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Wer sich über die von Sarrazin ausgelöste Debatte
auslässt, egal ob man ihn verteidigt, ihm widerspricht, ob man relativiert
oder abwiegelt, der kommt kaum auf die Idee, dessen Sichtweise etwas tiefer zu
hinterfragen. Klaus X., der Referent des Abends versuchte innerhalb seines
Vortrags deutlich zu machen, wie sehr ein
Mensch in unserer Gesellschaft allein aufgrund von Nutzwert und
Nutzbarkeitsdenken definiert wird.
Deshalb, so Klaus X, konzentriert sich die von Sarrazin
losgetretene Diskussion auf die Sorge nach dem nachwachsenden Rohstoffs
Intelligenz - zum Zweck der wirtschaftlichen Produktivitätssteigerung
innerhalb eines globalen Wettbewerbs. Entsprechend dieser Ideologie ist
weniger der Staat seinen Menschen gegenüber in der Verpflichtung, sondern
umgekehrt die Menschen gegenüber Staat und Wirtschaft.
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Wobei Sarrazin mit seiner Aussage gar nicht so viel
Neues beisteuere, denn die Erhöhung der Geburtenrate bei Menschen hohen
"Human-Kapitals" ist bereits lange vor Sarrazin mehr oder weniger
wirksam Inhalt
politischer Programme.
Klaus erkennt einen gnadenlosen Sortierungsprozess,
in welchem die Einteilung in Unter- und Oberschichten bezüglich Nützlichkeit
als vollkommen normal angesehen wird - so wird das Anwachsen der "falschen
Schicht" wieder einmal zum Problem einer Ideologie.
Ist aber eine Leistungsgesellschaft nicht zwangsweise eine Konkurrenzgesellschaft, in welcher der Erfolg des einen
zum Misserfolg
des anderen werden muss?
Auch wenn es im Zug der 68'er-Bewegung
Bestrebungen gab, eine verbesserte Durchlässigkeit zwischen Unten und Oben zu
erreichen, was schließlich auch Arbeiterkindern
den Aufstieg ermöglichte, so war das Ergebnis deshalb nicht gerechter. Und auch wenn es die Philosophie mancher 68'er war,
über den "Marsch durch die Institutionen" auf eine gerechtere Gesellschaft hin zu wirken - so war das Ergebnis vor allem, dass man es
sich innerhalb der Institutionen selbst so angenehm wie möglich
einrichtete. Gerade in dessen Endphase der Protagonisten - der rotgrünen Regierung unter
Schröder und Fischer - entstand die Agenda-Politik, entstand Leiharbeit und
Billiglohn, welche den Unterschied zwischen Oben und Unten erst zu zementieren half.
Eine junge Deutsch-Türkin beteiligt sich an
der Diskussion, lobt den Bundespräsidenten Wulff, welcher ausdrücklich der
Präsident aller Menschen, auch der Muslime sein möchte.
Obwohl im Zeitalter von Sarrazin, aber auch Von Wilders in Holland, auch
andere in der Runde grundsätzlich froh über die Worte des
Bundespräsidenten sind, gewinnt schließlich auch hier die Skepsis. Klaus X:
"Man ist sehr willkommen, solange man sich verdient macht. Jeder, der
etwas zur deutschen Kultur beiträgt ist willkommen. Das könnte man jedoch
auch als Erpressungssprache verstehen. "Wenn ihr euch eingliedert, dann
seid ihr willkommen - aber wehe ihr seid dies nicht!"
So werde das Streben nach Assimilation - auch nach politischer Handbarkeit,
zur Bürgerpflicht erklärt. Wie deutlich der Nützlichkeitsgedanke gegenüber
dem Menschlichkeitsgedanken inzwischen ausgeprägt ist, zeigt dass osteuropäische
Juden oder auch manch Inder aufgrund überdurchschnittlicher Intelligenz in
Deutschland hochwillkommen sind, während jährlich Tausende Bootsflüchtlinge
aus Afrika auf dem Weg nach Europa ihr Leben lassen.
So verhielt sich das auch bezüglich der türkischen Gastarbeiter. Solange sie
mehr Nutzen als Kosten verursachten,
waren sie willkommen. Als aber aufgrund
produktivitätssteigernder und gleichzeitig arbeitsplatzrationalisierender
Maßnahmen vor allem die einfacheren Tätigkeiten weniger wurden, verschwand
auch deren Nutzen.
Was ist eigentlich deutsche Kultur - und was ist in
einem föderalistisch ausgerichteten Staat mit dem deutschen Volk gemeint? War
und sind solche Begriffe nicht so verschieden wie die Vielfalt an
Kultur und politischen wie religiösen Strömungen, in welcher es schon immer
nationalistische, rechtskonservative, liberale, sozialistische und
autonome Traditionen gab?
Gibt es nicht immerhin als Fundament all dessen das
Grundgesetz das alles zusammen hält, und aus dem als Artikel 1 eindeutig hervorgeht:
"Die Würde des Menschen ist unantastbar" - ganz ohne jede Wertung
über Nutzbarkeit - und aus dem heraus alle anderen Regeln erst wirksam und
möglich werden?
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