Die Lebenserwartung sinkt

Ende 2011 stellte die Fraktion Die Linke eine entsprechende Anfrage an die Bundesregierung. Die Antwort bestätigt im Grunde den unten stehenden xED-Bericht von vor 5 Jahren, der seit 2006 an verschiedenste Stellen weitergegeben wurde.
Inzwischen steht also fest: "Die Lebenserwartung von Geringverdienern sinkt".

Die spannende Frage: Wie verhält sich diese Feststellung nun vollkommen entgegen der steten Regierungspropaganda der letzten Jahre, wegen der angeblichen "Steigerung der Lebenserwartung" das Renteneinstiegsalter zu erhöhen?

Inzwischen wird alles unternommen, um anzuzweifeln, was nicht sein darf. Plötzlich entstehen "private" pseudodemokratische Demografie-Blogs von Nicht-Geringverdienern, in denen gegenteilige Meinungen nicht freigeschaltet werden, wenn sie nicht ins Schema passen.

Ein solches Vorgehen verwundert nicht.

 


Die unten aufgeführte Seite "Die Mär von der stetig zunehmenden Lebenserwartung" fand sich einige Monate vor meiner Kündigung (Ende 2008) als Kopie in den Unterlagen meiner Personalakte. 

Innerhalb einer größeren Sammlung kopierter Blätter erkannte ich beim raschen Durchblättern meines Gegenüber im Personalbüro ganz konkret die von mir selbst erstellten Lebenserwartungskurven (im unterem Bild). Auch weitere Unterlagen innerhalb meiner Personalakte kamen mir recht bekannt vor. Sie waren aus xED heraus kopiert.  
Der dazu geäußerte Kommentar meines Gegenüber: "Herr Koppe, eine solch dicke Personalakte wie bei Ihnen hab ich bisher nur selten gesehen".
Nachdem ich die Personalakte einige Zeit später (zusammen mit einem Betriebsrat) einsehen konnte (das war nicht ganz einfach, schließlich hatte sich die damals zuständige Angestellte im Personalbüro entschuldigt, d.h. von einer "ahnungslosen" Kollegin vertreten lassen), war die Akte plötzlich sehr dünn geworden. Die Vertretung konnte nichts dazu sagen.
Kurze Zeit später erhielt ich die Kündigung.
Die ganze Geschichte, sie wurde u.a. Inhalt einer Panorama-Sendung - hier -


Die Mär von der stetig zunehmenden Lebenserwartung      (xED-Bericht vom Dez. 2006)

als Argument für die Rente mit 67


Dass die Erhöhung des Renteneinstiegsalter um 2 Jahre eine versteckte Rentenkürzung darstellt, man ahnte es - und die Politik schob die Begründung nach: "Wir leben länger"! - Die Frage allerdings lautet: Leben wir Menschen tatsächlich immer länger?

Fest steht, dass nichts stetig ist, dass nicht einmal die zunehmende Lebenszeit ein Natur- oder Bundesgesetz darstellt. Es wird aber so getan als ob.

Die Steigerung des Lebensalters in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die wichtigsten betreffen den Fortschritt der Medizin und generell des Gesundheitssystems, aber auch die Bedingungen der Arbeitswelt und die Lebensumwelt mit seinem ökologischen, kulturellen, sozialen, familiären Geflecht.

Die Entwicklung der bundesrepublikanischen Gesellschaft war lange Zeit geprägt von einer Reihe positiver politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen und Errungenschaften, und sie war Dank der Stärke von Gewerkschaften und linker Parteien auf Ausgleich bedacht. So führte neben dem Faktor der Arbeits- und Lebensumwelt der Bereich Gesundheit zu einer stetig wachsenden Lebenserwartung.

Die Frage lautet: Gilt dies auch heute noch?

Wird unsere Arbeitswelt nicht immer mehr von Unsicherheit und Angst um den Arbeitsplatz geprägt? Wie entwickeln sich die Arbeitsbedingungen? Flexiblität bedingt familiäre und gesellschaftliche Verwerfungen, Zerrissenheit. Erleben wir nicht gerade derzeit massenweise UnWörter des Jahres? Wie wär's mit Zwei-Klassen-Medizin? - Und die Politik macht uns weis: "Wir leben in einer Zeit steigender Lebenserwartung" - um uns so die Senkung des Renteneinstiegsalters zu verkaufen. Das ganze trotz Jugendarbeitslosigkeit - als Beispiel politischer Widersprüchlichkeit und Konzeptlosigkeit!

Ob wir uns derzeit tatsächlich in Richtung einer steigenden oder doch eher bereits fallenden Kurve befinden lässt sich aus den derzeitigen Zahlen und Statistiken kaum nachweisen, eben weil die Menschen, die heute am Ende ihres Lebens stehen, den Großteil ihres Lebens- und Arbeitswegs in den 60er, 70er, 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gegangen sind - in einer Zeit, in der sich die genannten Faktoren noch positiv entwickelten, etwa durch eine Verkürzung der Arbeitszeit - damit im Gegentrend der heutigen Zeit. Sicher ist, dass sich die Kurve der Lebenserwartung zuletzt immer weiter abgeflacht hat, und das obwohl die wesentlichsten Auslöser gerade erst in unseren Jahren und Tagen festgeschrieben werden.

Was hilft der von unserer aller Arbeit teuer finanzierte medizinische Fortschritt, wenn dieser immer mehr nur jenen zur Verfügung steht, welche diesen auch bezahlen können? Welcher körperlich schwer arbeitende Schichtarbeiter auf dem Münchner Airport kann sich z. B. den wöchentlichen Besuch der nahen Erdinger Therme zur Regeneration leisten, wenn auf der anderen Seite der billigste Eintritt ("Frühschwimmer") zwischen 2007 und 2011 von 8,5 auf 11 € um 30 % anstieg? - während der Lohn in den selben Jahren spürbar sank!
Die Schere zwischen Reich und Arm zeigt sich gerade im Gesundheitssystem einschließlich der Vorsorge - und es wäre unlogisch, wenn diese Schere nicht auch Einfluss auf die Lebenserwartung hätte. 


Kaum jemand über 60! - stilles Andenken an verstorbene Kollegen im Schichtdienst (Aufenthaltsraum am Münchner Airport)

Diese Tatsache aber lässt die Kurve zerfleddern (so wie dies bereits vor 1920 der Fall war) - in Lebenserwartungskurven für Ober- und Unterklassen - wobei die Regeln diesmal von der Oberklasse vor allem für die Unterklasse gemacht werden (siehe auch Peter Hartz - Hartz- IV-Gesetz). Bevor dieser bewusst wird, um was es eigentlich geht, und sich die Zahlen in Statistiken ablesen lassen, steigert man noch schnell das Renteneinstiegsalter - mit Argumenten, die sich bei dessen Gesetzesinitiative bereits überlebt haben.

Politikverdrossenheit ist das Gefühl der Ohnmacht des "kleinen Mannes" vor der Politik: "Die da oben machen ohnehin was sie wollen", sagen sie. 
Ist die Frage nach den Gründen nicht identisch mit der Schere zwischen Oben und Unten, zwischen 'Lobby' und 'keine Lobby'?
Können in einer globalisierten Welt die Großen nicht mehr zusammen mit den Kleinen, sondern nur noch auf Kosten der Kleinen wachsen?
Wenn die Maßstäbe nicht mehr gelten, die bis vor einigen Jahrzehnten unsere Gesellschaft als sozial definierten, sollte die Politik eigentlich reagieren! Das tut sie aber nicht. Die Regierenden sind nämlich Teil des Großen; und sitzt ganz vorn im Traumschiff für Luxusreisende.

  x E D - F O R U M