Biowaffen: Die Furcht vor dem Superkiller

Biowaffen: Die Furcht vor dem Superkiller

Es war Freitagabend, als in einer US-amerikanischen Großstadt ein Albtraum begann. Terroristen warfen ein Glasgefäß mit Bacillus anthracis, dem Erreger des Milzbrands, auf die Gleise der brechend vollen Untergrundbahn. Tausende von Passagieren inhalierten auf dem Weg ins Wochenende die aufwirbelnden Sporen des tödlichen Anthrax-Erregers. Eine Woche später zählten die Behörden fast 50 000 Opfer.

Das fiktive Schreckensszenario lief als fünfteilige Serie mit dem Titel "Biowar" im US-Fernsehsender ABC - zwei Jahre, bevor die einstürzenden Türme des World Trade Centers in New York den Amerikanern ihre Verletzlichkeit für Terrorangriffe vor Augen geführt haben. Am 4. Oktober 2001 schien die Schreckensvision Realität zu werden. Bei Robert Stevens, Fotoreporter des Boulevardblatts "Sun" in Florida, wurde offiziell Lungenmilzbrand diagnostiziert; vermutlich hatte er einen mit Anthrax-Sporen verseuchten Brief geöffnet. Einen Tag darauf erlag er der Krankheit.

Die Redaktion der "New York Post" und das Büro des demokratischen Senators Tom Daschle waren weitere Ziele der Angreifer, deren Identität bisher unbekannt ist. Dennoch: der prophezeite Superhorror blieb aus - diesmal. "Nur" fünf Menschen starben, insgesamt 17 hatten sich bis Anfang Dezember mit Milzbrand infiziert. Anthrax steht ganz oben auf der Liste der Krankheitskeime, die sich als biologische Kampfstoffe eignen. Wird das Bakterium durch Hitze oder Aushungern gestresst, bildet es widerstandsfähige Sporen. Getrocknet und zu Tausendstel Millimeter kleinen Staubpartikeln zerrieben, dringen sie bis tief in die Lunge ein. Dort verwandeln sich die "Schläfer" wieder zum Bazillus, der sich mit rasender Geschwindigkeit vermehrt und dessen Toxine das Blut überschwemmen.

Doch die Produktion von waffentauglichen Erregern gilt als schwierig; denn der Sporenstaub neigt zum Verklumpen. Erst der Zusatz von chemischen Stoffen - das Geheimrezept der Biowaffenlabors - lässt die Sporen schweben. Der aufwendige Herstellungsprozess erleichtert es Fahndern zudem, die Quelle der Anthrax-Sporen aufzuspüren. Hunderte von Erregerstämmen sind bekannt – nur wenige davon sind gefährlich. Die in den USA entdeckten Umschläge enthielten vermutlich alle den ”Ames“-Stamm, benannt nach einer Stadt im US-Bundesstaat Iowa, in der er in den 30er Jahren erstmals isoliert worden war. Es ist offenbar derselbe Stamm, mit dem die USA bis 1969 ihr nationales Biowaffenprogramm betrieben haben, berichtete das Magazin ”New Scientist“. Die ehemalige Sowjetunion verwendete Ames nicht zur Großproduktion, Briten und der Irak bedienten sich des ”Vollum“-Stamms. Allerdings sei der Ames-Stamm auch nach Südafrika verkauft worden. Eine Genanalyse – sie wird zur Zeit von Paul Keim von der Northern Arizona University durchgeführt – kann vermutlich die genaue Herkunft der Keime klären. Durch den Vergleich der bei den Terroranschlägen seit Oktober verwendeten Mikroben mit den in US-Labors gezüchteten Keimen wird sich dann von den Wissenschaftlern ermitteln lassen, ob Restbestände aus den 60er Jahren verschickt wurden – oder ob die Anthrax-Erreger aus jüngeren Experimenten stammen.

Dass die Killerkeime per Post versandt und nicht, wie befürchtet, in U-Bahntunneln oder Lüftungsanlagen platziert wurden, hat die Fachleute allerdings überrascht. ”Eine primitive Methode“, urteilte der russische Biowaffenexperte Ken Alibek, die darauf schließen lasse, dass die Angreifer nur geringe Mengen Anthrax zur Verfügung hatten. Ob mangelnde Expertise oder kaltes Kalkül: Die Absender zielten offensichtlich nicht auf möglichst viele Opfer, sondern setzten vermutlich vor allem auf die psychologische Wirkung. Mit Erfolg: 57 Prozent der Amerikaner, das ergab eine Ende Oktober durchgeführte Umfrage, treffen persönliche Vorkehrungen, um sich vor Anthrax oder Pocken zu schützen. Ein Drittel öffnet die Post nur noch mit höchster Vorsicht.

Wenn auch kein Anlass zur Panik besteht: Zum ”dreckigen Dutzend“ international geächteter B-Kampfstoffe gehören neben Anthrax auch die sehr ansteckenden Pockenviren sowie die Erreger von Lungenpest und Botulismus. Mit Methoden der modernen Gentechnik ließen sich aus den Erregern von Milzbrand, Pest oder Pocken zudem Gruselkeime der nächsten Generation schaffen, warnen die Molekularbiologin Claire Fraser und der Friedensforscher Malcolm Dando im Fachblatt ”Nature Genetics“. In ein bis zwei Jahren sei das Erbgut von mehr als 70 der wichtigsten Krankheitserreger aufgeklärt, darunter auch das Erbgut des Bacillus anthracis. Es wird derzeit am Institute for Genomic Research in Rockville, Maryland, entziffert, das Claire Fraser leitet. Damit stünden das Rohmaterial und die entsprechende Technik zur Verfügung, um klassische Waffenkeime gezielt gegen Antibiotika zu wappnen, für die Immunabwehr unsichtbar zu machen oder Toxine verschiedener Erreger in einem ”Superkiller“ zu kombinieren.

Denkbar sind beispielsweise ”Tarnkappen-Viren“, die sich in das Erbgut der Opfer einschleusen und erst zu einem beliebigen Zeitpunkt aktiviert werden, oder ”Designerkrankheiten“, die bislang in der Natur nicht vorkommen. In Hinterhof-Labors, in denen fanatisierte Forscher mit Genen jonglieren, werden die Massenvernichtungswaffen der Zukunft jedoch nicht entstehen. Auch die japanische Aum-Sekte, immerhin mit einer Milliarde Dollar und wissenschaftlichem Know-how im Rücken, hatte Anschläge mit Anthrax und anderen Keimen verübt – alle ohne Wirkung. Erst als die Sekte auf das von ihr fabrizierte ”gewöhnliche“ Nervengas Sarin zurückgriff – und zum Beispiel 1995 in der U-Bahn von Tokyo einsetzte –, kamen viele Menschen ums Leben. Deshalb gehen Experten davon aus, dass Terroristen auf Kontakte zu staatlichen Labors angewiesen sind, in denen Biowaffen erforscht oder gar entwickelt werden. Reporter der ”New York Times“ haben in ihrem gerade erschienenen Buch ”Germs“ zusammengetragen, wie intensiv vor allem Russland und die USA bis heute in solche Programme verstrickt sind – meist mit der Begründung, Impfstoffe und Medikamente zur Abwehr von gegnerischen Bioattacken zu gewinnen.

Sollte Terroristen dennoch ein massiver B-Waffen-Anschlag gelingen – die Bevölkerung wäre weitgehend ungeschützt. ”In Deutschland sind Impfstoffe gegen die Erreger von Milzbrand, Pest und Pocken weder zugelassen noch kurzfristig verfügbar“, meldete das Paul-Ehrlich-Institut in Langen kürzlich. Die Bundesregierung hat für 100 Millionen Mark sechs Millionen Einheiten Pockenimpfstoff gekauft. In den USA versucht man, Restbestände durch Verdünnen zu strecken. Eine zweifelhafte Milzbrand-Vakzine, die bislang für die US Army reserviert ist, soll auch zum Schutz von Zivilpersonen zur Verfügung stehen. Reaktionen allesamt, die mehr der Beruhigung dienen als der Sicherheit.

Den einzig wirksamen Schutz, auch vor terroristischen Attacken, würde eine Verschärfung der internationalen Biowaffen-Konvention von 1972 bieten. Dieses Abkommen, das Biowaffenproduktion und -einsatz bannen soll, ist im Grundsatz bereits von 143 Staaten, einschließlich Irak und Russland, unterzeichnet und damit – jedenfalls auf dem Papier – akzeptiert worden. Ein Zusatzprotokoll soll ermöglichen, dass Anlagen, in denen dennoch die Herstellung von Biowaffen vermutet wird, routinemäßig durch internationale Inspektoren überprüft werden können. Sechs Jahre haben die Unterzeichner um dieses Zusatzprotokoll verhandelt, doch ein wichtiger Staat hat die Umsetzung durch sein Veto bis heute verhindert: die USA.

Ein Link:
Infolinks zum Thema biologische Waffen