"Zwei Mass Bier vorm Autofahren"
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DAS ORIGINAL: von Walter Koppe 
 

xED berichtete bereits unmittelbar nach dem CSU-Wahlkampfauftritt Becksteins am 08.09.08 in Erding
(siehe
google-cache vom 13.09.)
- aber auch über weitere Sonderlichkeiten, über die keine anderen Medien berichteten
(Die Münchner AZ  z.B., die als Urheber der Schlagzeile gilt, um später wiederum von anderen Medien zitiert zu werden, 
berichtete erstmals am 15.09. )


Das gab's beim Auftritt eines CSU-Ministerpräsidenten in Erding noch nie: Demonstranten


Ich kann mich noch erinnern, als der große F.J.S. am Eingang des Festzelts an mir vorüber schritt; stämmig, trachtledern, im Defiliermarsch vom tosenden Applaus eines proppenvollen Bierzeltes nach vorne getragen.
Das schafft der nun etwas knöchern wirkende Franke so nicht. Bei diesem Vergleich wirkt er etwas unbeholfen und schwächlich. Wenn er später den riesigen Maßkrug nach oben stemmen soll wäre ihm ein Glas Frankenwein lieber. Weil er kein bayrischer Löwe ist, seinen Krug später ins Dunkel abstellt, wird sich der Bier-Umsatz in Grenzen halten. 
Doch zuvor muss Beckstein erst mal an den Transparenten vorbei. Seiner Verspätung wegen ist es inzwischen dunkel geworden, die Tücher und Tafeln gegen die 3. Start- und Landebahn, gegen Lärm und Landverbrauch, Kerosinsteuern und Klimaschutz inzwischen kaum mehr lesbar. 

Die Tuchfühlung geschieht dafür drinnen bei der lokalen CSU-Prominenz. Da sitzt Beckstein nun mit seiner Marga bei der örtlichen Lokalprominenz, die übrigen Frauen wie Ulrike Scharf-Gerlspeck, wie bei derlei Anlässen Brauch im bayrischen Dirndl. Doch wie spielt man Einigkeit, wenn man beim regional wesentlichsten Themen der 3.-Start- und Landebahn nach außen hin sichtlich gespalten ist?

Zunächst einmal begrüßt Landrat Bayerstorfer die Anwesenden. Die Blicke müssen sich noch ein Stück höher nach oben richten als später beim Ministerpräsidenten. Man spürt, dieser Wahlkampf ist für die CSU nicht einfach, denn er begrüßt alle Anwesenden "in der Festhalte" - die CSU sucht Halt, um nicht zu weit abzurustürzen; Bayerstorfer verbessert: "... in der Festhalle". 


Die fast endlose Reihe der Namen kann sich im Zelt kaum jemand merken. Natürlich begrüßt er den gesundheitlich angeschlagenen Landtagsabgeordneten Schwimmer, so wie Werner Brombach, den Hausherrn des Weisbräu-Zelts; und gleich beweist er auch Rechenkünste:   "3 + 4 = 7, ... natürlich auch umgekehrt" - er spielt auf die Listenplätze der Erdinger Landtags- und Bezirkstagskandidaten an, die sich damit leicht merken lassen. Als letzten nennt er sogar Herbert Knur - als "last not least"! Immerhin ist Berglerns Bürgermeister für die meisten Demonstranten verantwortlich, die zu den etwa 20 % der Beckstein-Skeptiker im Zelt zu rechnen sind, sich in den hinteren Bänken des insgesamt mit etwa 1200 Personen besetzten Bereichs aufhalten. Das hintere Drittel ist leer. Trotzdem scheinen die Organisatoren erleichtert. Es hätte schlimmer ausgehen können. 

 

 


"Wir leben im erfolgreichsten Bundesland Deutschlands, und vielleicht in Europa. Und der Landkreis Erding gehört zu den erfolgreichsten von Bayern. In Franken hätte man gern die Probleme von Erding". Dies in Zusammenhang mit der eigenen Partei zu bringen ist die Formel, die Beckstein nun bis zum Ende seines Auftritts in Variationen durchzuhalten sucht; so ähnlich ins weißblaue Blut übergehen soll wie "Bayern - Sommer, Sonne und CSU", oder "Brezn - Bayern - Beckstein". Aber ist der Bierzelt-Bayer tatsächlich so einfach gestrickt? 
Beckstein ist immerhin Franke, er geht auf die Belastungen des Airports ein. "Natürlich verstehe ich ...", betont er; er ist kein FJS; Beckstein wägt ab, mit "rechtsstaatlichen Mitteln" soll alles geschehen - Wieso betont er das? Unterscheidet er sich davon von Stoiber ("in 10 Minuten..."), wenn er den Regionalplan nun doch noch einmal "überprüfen", sich mit der Planfeststellung doch nochmal "auseinandersetzen" will? 
Dass er mit manch seiner Argumente daneben liegt, dies aber als Wahrheit verkauft - etwa über die Qualität der Arbeitsplätze am Airport, lässt sich mit dem Wissen aus Hochglanz-Broschüren, sowie dem engen Kontakt zum Management entschuldigen, dafür erntet er Beifall. Von der Perspektive der Beschäftigten, die immer häufiger Billiglohn-Unternehmen angehören, erfahren die Zuhörer nichts!
Becksteins Argumentieren und Abwägen gilt jedenfalls so ähnlich auch der A94. Auch hier wird das Ergebnis mehr als fragwürdig, wenn er nämlich "das Isental zum Bauernopfer fürs Chemie-Dreieck um Burghausen" erklärt, und der Ausbau der vorhandenen Bundesstrasse als Alternative nur deshalb nicht gelten soll, weil die CSU-Landesregierung bereits zu viel Zeit, Energie und Geld in die möglicherweise falsche Lösung Isental investiert hat, so dass eine Umplanung in die sinnvollere Süd-Variante schlicht und einfach als eigene Niederlage gedeutet werden könnte.
Wenn Beckstein schon das Thema Verkehr - auch in Richtung Flughafen - als größtes Regionalproblem erkennt, und neben dem Straßenneubau der FTO den Ringanschluss der Bahn forcieren will... Beckstein. "Wir tun ja alles was hilft, die Zahl der Pkw und Lkw zu reduzieren!" dann fragt man sich als Initiator der größten Pendler-Mitfahrzentrale Bayerns (siehe www.mifaz.de), welche gerade zur Hauptverkehrszeit den Verkehr in den Regionen mit Unterstützung des Landes Bayern weit mehr reduzieren könnte als es derzeit geschieht, statt dessen jede Kommune für sich das Projekt bewerben muss (mittlerweile immerhin über 500) - im Gegensatz zum ähnlichen Projekt in NRW; dessen Initiator längst als gesellschaftlich anerkannter Fachmann herumgereicht wird, um dessen Idee der Verkehrseinsparung zu bewerben. Wieso übergeht man in Bayern also die billigste und ökol. sinnvollste Lösung? Zumindest bleibt man aufgrund solcher Punkte auch im Folgenden gegenüber kritisch - wie sich zeigen wird mit Recht!
"Sollte es sich herausstellen, dass der Kerosinpreis auf 200 $ pro Barrel steigt, dann zögere ich nicht, wie beim Transrapid zu handeln", so Beckstein, was die Bedingungen für den Bau einer 3. Start- und Landebahn betrifft. Doch was so klingt, als würden alte CSU-Standpunkte revidiert, ist nichts als  Augenwischerei, auch der eigenen Basis gegenüber; denn es gibt kein Szenario, dass der Preis für Kerosin innerhalb der nächsten Zeit diese Marke überschreiten könnte! - der derzeitige Preis liegt zwar hoch, aber "nur" bei rund 100 $.

Beim Thema Geothermie zieht Beckstein "den Hut vor den findigen Leut' in Erding", weil sie als erstes "zwischen München und Alpenrand" (? nun gut, Beckstein ist Franke!) auf die Idee kamen. Wenn man nun aber weis, dass die Firma Excon damals Erdöl suchte? Als nur warmes Wasser heraus kam, waren die Stadtoberen erst mal irritiert und wussten lange nichts damit anzufangen. Der zitierte Hut kann also gar nicht breit genug sein, um das Motiv dahinter nicht zu erkennen: "Ihr seid soo findig, liebe Leut, da kommt ihr auch mit solch kleinen Belästigungen klar".
Besorgten Elterninitiativen, die ein Werbeverbot für Bier erreichen wollen, erklärt Beckstein den Krieg: "Bier ist in Bayern ein Grundnahrungsmittel" sagt der Weinkenner, weil er mitten im Erdinger Weissbierzelt wohl kaum etwas anderes sagen darf. Und er verdutzt die Anwesenden im nächsten Augenblick, wenn er der Bier-Lobby gleich derlei entgegen eilt, als es ums Thema Straßenverkehr geht:: "Ein Maß bei Mann oder Frau geht noch!" -? Und er steigert sich noch: "oder wenn er ein paar Stunden da ist, auch zwei"!!!

Auf den gerade aktuellen Rücktritt von Kurt Beck geht Beckstein kaum ein, überhaupt ist ihm die SPD nur indirekt der Rede wert - wenn es nämlich ums Verhältnis zur Linken geht. "Gesine Schwan, nehmen Sie Ihre Kandidatur zurück, wenn Sie nicht mit Hilfe der Linken gewählt werden wollen!". Dann folgt der übliche Kreuzzug gegen die Linken, jener "Mauerbau-Partei" die "Nichts aus der Vergangenheit gelernt" hat. An dieser Stelle wäre ein Vergleich zwischen der Linken und der Ost-CDU angebracht, oder die Motive, die konkret zum Ausdruck "Wendehälse" geführt haben. Statt dessen steigert sich Beckstein viel lieber beim Thema Zypries: "Wie blöd hält die Hessen-SPD die Bayern, um ihre Entscheidung zur Linken erst nach den bayrischen Landtagswahlen zu verkünden?". 
Stattdessen fragen sich die Beschäftigten beim Bodenverkehrsdienst am Münchner Flughafen längst - die Bayrische Staatsregierung ist hier Mehrheitseigner! - wieso die Ausgliederung in eine Billigtochter erst nach den Landtagswahlen beschlossen werden soll? Für wie blöd schätzt die CSU hier die Beschäftigten am Münchner Flughafen?
Während Beckstein den Zuhörern die gut qualifizierten Arbeitsplätze vor Augen malt, die er abhängig von einer 3. Start- und Landebahn (?) gern in München ansiedeln möchte, übergeht er die Realitäten dort - dass die Notwendigkeit einer solchen dritten Bahn auch durch Lohndumping, kaum zumutbaren Arbeitsbedingungen und rekordverdächtigen Krankheitsquoten erkauft wird, um damit die Nachfrage in diese Richtung entsprechend zu steigern. In Becksteins Statistik über den Wohlstand der Region sind dann auch solche Daten nicht enthalten, welche eine Betriebsratsliste "Arm - trotz Arbeit" zur stärksten Fraktion der FMG-Billigtochter mucground werden ließ. 
Dass der wachsende Billiglohn- und Zeitarbeit-Bereich (bis zu 12-Tages-Schichten, 7- Tage-Frühschicht ab 4 Uhr, ... kein Wort dazu bei Beckstein) mit Kommunal-, Familien- Sozial- und Kulturpolitik zu tun hat, und der Flughafen in Sachen Lohndumping damit auch gleich noch die Vorreiterrolle für die gesamte Region einnimmt, dass das gesellschaftliche Gesamtgefüge der wachsenden Unterschiede zwischen Oben und Unten vollkommen aus dem Lot zu gehen droht, all dies passt nicht zum selbstgestrickten folkloristisch- bayrischem Bild trachtledernder CSU, in der die Kontraste des Schwarz-Weis doch sonst so ausgeprägt sind - etwa um beim Beruf der Bauern nicht die eigenen CSU- Vertreter der Agrarpolitik, sondern die ehemals zuständige Grüne "Öko"-Ministerin Künast zur Vertreterin der "Agrar-Industrie" zu erklären. Hier immerhin beinah unbekanntes Insider-Wissen aus EU-Politik. 

Was ist das für eine seltsame Drohung an die anderen Bundesländer: "Ohne einen ausgeglichenen Haushalt wird Bayern keinen Euro an andere zahlen!" - ? 
Wenn man weis, dass dieser ausgeglichene Haushalt z.B. auf dem Rücken von Billiglohn zustande kommt - Mehrheitseigner am Münchner Flughafen ist das Land Bayern; 
Wenn man weis, dass durch die Arbeitsbedingungen dort Krankheitsquoten von etwa 20 % verzeichnet werden, für dessen Kosten wiederum die Beitragszahler zahlen.
Möchte Beckstein damit die anderen Bundesländer dazu zwingen, diese Verhältnisse vollkommen ungerechter Lebensumstände zu kopieren?
Bitte Nein - der Verfasser dieser Zeilen arbeitet im Schichtdienst, kennt Kollegen, die vor Kurzem erst, mit 24, 29, 52 Jahren verstorben sind! - und niemand macht die realen Zahlen öffentlich ! 

Gegen Ende des Auftritts steigert sich Beckstein in fränkisch-wagnerianische Dramaturgie. Dazu eignet sich die Ausländer-Thematik hervorragend: "Wir leben in Bayern sicherer als Anderswo. Eine Koalition mit der FDP aber würde heißen: Bombenbastler überprüfen ginge nicht. Wer aber unsere Gesetze nicht achtet wird abgeschoben".  
- "Ausländer = Islamist = Terrorist", sind die Parolen von Rechtsextremisten, wie z.B. von "Pro Köln", von Le Pen, von Haider... 
Nein, so meint es Beckstein natürlich nicht. Er erzählt von einer Türkin, die sich bei Beckstein bedankt hatte, weil ihr in Bayern alle Möglichkeiten offen stünden. 
- Und hier geht's zur Realität: Der Fall Soykan, einer Erdinger Türkin, die aus Erding "entfernt" wurde...

Wenn Beckstein schon unsere demokratischen Werte in die Höhe lobt, wieso kein Wort zur Versammlungsfreiheit, die er in Bayern gerade einschränken ließ. Wenn das Ungleichgewicht zwischen Oben und Unten zunimmt, welche Auswirkungen hat das auf den Wert unserer Demokratie? Wie sieht es mit der Transparenz politischer Entscheidungen aus? 

Das Mitgeschriebene inklusive all mitgedachter Gedankenstriche enden im Schlussapplaus - etwas zögerlicher und gezwungener als CSU-Veranstaltungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Die meisten Menschen im Zelt würden allerdings kaum offen zu erkennen geben, falls sie hier irgendwo ins Zweifeln geraten wären. Gute Miene zum undeutlich-unklaren Spiel? 

Am Ende der Veranstaltung fällt mir auf der rechten Seite des Ausgangs ein junger Herr auf, der eine Liste mit Unterschriften betreut. Ich mache meiner zugegebenermaßen etwas gespielten Enttäuschung Luft: "Aber beim Strauss war's zimpftiger. Do war a Stimmung". 
"Tja, den gibt's aber leider nimma" antwortet der. Wollen'S a für die Pendler-Pauschale unterschreiben?". 
Ich: "Dafür hob I scho' bei de Link'n unterschrieb'n, nachdem die CSU die Pendlerpauschale abg'schafft hod.
Während sich mein Gegenüber still in den hinteren Bereich zurück gezogen hat, nehm ich dann doch die Diskette "STOLZ AUF BAYERN" mit. Darauf Blasmusik.

Draußen vor dem Zelt ist es noch um einiges ruhiger, so kann ich verstehen, wie eine Lederhose zu seinem Dirndl sagt: "Aber am End ist doch noch Stimmung aufg'hema". "Stimmt", ergänze ich, "vor allem als es am End um die Ausländer ging".

 

 

 

 



 

 

 

 

 


 

 

 

   


 

 

 

 


   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bericht und Fotos: Walter Koppe, xED