Der Erdinger Weg

Veranstaltung von Ardeo. e.V.
über die Zukunft Erdings

 ... Wer ist eigentlich Erding ?

 

xED-Bericht: Walter Koppe

 


gut 50 Besucher am 21.04.2009 im Duchesse, im Gewandhaus Gruber

 

An manchen Orten wird man anhand von Jahren eingeschätzt, die ein Erdinger in Erding verlebt hat. So jedenfalls mein erster Eindruck im so international klingendem Restaurant-Frontcooking-Bar Salon Duchesse, und meinem ersten Versuch mit Anwesenden ins Gespräch zu kommen. Auf meine Frage "Darf ich erfahren, wer Sie sind?" beginnt die Antwort des Gegenüber: "Ich bin bereits xx Jahre Erdinger". Nun gut, nachdem ich selbst eine ähnlich hohe Zahl als Antwort vorzuweisen schaffe, werde ich doch noch zum Ardinger erklärt - zumindest, bis ich meinen Flyer loswerde: "Walter Koppe, Bundestagskandidat der Linken für den Wahlkreis Erding - Ebersberg" steht da drauf .
Immerhin wehrt man sich mit einigem Erfolg gegen das Vorurteil der Geheimbündelei - denn Veranstaltungen der Interessengemeinschaft der Erdinger G'schäftsleut, die sich unter dem Vereinsnamen Ardeo zusammengeschlossen haben, sind in der Regel öffentlich.
Zunächst warten an diesem Abend die gut 50 Zuhörer (nur wenige ...Innen) vor sich hin. Bürgermeister Gotz steckt noch mitten in einer Stadtratsitzung, so wird herum erzählt. Unter den Wartenden befindet sich auch Prof. Günther Heinritz, SPD-Stadtrat aus Dachau, der Verfasser des Einzelhandelsgutachtens für Erding, den man nun dazu überredet, auch ohne den Herrn Bürgermeister schon ein paar Worte zum Thema weiter zu geben.

Heinritz, der Erdings Entwicklung bereits seit Ende der 90er Jahre begleitet, war 2005 von der positiven Erfolgsgeschichte noch sehr angetan. Die damalige große Begeisterung scheint inzwischen aber doch etwas abgebröckelt. Zwar sei die Fassade noch gut in Ordnung, doch die Gewerbegebiete im Erdinger Westen und Süden scheinen ihm nun doch etwas zu groß ausgelegt, was nun zu einer unguten Konkurrenzsituation für die Innenstadt führen könnte.
Gewandhauschef und "Erding-Jetzt"-Stadtrat Gruber malt die Situation deutlicher. Die Konkurrenz der Gewerbegebiete kommt für die Innenstadt in einer wirtschaftlich "dramatischen" Situation. Je mehr Läden selbst bei einer konstanten Wirtschaftskraft, desto weniger Umsätze pro Laden, so rechnet er vor. Die Ladenmieten gehen bereits zurück, die wirtschaftliche Perspektive sei unsicher. Ein Möbelmarkt hätte ein Angebot für die Innenstadt bereits abgesagt ...

Hier unterbricht ihn der inzwischen in der Runde angekommene Gotz heftig, der vor der Stadtratsitzung noch an einer  Sitzung des regionalen Planungsverbands teilnahm. Hier fiel ihm die Solidarität der Kommunen untereinander auf. Die Meinung des Stadt- und Kreisrats zum Landesentwicklungsplans (LEP) war den Vertretern anderer Städte "wurst". Dann kontert Gotz den letzten Satz von Gruber: Der Möbelmarkt hätte nicht abgesagt. Erding wächst. Wir haben eher zuviel Wachstum als zuwenig. Es gibt Prognosen für Erding, die mich erschrecken, und wir müssen aufpassen, dass wir durch dieses Wachstum nicht die eigenen Wurzeln verlieren. Deshalb darf Ardeo die Entwicklung auch nicht auf die Innenstadt beschränkt sehen, sondern die Gewerbegebiete in ihre Überlegungen einbeziehen. Eine Konkurrenzsituation zur Innenstadt ist nur bedingt möglich, stattdessen gäbe es Ergänzungs- bzw. Synergieeffekte. So würden bereits heute zwischen 10 und 30 % der Pendler aus den Außenbereichen von Therme und Gewerbegebiete in die Stadtmitte gelockt. Und bevor die Erdinger "mit den Füssen abstimmen", also Auswärts einkaufen, ist es besser, die Strategie seines Vorgängers Bauernfeind fortzusetzen, und Gewerbegebiete auf der "eigenen Grünen Wiese" anzusiedeln, und von dort Wege zwischen Innen- und Außenbereiche zu schaffen, etwa über einen Pendlerbus, den die Stadt Erding in den nächsten beiden Jahren mit 130.000 € bezuschusst. Für Gotz wäre es viel wichtiger als die Befürchtung einer Konkurrenzsituation, sich in diesem Gesamtkomplex als Ardeo-Interessengemeinschaft zu sehen, und sich gemeinsam gegen den Landesentwicklungsplan zu stellen.

Der aus Dachau stammende Heinritz bestätigt die derzeit herrschende erfreulich hohe Verkehrs- und Fußgängerfrequenz der Erdinger Innenstadt, die auch weiterhin für eine hohe Kaufkraft sorgen könne, falls Flächen von zentralen Kleingewerbetreibenden zusammengeführt werden könnten, um auf diese Weise Kaufhäuser von über 400 m² zu schaffen, welche als innenstädtische Publikumsmagnete wichtig wären; genauso wie eine bunte Funktionsmischung, also neben der Gastronomie auch der Verbleib von Arztpraxen und Apotheken, sowie soziale Treffpunkte, denn auch sozial schwache hätten ein Existenzrecht in der Stadt !

Gotz möchte die Immobilienbesitzer möglichst früh in die Planungen einbeziehen, wenn es etwa um weitere Verdichtungsmöglichkeiten geht, die es in vernünftigen Maßstäben zu realisieren gilt; dabei nannte er als nicht optimale Lösung die Situation der Stiftungsbräu-Hinterhöfe. Zusammenhängende Gewerbeflächen dürften dabei aber nicht über die Köpfe der Eigentümer hinweg verspekuliert werden, denn das wäre Planwirtschaft. Man müsse stattdessen frühzeitig erfahren, wann welche Flächen frei werden. 
Entwicklungspotentiale für Innenstadtentwicklung gibt es im Bereich zwischen ehemaligem Bauhof, Lodererplatz und Pointner Mühle; weitere werden zwischen Zentrum und neuem Bahnhof entstehen, wenn man denn endlich mit einem endgültigen Standort planen kann - wobei Gotz befürchtet, dass sich die bayr. Regierung für eine Variante entscheiden könnte, die für die Stadt Erding nicht von Vorteil ist. 
Das historische Stadtbild soll erhalten werden, denn dafür beneiden uns viele andere Städte, und damit ziehen wir auch Touristen und Geschäftsreisende z.B. vom Münchner Aiport an. Auch ältere Menschen zögen wieder vermehrt in Innenstädte, um fußläufig die zentralen Versorgungsbereiche erreichen zu können. Entsprechend wäre auch für Erding ein richtiger Branchenmix des Stadtmanagements (Günter Pech) wichtig.  
Diesbezüglich gilt es auch, vorausschauend zu denken, denn die innenstadt-typischen Branchen ändern sich stetig. Bis 1999 gehörten Möbel, Elektro, Lebensmittel und Spielwaren dazu, heute gehören diese Ansiedlungen in Gewerbegebiete nach draußen, bevor man "mit den Füßen abstimmt", um in anderen Regionen einzukaufen. 

Und dann wird Gotz kämpferisch, und zwar gegen die eigene CSU-dominierte Regierung von Oberbayern, welche speziell für den LEP zuständig ist, welche "uns Erdinger" z.B. vorschreiben will, welche nicht nur Grundlage für Bebauungspläne ist, sondern welche Unternehmen sich wo ansiedeln dürfen. Feinkost Käfer sei dafür ein Beispiel.    
Dort beharrt man auf die Einhaltung des LEP, während Gotz dem widerspricht. "Jede Stadt ist anders". Er zählt das außergewöhnliche Wachstum in der Boom-Region des Flughafens und die Altersstruktur als Gründe auf; nennt deshalb die Sanierung der Schulen als eine der großen Herausforderungen für die Stadt. Erding sei eine "Schönwetter-Stadt", bei der die Jugend einerseits schnell für Belebung, andererseits aber auch für Lautstärke und Müll sorgt.
Als mahnendes Beispiel sieht er die Verzögerung der Entwicklung in der Innenstadt von Rosenheim, weil man dort lange von einem Shopping-Center am Bahnhof ausging. Erst nachdem sich dies nicht bewahrheitete, konnte eine innerstädtische Entwicklung anlaufen.

Was am Ende eines solchen Abends vom Erdinger Weg übrig bleibt?
Erwin Howerka fällt die gehäufte Verwendung des Wortes "Wir" auf. "Wir müssen den Erdinger Weg beschreiten." Die meisten Geschäfte in Erding sind heute Filialisten, die wenig Bezug zu Erding haben, die sich fragen, wieso sie irgendwelche Umlagen für Aktionen von Ardeo mitbezahlen sollen.  
"Wir jammern hier auf höchstem Niveau" meint dagegen der Wirt des Erdinger Weisbräu, der die Disney-Welt der Erdinger Kleinstadt einfach erhalten will, weil die Zuckerguss-Fassaden am Schrannenplatz die Touristen in sein Hotel und die Wirtschaft spülen.   
Vor allem Gotz zeigt sich mit dem Abend unzufrieden, weil die Themen nicht genügend herausgearbeitet wurden, es noch keine konkreten Ideen für künftige Aktionen gibt - vor allem aber, dass auch hier die konkrete Unterstützung für seinen Standpunkt gegenüber der oberbayrischen Bezirksregierung nicht ausgesprochen wurde.   

Bemerkenswert der schier unverbesserliche Optimismus von Gotz, mit dem er die Bedenken von Gruber mit einer Handbewegung wegschiebt, weil Erding ja eher "zuviel Wachstum als zuwenig" erfahren wird - obwohl Prognosen der gesamtwirtschaftlichen Lage derzeit so schwer einschätzbar sind als selten zuvor.
Wie lange hält der Standortfaktor am Münchner Großflughafen?
Inzwischen gehen von dort nicht nur positive Impulse für Gastronomie und Tourismus aus, sondern durch die Entwicklung des Zeitarbeiter- und Billiglohnbereichs vermehrt auch die soziale Problematik, siehe
www.mucarbeiter.de.   
Was, wenn immer mehr Menschen, wie Hartz-IV-Aufstocker weniger auf innenstädtische Leuchtturmprojekte, sondern ganz einfach auf günstigen Wohnraum angewiesen sind?
Sollten dann nicht auch solche Themen in den Fokus einer Stadtentwicklung rücken?
Sollte es in Erding vielleicht auch darum gehen, das Thema Zukunft nicht nur den Geschäftsleuten zu überlassen, um sich im Stadtrat "von Mittelständler zu Mittelständler" gegenseitig Preise zu überreichen (siehe
hier), sondern auch andere bei solch ganz wichtigen zukünftigen Entscheidungsprozessen aktiver einzubeziehen? Früher gab es dafür einmal einen sehr demokratisch ausgerichteten Arbeitskreis der lokalen Agenda, um allen interessierten Bürgern ein Sprachrohr über die Zukunft ihrer Stadt anzubieten, und welches nicht nur aus Vermögenden und damit ohnehin politisch einflussreichen Geschäftsleuten bestand.
Dazu gehört auch die Frage: Wie beziehe ich als Stadt Erding Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen und Ideen ein? Denn "Erding ist bunt", so preist man sich zumindest.

  

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