Das Ende des Wegs

von Walter Koppe

„Ein Bayer auf Rügen“ hieß zu jener Zeit eine TV-Serie, als ich mich Anfang Oktober 1993 vom beschaulichem Erding auf den Weg nach Wismar an die Ostsee mache. Nachdem ich grade zuvor im Alter jenseits der Dreißig Mittlere Reife und Fachabitur nachholte, hatte ich nochmal große Pläne. Ich wollte Architektur studieren und Wismar meldete sich als erste Hochschule. So traf jener Titel, der den Reiz jener Serie ausmachte, damals auch speziell auf meine Person zu - auch wenn die Insel vor dem Hafen Poel und nicht Rügen hieß. Dieser doppelte Kontrast, einerseits aus dem Westen in den Osten, zugleich aber auch aus dem Süden in den Norden, übte auch auf mich einen besonderen Reiz aus. Das einzige noch Vertraute war neben der gemeinsamen Währung der eigene Sprachstamm. Doch selbst wenn ich mich bemühte wurde ich häufig nicht verstanden – wurde zumindest einige male als "Österreicher" entlarvt.

Was mich am meisten befremdete, waren Stadtteile wie Friedenshof. Das Studentenwohnheim lag umgeben von fünfstöckigen tristen, teils aggressivfarbigen Schuhkarton-Platten. Nachdem über  90 % der Werftarbeiter ihren Job verloren, betrug die Arbeitslosenquote in der Hansestadt über 25 %; in Arbeiterstadtteilen wie Friedenshof noch um einiges höher. Auffallend war vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Glasscherben lagen über Betonplattenwege verstreut, über die mein Fahrrad holperte, das Flickzeug hatte ich stets dabei. Alu-Bierdosen fanden sich in den Grünanlagen, und die Telefonzellen funktionierten nur selten; zumeist waren die Leitungen herausgerissen. Die Nächte hallten häufig vom Gegröle jugendlicher Springerstiefel wieder. Der tristen Situation wegen wunderte mich nichts, die jungen Leute hier hatten kaum eine Chance. 

Und dann gab es jenen Sonntagnachmittag im Sommer 1995, der mich selbst ins Zentrum des Geschehens reißt. Ich komme eben per Zug aus Berlin und Jean Clauds verhüllten Reichstag zurück, suche nach einer kurzen Nacht etwas Ruhe. Aber schräg unter mir, zwischen den Blöcken des Wohnheims in einer halbzerfallenen Garage hatte sich eine Gruppe Jugendlicher niedergelassen. Alle zehn Sekunden dröhnt nun der selbe spitze Schrei die Wände zu mir herauf.
Einerseits des Lärms, andererseits auch neugierig geworden, suche ich den Ort auf, traue mich an die Mitglieder der jugendliche Gruppe heran, möchte nicht aggressiv sondern kumpelhaft wirken, um nur die Quelle des Schreis und den Grund herausfinden. Als ich beim nächsten Mal die schrille Stimme als die eines am Boden liegenden ausmache, und daraufhin eine Frage in die Runde stelle, entdecke ich aus dem Augenwinkel einen Schatten in Richtung meines Kopfes niedersausen. Meine Reaktion ist gerade noch so schnell, dass mich die Flasche links am Kopf nur streift, dann aber einem anderen der Herumstehenden trifft. Sekundenbruchstücke folgen, in denen ich reißaus nehme, zwischen geparkten Autos hindurch flüchte; hinter mir eine wilde Horde mich verfolgend, weitere Flaschen fliegen durch die Luft. Ich weiche aus, renne um mein Leben. Die zweite Haustür ist offen, ich läute Alarm, fliehe hinein, jemand öffnet, die Tür fällt ins Schloss. Jemand ruft die Polizei
.

Von zwei Polizeiwägen werde ich abgeholt, einer der Jugendlichen erkennt mich im Rücksitz, und drischt mit der bloßen Faust auf das Heckfenster des Polizeiautos bis seine Hand blutig ist: „Wir bringen Dich um!“ schreit er mit voller Brust und riesigen hasserfüllten Augen.
Später stellt sich heraus, dass die Gruppe zum teil schwer alkoholisiert und unter Drogen stand, dass jener Liegende, der inzwischen die Besinnung verloren hatte, gerade noch von einem Notarzt gerettet wird. Ich erfahre von einer Anzeige. Man beschuldigt mich, ich hätte jemanden aus der Gruppe schwer am Auge verletzt. Wegen der eigenen blutenden Wunde am Kopf werde ich stationär behandelt und für einige Tage krank geschrieben. Die Anzeige des am Auge Verletzten wird trotz der vielen Kumpel, die allesamt mich beschuldigen, schnell abgewiesen. Ob ich selbst eine Anzeige machen will, und die Gruppe auf Schmerzensgeld zu verklagen, werde ich gefragt.
Ich winke ab, frage aber zurück: „Was geschieht mit den Jungen?“
„Das Jugendgericht wird sich darum kümmern...".
Ich war nicht zufrieden mit der Antwort; sah doch, dass diese Umgebung keine Perspektiven gibt.
Und ich fragte mich, was ich selbst als Architekturstudent tun kann; fragte als jemand, der künftig vielleicht auch im Bereich Städtebau und Problemstadtbereiche ein Ansprechpartner für Kommunen werden könnte. 


Sommer `95 vor dem Reichstag

Einige Professoren hatten uns zu Anfang ebenfalls ermutigt: "Ihr findet hier in Wismar ein freies Feld von Möglichkeiten. Ihr seid erst der zweite Jahrgang des noch neuen Studiengangs – nutzt diese Freiheiten, experimentiert und engagiert euch hier in der Region".
In der Tat: es bestanden zu jener Zeit kaum Kontaktpunkte zwischen Stadt und Hochschule, zwischen Bevölkerung und Studenten. Innerhalb der selben Kommune existierten voneinander unabhängige und noch getrennte Welten, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Ich fragte mich, welche Möglichkeiten es gibt, diese zusammenzuführen, eine Schnittstelle zu bieten, zu beiderseitigem Vorteil, Potentiale der Hochschule für die Bevölkerung und speziell den jungen Leuten hin zu öffnen, hier neue Perspektiven zu geben?

Einige Monate später wurde direkt an der Mensa, im Schnittpunkt zwischen Wohnheim und Hochschule, zwischen Plattenbau-Stadtteil und Stadtmitte das Obergeschoss eines zweigeschossigen vollverglasten Einkaufszentrums frei, Transparenz auch drinnen, als Zeichen einer Idee, direkt über dem Einkaufsmarkt Netto.
So entstand erst langsam und allmählich das Konzept zu einem Projekt namens Brutto. Der Standort der vielen Schnittpunkte wurde zum Programm und sollte ein Fenster zwischen den so unterschiedlichen Menschen werden. Einige Studenten, Schüler, Professoren, aber auch Bewohner wurden Mitglied des gleichnamigen Vereins, der die Gemeinnützigkeit erhielt. Bald interessierte sich die Presse dafür, ich kam mit dem Leiter des Stadtjugendrings Dirk Menzel ins Gespräch; es  wurden regelmäßige Treffen daraus, in denen es um die Realisierung, um Funktionen und Finanzierung ging; Wismars Vizebürermeister Beyer stellte sich auf unsere Seite. Es wurde ein Finanzplan aufgestellt, Landesfördermittel von knapp 100.000 DM in Aussicht gestellt.

Zwischendurch beteiligten wir uns an einem Innovationswettbewerb der Münchner AnStiftung und kamen unter 43 teilnehmenden Projekten ins Finale der besten acht; es folgte eine Einladung ins Kloster Schney nach Oberfranken; wir gewannen dort den ERSTEN PREIS, erhielten 1000 DM und wurden für eine Woche nach München eingeladen, ...

Alles schien nun möglich, das Café Brutto bereits so gut wie realisiert.
Natürlich bedurfte es nun erst recht weiterer Anstrengung. Ein Raumplan musste durchdacht, die Innenausstattung mit der Sanitärzelle eingerichtet, für den Gastro-Bereich eine Brauerei gefunden und Ausschankgenehmigung erteilt werden.
Doch der Vertrag, den wir erhielten hatte nicht viel mit den mündlich bereits gemachten Zusagen des Eigentümer- Bevollmächtigten, einer Dortmunder InvestmentGruppe, zu tun; die Mietkosten waren gestiegen, neue Klauseln enthalten, die das Risiko, die Kosten, den Finanzplan zu sprengen drohten. Nachverhandlungen waren nötig.

Während all dieser Zeit, die viele schöne und spannende Stunden enthielt; Beteiligungen an Messen, oder zum 90-jährigem Hochschuljubiläum, zu dem wir als Brutto e. V. an einem strahlend blauem Mai-Sonntag den Pendlerverkehr per Solarfahrzeug zwischen den Veranstaltungsorten übernahmen, ...
Engagement, das zwar sehr viel an Zeit in Anspruch nahm, aber stets auch ein gutes Gewissen hinterließ, sich mit Ämtern und Bürgern zu besprechen, um etwas Positives zu bewirken und aufzuBAUEN – etwas in gesellschaftsArchitektonischen Sinne.  Für mich hatte das alles direkt mit meinem Studium zu tun, so wie ich es begriff. 


Solargebäude in Bad Doberan - das Neue sollte mit dem Alten (einem ehem. Klostergebäude, rechts) in Dialog treten. Siehe auch hier)
Die letzte Semesterarbeit war die Planung eines Solargebäude in Bad Doberan; betreut von Prof. R.
Ich hatte zwar wieder einmal eine Menge von Ideen, gerade weil die Vorarbeit diesmal noch längere Zeit in Anspruch nahm, begann meine aktive Arbeitsphase nun noch später. Immerhin machte ich die letzten 24 Stunden und die ganze Nacht dann durch, zeichnete, klebte, druckte bis zur letztmöglichen Sekunde. Kaum jemand hatte geglaubt, daß ich noch fertig werde. Obwohl ich nicht geschlafen hatte, verlief auch die Präsentation der Pläne und des Modells am Vormittag ideal.

Aber natürlich vernachlässigte ich in diesen letzten Jahren mein Kern-Studium, Statik und Baukonstruktion etwa, damit die wichtigsten und einflussreichsten Professoren – Für die zählte nicht, dass ich ja parallel zum Studium etwas ganz praktisches zu realisieren suchte; sie interessierten sich nicht, wie ich dies letztendlich mit meinem Diplomthema, einem "Solargebäude im Mühlenteich" verbinden wollte, welches ich erst mit einem Professoren kurz besprochen hatte "Natur und Sonne tanken im Ökohaus "Café Mühlenteich".

Mitten hinein (ich kam eben von der 5. Konferenz "Solarenergie in Architektur und Stadtplanung" aus Bonn zurück) kam die mich zunächst kaum verwirrende Nachricht; demnach hätte ich die Regelstudienzeit überzogen, was eine Gefahr für die Fortzahlung des BaföG sein konnte. Andererseits wusste ich von anderen, dass man mit sich reden ließ, wenn das Diplom so deutlich vor der Tür steht.

Auch ich suchte nun also Kontakt mit dem BAföG-Amt. Doch die Meldung kam im Sommer kurz vor der Urlaubszeit. Und als ich reagierte erklärte sich weder telefonisch noch in der Außenstelle am Wohnheim in Wismar jemand dafür zuständig. So fuhr ich an die entsprechende Einrichtung nach Rostock, fand dort aber ebenfalls niemanden, der mir weiterhelfen konnte .
Das Geld wurde knapp. Schließlich meldeten sich meine Eltern im heimatlichen Erding. Ich könnte die letzten Belege auch dort anfertigen.
Wieso nur nahm das Angebot an? Ich zog vorübergehend nach Erding. Es war mein allergrößter Fehler - denn ich zog für immer nach Erding !

Wenige Monate später löste sich das Café Brutto-Projekt auf, 1000 Kilometer entfernt kam ich weder mit Eltern noch Umfeld zurecht. Wismar, der Weg auch zu Professoren und Kommilitonen – alles lag so weit entfernt. Ich brauchte jemanden zum reden, fand aber niemanden. Ich drohte unterzugehen.
Genau zu dieser Zeit erhielt ich Post aus Wismar. Ich hätte irgendeine Prüfung nicht bestanden und würde nun exmatrikuliert, teilte mir die selbe Bürostelle schriftlich und amtlich mit, mit der ich noch ein Jahr zuvor den Transport per Solarmobil als Beitrag des eigenen Brutto e.V. zum 90-jährigen Hochschuljubiläum besprach. 1000 Kilometer von hier entfernt hatte ich an überhaupt keiner Prüfung teilgenommen, hatte nie von irgendeiner Prüfung erfahren. In dieser Zeit war mir ohnehin alles egal; es war alles nur ein schlechter Traum (- aus dem man auch wieder erwacht -?).

Die Menschen hier in Erding wussten nichts davon. Fürs Arbeitsamt war ich einfach ohne Abschluss, damit nur als Hilfsarbeiter vermittelbar - und auch ohne Anspruch auf Sozialleistungen und auch Jungunternehmer-Darlehen. Ich hatte ja eine Idee, die ich verwirklichen wollte. 
Zwar zahlte ich Arbeitslosenversicherung, wenn ich zwischendurch jobbte, war in der Zeit danach aber nicht Leistungsberechtigt, war weder krankenversichert, musste aber Leistungen für das Arbeitsamt abführen.
Im Winter 1999/2000 nahm ich erneut am Münchner Business Plan Wettbewerb teil. Das Thema hieß MIFAZ, eine lokale Mitfahrzentrale im Web. Doch ich hätte zumindest ein Mindestmaß an Geld benötigt, hatte aber nichts.
Eigentlich viel zu spät wird das Konzept im Spätsommer 2004 umgesetzt, von Inna Janssen, einem ehem. Mitglied jenes Vereins Brutto e. V., und die MIFAZ war trotz all der verpassten Jahre noch immer das beste Konzept. Derzeit wird es von über einem Dutzend Kommunen eingesetzt, siehe z. B. www.mifaz.de/puchheim)

Und zwischendrin meldete sich das BAföG-Amt – natürlich nicht meines damaligen Anliegens wegen, als es um die Finanzierung der wichtigen Endphase meines Studiums ging; dafür wäre es nun ohnehin zu spät.
Nein, nachdem das BAföG-Amt das Dilemma zum wesentlichen Teil verursacht hat, dass ich heute eben kein Architekt bin, fordert es nun das Darlehen zurück.

Ein schlechter Scherz?
Nun, bei Ämtern kann es zwar Jahre dauern bis es reagiert, aber es scherzt nie!

Wäre ich heute ein Architekt mit entsprechendem Verdienst, wäre das Darlehen wohl in kurzer Zeit abbezahlt. Für einen Arbeiter im Schichtdienst aber ist die Summe ein Vermögen, vor allem für einen heute 47-jährigen, der sich eben wieder einigermaßen zurecht zu finden sucht, und zwischendurch wieder angefangen hat, von einem normalen Leben, einer kleinen Wohnung, von einer Frau und Familie zu träumen.

Das Bafög-Amt bedeutete damals das Ende des gemeinnützigen Projekts Brutto in Wismar (wer kann den Schaden berechnen? Fördermittel von 90.000 DM jährlich gingen verloren). Dann bedeutete es das Ende meines Architekturstudiums.
Und nun reißt es mich zurück in jene Zeit der zerstörten Hoffnungen und der Albträume, und es will mir nun auch jede weitere Lebensplanung nehmen.

Ämter sind riesige eiskalte Apparate, in dem Menschen sitzen, die selbst kaum wissen was sie tun, weil sie  sich hinter Vorschriften verstecken. 

Viele Wege führen umher, der Blinde bestimmt mit mächtigem Arm die Richtung.
Nach außen heißt es "Engagement und Gemeinnutz soll sich wieder lohnen", gesellschaftlich Engagierten (und ich bin u. a. seit einigen Jahren mal wieder Vorsitzender eines Vereins, des ziemlich regen Erdinger Literatentreff) weist man dagegen den Weg in den Abgrund!". 

Teil 2:
Derzeit geht auch dieser Verein zugrunde. Die eigene Batterie ist leer.