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Delissen aktuell
Die andere Seite (23.09.01)
Daß der Begriff "Terrorist" nur ein vages "Etwas" in den Köpfen der Menschen ist, steht fest. "Terrorismus", - politischer Mord, Bombenanschläge, gezielte Tötungen, Massenmord, das Vergiften von Lebensmitteln, Geiselnahme, Vergewaltigung, Bluttaten an Frauen und Kindern, - die Liste ließe sich beliebig erweitern. Eine klare Definition eines "Terroristen" wird nicht zu finden sein.
Nun stellt sich die Frage:
Wie möchte eine Supermacht wie die USA "gnadenlos und mit aller Härte, mit allen den USA zu Verfügung stehenden militärischen Mitteln" einen Feind vernichten, vom Erdboden tilgen, den sie nicht einmal definieren, noch viel weniger orten kann? Ein Bild, gezeichnet im 2. Weltkrieg taucht auf:
Ein wütender, riesiger Bär, blind vor Wut und Schmerzen, der mit seiner gigantischen Tatze einen Hieb nach einer Wespe tut, die ihn in die Nase gestochen hat. Nur, das sollte man bedenken, sitzt dieser grimmige Bär in einem Glashaus namens Erde und dieses fragile Zuhause ist gefüllt mit kostbaren, zerbrechlichen Porzellanskulpturen. Nun, gröberes Unglück (was immer das auch sein mag) zu verhindern, wird zumindest eine relativ latente Bemühung der Vereinigten Staaten sein, doch eine durchaus logisch und verständlich klingende Forderung ist die nach einer allgemeinen Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen, mit, nach, oder im Zuge einem dem 3. Weltkrieg nahe kommenden Szenario. Eine totalistische Verschärfung der Sekurität von jedem denkenden Menschen akzeptiert als einleuchtende Schlußfolgerung aus den bizarren, schrecklichen Ereignissen. Und hier liegt die Gefahr:
Diese Attentatsserie hat allen Industrieländern, eigentlich allen Regierungen dieser Welt einen Freibrief gegeben, moralisch den Rücken von der nur allzu naiven Öffentlichkeit gestützt, versehen mit ungeheurer Machtbefugnis und ungeahnten finanziellen Mitteln,- jeden des "Terrorismus" Verdächtigen zu vernichten, sei es nun ein Land, ein Staat, eine Gesellschaftsgruppe oder eine Einzelperson. Wieder stellt sich die Frage:
"Was ist Terrorismus?"
"Wer ist Terrorist?"
Alles Morgenländische?
Beileibe, nein. Wir haben doch auch die RAF. Und die ETA. Und die IRA. Die rote Zora, oder diese alternativen Terroristen, die sich gegen Atomkraft wehren. Und wie sie alle heißen.
Die könnten ja!
Sicherheitsmaßnahmen verstärken!
Die Guten schützen vor den Bösen.
Wer sind die Bösen?
"Na halt diese, Sie wissen, die Ausländer, die Studenten, die Arbeitslosen, die Kommunisten, diese Drogensüchtigen alle, - die müssen ja Drogensüchtig sein, sonst würden die so etwas nicht tun. Das Übel im Keim ersticken! Wir wollen eine rechtschaffene Gesellschaft!"
Hier hat sich dem Machtsystem auf unserem Planeten (zum ersten Mal?) eine Möglichkeit angeboten, Alles irgendwie unbeliebte, störend wirkende, auszurotten oder wenigstens brutalst zu restriktionieren und vor allem im Zuge der Lagebedingten Sicherheitspräventionen bis ins Intimste zu überwachen.
Mit allermodernster Technologie.
Big brother is watching you closely.
Ist das nicht ein World Trade Center und ein paar Tausend Menschenleben wert?

T.D. Textdesign Thom Delißen

Konfrontation mit der herben Realität
(der 22.09.01 in München)

....und um dem kleinen, ständig wachsenden, wuchernden Gedankentumor in meinem Hirn, der neben den seelischen Schmerzen, die er verursachte, auch noch die Boshaftigkeit besaß, in einem klirrenden Stakato von (offensichtlich?) logischen Argumenten lauthals die Schlußfolgerungen "Krieg und Polizeistaat" zu verkünden, - um dem etwas Handfestes entgegenzusetzen, fuhr ich gestern, am Samstag nach der Anschlagsserie in den USA, zu einer Friedensdemonstratiomn in München.
Der Ort des Geschehens war der Stachus, das Motto:
"Nein zum Krieg"
Aufgerufen hatten Münchner Peace-Initiativen und etliche andere Organisationen. Die offiziell organisierte "Linke" der bayerischen Hauptstadt.
Ich war, mit einigen Kopien des Textes, den ich "die andere Seite" genannt habe, mit der S-Bahn bis zur Haltestelle Karlstor gefahren, stieg aus,
- erstaunlich wenig Menschen unterwegs - und suchte mir meinen Weg nach oben.
Am Ende der Rolltreppe zwei Polizisten, die gerade dabei sind, jemandes Personalausweis zu kontrollieren.
Ich überquere die Straße hinüber zum Stachusbrunnen, - noch bevor ich ganz über den Fußgängerüberweg gekommen bin, spricht mich eine Polizistin, gewandet in einem der grünen Einsatzoveralls, der Schlagstock baumelt lässig an der Seite, drei ihrer grimmig dreinblickenden Kollegen im Rücken, in unterschwellig aggressiver Art an:
"Grüß Gott. Personenkontrolle. Können Sie sich ausweisen?"
Man durchsucht mich, beschlagnahmt 5 oder 6 Originale, auf denen mein Name nicht vermerkt ist, und läßt mich schließlich gehen.
"Ist es jetzt verboten, Gedanken niederzuschreiben, ohne darunter seine Identität zu setzen?"
Ich verteile ein paar Kopien, schieße ein Photo.
Als ich mich umsehe, überall, fast jeder Fünfte in schwarzer Lederjacke und Jeans, Funkgeräte knacken.
"Guten Tag. Personenkontrolle. Können Sie sich ausweisen?"
Ich werde erneut gefilzt, 20 Pamphlete, sorgfältig von mir geheftet, werden "eingezogen". Das Argument: Es müsse die komplette Adresse vermerkt sein. Ich darf meines Weges gehen, verteile 4 oder 6 Kopien, als mich ein junger Mann anspricht:
"Darf ich mal sehen?" Er klappt sein Portemonnaie auf, zeigt mir seine Legitimation.
"Also, Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder Sie schreiben auf jedes Blatt Ihren Namen, Ihre komplette Anschrift und den Satz "Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes", oder Sie bekommen eine Anzeige und wir beschlagnahmen das."
Er deutet auf die Fotokopien.
Meine Adresse, Telefon und E-Mail stünden doch drauf.
"Diesen Satz und die vollständige Adresse."
Ich gebe auf, setze mich hin und beginne sämtliche Kopien mit diesem Satz zu versehen. Als ich ihn etwa 30 Mal geschrieben habe, steht ein Mann vor mir, Jeans, Lederjacke und Verbrechermütze.
"Polizei. Stehen Sie mal auf. Ausweis."
"Nehmen Sie mal die Brille und das Barett ab!"

Irgendwann fuhr ich dann nach Hause.

©T.D. Textdesign 2001

"Nein zum Krieg!" Stoppt die Spirale von Terror, Krieg und Rassismus!
Uns alle eint das Entsetzen über die Terrorakte von New York und Washington.
Die von den USA angekündigten "Rachefeldzüge" werden - wie schon in der Vergangenheit - Zehn- und Hunderttausende unschuldiger Menschenleben kosten, Gesellschaften verwüsten und gleichzeitig den Boden bereiten für neuen Haß und neuen Terror. Wir wehren uns dagegen, daß damit die Trauer über diese Anschläge benutzt wird, um antiarabischen, antiislamischen Rassismus zu schüren."

Die Idee (13.09.01)
abgedruckt in der
Erdinger SZ vom ...
Er saß da, im Schneidersitz ,auf weichen samtenen Kissen, in einem schmiedeeisernen Behälter neben ihm glühende Stücke steiniger Kohle, etliche blakende Öllampen verbreiten abstruses Licht.
Er ist schon alt, ja.
Er wollte es nie glauben, wollte nie einsehen, daß auch ihm Gevatter Tod auf Schritt und Tritt nachstiefelte. Daß auch ihn diese eisige Hand berühren sollte, der er so viele Lämmer zugespielt hatte.
Er lächelte leise, ein verzerrtes, grausames Lächeln.
Hätte jemand die Möglichkeit gehabt, in sein Denken zu sehen, so wäre er erstaunt gewesen, wie vollständig der Haß den Verstand eines Menschen ausfüllen kann.
Und - er wußte um diese Tatsache, hatte sich dem Zorn und der erbarmungslosen, den Tod und das Leben verachteten Form des Ich Seins verschrieben.
Hatte sich zum Gott aufgeschwungen.
Feine Rauchschwaden und das flackernde Licht der rußenden Lampen flohen über den Schatten, den seine Kontur auf die strenggemusterten Teppiche warfen, die den Raum in dumpfes, grabesähnliches, drückendes Schweigen hüllten.
Er war allein.
Versunken in trunkenen, bitteren Gedanken, in trüben modrigen Alpträumen, die das Böse fühlbar werden ließen.
Und dann kam sie, die Erleuchtung.
Die Idee.
Das will heißen, diese Idee tauchte nicht einfach auf, so als ob sie nie dagewesen wäre, nein - sie hatte irgendwie schon immer existiert, war schon immer dagewesen, anders vielleicht, in ihrer Urform, doch der Grundsatz immer gleich, - sie war schon seit aller Ewigkeit dagewesen, doch so offensichtlich, daß man sie nicht mehr erkennen konnte.
Doch er, so war sich der alte Mann sicher, hatte hinter den Vorhang der Eitelkeiten des menschlichen Lebens gesehen, und deshalb war er in der Lage, - er und nur er, diese Chance zu sehen, zu realisieren und umzusetzen.
Als ihm die Augen geöffnet wurden, als die Macht des Entsetzens, die schleimige Kraft des Urbösen, die ekelerregende Anwesenheit des stinkenden Meuchelmordes ihn überkam, saß er da, die Hände gefaltet, als würde er beten.
Es durchzuckte ihn wie bei einem starken Stromstoß, fast ekstatisch schüttelte er sich, bekam eine Gänsehaut.
Es war so erstaunlich, so simpel, so naiv, so, ja, - primitiv, es war so einfach, so lupenrein satanisch, so ganz und gar die Idee einer Bestie.
Ein hysterischer Lachanfall überkam ihn, in konvulsischen Spasmen lachend, kreischend, kichernd, sabbernd, hustend war er aufgesprungen, taumelte durch den Raum, brach schließlich mit verzerrtem Gesicht, Schaum vor dem Mund, Blut aus der zerbissenen Zunge sickerte aus seinen Mundwinkeln, in einem furchtbaren, den Körper auf das unvorstellbar verrenkenden Krampf, zusammen.
Doch die Idee, die Gesellschaft mit den von ihr geschaffenen Mitteln von seiner Allmacht zu überzeugen blieb haften:
Nur allzu einfach war es, was ihm aufgegangen war:
Flugzeuge waren Waffen.
Bomben.
Geschosse.
Raketen.
Niemand würde es je verhindern können, daß ein Passagier sich als Terrorist unter die Reisenden mischte.
Noch gibt es keine Gedankenscanner, also war es nur allzu einfach, alles anzugreifen, das mit Flugzeugen erreichbar war.
Und das würde sich niemals ändern.
Terra Finis.
Ende der Mobilität.
Ende des Friedens.
Ende der Sorglosigkeit.

Es gibt jemanden, der die Theorie zur Wahrheit macht.

© T.Delissen 2001

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