in der mit Ursula Leipold eine eher wertkonservative Lehrerin in Ruhestand genauso hineinpasste wie der langhaarige Freak Migo. Auch die wuchsen zusammen. Manchmal scheinen die Szenen, die zahllosen Nachmittage heute noch sehr vertraut - wie wenn alles erst Vorgestern gewesen wär. Alles für ein paar Mark in der Stunde und ab und zu einem gemeinsamen einfachen aber leckerem Bio-Essen. Einfach „bueno“, hatte Franz vor einigen Jahren seine eigene Kochkunst auf den Nenner gebracht, als er als Öko-Koch selbst zum Autor von Kochbüchern geworden war. Und so schmeckte es eben auch in Prenning. 

 

Neue Heimaten   

Eines Tages verließ ich die Szenerie um TAGWERK, zog ins Fränkische, nach Burgkunstadt, dann nach Forchheim, Bayreuth und  Würzburg, nach einem Jahr München ging es im hohem Bogen bis an die Ostsee. Ich zog nach Wismar.

Obwohl TAGWERK also zunächst in relative, danach in weite Ferne rückte, fühlte ich mich stets weiterhin als TAGWERKER. Wenn es Gelegenheit gab, streckte ich die Fühler in meiner neuen Umgebung aus, hin zu Leuten, die ähnlich idealistisch und sensibel meine Anschauungen teilten. So suchte ich stets zuerst Kontakt zu den Grünen. In Lichtenfels lernte ich auf diese Weise Elli Göres, die Inhaberin des Naturkostladens Apfelbaum kennen. Es entstand eine lange Jahre andauernde Freundschaft, zählte dazu einen größeren Freundes- und Bekanntenkreis im grünalternativen Milieu.
Als ich in Forchheim die mittlere Reife nachholte, hatte ich das Thema Lebensmittelzusätze zu meiner Deutsch-Facharbeit gemacht, und mir damit einen Namen unter den Forchheimer Grünen. Zu einem Info-Abend lud ich TAGWERKER Franz Leutner, verfasste im Anschluss einen Pressebericht. Als Vorprogramm hatten wir ein Theaterstück „ein ganz normales Abendessen“ des Ottenhofeners Werner Maier eingeübt. Für die nächste zufällig stattfindende Kommunalwahl bot man mir an, als Nr. 4 im Landkreis FO zu kandidieren. 

In dieser Zeit tauchte ich nur sporadisch zu Hause auf, aber wenn es mir möglich war erkundigte ich mich im TAGWERK-Laden über den aktuellen Stand, informierte mich über die TAGWERK-Zeitschrift, und gab sie an Elli weiter.
Allerdings war für mich TAGWERK als Erzeuger- und Verbrauchergenossenschaft immer nur ein Ausschnitt jenes Horizonts, der mir wichtig war. Der Bereich des Sozialen, der Kommunikation, Kultur, aber auch Themen um den Verkehr hatten es mir genauso angetan.

Als ich im Oktober 1993 mein Architekturstudium in Wismar begann, wurde ich zum ersten Mal und ganz direkt mit dem Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit konfrontiert.
Ich erlebte die destruktive laute Aggressivität alkoholkranker Jugendlicher am eigenen Leib. Ich hatte sehr viel Glück, dass ich jenen Sonntagnachmittag nach der Rückkehr von Jean Clauds Reichstagsverhüllung aus Berlin gesund überlebte, und von der noch halbvollen Schnapsflasche am Kopf nur gestreift wurde. Ich wich aus, die Flasche prallte ab und verletzte einen anderen der herumstehenden Jugendlichen schwer am Auge. Dann lief Ich um mein Leben, verfolgt von der Meute, wurde schliesslich mit Hilfe dreier Polizeiwagen aus der Wohnung im Plattenbau-Stadtteil abgeholt, in die ich flüchten konnte. Das Erlebnis hatte sich tief in mich hineingebohrt, und hatte Folgen!
Und zwischendrin erfuhr ich von Christas Tod. Mir erschien sie im Traum,. Sie legte ihre Hand auf meine Stirn...
Einige Monate später initiierte ich ein Projekt mit dem Ziel, Jugendlichen Sinn zu geben. So entwickelte sich eine konkrete Projektidee, woraus der gemeinnützige Verein Brutto e. V. entstand. Wir beteiligten uns über den Stadtjugendring Wismar an einem bundesweiten Innovationswettbewerb, gewannen unter 43 teilnehmenden Projekten den ersten Preis, wurden für eine Woche nach München eingeladen, lernten hier brutto-ähnliche umgesetzte Projekte kennen. Wir waren auf Messen eingeladen, es gab Pressetermine, zahlreiche Gespräche mit Vertretern der Stadt Wismar. Immerhin wurden uns knapp 100.000 DM an Landesfördermittel in Aussicht gestellt.

Doch dabei hatte ich etwas übersehen: Durch mein Engagement überzog ich die Regelstudienzeit. Wenige Belege vor dem Diplom erfuhr ich, dass mir das BAföG gestrichen wird.

Ohne Geld wusste ich nicht weiter und entschied mich dafür, das Angebot meiner Eltern anzunehmen, die letzten Arbeiten im heimatlichen Erding fertig zu stellen. Es war mein größter Fehler!

 

Zurück in heimatliche Fremde:
Kommunikation und Integration: Nein Danke?

 Das Projekt in Wismar löste sich auf! Auch mit allen Freundschaften und Bekanntschaften erging es mir ähnlich. 1000 km entfernt entschwanden alle Kräfte, fühlte ich mich wie eine Pflanze, der man das Wasser entzogen hat. Ich verdorrte im Trockenen,  verlor den Kontakt zu den Professoren und Kommilitonen, und  erlebte die schlimmste und einsamste Zeit meines Lebens. Ich hatte all das die Jahre zuvor nicht mehr für möglich gehalten, wollte nicht glauben, dass mir das noch passieren kann.

Ich suchte Kontakt, fand aber nichts. Ich suchte auch bei TAGWERK, bei den Grünen, bei der lokalen Agenda, beim Bund Naturschutz, doch jeder schien nur mit sich selbst beschäftigt. Ich kam mir wie ein Eindringling vor, der grad mal mitplakatieren oder Froschzäune aufstellen durfte. 

All die Erfahrungen der letzten Jahre und Jahrzehnte halfen mir hier nicht. Ich hatte doch immerhin Erfahrung gesammelt, hätte mich einbringen können, als Sozialarbeiter und als Fast-Architekt. Ich wollte Projekte initiieren, oder mich irgendwo mit beteiligen, doch es gab längst keinen Hirschen mehr, keinen Ansprechpartner. Statt dessen fiel mir die Sprachlosigkeit auf, die Zäune überall. Ich fand zunächst keine Gründe, mir nannte sie auch keiner. Ich drohte in meine Rolle als Kind und Jugendlicher zurückzufallen, hatte weitere höchst seltsame Erlebnisse. Ich brauchte Hilfe, aber es gab niemanden, den ich fragen konnte. 

Ich hätte Architekt sein können; einer der sich wie manch anderer in der Öko-Szene etabliert hat, den man als Ansprechpartner sucht, aber ich war nun keiner. Es war auch niemand da, der sich für die Gründe interessierte. Wieso auch? Das Hierarchiedenken hat längst auch in ehemals grün-alternative Kreise Einzug gehalten, und wer nicht wirklich er selbst ist, braucht Leute, die noch weiter unten stehen. Man hatte in mir jemanden gefunden, auf den man hinunterblicken konnte.

Ich gründete den Erdinger Literatentreff, nicht weil ich mich als grossen Literat betrachte, sondern weil ich in der kommunikationslosen Zeit ein Forum der Kommunikation aufbauen wollte; ein Forum, in dem Lebenserfahrung in Form von Texten weitergegeben wurden; so wie jener Aussteigergeschichte von Ludwig Zaccaro in etwa.
Plötzlich interessierte sich TAGWERK für Zaccaro, auch wenn offenbar nie jemand die Frage stellte, wie der Freisinger überhaupt nach Erding gekommen war, oder welch andere interessante Leute und Lebenswege der Erdinger Literatentreff bietet.
Die Plattform xED entstand aus ähnlichen Motiven. Es sollte eine Einladung zum Gedankenaustausch, zur Kommunikation sein. Auch diese wurde nicht angenommen.
Ich engagierte mich für ein Kultur- und Bürgerhaus in der ehemaligen Post, um Kommunikation einem Ort zu geben, verfasste ein Konzept, beschrieb Finanzierung, organisierte einen Infoabend, ... 

Auch die Idee der MIFAZ, einer lokal ausgerichteten Mitfahrzentrale, hatte ich zuvor an die lokale Agenda und TAGWERK weitergegeben,  ohne jede Reaktion. Dabei ging es doch vor allem um das Ziel, den Verkehr zu reduzieren, in dem man das Organisieren von Fahrgemeinschaften auf dem täglichen Arbeitsweg so intelligent und einfach wie möglich macht.
Kooperationen kamen schließlich außerhalb zustande, über lokale Agenda-Gruppen in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und  München. Es gab eine Reihe von Presseberichten, bis hin zur Münchner Abendzeitung. In der TAGWERK-Zeitung tauchte die MIFAZ, genauso wie all die anderen Projekte von Genossenschafts-Mitglied Nr. 26 (?) nie auf. 
Hätte es eine heimatliche Basis gegeben, wie vieles hätte sich wohl schneller und einfacher entwickeln können?

 

Kommunikation und Integration: Ja Bitte! 

TAGWERK wird nun also 20 Jahre alt; zahlreiche Veranstaltungen finden vom 22.-26.09. im TAGWERK-Zentrum in Dorfen statt - vor allem zum Thema Verkehr!
 Was also bedeutet TAGWERK jenseits der Erzeuger- und Verbrauchergenossenschaft?

Demnächst feiert auch der Erdinger Literatentreff ein kleines Jubiläum. Meine Motivation innerhalb der bald 50 Treffen war ein gesamtheitlicher, um nicht nur auf literarischer Ebene aktiv zu sein, sondern grundsätzlich jeden einzuladen und ernst zu nehmen(!); eigene Texte, damit auch eigene Lebenserfahrungen und Lebensbilder weiterzugeben. Die 9. Ausgabe des Gedanken-Sprung, welche am 02.12. zusammen mit einer Vernissage in Galerie und Wein in Taufkirchen erscheinen soll, trägt das Motto Wege. Es ist mir wichtig, Lebenswege zu öffnen und Mut zu machen, den richtigen Weg zu finden, nicht zu verschließen.