Der Wochenkommentar 

vom 03., 07. und 09.2009

 

Wieso würden hauptsächlich Wähler der Linken eine Sarrazin-Partei wählen?  Kommentar zur Woche zu einer Umfrage von emnid - die auf yahoo-clever gestellt wurde

die argumentation, wie sie von manchen hier geführt wird, läuft in wirklichkeit anders herum - dann macht sie sogar sinn.

ich hab in meinen beiträgen immer wieder darauf hin gewiesen, dass gerade die unterschicht gegeneinander ausgespielt wird. hartzIV gegen billiglohn, leiharbeiter gegen tarifvertraglich beschäftigte, ... - ich bin direkt betroffener, (siehe http://www.mucarbeiter.de ) und kenne dieses spielchen.
genauso betrifft das inländer gegen ausländer, weil all die verschiedenen schichten auch noch in ähnlichem millieu benachbart sind, auch hier oft in konkurrenz - ein westerwelle oder der reiche erbe einer villa am starnberger see ist weit von sozialen brennpunkten entfernt - diejenigen können sich eine tolerantere sichtweise gut leisten, weil sie im richtigen leben gar nichts damit zu tun haben.
zwischen den einzelnen betroffenheitsgruppen dagegen ist man grad innerhalb sozialpolitisch schwieriger zeiten (arbeitsmarkt) auch direkter konkurrent, was das wohnumfeld betrifft. dass dann der ein oder andere potentielle links-wähler sarrazin mit seinen thesen recht gibt, hat leider überhaupt nichts verblüffendes! 

jedenfalls seh ich seit langem die problematik, dass die unzufriedenen eher gar nicht mehr zur wahl gehen, weil sie von der politik insgesamt irritiert sind. dieses phänomen ist längst bekannt. wäre die unterschicht bei der letzten bundestagswahl so geschlossen zur wahl gegangen wie die klientel der fdp, dann hätte die zwar nicht zu 100 %, aber sicher zum großteil links und evtl. grad noch spd gewählt - (sicher auch rechte parteien, siehe meine begründung), aber es wäre heute ganz sicher keine CDU/FDP-regierung an der macht. 
ich stelle mal folgende these auf: dieser regierung ist es ganz recht, dass sich die unterschicht gegeneinander ausspielen lässt (mehr als in anderen eu-staaten wie frankreich, spanien , griechenland, ...), denn je unsolidarischer eine unterschicht, desto einfacher lässt sich politik für die oberen durchsetzen.
in einem solchen system müssen übrigens auch die medien gut eingebunden sein. einerseits hilft da die philosophie von "brot und spiele" (am besten jeden abend ein fussballspiel), auf der anderen seite feuert da roland koch unliebsame journalisten (brender). wie schön deckungsgleich journalismus und regierung inzwischen geworden ist, zeigt das beispiel von ex-chefredakteur seibert, dem neuen regierungssprecher. - und dazu passt dann auch meine frage im link unten, die ich erst vor einigen tagen gestellt habe ...

 Walter Koppe, 09.09.2010siehe
http://de.answers.yahoo.com/question/index;_ylt=AhsG42dJ8Lt5l3SVB9FokID1Un1G;_ylv=3?qid=20100908135349AAX6wRa

 

Sarrazin und alternative Diskussionen über Werte und Integrationsverweigerer Kommentar zur Woche

Um welche Integration soll es hier eigentlich gehen? 
Wir leben in einer Zeit, in der Wirtschaftlichkeit immer mehr zählt, damit aber auch Wertlosigkeit ! 
Nie zuvor hat sich eine Gesellschaft derart alternativperspektivlos auf den Geldbegriff fokusiert. Genau das erscheint mir als das eigentliche Problem, dass Mensch nicht mehr als Mensch zählt, sondern wie eine Ware geschätzt und nach einer Zeit abgeschrieben wird. Pech für den, der mehr kostet als er Wert schafft!
Der große Unterschied zwischen uns Deutschen und anderen Kulturen, wie der arabischen, damit auch vielen Türken, hat eben auch mit dieser Wertefrage zu tun. Während bei uns nur die Bilanz gilt (ausgedrückt übrigens in arabischen Zahlen), existieren in der arabischen Welt Werte wie Familie, Gemeinschaft, Religion und Ehre. Versteht mich nicht falsch, ich möchte das gar nicht in allen Details verteidigen oder gut heißen, die Demokratie ist für mich eine der wichtigsten Errungenschaften - ich möchte damit aber sagen, dass genau diese Unterschiede irritieren, wenn Glück weniger aufgrund konkurrierender Leistungen, sondern sozial intakter Netzwerke funktioniert. Die derzeitige Integrations-Diskussionen hat für mich auch mit der Frage zu tun, welche Gesellschaft erstrebenswert ist. Ist es das Arbeiten bis zum Umfallen, um der Leistungsgesellschaft willen, die davon lebt, dass sich die Menschen je nach Belieben auch gegenseitig ausspielen lassen, z.B. Billiglohn gegen HartzIV - weil sich nach unten am einfachsten treten lässt. Jeder gegen jeden? 
Und dann gibt es noch die Dritten, die weder mit uns in Deutschland, noch mit unserer Diskussion hier, noch mit der EU oder Amerika zunächst mal direkt zu tun haben, die aber die globalen Auswirkungen derjenigen spüren, die diese Werte im Überfluss schaffen, um Müll und Schadstoffe zu produzieren, welche (vermutlich) Klimawandel und Missernten verursacht. Und diejenigen verlangen nun genau von uns: "integriert Eure Kultur, Eure Lebensweise und Wirtschaft innerhalb unseres globalen Systems gefälligst so, dass wir alle noch längere Zeit darin leben können. Denn wenn ihr das nicht macht, dann kommen auch wir zu Euch."
Also, um die Antwort kurz zu machen: Wer ist eigentlich Integrationsverweigerer? Am Ende verursacht ein HartzIV-Empfänger womöglich am wenigsten Schäden, weil er am wenigsten Auto fährt und am wenigsten Ressourcen verbraucht?

 Walter Koppe, 07.09.2010 


 

Sarrazin und die längst vergessen geglaubte Liebe der Deutschen zum Buch.  Kommentar zur Woche

Sarrazin selbst ist gleichzeitig Politiker, Banker - sowie Brandstifter und Autor in einer Person!
- Als Berliner Senator war er selbst für die Fehlentwicklungen mit zuständig, die er nun kritisiert 
- Als Aufsichtsrat einer Bank gehört er gleichzeitig genau der Gruppe an, die Milliarden verzockt hat, dessen Mittel dann für Bildung, kulturelle und integrative Einrichtungen fehlten! 
- Und welche Seiten spielt Sarrazin gegeneinander aus? Die Unterschicht. Vor kurzem versuchte er es noch mit HartzIV-Empfängern, denen er vorrechnete, wie viel Gramm Brot, Butter und Marmelade sie pro Tag verbrauchen dürfen - Weil er, Sarrazin (1,68 m, 65 kg) ja auch nicht mehr braucht! - eigentlich Zeugnis genug für seine extrem egozentrische Sichtweise, wenn er damit z.B. auch den Ernährungsplan für einen 1,90 m großen und 100 kg schweren arbeitslos gewordenen Schwerarbeiter aufstellt.

Das deutsche Hauptproblem ist vor allem, dass sich zu viele gegeneinander ausspielen lassen - weil viele selbst solch enge Sichtweisen haben, und alle gegeneinander in einem extremen Wettbewerb gegeneinander stehen, wo jeder nur an sich selbst denkt. Derjenige, der sagt: "Leistung muss sich wieder lohnen" hat keine Ahnung von Hartz IV, Hartz IV ärgert den Billiglöhner, der sagt, wieso soll ich noch für 5 €/Std arbeiten? Der tarifvertraglich Beschäftigte sieht den Leiharbeiter als Dumpinglöhner und potentiellen Streikbrecher, einzig der priviligierte Erbe der Villa am Starnberger See hat überhaupt keine Ahnung um was es eigentlich geht, außerdem ist der Zaun außen herum hoch genug. 
In einem solchen Gebräu, in dem auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich seit fast einem Jahrhundert nicht mehr so groß war wie heute, ist dann auch kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr zu erwarten. Im Gegenteil: Es braucht lediglich einen kleinen Brandstifter, um all die leicht entflammbaren Materialien inklusive einer demokratischen Kultur in Flammen aufgehen zu lassen.

Immerhin: "Erstmals seit Jahrzehnten kaufen wir Deutschen wieder Bücher", meinte der Buchhändler um die Ecke vorher zu mir: "Stellen Sie sich nur vor, Menschen kommen in meinen Laden, von denen ich vorher nie gedacht hätte, dass in ihrer Wohnung ein Buchregal steht"

 Walter Koppe, 03.09.2010

 

siehe auch: http://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20100903041924AATsjtg