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Wobei Sarrazin mit seiner Aussage gar nicht so viel
Neues beisteuert, denn die Erhöhung der Geburtenrate bei Menschen hohen
"Human-Kapitals" ist bereits lange vor Sarrazin mehr oder weniger
wirksam Inhalt
politischer Programme - Ausgangspunkt eines gnadenlosen Sortierungsprozesses,
in welchem die Einteilung in Unter- und Oberschichten bezüglich Nützlichkeit
als vollkommen normal angesehen wird - und das Anwachsen der "falschen
Schicht" damit erneut zum Problem einer Ideologie.
Ist nicht jede Leistungsgesellschaft zwangsweise eine Konkurrenzgesellschaft, in welcher der Erfolg des einen
zum Misserfolg
des anderen werden muss?
Auch wenn es im Zug der 68'er-Bewegung
Bestrebungen gab, eine verbesserte Durchlässigkeit zwischen Unten und Oben zu
erreichen, was schließlich auch Arbeiterkindern
den Aufstieg ermöglichte, so war das Ergebnis deshalb nicht gerechter. Und auch wenn es die Philosophie
manch Protagonisten jener Zeit war,
über den "Marsch durch die Institutionen" auf eine gerechtere Gesellschaft hin zu wirken, so war das Ergebnis vor allem, dass man es
sich innerhalb der Institutionen selbst so angenehm wie möglich
einrichtete. Gerade in dessen Endphase der rotgrünen Regierung unter
Schröder und Fischer entstanden Leiharbeit und
Billiglohn, welche den Unterschied zwischen Oben und Unten zu zementieren half.
Eine junge Deutsch-Türkin beteiligt sich an
der Diskussion, lobt den Bundespräsidenten Wulff, welcher ausdrücklich der
Präsident aller Menschen, auch der Muslime sein möchte.
Obwohl im Zeitalter von Sarrazin, aber auch Von Wilders in Holland, auch
andere in der Runde grundsätzlich froh über die Worte des
Bundespräsidenten sind, gewinnt schließlich auch hier die Skepsis:
"Man sei sehr willkommen, solange man sich verdient macht. Jeder, der
etwas zur deutschen Kultur beiträgt ist willkommen. Das könnte man jedoch
auch als Erpressungssprache verstehen: "Wenn ihr euch eingliedert, dann
seid ihr willkommen - aber wehe ihr seid dies nicht!"
So werde das Streben nach Assimilation, auch nach politischer Handbarkeit,
zur Bürgerpflicht erklärt. Wie deutlich der Nützlichkeits- gegenüber
dem Menschlichkeitsgedanken inzwischen ausgeprägt ist, zeigt dass osteuropäische
Juden oder auch manch Inder aufgrund überdurchschnittlicher Intelligenz in
Deutschland hochwillkommen sind, während jährlich Tausende Bootsflüchtlinge
aus Afrika auf dem Weg nach Europa ihr Leben lassen.
So verhält sich das auch bezüglich ehemals türkischer Gastarbeiter. Solange sie
mehr Nutzen als Kosten boten,
waren sie willkommen. Als aufgrund arbeitsplatzrationalisierender
Maßnahmen vor allem die einfacheren Tätigkeiten weniger wurden, verschwand
auch deren Nutzen.
Was ist eigentlich deutsche Kultur, und was in
einem föderalistisch ausgerichteten Staat mit dem deutschen Volk gemeint? War
und sind solche Begriffe nicht so verschieden wie die Vielfalt an
Kultur und politischen wie religiösen Strömungen, in welcher es schon immer
nationalistische, rechtskonservative, liberale, sozialistische und
autonome Traditionen gab?
Gilt nicht immerhin als Fundament all dessen das
Grundgesetz, das alles zusammen hält, und aus dem als Artikel 1 eindeutig hervorgeht:
"Die Würde des Menschen ist unantastbar" - ganz ohne jede Wertung
über Nutzbarkeit - und aus dem heraus alle anderen Regeln erst wirksam und
möglich werden?
Oder geht es viel eher um die Definition des
Begriffs "Volk", und dass sich das Gefasel von kultureller
Unterschiedlichkeit als angeblicher Ursache der Unterteilung der Welt in
lauter Völker laufend blamiert?
Nicht alles konnte innerhalb des zweistündigen
Gedankenaustausches geklärt werden, weshalb auch von den Teilnehmern der
Wunsch nach einer Fortsetzung vorgetragen wurde.
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