Wahlkampf 

mit Händen 

und Füssen

 

Der Kandidat hielt eine leidenschaftliche Rede. Die Gegenrede der anderen ließ er genauso wenig gelten wie den anwachsenden Protest im Publikum. Um seinen Standpunkt nochmal zu verdeutlichen erhob sich der Kandidat von seinem Stuhl, steigerte seine Lautstärke, und brüllte nun beinahe ins Mikrophon: "Ich bin Mathematiker, ich bin Physiker, ich bin der Kompetenteste von Euch allen hier, ..." - und diesmal entfachte die wuchtige Gestik seiner massigen Gestalt nicht nur Luftwirbel, diesmal traf seine Hand den Kandidaten, der ihm am nächsten saß.
Dieser fasste sich an seinen Hals, stöhnte noch einige Sekunden, sank dann röchelnd in sich zusammen. Während der Mathematiker eben nachzuweisen versuchte, dass der Wirkungsgrad von Photovoltaik-Elementen in der Sahara wesentlich effektiver sei als jener von entsprechenden Anlägen auf mitteleuropäischen Dächern verstarb der Kandidat neben ihm, der inzwischen von ersten nachdenklich dreinblickenden Zuhörern umringt auf dem Boden lag.

Nur wenige Zentimeter hatten an diesem Donnerstag, den 10.09. gefehlt, und die Podiumsdiskussion in Markt Schwaben hätte tatsächlich einen solch dramatischen Ausgang finden können.
So schlug die Faust des einen zwar nicht am Hals des anderen ein, sondern nur am Nacken, also zwischen Hals und Schulterbereich. Als derart Getroffener fängt man allerdings schon zu überlegen an, was man sich als Kandidat da eigentlich aufge'halst hat.

 

Weil es im Markt Schwabener Unterbräu um Energiepolitik ging, an dieser Stelle die bis dahin von mir (dem Getroffenen) abgegebenen Wortbeiträge. 

Während der ersten Runde machte ich darauf aufmerksam, dass durch die Privatisierung des Energiemarkts seit 1992 eine Konzentration stattfand, die zu Zeiten rot-grüner Regierung bei vier Großkonzernen führte; deren Energiepolitik wiederum unbeeindruckt vom öffentlichen Interesse seitdem lediglich von Konzernmanagern und Aufsichtsräten gesteuert wird, diese von den möglichst weit verlängerten Restlaufzeiten kostenmäßig abgeschriebenen Atomkraftwerken profitieren; dass Aufsichtsräte von versch. Parteien diese Regeln erst möglich gemacht haben! (hier gibt es sehr interessante Details, seltsam, wie Moderator Ermann, selbst SPD-Mitglied, mich unterbrach, nicht rotgrün, sondern die EU-Politik wäre dafür verantwortlich gewesen).
Von den
Milliarden-Profiten der Konzerne (20 Mrd. € pro Jahr !!!, davon viele SPD-Aufsichtsräte) hat die Öffentlichkeit nichts, statt dessen muss sie auch noch für die Kosten, z.B. des Atommülltransports und der Risiken aufkommen, und zwar viele Generationen lang. Für diese Risiken gibt es weder eine Haftpflichtversicherung, noch taucht ein solcher Kostenfaktor in der Bilanz eines Konzerns auf.
Ich machte also den Standpunkt der Linken deutlich, die Energiepolitik zu rekommunalisieren, um die Konzerne damit zu entmachten; was in immer mehr Kommunen auch passiert (z:B. "Badenova", erst vor Wochen in Freiburg). 
Über die Mitsprache der Menschen wäre es am einfachsten, den Anteil der erneuerbaren Energien festzulegen, oder Sozialtarife einzuführen, was notwendig scheint, wenn immer mehr Menschen die Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Diese Kosten haben übrigens nur wenig mit heutigen HartzIV-Zusatzleistungen zu tun, weil hier alleine der Faktor Wärme bezahlt wird, aber weder Strom noch Warmwasser, ... 
Es hätte in diesen ganz wichtigen Bereichen so viele diskussionswürdige Fragen geben können, auch zu aktuellen Entwicklungen im Bereich der Zusammenlegung von Mini-Blockheizkraftwerken und "Schwarmstrom" (Lichtblick & VW), oder bezüglich der derzeitigen Situation bei den Beschäftigten im Bereich erneuerbarer Energien (wenig Lohn, kaum Rechte, Betriebsräte, Gewerkschaften, ...), nur leider ließ es sich die gesamte Runde inkl. Moderation gefallen, von einem Kandidaten dominieren zu lassen - der nebenbei angemerkt, ständig mit Unterlagen aus dem Jahr 2004 herum wedelte, welche ähnlich bedrohlich wie seine Hände an meinem Kopf vorbei flatterten. 
Die Zuhörer wiederum gingen naturgemäß vor allem auf die Themen ein, die vorne so ausgiebig wie möglich zur Sprache gekommen waren. So konnte man im Unterbräu den Wüstensand beinahe sehen, und die Wirkungsgrade und  Leitungsverluste so laut brummen hören, dass dieser alle anderen Themen und Lösungsansätze übertönte. Der Öffentlichkeit wurde es also auch nach dem 10.09. nicht leichter gemacht, sich über die Zukunft der Stromversorgung zu informieren. Über Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. 

Eine von mehreren recht gut gemachten Seiten zum Thema Rekommunalisieren von Energie-Konzernen gibt es hier: www.energie-in-buergerhand.de - bitte informiert Euch!

 

Walter Koppe