Im Schatten Sarrazins
Diskussionsveranstaltung am 04.10.2010 im AWO-Café in Erding

Wer sich über die von Sarrazin ausgelöste Debatte auslässt, egal ob man ihn verteidigt, ihm widerspricht, ob man relativiert oder abwiegelt, der kommt kaum auf die Idee, dessen Sichtweise etwas tiefer zu hinterfragen. An diesem Abend wurde aufgrund Sarrazins Thesen deutlich, wie sehr ein Mensch in unserer Gesellschaft allein aufgrund von Nutzwert und Nutzbarkeitsdenken definiert wird.
Deshalb konzentriert sich die aktuell losgetretene Diskussion auf die Sorge nach dem nachwachsenden Rohstoffs Intelligenz - zum Zweck der wirtschaftlichen Produktivitätssteigerung innerhalb eines stetig wachsenden globalen Wettbewerbs. Entsprechend dieser Ideologie ist weniger der Staat seinen Menschen gegenüber in der Verpflichtung, sondern umgekehrt die Menschen gegenüber Staat und Wirtschaft.

Wobei Sarrazin mit seiner Aussage gar nicht so viel Neues beisteuert, denn die Erhöhung der Geburtenrate bei Menschen hohen "Human-Kapitals" ist bereits lange vor Sarrazin mehr oder weniger wirksam Inhalt politischer Programme - Ausgangspunkt eines gnadenlosen Sortierungsprozesses, in welchem die Einteilung in Unter- und Oberschichten bezüglich Nützlichkeit als vollkommen normal angesehen wird - und das Anwachsen der "falschen Schicht" damit erneut zum Problem einer Ideologie. 

Ist nicht jede Leistungsgesellschaft zwangsweise eine Konkurrenzgesellschaft, in welcher der Erfolg des einen zum Misserfolg des anderen werden muss?
Auch wenn es im Zug der 68'er-Bewegung Bestrebungen gab, eine verbesserte Durchlässigkeit zwischen Unten und Oben zu erreichen, was schließlich auch Arbeiterkindern den Aufstieg ermöglichte, so war das Ergebnis deshalb nicht gerechter. Und auch wenn es die Philosophie manch Protagonisten jener Zeit war, über den "Marsch durch die Institutionen" auf eine gerechtere Gesellschaft hin zu wirken, so war das Ergebnis vor allem, dass man es sich innerhalb der Institutionen selbst so angenehm wie möglich einrichtete. Gerade in dessen Endphase der rotgrünen Regierung unter Schröder und Fischer entstanden Leiharbeit und Billiglohn, welche den Unterschied zwischen Oben und Unten zu zementieren half.

Eine junge Deutsch-Türkin beteiligt sich an der Diskussion, lobt den Bundespräsidenten Wulff, welcher ausdrücklich der Präsident aller Menschen, auch der Muslime sein möchte.
Obwohl im Zeitalter von Sarrazin, aber auch Von Wilders in Holland, auch andere in der Runde grundsätzlich froh über die Worte des Bundespräsidenten sind, gewinnt schließlich auch hier die Skepsis: "Man sei sehr willkommen, solange man sich verdient macht. Jeder, der etwas zur deutschen Kultur beiträgt ist willkommen. Das könnte man jedoch auch als Erpressungssprache verstehen: "Wenn ihr euch eingliedert, dann seid ihr willkommen - aber wehe ihr seid dies nicht!"
So werde das Streben nach Assimilation, auch nach politischer Handbarkeit, zur Bürgerpflicht erklärt. Wie deutlich der Nützlichkeits- gegenüber dem Menschlichkeitsgedanken inzwischen ausgeprägt ist, zeigt dass osteuropäische Juden oder auch manch Inder aufgrund überdurchschnittlicher Intelligenz in Deutschland hochwillkommen sind, während jährlich Tausende Bootsflüchtlinge aus Afrika auf dem Weg nach Europa ihr Leben lassen.
So verhält sich das auch bezüglich ehemals türkischer Gastarbeiter. Solange sie mehr Nutzen als Kosten boten, waren sie willkommen. Als aufgrund arbeitsplatzrationalisierender Maßnahmen vor allem die einfacheren Tätigkeiten weniger wurden, verschwand auch deren Nutzen.

Was ist eigentlich deutsche Kultur, und was in einem föderalistisch ausgerichteten Staat mit dem deutschen Volk gemeint? War und sind solche Begriffe nicht so verschieden wie die Vielfalt an Kultur und politischen wie religiösen Strömungen, in welcher es schon immer nationalistische, rechtskonservative, liberale, sozialistische und autonome Traditionen gab?
Gilt nicht immerhin als Fundament all dessen das Grundgesetz, das alles zusammen hält, und aus dem als Artikel 1 eindeutig hervorgeht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - ganz ohne jede Wertung über Nutzbarkeit - und aus dem heraus alle anderen Regeln erst wirksam und möglich werden? 
Oder geht es viel eher um die Definition des Begriffs "Volk", und dass sich das Gefasel von kultureller Unterschiedlichkeit als angeblicher Ursache der Unterteilung der Welt in lauter Völker laufend blamiert? 
Nicht alles konnte innerhalb des zweistündigen Gedankenaustausches geklärt werden, weshalb auch von den Teilnehmern der Wunsch nach einer Fortsetzung vorgetragen wurde. 

 

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