Matinée: Regionale Autoren lesen in der Stadtbücherei Erding
Auch bei der diesjährigen sonntäglichen Matinée am 24.10.2010 behält die bayrische Mundart die Oberhand. Nur Graf Dracula setzt sich über alle Regeln hinweg.

      Albert Sigl --    Franziska Vogel  Manfred Trautmann - Vroni Vogel --    Nicolas Wachter   - Konrad Huber

Albert Sigl bedient sich gern der heimelig-heimatlichen Sprache. Die zielt ins Innere und erzeugt Bilder - nicht nur, wenn er aus Erinnerungsfetzen der Nachkriegszeit diese zu Geschichten verknüpft. Auch als Kontrastmittel zwischen den Schichten, oder dem einfachen Menschen und der großen Politik, um von Umgangssprache den Hebel auf Gesellschaftskritik zu schalten. Bei "Harte Arbeit" lässt er einen Arbeitnehmer nicht nur zur Ware werden, sondern auch gleich noch zum "Auslaufmodell" mit "negativen Erwartungsprognosen". Dem Arbeitnehmer droht schon der Krankenstand - womit Sigls Kritik dann doch auf halbem Wege stecken bleibt, denn aufgrund des Attestes bleibt dieser im Vorteil.
Die Kurzgeschichte "Zirkus" ist typisch für Sigls Nachkriegs-Erinnerungen. Selten verklärt, taucht die Verdrießlichkeit der Zeit diesmal in Form einer kratzenden Jacke derart realistisch erzählt auf, dass sich manch Zuhörer schon fast der etwas engen sonntäglichen Kleidervorschrift entledigen möchte. Doch während der erste Erzählfaden im Beichtstuhl endet, beginnt Sigl schon den zweiten zu spinnen. Mit dem Zirkus kommt eine magische Kinderwelt ins Dorf. Ein letztes Mal in selbige kratzende Jacke der Kindheit gezwungen entzaubert sich mit dem zu klein gewordenen Zirkus auch die selbe.

Franziska Vogels zweiter Text ist derart autobiographisch, dass ihr Mann im Publikum sitzend dies zur allgemeinen Erheiterung mit "Verjährt" bestätigt. Es folgt also die detaillierte Beschreibung einer bittersüßen Einladung einer Männer verzehrenden Dame, welche ihr Opfer - diesmal mit hochdeutschen Worten - umkreist, dabei frivole Erfahrungen über den Mann preis gibt, diesen beim Abschied fast verschlungen hätte, wäre die Autorin nicht selbst dabei gewesen, um das Allerschlimmste zu verhindern. Am Ende stand der Ausruf, der die Quintessenz aus Sicht des Mannes in einem Wort passend kurz zusammengefasst, so wie dies auch Schopenhauer und Nietsche nicht besser hätten tun können: "Weiber!"

Manfred Trautmann beweist einmal mehr seine Stärken. Ort des neuesten Theaterstücks, welches demnächst in Rosenheim Premiere feiert, um es hier anhand einer Szene vorzutragen, ist eine Dorfwirtschaft im bayrischen Hinterland. Wenige Jahre nach Kriegsende treffen dort mit den hiesig Eingeborenen und den US-Boys und ihrer "Neger-Musi" zwei Welten aufeinander. Zunächst zeigen sich die Amerikaner von der vollkommen unverständlichen bayrischen Melodik und Gesangskunst begeistert, bevor als späte Erkenntnis folgt, dass die zusammengedichteten Texte alles andere als amerikafreundlich sind, und das Johlen und Katschen in eine wilde Schlägerei übergeht.
Szenenwechsel: Die Bühne zu Trautmanns zweitem Vorhang öffnet den Vorhang eines Opernhauses. Der Besuch gehört zur neuen Pflicht des künftigen Abteilungsleiters, um sich auch kulturell standesgemäß einzuordnen. Die Situationskomik komplizierter Beinausrichtung etwas größerer Menschen steigert sich aufgrund der Laienhaftigkeit des Gastes, der nun die schwer zu ergründende Handlung auf der Bühne zu beschreiben versucht. Die Handelnden scheinen des Sprechens nicht mächtig, weshalb sie nun wie schmerzgeplagte Sängerinnen und Sänger im Mittelpunkt zu stehen scheinen. Im weiteren erhält das Publikum der Stadtbücherei einen tiefen Einblick in die Welt der großen italienischen Oper, an dessen Ende sogar der vom Dolch eines Feindes nieder sinkende Sterbende bis zum Ende weiter singt, sein Feind die Tat singend bedauert, und sich der Besucher inmitten einer immer größer werdenden Runde von Sängern wundert, wieso keiner auf die Idee kommt, einen Sanitäter zu holen.

Vroni Vogel setzt mit Pferdegeschichten einen Akzent in Richtung Kinderliteratur. In "Zuckerbrot und Peitsche" und "eingespieltes Team" beschreibt sie den Opa mit Hexenschuss auf dem Wallach, oder die Auseinandersetzung eines alkoholisierten Traktorfahrers mit einer Reiterin.
Mit "Kampf um die Burg" wird die Kinderphantasie noch ein Stück mehr angesprochen. Die Zwillingsschwestern eines Bauernhofs sind allein zu Hause, und erzählen sich gruselige Gute-Nacht-Geschichten. Schließlich fürchten sich die beiden so sehr vor Dracula und Co, dass die beiden allen vorhandenen Knoblauch ums gemeinsam gewordene Bett binden, die Hälse mit Kreuzzeichen bemalen, der unerklärbaren Klopfgeräusche wegen aber trotzdem nicht einschlafen können. Natürlich war der klopfende Vampir am Ende nur ein vom Wind bewegter Fensterladen.

Nicolas Wachter demonstriert den Kleinen Zuhörern: "Ihr könnt Euch ja an bestimmten Stellen die Ohren zuhalten. Schaut mal her: So!". Dann nimmt der studierte Germanist das Thema von Vroni Vogel auf eine schaurig-unterhaltende Weise auf. In den nächsten Minuten präsentiert der Man in Black in "Walpurgisnacht" ein lyrisch-poetisches Hexenkunstwerk, um phasenweise auch stimmlich zu Dracula umzuschalten. Rhythmisch reimend, fast zu flattern scheint Wachters Stimme bald aus tief schwefelhaltiger Gruft zu entsteigen, so dass der Tanz der Toten die Friedhofserde zum zittern zu bringt, um schließlich von der finstren Vermählung auf Schloss Grauenfels zu berichten. Das Fest, zu dem auch Monster, Hexen, Wichtel und Kobolde eingeladen sind, dauert bis zum Morgengrauen, bis die ersten Strahlen der Sonne dem makabren Treiben ein Ende bereiten, und die Menschen der umliegenden Dörfer bereits dabei sind, die grausame Gegenwehr zu organisieren. Doch dann merken die, dass ein kleines Mädchen fehlt.


demnächst wieder gemeinsam on Stage
Bühnenkollegen. Manfred Trautmann & Klaus Schiermann

Walter Koppe, 
xED am 24.10.2010