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An manchen Orten wird man anhand
von Jahren eingeschätzt, die ein Erdinger in Erding verlebt hat. So jedenfalls
mein erster Eindruck im so international klingendem Restaurant-Frontcooking-Bar
Salon Duchesse, und meinem ersten
Versuch mit Anwesenden ins
Gespräch zu kommen. Auf meine Frage "Darf ich erfahren, wer Sie sind?"
beginnt die Antwort des Gegenüber: "Ich bin bereits xx Jahre Erdinger".
Nun gut, nachdem ich selbst eine ähnlich hohe Zahl als Antwort vorzuweisen
schaffe, werde ich
doch noch zum Ardinger erklärt - zumindest, bis ich meinen Flyer loswerde:
"Walter Koppe, Bundestagskandidat der Linken für den Wahlkreis Erding -
Ebersberg" steht da drauf .
Immerhin wehrt man sich mit einigem Erfolg
gegen das Vorurteil der Geheimbündelei - denn Veranstaltungen der
Interessengemeinschaft der Erdinger G'schäftsleut, die sich unter dem
Vereinsnamen Ardeo zusammengeschlossen haben, sind in der Regel öffentlich.
Zunächst warten an diesem Abend die gut 50
Zuhörer (nur wenige ...Innen) vor sich hin. Bürgermeister Gotz steckt noch
mitten in einer Stadtratsitzung, so wird herum erzählt. Unter den Wartenden
befindet sich auch Prof. Günther Heinritz,
SPD-Stadtrat aus Dachau, der Verfasser des Einzelhandelsgutachtens für Erding, den man
nun dazu überredet, auch ohne den Herrn Bürgermeister schon ein paar Worte
zum Thema weiter zu geben.
Heinritz, der Erdings Entwicklung bereits
seit Ende der 90er Jahre begleitet, war 2005 von der positiven Erfolgsgeschichte
noch sehr angetan. Die damalige große Begeisterung scheint inzwischen aber doch etwas abgebröckelt. Zwar sei die Fassade noch gut
in Ordnung, doch die Gewerbegebiete im Erdinger Westen und Süden scheinen ihm
nun doch etwas zu groß ausgelegt, was nun zu einer unguten Konkurrenzsituation
für die Innenstadt führen könnte.
Gewandhauschef und "Erding-Jetzt"-Stadtrat
Gruber malt die Situation deutlicher. Die Konkurrenz der Gewerbegebiete kommt
für die Innenstadt in einer wirtschaftlich "dramatischen" Situation.
Je mehr Läden selbst bei einer konstanten Wirtschaftskraft, desto weniger Umsätze pro
Laden, so rechnet er vor. Die Ladenmieten gehen bereits zurück, die wirtschaftliche Perspektive
sei unsicher. Ein Möbelmarkt hätte ein Angebot für die Innenstadt bereits abgesagt ...
Hier unterbricht ihn der inzwischen in der
Runde angekommene Gotz heftig, der vor der Stadtratsitzung noch an einer Sitzung des regionalen Planungsverbands teilnahm.
Hier fiel ihm die Solidarität der Kommunen untereinander auf. Die Meinung des Stadt- und Kreisrats zum Landesentwicklungsplans
(LEP) war den Vertretern anderer Städte "wurst". Dann kontert Gotz
den letzten Satz von Gruber: Der Möbelmarkt hätte nicht abgesagt.
Erding wächst. Wir haben eher zuviel Wachstum
als zuwenig. Es gibt Prognosen für Erding, die mich erschrecken, und wir
müssen aufpassen, dass wir durch dieses Wachstum nicht die eigenen Wurzeln
verlieren. Deshalb darf Ardeo die Entwicklung
auch nicht auf die Innenstadt beschränkt sehen,
sondern die Gewerbegebiete in ihre Überlegungen einbeziehen. Eine Konkurrenzsituation
zur Innenstadt ist nur bedingt möglich, stattdessen gäbe es Ergänzungs-
bzw. Synergieeffekte. So würden bereits heute zwischen 10 und 30 % der
Pendler aus den Außenbereichen von Therme und Gewerbegebiete in
die Stadtmitte gelockt. Und bevor die Erdinger "mit den Füssen abstimmen",
also Auswärts einkaufen, ist es besser, die
Strategie seines Vorgängers Bauernfeind fortzusetzen, und Gewerbegebiete auf
der "eigenen Grünen Wiese" anzusiedeln, und von dort Wege zwischen
Innen- und Außenbereiche zu schaffen, etwa über einen Pendlerbus, den die
Stadt Erding in den nächsten beiden Jahren mit 130.000 € bezuschusst. Für
Gotz wäre es viel wichtiger als die Befürchtung einer Konkurrenzsituation, sich in
diesem Gesamtkomplex als Ardeo-Interessengemeinschaft zu sehen, und sich
gemeinsam gegen den Landesentwicklungsplan zu stellen.
Der aus Dachau stammende Heinritz bestätigt die
derzeit herrschende erfreulich hohe Verkehrs- und Fußgängerfrequenz der
Erdinger Innenstadt, die auch weiterhin für eine hohe Kaufkraft sorgen könne,
falls Flächen von zentralen Kleingewerbetreibenden zusammengeführt werden
könnten, um auf diese Weise Kaufhäuser von über 400 m² zu schaffen, welche als
innenstädtische Publikumsmagnete wichtig wären; genauso wie eine bunte
Funktionsmischung, also neben der Gastronomie auch der Verbleib von Arztpraxen
und Apotheken, sowie soziale
Treffpunkte, denn auch sozial schwache hätten ein Existenzrecht in der Stadt !
Gotz möchte die Immobilienbesitzer möglichst
früh in die Planungen einbeziehen, wenn es etwa um weitere
Verdichtungsmöglichkeiten geht, die es in vernünftigen Maßstäben zu
realisieren gilt; dabei nannte er als nicht optimale Lösung die Situation der
Stiftungsbräu-Hinterhöfe. Zusammenhängende Gewerbeflächen dürften dabei
aber nicht über die Köpfe der Eigentümer hinweg verspekuliert werden, denn das
wäre Planwirtschaft. Man müsse stattdessen frühzeitig erfahren, wann welche
Flächen frei werden.
Entwicklungspotentiale für
Innenstadtentwicklung gibt es im Bereich zwischen ehemaligem Bauhof, Lodererplatz
und Pointner
Mühle; weitere werden zwischen Zentrum und neuem Bahnhof entstehen, wenn man
denn endlich mit einem endgültigen Standort planen kann - wobei Gotz befürchtet, dass sich die bayr.
Regierung für eine Variante entscheiden könnte, die für die Stadt Erding nicht von
Vorteil ist.
Das historische Stadtbild soll erhalten
werden, denn dafür beneiden uns viele andere Städte, und damit ziehen wir auch
Touristen und Geschäftsreisende z.B. vom Münchner Aiport an. Auch ältere
Menschen zögen wieder vermehrt in Innenstädte, um fußläufig die
zentralen Versorgungsbereiche erreichen zu können. Entsprechend wäre auch für
Erding ein
richtiger Branchenmix des Stadtmanagements (Günter Pech) wichtig.
Diesbezüglich gilt es auch, vorausschauend zu denken, denn die innenstadt-typischen Branchen
ändern sich stetig. Bis 1999 gehörten Möbel, Elektro, Lebensmittel und Spielwaren
dazu, heute gehören diese Ansiedlungen in Gewerbegebiete nach draußen, bevor
man "mit den Füßen abstimmt", um in anderen Regionen
einzukaufen.
Und dann wird Gotz kämpferisch, und zwar
gegen die eigene CSU-dominierte Regierung von Oberbayern, welche speziell für
den LEP zuständig ist, welche "uns Erdinger" z.B. vorschreiben will, welche
nicht nur Grundlage für Bebauungspläne ist, sondern welche
Unternehmen sich wo ansiedeln dürfen. Feinkost Käfer sei dafür ein Beispiel.
Dort beharrt man auf die Einhaltung des LEP, während Gotz dem widerspricht. "Jede Stadt ist
anders". Er zählt das außergewöhnliche Wachstum in der
Boom-Region des Flughafens und die Altersstruktur als Gründe auf; nennt deshalb die Sanierung der
Schulen als eine der großen
Herausforderungen für die Stadt. Erding sei
eine "Schönwetter-Stadt", bei der die Jugend einerseits schnell für
Belebung, andererseits aber auch für Lautstärke und Müll sorgt.
Als mahnendes Beispiel sieht er die Verzögerung der Entwicklung in der
Innenstadt von Rosenheim, weil man dort lange von einem Shopping-Center am
Bahnhof ausging. Erst nachdem sich dies nicht bewahrheitete, konnte eine
innerstädtische Entwicklung anlaufen.
Was am Ende eines solchen Abends vom Erdinger
Weg übrig bleibt?
Erwin Howerka fällt die gehäufte
Verwendung des Wortes "Wir" auf. "Wir müssen den Erdinger Weg
beschreiten." Die meisten Geschäfte in Erding sind heute Filialisten, die
wenig Bezug zu Erding haben, die sich fragen, wieso sie irgendwelche Umlagen
für Aktionen von Ardeo mitbezahlen sollen.
"Wir jammern hier auf höchstem Niveau" meint dagegen der Wirt des
Erdinger Weisbräu, der die Disney-Welt der Erdinger Kleinstadt einfach erhalten
will, weil die Zuckerguss-Fassaden am Schrannenplatz die Touristen in sein Hotel
und die Wirtschaft spülen.
Vor allem Gotz zeigt sich mit dem Abend unzufrieden, weil die Themen nicht
genügend herausgearbeitet wurden, es noch keine konkreten Ideen für künftige
Aktionen gibt - vor allem aber, dass auch hier die konkrete Unterstützung für
seinen Standpunkt gegenüber der oberbayrischen Bezirksregierung nicht
ausgesprochen wurde.
Bemerkenswert der schier unverbesserliche
Optimismus von Gotz, mit dem er die Bedenken von Gruber
mit einer Handbewegung wegschiebt, weil Erding ja eher "zuviel Wachstum
als zuwenig" erfahren wird - obwohl Prognosen der gesamtwirtschaftlichen Lage
derzeit so schwer einschätzbar sind als selten zuvor.
Wie lange hält der Standortfaktor am
Münchner Großflughafen?
Inzwischen gehen von dort nicht nur positive Impulse für Gastronomie und Tourismus aus,
sondern durch die Entwicklung des Zeitarbeiter- und Billiglohnbereichs vermehrt
auch die soziale Problematik, siehe www.mucarbeiter.de.
Was, wenn immer mehr Menschen, wie Hartz-IV-Aufstocker weniger auf
innenstädtische Leuchtturmprojekte, sondern ganz einfach auf günstigen Wohnraum angewiesen
sind?
Sollten dann nicht auch solche Themen in den Fokus einer Stadtentwicklung
rücken?
Sollte es in Erding vielleicht auch darum gehen, das Thema Zukunft nicht nur den
Geschäftsleuten zu überlassen, um sich im Stadtrat "von Mittelständler
zu Mittelständler" gegenseitig Preise zu überreichen (siehe
hier), sondern auch andere bei solch ganz
wichtigen zukünftigen Entscheidungsprozessen aktiver einzubeziehen? Früher gab es dafür einmal
einen sehr demokratisch ausgerichteten Arbeitskreis der lokalen Agenda, um allen
interessierten Bürgern ein Sprachrohr über die Zukunft ihrer Stadt anzubieten, und
welches nicht nur aus Vermögenden und damit ohnehin politisch einflussreichen
Geschäftsleuten bestand.
Dazu gehört auch die Frage: Wie beziehe ich als Stadt
Erding Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen und Ideen ein? Denn
"Erding ist bunt", so preist man sich zumindest.
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