Die stete Frage nach der Kunst
und die Jahresausstellung des Kunstverein Erding


interpretierten Gottfried Bach: v.l.: W. Ammer, W. Hofer, T. Delissen, S. Unterhuber  

Die Kunst ist es auch, die Kunst ins richtige Licht zu setzen, wobei dem Licht eine wichtige Stellung eingeräumt wird, weil es die Farben erst möglich macht.

Farben waren für die Jahresausstellung des KVE im letzten Jahr eigentlich gar nicht vorgesehen, weil man Schwarz-Weiss zum Thema machte. Da sich zu wenige Künstler an diese Beschränkung hielten, löste man sich diesmal von allen Vorgaben - befreite die Künstler und die Kunst vom Thema.

So waren 2006 wieder alle Farben zugelassen, jedoch schränkte man diesmal die Zahl der Farben in anderer Weise ein - in dem man die Zahl der Aussteller reduzierte.
Kunst ist auch eine Frage der Qualität, so argumentierte die Jury und halbierte die Zahl der Künstler von 44 (2005) auf 22!

Böte nicht gerade die Vernissage im Landratsamt eine Möglichkeit, die Qualitätssteigerung sichtbar zu machen?

Auch die Politik reduzierte sich. So fehlten die Hausherren, Landrat Bayerstorfer und Vize Gotz. Qualitätssteigerung?

Was etwa deutete Kulturreferent Hartwig Sattelmeier in seiner Laudatio an, als er meinte, "dass es sich beim Frauenkircherl um eine städtische, beim Landratsamt aber eher um eine 'kreis-liche' Einrichtung handelt"? Wortspielerei allein?
Vielleicht auch ein Fingerzeig an das Quartett, das sich in letztjährig aktuellem Schwarz-Weiss mit jener Frage auseinander zu setzen begann - so ähnlich wie Beate Welsch vor ein zwei Jahren mit ihrem Puppenspiel, wobei sie am Ende mit der Hauptpuppe Beuys zitierte: "Jeder ist ein Künstler!".

Und so warf diesmal also das literarische Quartett in einer Art Streitgespräch die Frage auf.
- wobei auch das Gedenken, bzw. Gedankenspiel an einen besonderen Menschen im Mittelpunkt stand - den kurz nach der letztjährigen Ausstellung verstorbenen ehemaligen KVE-Vorsitzenden Gottfried Bach. "Begegnungen" lautete das Streitgespräch, das dieser 2003 dem Erdinger Literatentreff für dessen 6. Ausgabe der Zeitschrift "Gedanken-Sprung" (siehe rechts, inkl. Cover) zur Verfügung stellte - und nun drei Jahre danach in Form eines Theaterstücks Premiere feiern durfte.

Den ehemaligen Mitgliedern des Literatentreff - rhetorisch nicht ganz soo sattelfest wie unser Kulturreferent - war etwas schwer zu folgen, deshalb der Auszug aus der Nr. 6 des Gedanken-Sprung, Seite 16-17, nebenstehend zum nachlesen.

Bach gehörte zu jenen, für die der Dialog zwischen den Künstlern und Kunstrichtungen ein ganz wichtiges Anliegen, ein ganz wichtiger Ansporn für eigene Kreativität war. Auch ihm und seiner Philosophie ist es zu verdanken, dass der Kunstverein Erding sowohl was Qualität, aber eben auch was die Zahl seiner Mitglieder betrifft, sich so erfolgreich entwickeln konnte. 

Wenn sich eine Jury aber der Qualität zu liebe im Zweifel gegen manchen Künstler stellt, überhöht es sich gegenüber den eigenen Mitgliedern - und droht, sich diesen gegenüber zu entfremden.  Andererseits bevormundet es das interessierte Publikum, das vielleicht gern mehr Auswahl wünscht, um auch häufiger als nur ein, zweimal die Räume zu besichtigen Was ist Kunst? Wer entscheidet das?

Trotz aller Kritik, auch die Jahresausstellung 2006 bietet gute Kunst in einer spannenden Vielfalt. Einige Dreistimmigkeiten sind dabei. Natürlich zu aller erst die von Monika Steiger in der Kapelle im Landratsamt. Der Text "Weiß - weis - weis ..." steht da kreideweiß als Zitat von Paul Celan auf einer schwarzen Tafel im Kapellenvorraum, daneben eine weiß besprühte Schüssel voller Schlüssel, und gleich dahinter im Kapellenraum die neun weißen quaderartigen Installationen, in unterschiedlicher allerdings wohl nicht zufällig menschlich dimensionierter Größe. Beim Nähertreten bemerkt man, die Stelen sind mit Schlössern versehen ...

Im Frauenkircherl findet sich noch ein weiteres aus drei Elementen bestehendes Werk. Manches erschließt sich eher zufällig, weil wenig auffällig zwischen zumeinst weit größeren anspruchsvoller scheinenden Leinwänden und Installationen, wie eben jene gesichtslosen Gesichter von Doris Dörr. Hier eine aus vier, daneben aus fünf Einzelbildern. Zwar hat man die weit augenfälligeren neun Zahnreihen schon gleich beim Eintritt entdeckt - doch nun erfährt man, dass diese ebenfalls von Dörr stammen. Man sucht eine Verbindung - die 9 gesichtslosen Bilder,  in der Kapelle die 9 Stelen - in Menschengröße. Dazu nun die 9 Münder, geöffnet, bereit etwas zu sagen...

Im Frauenkircherl darf derzeit jeder ganz gezielt nach einen Dalmatiner Ausschau halten. Auch ich habe ihn gesucht, aber mit einiger Mühe nur ein Zebra finden können. Manchmal entdeckt man, trotz genauestem Suchen nicht wonach man sucht. In diesem Falle hilft - Abstand gewinnen, um zu erkennen: Dalmatiner sind überall.

Bei der Szene "Stillstand" von Hans Peis steht man erst mal da - wie jene ältere Mitbürgerin, die Neuchings Bürgermeister im Bild festhielt. Stellung beziehen! Was tun? - Dazu passt als Gegenentwurf und ins städtische Milieu kontrastet "Hollywood 005" vom jüngsten Aussteller, Markus Hirner - einfach weitergehn?

- Zu hoffen ist, dass Arbeitsplatzabbau und Perspektivlosigkeit nicht weiter fortgesetzt wird. Beim KVE ist eine Jury dafür verantwortlich.

 


Unruhig wälzte ich mich hin und her, ob es die rohen Zwiebeln auf dem Gyros, oder nur der Ouzo waren...
Ich betrete diesen großen schmucklosen Raum mit seiner diffusen Beleuchtung, einige Gruppen von Menschen stehen verstreut herum und reden mit gedämpften Stimmen, ab und zu hört man leises Gekicher und das Klirren von Gläsern.
Etwas abseits steht eine Gruppe im Halbdunkel, die anscheinend in eine heftige Diskussion geraten ist. Neugierig, aber unauffällig schlendre ich hinüber, um die immer heftiger ausgestoßenen Wortfetzen besser verstehen zu können. Beim Nähertreten glaube ich meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Waren das tatsächlich August Rodin, Gottfried Benn, Lovis Corinth, Jean Babtiste Moliére, Hans Münch, Arminius Libertus, Heinrich Wigand Petzet? Ja sogar der von mir so geschätzte Kollege Johannes Grützke war in der Runde.
Das gibt es doch nicht, denke ich noch. Als ich näher trete, wendet sich Corinth zu mir und sagt: "Komm nur her, tritt näher, wir haben gerade eine lustige Debatte am laufen." Verlegen trete ich in den Kreis, um den mit hochrotem Kopf, beschwörender Gestik, und sich überschlagender Stimme wortführenden Redner sagen zu hören: "...der Bereich des Erlernbaren ist in den Künsten schmaler als in anderen Tätigkeiten. Selbst in Intelligenzberufen genügt meist ein allgemeines geistiges Vermögen, eine besondere Neigung ist natürlich förderlich. Anders in den Künsten. Dort nützen Wollen und Hingabe nichts, wenn eine ganz besondere Begabung - für das Bildnerische, Musikalische oder Dichterische - nicht vorhanden ist. Darum ist unglückliche Liebe zur Kunst so tragisch und peinlich zugleich..."

Mein lieber Eichler", Gottfried Benn unterbricht den so angesprochenen, hätten wir nicht unsere Neurosen, hätten wir gar nichts mehr."
Eichler: "Blödsinn, das ist noch nicht alles. Bedenket der offizielle Kunstbetrieb ist längst zu einem Syndikat geworden, es gibt kaum noch wirksame Opposition. Nur noch eine monoton klappernde Kunstmaschinerie à la Tinguely.
Der Zeitgenosse möge sich endlich gegen die Zwecklüge wenden, das Unverständnis gegenüber jener Scheinkunst entspringe fortschritthemmender Engstirnigkeit."
Da ertönt eine Fistelstimme aus dem Hintergrund: "Cacatum non est pictum - gesudelt ist nicht gemalt."
Gottfried Benn sucht zu beschwichtigen: "Aber meine Herren, bedenken Sie doch, hätten wir nicht unsere Neurosen, wir hätten rein gar nichts mehr." Eichler tobt und schreit: "Schwätzer! Er solle wissen, dass seine gefühlsmäßige Ablehnung bei der Betrachtung der Pseudokunst ihn wahren Empfindungen frei auszusprechen, denn der Scharlatan Hochmut wird sich geben, wenn unsere Schüchternheit sich gibt. Der Selbstsichere hat es auch nicht nötig, hektisch den Tagesmoden nachzulaufen. Hypermodern ist bald megaout !!!

Auch werden Ereignisse nicht mit Trommeln und Fanfaren eingeleitet." Jetzt jauchzt Münch: "Fanfaren, Fanfaren - ich werde euch ein passendes Gedicht aufsagen. Wer das große Sprachrohr hat, Fernsehen, Funk und Massenblattmacht, der hat die öffentliche Meinung. Er veruft sich dann auf sie, und die Masse merkt es nie - hält's für gültige Erscheinung." Die Umstehenden applaudieren begeistert, nur Gottfried Benn hebt den Finger und möchte einwenden "hätten wir nicht...".
Hochmütig blickend fährt ihm da Arminius Libertus dazwischen: "Haec est mira trias: operis miserablis auctor, vilis laudator, credulus inspiens." Da entfährt es Moliére: "Ein gelehrter Dummkopf ist ein größerer Dummkopf als ein unwissender Dummkopf." Betroffenes Schweigen in der Runde, dann fährt Libertus mit beleidigter Mine aber hoch erhobenen Hauptes fort: "Also gut, für alle verständlich: "Es gibt in unsrer tollen Zeit einen sonderbare Dreieinigkeit, den Künstler, der sich das Frechste erlaubt, den Schmeichler, der ihm bekränzt das Haupt, und den Dummkopf, der diesen Schwindel glaubt." Gottfried Benn jetzt wütend: "Ich sagte bereits, hätten wir nicht unsere Neurosen, wir hätten rein gar nichts." Kopfschüttelnd ergreift jetzt Petzet das Wort. "Hat einer dieser Schwätzer je daran gedacht , wie verantwortungslos solche ebenso dummen wie falschen Phrasen sind, welchen Bärendienst er unserer freiheitlichen Lebensordnung damit leistet? Mitläufer und Opportunisten stehen heutzutage im Lager des Modernismus, freie und kritische Köpfe verzichten auf die Gunst des Establishments, sie haben den Bestand und die Zukunft der Künste im Auge..."

August Rodin legt den Arm auf seine Schuler und fährt fort: "Die Originalität, wie sie das große Publikum versteht, existiert nicht in der hohen Kunst. Die Künstler, die nicht Geduld haben, um zur wirklichen Leistung vorzudringen, ergeben sich im Bizarren, der Absonderlichkeit des Themas oder der Form, ohne Rücksicht auf Wahrhaftigkeit. Und das nennen sie dann mit schriller Stimme: "Verdammte Romantiker, hätten wir nicht unsere Neurosen, wir hätten rein gar nichts mehr." Corinth meldet sich zu Wort: "In vielen Gemütern herrscht der Glaube, eine künstlerische Arbeit müsste einen nutzbringenden Endzweck haben; manche erwarten eine belehrende Moral, andere Gewinn für Geist und Gemüt. Die wahre Kunst hat aber keinen praktischen, gewinnbringenden Beigeschmack. Sie ist sich Selbstzweck.

Egoistisch, wie ein Gott steht sie da in ihrer ganzen Schönheit und lässt sich von ihren wahren Priestern anbeten. Welche Freude die wahrhaft Frommen als Wiedervergeltung genießen, kann ein Scheinheiliger nicht empfinden..."&br> Unruhe tritt ein. Schieben und Stossen, immer mehr Menschen haben sich um die Gruppe geschart. Jetzt springt Grützke mit einem gewaltigen Satz wie ein Derwisch in die Mitte. Mit pathetischer Pose und Gestik schreit er: "Es gibt kein Loch in der Geschichte, Freunde, edle Gegenwärtige! Macht Euch unübersehbar in der Geschichte der Menschen, wenn nötig gegen den stumpfsinnigen Widerstand der Massen! Seid unerbittlich! Setzt Euch durch! Wetteifert im Erstellen gewaltiger Gegenstände. Baut den Kommenden den Altar, damit sie knien können vor der Vergangenheit, die jetzt unsere Gegenwart ist. Ihr! Wir! Vertraut Euch! Traut Euch alles zu! Seid unermüdlich! Seid wichtig.
Tumult bricht los. Das Schubsen und Stossen artet in eine Schlägerei aus. Jeder prügelt auf jeden ein. Ich will weg - ich schwitze - "Gottfried - Gottfried - keiner schaut Benn an, alle Blicke wenden sich auf mich, plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter - Ich hebe den Blick und schaue auf das Gesicht von Patricia. "Du hast geträumt!" Ich murmle:
"Ich bin ihnen begegnet, es war traumhaft..."
"Ja, ja, komm schlaf jetzt weiter."


 
Ansichtssache - Markus Hirner und Emil Vinzenz ... 

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