nächtlicher Kampf

von Walter Koppe

Frühschicht heißt für mich oft auch eine nächtliche Tour d'Airport, also vom Erdinger Stadtteil Klettham an den 13 km entfernten Münchner Flughafen. Gut die Hälfte der Strecke macht ein schmales Asphaltband aus, welches hinterm Weisbräu beginnend als Fahrradweg an Niederding vorbei nach Oberding, und von dort weiter bis Schwaig führt. Auch ein Gutteil des restlichen Stückes auf der ehemaligen Freisinger Straße bis zum Beginn des Airport-Geländes ist heute vom Autoverkehr frei.

Seit über vier Jahren fahre ich diese Strecke, zu unterschiedlichsten Schichtzeiten, und zu allen Jahreszeiten...
Diesen letzten Tag im Mai, es ist kurz vor 4 Uhr, fährt das Fahrrad fast wie von selbst. Ich liefere als Beiwerk nur den rhythmischen Pedaleinsatz, kontrolliere aus den beinah automatisch ablaufenden Bewegungen bewusst lediglich die etwas kritischeren Stellen der nachtschwarzen Wegkreuzungen und Kurven. Oft tauchen gerade dort Schatten auf, weichen vom Lichtkegel der Lampe getroffen überrascht zurück und verschwinden mit geblendeten Augen im Getreidefeld. 
Für den Fasan, den ich zu etwas späteren Zeiten häufig auf der Brücke des Mittleren Isarkanal antreffe - der sich an mein Kommen gewöhnt hat - ist es heute noch zu früh. Es sind die Tiere der Nacht, deren Weg dem meinen kreuzen.

Kurz vor Oberding plötzlich ein seltsames Fauchen und Fiepen direkt vor mir auf der schwarzgrauen Fahrbahn. Ein Schatten bewegt sich, ein zweiter windet sich unter ihm, dann huscht eine dunkelschwarze Katzengestalt vom Licht des Fahrrads getroffen fluchend davon.
Der zweite Schatten einer Kreatur bleibt liegen, windet sich schmerzverzerrt und in Todesangst jetzt direkt vor mir auf dem Rücken. Ich ergreife das schwarze Tier, das immer noch mit seinen langen Hinterläufen ausschlägt, sich wehrt. Doch schließlich habe ich den jungen Hasen in den Händen. Ich spüre den Puls, spüre die warmen Tropfen schwarzdunkler Flüssigkeit, die sich als dünnes Rinnsaal über meine Finger auf den Asphalt ergießt
. Ich befördere das Stück Leben ins bereits gut einem Meter hoch stehende unsichtbare Getreidefeld hinein. Im nächsten Moment herrscht wieder Stille inmitten der Dunkelheit, in die hinein sich die Katze längst in weitem Bogen geflüchtet hat.

Ich setze meine Fahrt fort, philosophiere ein bisschen, analysiere mein Verhalten. Habe ich nicht eben in den natürlichen Kreislauf eingegriffen? Ich nehme irgendeine einmal in diese Richtung gehende Diskussion auf, um mich ihr zu stellen und zu verteidigen: "Ja, ich habe eingegriffen! - und?" frage ich dazwischen. "Aber unterscheidet uns Menschen das nicht vom Tier? - Hieß Mensch sein nicht einmal menschlich handeln?" Dann finde ich den Vergleich zu ganz aktuellen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen. "Wurde mit Hilfe einer ganz ähnlichen Fragestellung nicht eine unsolidarische Gesellschaft legitimiert. Das Recht der Natur, des Stärkeren, des freien Markts, ...?", bis mir endlich auffällt, dass meine Tasche fehlt. "He, wo ist mein Ausweis, meine Geldbörse, ...?"

Ich radle zurück. Am Ort des Kampfes finde ich einen dunklen Schatten in dunkelgrauer Landschaft, reglos. 
Längst liegt wieder nächtliche Ruhe über der Stelle. Die Kirchturmuhr schlägt 4.

Das nächtliche Schlachtfeld samt Blutflecken kurz vor Oberding Stunden später bei Tageslicht betrachtet. 
Wo ist der Täter? und wo eigentlich das Opfer? 
Eine endgültige Aufklärung nirgendwo in Sicht ist diese Geschichte an dieser Stelle eigentlich zu Ende
- allerdings bot auch das Ende des Arbeitstages noch eine Überraschung. Doch das ist eine andere Geschichte, und soll ein andermal erzählt werden.

 

Das Stück der anderen Geschichte?
Gegen Ende des selben Arbeitstages, also vor der Rückfahrt und dem Foto oben, musste ich in den Verwaltungsbereich, u.a. wegen eines 5-minütigen Zuspätkommens.
Am Folgetag, dem 31.05.2007 erhielt ich zwei Abmahnungen ausgehändigt. 
Eineinhalb Jahre später, es war der 27.11.2008, folgte per Brief eine schriftliche Kündigung, auf welcher u.a. auf die vorausgegangenen Abmahnungen Bezug genommen wurde. Die Geschichte, die mir immerhin einen TV-Auftritt bei Panorama einbrachte, lebt weiter. Ich hab sie
hier aufrufbar gemacht.