aus der neueren Vergangenheit hist. Verein Erding e. V. Heimatmuseum Erding
Neues Heft der Reihe "Erdinger Land" erschienen

In Heft 18 erzählt der im 16. Jh. lebende Kartograph Philipp Apian von seinen Eindrücken,
wird rätselhaftes um den Erbauer des alten Landratsamtes gelüftet,
erfahren wir wissenswertes zu Liedertafel, Zollparlament, Bismarckbesuch und einem Opfer des Titanic-Untergangs.
(derzeit befindet sich bereits Heft 19 in Vorbereitung)

Die Reihe "Erdinger Land" wird als heimatkundliche Schriftenreihe seit 1977 vom Kreisverein für Heimatschutz und Denkmalpflege, Landkreis Erding e.V. (gegr. 1951), herausgegeben.

Nach zwei Themenbänden ("Die Sempt von der Quelle bis zur Mündung", "Der Kulturpreis des Landkreises Erding") liegt mit der Nummer 18 wieder ein Sammelband mit Beiträgen über verschiedene historische Interessengebiete vor.

Gerade an der Schwelle zum neuen Jahrtausend müsse man in Erinnerung behalten, dass "unsere Zukunft eine Vergangenheit hat", betont der Vereinsvorsitzende, Landrat Xaver Bauer, in seinem Vorwort. Das ist auch die gemeinsame Linie der vier Autoren, die die Beiträge geliefert haben.

Im Zeitalter der satellitengestützten Kartographie erinnert Wendelin Hartmann an den Ingolstädter Philipp Apian, der mit seiner Landesbeschreibung und -vermessung im 16. Jahrhundert die Grundlagen aller Landkarten von Bayern geschaffen hat. Der lateinische Urtext seiner "Topographie von Bayern" ist, soweit er den heutigen Landkreis Erding betrifft, vollständig abgedruckt und von Hartmann übersetzt worden. Man erfährt, dass Eicherloh früher wegen "seiner überaus reizvollen Jagden" bekannt war, dass die Sempt "von sehr guten und wohlschmeckenden Fischen" überquoll und dass das Landgericht Erding das "erste und bedeutendste" im Rentamt Landshut war. Apian verzeichnet noch die Kirche von Singlding, die 1804 als "überzählig" abgerissen wurde. Er erwähnt die Mauerreste eines alten Schlosses in Buch am Buchrain und führt unter den vielen Adelssitzen auch das idyllisch gelegene Taufkirchen auf, "ein sehr vornehmes Schloß der Fugger, von Gräben umgeben, in die sich der Staring-Bach ergießt". Alles in allem ein interessanter Blick auf das Erdinger Land im 16. Jahrhundert, illustriert mit Ausschnitten aus der entsprechenden "Landtafel", die Philipp Apian entworfen hat.

Jeder in Erding kennt das alte Landratsamtsgebäude in der Langen Zeile und den schönen Pavillon in der Roßmayrgasse dahinter. Vom Erbauer der stattlichen Gebäude wußte man bislang wenig. Johann Nepomuk Joseph Sebastian Franz von Paula Xaver Anton von Widnmann, so lautet der (klang)volle Name des Landrichters, der hier von 1781 bis 1803 amtierte. Der angehende Historiker Claudius Stein - vielen schon durch seine Zeitungsartikel über Erdinger Geschichte bekannt - hat Erstaunliches über diesen Mann zutage gefördert. Widnmann war Freimaurer (wie viele seiner adeligen Standesgenossen) und gehörte dem geheimnisumwitterten Bund der Illuminaten an. Doch selbst das schadete der Karriere des talentierten und vielseitig interessierten Juristen nicht, obwohl die staatlichen Stellen eindeutige Beweise gegen ihn in der Hand hatten. Die hatte ihnen unbeabsichtigt Johann Jakob Lanz geliefert, ausgerechnet ein Logenbruder Widnmanns in der Erdinger Geheimloge "Granipalatium" ("Kornkammer", eine Anspielung auf die Schrannenstadt Erding). Als Lanz den Gründer des Bundes, Adam Weishaupt, 1785 in Regensburg besuchte, wurde er bei einem Spaziergang vom Blitz erschlagen - ein passendes Ende für jemanden, "der zeitlebens mit Elektrizität experimentiert hatte", wie Stein trocken vermerkt. Die in seiner Kleidung eingenähten Dokumente gaben dem Staat Gründe genug, um den Orden aufzudecken und zu verbieten.
Joseph von Widnmann konnte als Landrichter viel Gutes für Erding bewirken; er hat sich um das Schulwesen wie um die Kultivierung des Erdinger Mooses verdient gemacht. Auch sonst war er ein Vorreiter der Moderne: 1782 ließ er - zum Entsetzen der zusammenlaufenden Bevölkerung - auf sein neu errichtetes Haus den ersten Blitzableiter im Landgericht Erding setzen.

Joseph von Widnmann hat die napoleonische Zeit noch miterlebt; er starb 1807.
Dass danach kaum etwas so war wie vorher, erlebten die Menschen im Erdinger Land in den folgenden Jahrzehnten. In seinem Beitrag zeigt der Historiker Dietmar Schmitz (der den Band auch gestaltet und mit Gerhard R. Koschade redaktionell betreut hat), was sich für die kleinen Leute vor allem änderte: Politik wurde zur Sache des Volkes, von erst zaghaften, von der Obrigkeit beargwöhnten Gehversuchen bis hin zu selbstbewußten Demonstrationen patriotischer Bürger. Die Liedertafel (der älteste noch existierende Verein in Erding) spielte dabei eine besondere Rolle.
Welche Wahl war in Bayern die erste, bei der der Wähler wirklich etwas zu sagen hatte? Sie fand im Februar 1868 statt; aus ihr ging das heute längst vergessene "Zollparlament" hervor. In Erding wurde der Wahlkampf mit Kleinanzeigen im Amtsblatt ausgetragen und die Stimmzettel musste man selbst mitbringen. Allzu eifrige Wahlwerber sollen ihre Opfer bis auf die Abtritte verfolgt haben, um ihnen welche zuzustecken!
Die Bayern halten sich gern zugute, dass sie mit den Preußen nichts am Hut haben. Dass die Erdinger einen davon geradezu überschwänglich gefeiert haben, dürfte gleichfalls vergessen sein: Ausgerechnet Otto von Bismarck, der "Eiserne Kanzler" war 1885 Ziel der Ovationen patriotisch gesinnter Erdinger, die seinen 70. Geburtstag mit Paraden, weihevollen Ansprachen und dem Auftritt der "Germania" - "dargestellt von Fräulein Maria Huber hier" - begingen.
1912 lief - das weiß spätestens seit James Camerons Film jedes Kind - die angeblich unsinkbare "Titanic" zu ihrer Jungfernfahrt aus. Bei ihrem Untergang nach der Kollision mit einem Eisberg riss sie mehr als 1500 Menschen in den Tod. Unter ihnen befand sich der Benediktinerpater Joseph Peruschitz aus Dorfen. Seinen Lebensweg und die Geschichte seiner Familie hat der Dorfener Heimatforscher Johann Wimmer akribisch aufgezeichnet - und dabei Spuren bis nach Ungarn verfolgt, wo der Vater des 1871 geborenen Priesters herkam.
Nachfahren der Familie leben noch heute. Zu den erschütterndsten Momenten in Wimmers Artikel gehört der Bericht eines 1998 verstorbenen Neffen von Joseph Peruschitz: "Als dreijähriger Bub kann ich mich noch erinnern, der Großvater las ahnungslos aus der Zeitung veröffentlichte Namen von Verschollenen aus der Passagierliste der Titanic. Mit einem Aufschrei stellte er in der Schreckensnachricht fest, dass sich der Sohn Benedikt (Pater Josephus) unter den Ertrunkenen befand." Die Familie wusste nichts davon, dass sein Orden den beliebten Lehrer nach Amerika geschickt hatte, um dort beim Aufbau eines Gymnasiums in Minnesota mitzuwirken. Bis zum Untergang des Schiffes beteten Peruschitz und ein englischer Priester mit etwa hundert Menschen aller Glaubensrichtungen und erteilten die Absolution. Sie "standen immer noch betend auf dem Verdeck", sagten Gerettete aus, "als schon das Wasser über dasselbe herschlug."
Die thematische Vielseitigkeit der Beiträge wird von den mehr als 70 Abbildungen unterstrichen.

Der Preis des Heftes beträgt DM 12.- (e 6,14).

Die Schriftenreihe "Erdinger Land" ist erhältlich an der Pforte des Landratsamtes (zu den Dienstzeiten) oder im Städtischen Heimatmuseum Erding (geöffnet jeden Sonntag von 14-17 Uhr).

In Vorbereitung: Heft 19

Aus dem Inhalt: Hans Bauer: »Ard« für Arding - Keltisches Erbe im Wappen der Stadt Erding? o Claudius Stein: Anton Michl (1753-1813) und seine Schrift gegen die Jesuiten im Priesterseminar von Dorfen o Anton Michl: Maria zu Dorfen, eine Zuflucht der Sünder. Authentische Nachrichten von dem neuesten Noviziate der Jesuiten in Dorfen zu Baiern. aus Original=Briefen. (1782) o Claudius Stein/Dietmar Schmitz: Johann Georg von Aretin (1771-1845) und seine Studie »Sitten und Gebräuche im Landgericht Erding« o Johann Georg von Aretin: Sitten und Gebräuche im Landgericht Erding (1790) o Christoph Bachmann: Innerbittlbach - Geschichte und Häuserchronik o Helmut Szill: Stadtarchäologie in Erding - Funde, Grenzen und Möglichkeiten

Mit 96, z.T. farbigen, Abbildungen!

Kontakt:
Dietmar Schmitz
Teisenbergweg 1
85435 Erding
verlagsservice@t-online.de