|
20 Jahre TAGWERK
Erinnerungen
|
|
|
20 Jahre ist es nun also her. Es war irgendein Donnerstag im Spätsommer vor 20 Jahren im
längst legendärem Hirschwirt. Franz und Christa gehörten genauso zu den Stammgästen wie
Karl-Heinz, Klau-Di, auch ein Rüdiger Vogel, ein irgendwie Köhler, natürlich Agnes
Steinmetz, Vallentin Dasch, Migo Lichtenwimmer oder Hanna Ermann. Dazu gehörte
auch eine lose Zahl unregelmäßig erscheinende Gäste,
teils um sich von den kreativen
Köpfen informieren oder inspirieren zu lassen; darunter befand sich auch ein
Heinar Kipphardt. Der bekannte Autor hatte sich in seinen letzten Lebensjahren
in der Nähe von Frauenberg
niedergelassen.
„Strom kommt aus der Steckdose“? Die Plakatständer jener Zeit sind mir noch in
Erinnerung. Vor Bundestags- oder Landtagswahlen wollten man die Grünen damit zu belächelten und irgendwie wohl geistig begrenzten „Nein“-Sagern
erklären, die keinerlei Alternativen präsentieren. "Atomstrom Nein Danke" - und was dann?
Christa & FranzDas alles entsprach meinen Sehnsüchten,
das sich für eine gute Sache zu engagieren,
mit der eigenen Hände
Arbeit etwas mit zu erschaffen, bei der ich wusste, dass es wichtig und richtig war Die Grünen, oder eben auch TAGWERK, das waren damals
ziemlich austauschbare Begriffe, denn die Grünen machten TAGWERK und TAGWERK waren die
Grünen. Jedenfalls war die Gruppe um Franz und Christa ein Stück zur eigenen
Heimat geworden. Ich erinnere mich an
Christas Eltern; den stets eher griesgrämigen an den Rollstuhl gefesselten
Vater, für den der alternative Rummel in Prenning eher rätselhaft-unverständlich
blieb, obwohl er gegen Ende doch noch ganz allmählich in die Szene hineinwuchs
und die Leute zu schätzen lernte.
Jedenfalls konnte sich der Arme ;-) nicht wehren. Ich erinnere mich an Christas Mutter, die
ebenfalls von Erding-Siglfing kommend sich viel schneller in den einsamen Hof
Prenning eingewohnte, der viel zu selten wirklich still blieb. Ich erinnere mich an die damals noch kleine, sehr lebendige Tochter, die mich stets freudig begrüsste, an die beiden so unterschiedlichen Hundecharaktere, die trotz ihrer äußeren Unterschiede so gut zusammenpassten. So war auch TAGWERK, in der mit Ursula Leipold eine eher wertkonservative Lehrerin in Ruhestand genauso hineinpasste wie der langhaarige Freak Migo. Auch die wuchsen zusammen. Manchmal scheinen die Szenen, die zahllosen Nachmittage heute noch sehr vertraut - wie wenn alles erst Vorgestern gewesen wär. Alles für ein paar Mark in der Stunde und ab und zu einem gemeinsamen einfachen aber leckerem Bio-Essen. Einfach „bueno“, hatte Franz vor einigen Jahren seine eigene Kochkunst auf den Nenner gebracht, als er als Öko-Koch selbst zum Autor von Kochbüchern geworden war. Und so schmeckte es eben auch in Prenning.
Neue Heimaten Eines Tages verließ ich die Szenerie um TAGWERK, zog ins Fränkische, nach Burgkunstadt, dann nach Forchheim, Bayreuth und Würzburg, nach einem Jahr München ging es im hohem Bogen bis an die Ostsee. Ich zog nach Wismar. Obwohl TAGWERK also zunächst in
relative, danach in weite Ferne rückte, fühlte ich
mich stets weiterhin als TAGWERKER. Wenn es Gelegenheit gab, streckte ich die Fühler
in meiner neuen Umgebung aus,
hin zu Leuten, die ähnlich idealistisch und sensibel meine Anschauungen
teilten. So suchte ich stets zuerst Kontakt zu den Grünen. In Lichtenfels lernte ich
auf diese Weise Elli Göres, die Inhaberin des Naturkostladens Apfelbaum kennen.
Es entstand eine lange Jahre andauernde Freundschaft, zählte dazu einen größeren
Freundes- und Bekanntenkreis im grünalternativen Milieu.
In dieser Zeit tauchte ich nur sporadisch zu Hause auf,
aber wenn es mir möglich war erkundigte ich mich im TAGWERK-Laden über den
aktuellen Stand, informierte mich über die TAGWERK-Zeitschrift, und gab sie an
Elli weiter.
Als ich im Oktober 1993 mein Architekturstudium in Wismar begann, wurde ich zum
ersten Mal und ganz direkt mit dem Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit
konfrontiert. Doch dabei hatte ich etwas übersehen: Durch mein Engagement überzog ich die Regelstudienzeit. Wenige Belege vor dem Diplom erfuhr ich, dass mir das BAföG gestrichen wird. Ohne Geld wusste ich nicht weiter und entschied mich dafür, das Angebot meiner Eltern anzunehmen, die letzten Arbeiten im heimatlichen Erding fertig zu stellen. Es war mein größter Fehler!
Zurück in heimatliche Fremde: Das Projekt in Wismar löste sich auf! Auch mit allen Freundschaften und Bekanntschaften erging es mir ähnlich. 1000 km entfernt entschwanden alle Kräfte, fühlte ich mich wie eine Pflanze, der man das Wasser entzogen hat. Ich verdorrte im Trockenen, verlor den Kontakt zu den Professoren und Kommilitonen, und erlebte die schlimmste und einsamste Zeit meines Lebens. Ich hatte all das die Jahre zuvor nicht mehr für möglich gehalten, wollte nicht glauben, dass mir das noch passieren kann. Ich suchte Kontakt, fand aber nichts. Ich suchte auch bei TAGWERK, bei den Grünen, bei der lokalen Agenda, beim Bund Naturschutz, doch jeder schien nur mit sich selbst beschäftigt. Ich kam mir wie ein Eindringling vor, der grad mal mitplakatieren oder Froschzäune aufstellen durfte. All die Erfahrungen der letzten Jahre und Jahrzehnte halfen mir hier nicht. Ich hatte doch immerhin Erfahrung gesammelt, hätte mich einbringen können, als Sozialarbeiter und als Fast-Architekt. Ich wollte Projekte initiieren, oder mich irgendwo mit beteiligen, doch es gab längst keinen Hirschen mehr, keinen Ansprechpartner. Statt dessen fiel mir die Sprachlosigkeit auf, die Zäune überall. Ich fand zunächst keine Gründe, mir nannte sie auch keiner. Ich drohte in meine Rolle als Kind und Jugendlicher zurückzufallen, hatte weitere höchst seltsame Erlebnisse. Ich brauchte Hilfe, aber es gab niemanden, den ich fragen konnte. Ich hätte Architekt sein können; einer der sich wie manch anderer in der Öko-Szene etabliert hat, den man als Ansprechpartner sucht, aber ich war nun keiner. Es war auch niemand da, der sich für die Gründe interessierte. Wieso auch? Das Hierarchiedenken hat längst auch in ehemals grün-alternative Kreise Einzug gehalten, und wer nicht wirklich er selbst ist, braucht Leute, die noch weiter unten stehen. Man hatte in mir jemanden gefunden, auf den man hinunterblicken konnte. Ich gründete den Erdinger Literatentreff, nicht weil ich
mich als grossen Literat betrachte, sondern weil ich in der kommunikationslosen
Zeit ein Forum der Kommunikation aufbauen wollte; ein Forum, in dem
Lebenserfahrung in Form von Texten weitergegeben wurden; so wie jener
Aussteigergeschichte von Ludwig Zaccaro in etwa. Auch die Idee der MIFAZ,
einer lokal ausgerichteten Mitfahrzentrale, hatte ich zuvor an die lokale
Agenda und TAGWERK weitergegeben, ohne jede Reaktion. Dabei ging es
doch vor allem um das Ziel, den Verkehr zu reduzieren, in dem man das
Organisieren von Fahrgemeinschaften auf dem täglichen Arbeitsweg so intelligent
und einfach wie möglich macht.
Kommunikation und Integration: Ja Bitte! TAGWERK wird nun also 20 Jahre alt;
zahlreiche Veranstaltungen finden vom 22.-26.09. im TAGWERK-Zentrum in Dorfen
statt - vor allem zum Thema Verkehr! |