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Das Wespennest
(Walter Koppe in Arbeit)

Krieg als Lösung?
Die Vergeltung der Vergeltung der Vergeltung?
wie lautet beispielsweise die Lehre aus jenem Krieg zwischen Israel und den Palästinensern?

Und stellt sich nicht eine weitere Frage?
Wieviel ist uns Demokratie wert?
Wenn heutzutage einige wenige Politiker und Weltpolizisten über unsere Köpfe hinwegbestimmen, ob wir in einen Krieg ziehen,
die wie zu Kaisers Zeiten den Kriegszustand ausrufen können.
Kriegsrecht schließt eigene kritische Meinung aus,
und freie Berichterstattung,
denn sie könnte wehrzersetzend wirken.

Richtige Demokratie wirkt kriegszersetzend.
Demokratie, die Kommunikation ermöglicht,
auch zwischen potentiellen Feinden,
um gegenseitige Verständigung zu ermöglichen,
einen runden Tisch anbieten,
um Lösungsmöglichkeiten zu finden, mit der jeder Leben kann
ohne Bomben.

und auch nicht mit Pauken und Trompeten,
und nationalistischen Meeren von Fahnen, Flaggen und Symbolen hier wie dort.

Wie wichtig also ist uns Demokratie?
Wie wichtig ist uns freies Denken und Meinungsfreiheit, auch mal anderer Meinung sein zu dürfen,
weil dies das Fundament für Demokratie ist.
Und wer differenziert,
und zählt nicht jene zu den Kriegsbefürwortern,
die aus Solidarität mit den Opfern
und aus Angst vor dem Krieg Kerzen aufstellen!

Literatur, und das haben einige Friedensnobelpreisträger lange schon vor uns bewiesen
treffen mit Worten, statt mit Bomben und Flugzeugen auf Städte und Zivilisten,
auf Frauen und Kindern.
Im Namen der Erdinger Literaten fordere ich die Möglichkeit der kritischen Auseinandersetzung mit Fundamentalisten hier wie dort!

Wer also will Krieg und Bomben?
auf Fliegen?
um aus 100 Terroristenhelden zusätzliche 100.000 zum Feind zu rekrutieren,
die sich sämtlich gegen den selbsternannten Weltpolizisten solidarisieren, und waffentechnisch unterlegen zusätzlich zum Mittel des Terror zu greifen?
- auch weil es nicht nur ein Weltsystem geben darf, wie jenes der USA.
Man stelle sich vor: "the american way of life" auf ein Milliardenvolk wie China projeziert.
Diesen Pro-Kopf-Verbrauch an Energien, überall Straßen, Flughäfen, Supermärkte, Mc.-Donnalds-Imbißstuben all das auch in Brasilien, in Rußland, in Afrika und Afghanistan.
Wirtschaftssysteme, die auf Exportüberschüsse abzielen, weltweit?
Wohin mit dem ganzen Müll, weltweit? Wer nimmt unserer Welt weltweite Exportüberschüsse ab?

Wer beantwortet Fragen, oder stellt erst mal die richtigen, bevor er Kinderspielzeug verwendet, um Wesoennester anzugreifen?

Eine Geschichte über Gott und die Welt
(Walter Koppe)

Es war einmal in der Kinderzeit unserer Gesellschaft, als die Welt noch voller unerklärlicher Rätsel war, noch prall war von Sagen, Mythen und Märchen, geheimnisvoller Wesen wie Hexen und Feen, Götter und Dämonen. Sie waren notwendige Joker, Urheber all jener Seltsamkeiten, aller Schicksale der Welt; ob Jagdglück und Ernte, Blitz und Donner, Geburt oder Tod, stets waren sie verantwortlich. Überväter und auch –mütter in Menschengestalt steuerten das Gut und das Böse, waren mit Bosheiten zu erzürnen, mit Gebeten zu besänftigen. Der Übergang zwischen Traum und Realität war noch fließend. Die griechischen Helden waren Halbgötter, Bindeglied zwischen den beiden Ebenen.

Auch die Nord- und Mitteleuropäer hatten ihre eigenen Götter, z. B. Donar und Thor; doch die Römer die fortschrittlichere Technik, exportierten schließlich ihre Heiligengeschichten in Buchform und waren mit Bibel und schriftgelehrten Mönchen präsent. Bald waren die Germanengötzen out.

Im europäischen Mittelalter war Beten bald zur heilig-römischen Pflicht geworden, die Pest wütete, Selbstgeißler und Kreuzzügler durchstreiften das Land, Hexen wurden lebendig auf Scheiterhaufen verbrannt, die Leibeigenen Europas von Adel und Geistlichkeit regiert, tyrannisiert, versklavt. Der heilige Kampf der Unterdrückung erfuhr ab dem 16. Jahrhundert von neuen Expansionsmöglichkeiten. So wurde der Rest der Inkas spanisch, der Rest der Indianer englisch oder französisch, noch weniger wurden zu US-Amerikanern. Das Christentum mit all seinen Sekten hatte sich mit Hilfe neuer Feuerbüchsentechnik schnell selbst an die Macht geballert und Manitoo in die ewigen Jagdgründe befördert.

Das Ende der Kinderzeit wird charakterisiert durch Reduktion der Geheimnisse mittels Erkenntnissen. Galileo stellt fest, daß wir samt unserer Erde nicht der Mittelpunkt der Welt sind; Darwin, daß der Mensch nicht auf einen Handstreich erschaffen wurde. Die „Aufklärer“ stellten das menschliche Individuum ins Zentrum und leiteten damit die Lernphase des Kindes ein. Ab nun lernt es aktiv, eigenständig und bewußt zu handeln, es stellt althergebrachtes in Frage, beginnt die Umwelt aktiv zu gestalten, zu beeinflussen – es lernt, erwachsen zu werden.

Wenn sich Kinder allmählich von den Eltern lösen, ist dies ein ganz natürlicher Vorgang. Die Persönlichkeit entfaltet sich am besten, wenn die Entwicklung nicht unnötig behindert wird. Die Entwicklungsstadien eines menschlichen Individuums und die Entwicklungsstadien einer Gesellschaft, bestehend auf dem Erfahrungsschatz und der Geschichte der in ihr befindlichen Individuen, bewegen sich in paralleler Richtung; sie sind eng miteinander verflochten. Während ein großer Teil der heutigen menschlichen Individuen reif dafür wäre, in eine neue, in eine erwachsenere Phase zu treten, behindern mächtige wirtschatsliberale und ängstliche konservative Kreise, die den Status quo aufrecht erhalten wollen, jede gesellschaftspolitisch sinnvolle Weiterentwicklung.
Egoistische Wirtschaftsinteressen moderner Massenmedien lenken den Menschen von eigenster persönlicher Gestaltung und kreativer Entwicklung ab; die Gesellschaft entwickelt sich zurück. Statt Lebenssinn wird Zerstreuung zum Lebensinhalt manipuliert.
- Es lebe die Oberflächlichkeit. Selbst bei Wahlkämpfen zählt statt der besseren Argumentation die bessere Verpackung darum herum, die bessere Show.

Die Frage lautet: selbst gestalten, eigene Erfahrung sammeln und Gedanken machen oder gestalten lassen und gestaltet werden?

Die Frage lautet: Was tun, wenn Kinder flügge werden, dem Vater überm Kopf wachsen, wenn sie beginnen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen? Was und wer ist Gott – und wo steckt er?

Wie lange ist er der Vater, der Dir zur Seite steht, der Dir hilft, Verantwortung abzunehmen? Solltest du dich nicht irgendwann lösen, endlich selbst die Verantwortung für Dich und Deine Umgebung suchen oder sie auch weiterhin irgendwelchen äußeren Schicksalsmächten zuschieben, irgendwelchen Gespenstern, Übervätern, Göttern?

Die Heilsüberbringer der Postmoderne tun sich weit schwerer als ihre historischen Vorbilder. Stellen wir uns einmal einen typischen heutigen Blitzerleuchtungsbotschafter vor:

Nehmen wir einmal an, da fährt Herr Georg Schmidt, Lohnbuchhalter der Firma Hendel & Co wie jeden Tag mit der Bahn von der Arbeit nach hause. Eines Tages macht er kurz vor dem Endbahnhof eine folgenreiche Erscheinung. So ruft er die im Aussteigen sich befindlichen Leute zu sich, um sie um sich herum zu scharen. Er beginnt zu predigen, ernennt elf B-Postel und sich selbst zum Sohn des großen Manometers (Gott der Milchstraße, Neffe des Gottes des Andromedarnebels, ...). Dieser Akt läuft ab jetzt jeden Tag. Am siebten Tag holt er eine handlich mittelgroße Dose aus seinem Aktenkoffer, schüttelt sie ein paarmal und sprayt seine elf AnGebote quer über die Zugfenster.

Am siebten Tag fuhr er zum letzten Mal. Sein Problem: niemand hatte ihm geglaubt. Statt dessen wurde der neumodische Gottessohn wegen groben Unfugs festgenommen.

Jeder Graffitologe, aber auch manch UFO-Matrose weis, wie schwierig es im Zeitalter von Microchips ist, trotz eben jener Neuen Medien, einen größeren Teil der Menschheit von der Existenz höherer Geister zu überzeugen. Die global vernetzte Welt ist voller kritischer Fragesteller - und nicht einmal die Kids hätten heutzutage Respekt.

Vielleicht würde er immerhin die Frage gestellt bekommen, ob jener neue Gott da droben nun wie Michael Jackson aussieht oder doch bloß wie Mike Krüger, ob er etwa als Dreiecksauge auf einer Wolke schwebt, ob er aus Materie oder Antimaterie besteht, oder aus Schwingungen und fetzigen Rock-Rhytmen? Manche wollen ihn immerhin schon mal spät abends in diversen Whiskeyflaschen entdeckt haben.

Auch das Überwachungssystem von Gott würde sicher eher kritisch hinterfragt werden, zwar nicht von der CSU, aber zumindest FDP und Grüne wären sich diesmal einig bezüglich des Eingriffs in die privatesten Persönlichkeitsrechte, auch wegen Datenschutz und so weiter. Und schließlich und ganz aktuell könnte jemand die Frage aufwerfen, ob der Einzug der neuen Techniken nun eigentlich auch im Himmelreich die heilige Engelsschar um ihren Arbeitsplatz bangen läßt?

Die Fragen wären unerschöpflich: Von einem Zeitgeist würde vielleicht die Frage an Herrn Gott gestellt, wie nun „ganz konkret bitte schön“ das Weiterleben nach dem Tod aussieht, ob die Seele tatsächlich in Richtung Himmel entschwindet? Er sei nämlich, das möchte er anmerken, nicht ganz schwindelfrei. Hitze kann er aber auch nicht leiden. Hölle und Fegefeuer seien für ihn deshalb genauso tabu.

Seit einigen Minuten, das möchte ich nun zu bedenken geben, befinden wir uns bereits in einer fiktiven Abendveranstaltung einer kultimativen Einrichtung, Ein besonderer Gast, ein gewisser Herr Gott konnte als Referent gewonnen werden und ein älterer bebrillter Herr würde soeben ganz genau von ihm wissen wollen, wie die Evolutionsgeschichte vom Affen zum Menschen nun eigentlich ablief, wo genau die Grenze zwischen Tier und Mensch zu ziehen sei; er dränge auf eine exakte Antwort, ob jenes letzte Affenpaar, das die Eltern des ersten Menschen war, die Chance hatte, in den Himmel zu kommen. Vielleicht, wenn es keine exakte Trennung zwischen Tier und Mensch gäbe, sei der Himmel ja auch voller Kaninchen, vielleicht gibt es da oben sogar Spinnen und Regenwürmer, gab er zu bedenken, und würde dann eher auf die heiligste Aufnahme da droben verzichteten.

Da Herr Gott nicht gleich antwortete, wollte der Fragesteller links in der ersten Reihe wissen, ob er da vorne denn wirklich der Richtige sei. Nichts gegen Sie persönlich, mein Herr; aber es gibt viele auf der Welt, die von sich behaupten, der Einzige und Wahre usw. zu sein. Zugegeben, die germanischen und griechischen Götter sind längst abgewickelt und ausgemustert, und auch Manitoo ist lange schon durch christliche Feuerbüchsen in die ewigen Jagdgründe beordert. Aber noch immer wehrt sich mancher Moslem oder Hindu mit Bombenerfolg gegen ein weiteres Vordringen christlich abendländischer Heilsbotschaften, Traditionen, Fernsehserien und Autobahnen. Was wäre denn, wollte er wissen, wenn ich gemäß meiner Traditionen in Lybien, Indien, der Türkei, als Menschenfresser in Neu-Guinea, oder bereits vor vielen tausend Jahren als Neandertaler einem ganz anderem Gott nachgelaufen bin – was könnte ich dafür, einem falschen Gott gefolgt zu sein? Ich würde das schon ziemlich ungerecht finden, wäre ihr Himmel nur aufgrund dieser äußeren Lebensumstände für mich tabu!

Schließlich meldete sich auch noch eine Rechtswissenschaftlerin zu Wort, und meinte, daß es speziell in der bundesdeutschen Rechtsprechung ja quer durch alle Instanzen immer die Möglichkeit der Berufung gäbe und ob die Ihrige in dieser Richtung nicht schon längst Reformbedürftig sei. Sie hätte jedenfalls einige schwerwiegenden Rechtslücken festgestellt, und böte sich hiermit fürs Justizministerium des Gottesstaates an, für ein gewisses Honorar eine Rundumerneuerung der obersten Gesetze vorzunehmen.

Gott dachte nach, und dachte nach, all der Fragen wegen. Erst nahm er das Glas Wasser, das ihm die freundliche Bedienung gleich zu Anfang der Veranstaltung hingestellt hatte, aber er nippte nur kurz daran, fuchtelte dann unsicher, aber gestenreich in der Gegend herum. Endlich stand er auf und holte tief Atem.

Während er die Hände im Rücken verschränkte, maß er den Raum mit gewichtigen Schritten ab.

Schließlich sprach er langsam zu den Zuhörern: „Nun gut, ich will Euch also folgendes erzählen: Es war einmal ein Zeitalter, es war die Kinderzeit der Menschheit; eine Zeit, als die Menschen nichts wußten, als sie Angst vorm Donner und von der Dunkelheit hatten, als sich hinter jedem Geheimnis noch Götter und Dämonen verbargen. Das war eine sehr gute Zeit für uns Götter. Man brachte uns Opfer und betete uns ständig an. Natürlich war das auf die Dauer auch nervig. Diese Zeit scheint nun also vorbei. Kinder werden groß und erwachsen und verlassen ihr Elternhaus. Das ist der Lauf der Dinge. Und im Lauf der Menschheitsgeschichte ist das ähnlich. Die Trennung kann entweder schnell und stürmisch geschehen, mit viel Geschrei und tiefen Wunden auf beiden Seiten. Besser wäre es, diese Phase langsam und mit gegenseitigem Verständnis zunächst in eine Übergangsphase gleiten zu lassen. Bedenkt, daß nicht jedes Individuum gleich ist, und daß es unterschiedliche Entwicklungs- und Wissensstände gibt. Bedenkt bitte auch, die ihr scheinbar schon in der Erwachsenenwelt lebt, daß ihr jene, die noch an Weihnachtsmann und Osterhasen glauben, jeglichen Lebens- und Ordnungssinn nehmen könntet. Also bedrängt sie bitte nicht allzu sehr, erwachsen zu werden. Ihr würdet sie in deren eigenen Entwicklung stören. Bedenkt, wie wichtig es für jedes Individuum ist, seinen eigenen Rhythmus zu leben, sich selbst möglichst frei zu entfalten. Außerdem muß euch klar sein, daß ihr riesigen Ärger von bestimmten, noch existierenden Kindertagesstätten bekommt.

Jenen nun Erwachsen gewordenen hier im Saal aber sei hiermit gesagt, dies hier ist eine wichtige Stunde für Euch, und es sei Euch hier also die nächste Aufgabe gestellt. Suchet zunächst nach der Frage, und wenn Ihr sie gefunden habt, dann sucht die entsprechende Antwort dazu; so wie zu jeder Trittstufe die entsprechende Setzstufe gehört. Und wenn Euch tatsächlich kein Gott mehr begegnen sollte, dann endlich findet Euch selbst. Doch bedenkt, diese Stufen könnten glatt sein, und sobald ihr Euch überschätzt, öffnet ihr die Büchse der Pandoraah und Ihr, die neuen Götter, seid die traurigsten Zauberlehrlinge, die man sich vorstellen kann. Seid also kritisch vor allem Euch selbst gegenüber, denn Ihr habt die Macht, Euch und alles zu vernichten. Ab nun suchet also selbst.“

So sprach Herr Gott ernst mahnend; ein grauhaariger und etwas kleiner gewordener Gott mit jenem kurzen aber großen Namen. Ein Herr, der die Menschheit ein großes Stück Wegs begleitet hat, nun aber von jenen Menschen im Saal seinen Abschied nahm. Langsam und sachte machte sich Gott zu Fuß auf den Weg nach hause.

Nach diesen feierlich mahnenden Worten war es lange still im Raum. Erst langsam und allmählich hörte man einzelne Schritte. Manche bewegten sich bedächtig und äußerst konzentriert, andere balancierten mit ausgestreckten Armen, wieder andere rannten hastig umher, und irgendwo im Hintergrund hörte man deshalb auch einen Schrei.

Schließlich stellte sich einer dorthin, wo zuvor Herr Gott stand, und erklärte, er habe in Sachen Astrologie etwas herausgefunden. Das mit den Sternzeichen sei natürlich Quatsch. Wieso hatte bisher eigentlich keiner die Idee, daß für die Entwicklung eines Menschen nicht irgendwelche Sterne, sondern vor allem die äußeren Bedingungen, so auch die Jahreszeit und die Witterung im allgemeinen wesentlich ist; die ersten Erfahrungen sind die entscheidenden; wie eine Mutter ihren Säugling behandelt, und ob die Sinne wärmende Sonnenstrahlen auf der Haut spüren, oder Regen, Kälte und dicke einschnürende Winterbekleidung; ob es Frühling, Sommer, ob es Herbst ist oder Winter. Das sind die Dinge, die einen Menschen prägen, und nicht, ob der Jupiter gerade aufgegangen ist, oder der Mond im rechten Winkel zum Pluto steht. Daß es innerhalb der Sternzeichen signifikante Wesensmerkmale gibt, die innerhalb dieser gehäuft auftreten, liegt also ganz einfach vor allem daran, daß Stiere mitten im Frühling ihre ersten Sinne trainierten und nicht wie Wassermänner im Winter.

„Zur Zeit regieren leider überall die Kinder auf der Welt; sie spielen Krieg, sehen sich im Fernsehen stundenlang Autorennen an; die Medien machen die Leute nicht reifer, sondern verblöden sie noch; in Game-Shows winken Autos als Hauptpreise, wie wenn man nicht wüßte, daß sie die Leute kaum mehr beweglicher machen, daß sie die Umwelt zerstören, und uns die Luft zum atmen nehmen. Und später in den Krankenhäusern wundern sie sich, wenn sie all der Gifte wegen an Krebs sterben. In den Ländern der Dritten Welt laufen Fernsehserien und Werbespots über die Reichen in USA und Europa, und führen dazu, daß die Bewohner Indiens, Chinas, Südamerikas, usw. den selben Wohlstand fordern, sich entweder selbst nach dort aufmachen, oder ihr letztes Grün abrasieren, um für Milliarden von Menschen die gleichen Atomreaktoren, Autobahnen, Flugplätze, Supermärkte, Mc-Donnald-Restaurants usw. zu bauen. Und unsere Wirtschaftsbosse und politisch Verantwortlichen reißen sich beinahe all ihre sechs Beine aus, all der schönen Aufträge wegen und sagen: „Alles was euer Kinderherz begehrt kriegt ihr auch - wir produzieren es (– bevor es jemand anders tut)!

Manche in unserem Land wundern sich ehrlich, wenn grade die ernsthaftesten Kreise anderer Weltregionen gar nicht erfreut über den Import dieser schrillbunten, angeblich so schönen neuen Werbewelt reagieren und sich mit fundamentalistischen Mitteln abzuschotten und sich zu wehren suchen. Ihre Völker haben weder Chance noch Zeit, innerhalb ihrer eigenen kulturellen Identität noch irgendeinen eigenständigen Weg zu finden.

Wollen wir ernsthaft Vorbild sein, mit unseren Müllbergen voller Problemen, eigenen Widersprüchen und Sinnkrisen. Oder sollten wir nicht sogar froh sein, daß es noch andere Kulturen außer der unsrigen gibt; Kulturen, in denen noch andere Werte Platz finden, in denen es noch Wichtigeres gibt als den Wert des Geldes.

Mich erinnert dieser heute ablaufende Verdrängungswettbewerb der Kulturen an das Vordringen der Weißen in Amerika ab dem Spätmittelalter. Wir sind heute zwar zutiefst entrüstet über die Art und Weise, wie dies zu jener Zeit mit Menschenleben geschah, aber wir tun das gleiche heute mit noch lebendigen Kulturen. Und vielleicht wird man Jahrhunderte später uns dafür verantwortlich machen dafür, wie wichtig es gewesen wäre, diese kulturelle Vielfalt zu wahren, anstatt sie auszurotten.“

Eine Frau mittleren Alters hatte sich schon vor längerer Zeit zu einem eigentlich ganz anderem Thema gemeldet, ist aber mit den Gedanken noch beim letzten Redner und wirkt deshalb einige Zeit nachdenklich, bevor sie fortfährt: „Vielleicht wäre es nicht schlecht das zuletzt gesagte in Erinnerung zu behalten, um den Faden so später wieder aufzunehmen. Vielleicht aber ...“ unterbricht sie ihren Gedankengang wieder „... sollten wir auch erst mal von durchaus verschiedenen Seiten her weitere Fäden zu spinnen beginnen, um einige davon dann in ein größeres Sinnvolles zu integrieren, zu vernetzen, einer Art neuem Gesamtbild.“

Schließlich nimmt sie den Faden des Vorredners wieder auf: „Da wir uns hier zu den Erwachsen zählen und wissen, daß uns kein Gott mehr die Verantwortung abnimmt, sollten wir endlich die Zusammenhänge unseres eigenen Tuns begreifen. Wenn wir nun wissen, daß wir Vorbild für Völker sind, die noch in einer früheren Phase ihrer Entwicklung stecken, sollten wir uns anders verhalten.

Vielleicht sollte man irgendwann mit einer neuen, einer neu-traleren Zeitrechnung beginnen. Die ganze Welt hat mit „2000 nach Christus“ zu rechnen, obwohl es zahlreiche andere Religionen gibt. Aber diese haben sich damit abzufinden.

Bis heute versuchen wir unsere verschiedensten Interessen rücksichtslos anderen gegenüber durchzusetzen, sie mit unserem Wissensstand und aller technischen Errungenschaften zu überfahren. Wir vernichten damit Kulturen und Traditionen, eigene Identität; die finden aber keine neue, außer daß ab nun statt ihren Göttern nur noch Wirtschaft und Geld zu zählen hat.

Diese Wertevernichtung ist das verantwortungslose Tun dummer Jungen - nicht reifer Erwachsener. Was passiert, wenn das Geschäft jede Moral sticht, wenn z. B. pseudodemokratische Strukturen wie in Indonesien solange gestützt werden, wie Geld herauszuholen ist; und man danach, wenn alles weg ist, ganz unschuldig tut, als hätte man mit all dem nie etwas zu tun gehabt?“

„Unsere Gesellschaft kann nicht besser sein als unsere Vorbilder. Und als Vorbilder haben wir Boxer, Fußballspieler und Autorennfahrer. Also was wundern wir uns über unsere Gesellschaft!“, meldete sich ein anderer zu Wort.

„In unserer heutigen Zeit kennt man Automarken, Tennisspieler oder Show-Master, aber kaum einer kennt einen Philosophen oder einen Idealisten. Nutella essende oder Marlboro rauchende Tennisprofis oder Autorennfahrer kassieren innerhalb weniger Stunden sinnentleertem idiotisch entfremdetem Tuns Millionen, flüchten damit an irgendwelche Steueroasen, und werden dafür als Volkshelden bewundert – merkwürdige Welt! Manch einer gründet dann immerhin noch irgendeine wohltätige Stiftung, um sich den passenden Heiligenschein aufzusetzen.

In einer Zeit, in der viele Leute jammern, wie kalt die Gesellschaft geworden ist, und jeder nur an sich denkt, leuchten solche Heldentaten besonders. Psychologen wären gefragt, doch verdienen jene, in der Zeit leerer Kassen, nicht mehr zum Nutzen von Patienten ihr Geld, sondern immer häufiger als Werbepsychologen; also dadurch, daß sie den Leuten mit Hilfe raffinierter Tricks alle möglichen Dinge aufschwatzen, die sie angeblich unbedingt brauchen, um „in“ oder „cool“ zu sein. Kids ohne Markenjeans sind danach „megaout“, obwohl Kids in Markenjeans noch nicht einmal wissen, wie sehr man sie bereits verblödet hat. Andere wundern sich, wieso Gewaltbereitschaft und Kriminalität vor allem an Schulen steigen.

All jene, die versuchen ehrlich zu sein, ihre Verantwortung, und andere Leute ernst nehmen; jene, die ihre Steuern bezahlen, jene, die anderen helfen, die in Krankenhäusern Überstunden schieben; jene, die versuchen, die Gesellschaft noch ernst zu nehmen, und Lösungen für eine positive Entwicklung aufzuzeigen versuchen, werden hingegen ausgelacht. - So steht es mit unserer Gesellschaft“.

„Auch Forscher und Wissenschaftler sind Teil dieser Gesellschaft, und nicht besser; sie sind aber dabei, den Schlüssel des Lebens, den Zauberstab Gottes zu übernehmen. Die Nationen untereinander liegen im harten Wettbewerb, überall gibt es Standortdiskussionen, auch bezüglich Gentechnologie; und nur jene, die ihren Wissenschaftlern möglichst große Freiflächen einräumen, spielen mit im Reigen um spätere Großaufträge, in der der Markt, der schnell verdiente Euro zählt. Jene der über hundert Staaten der Erde, die ihren Forschern die besten Arbeitsmöglichkeiten, die liberalsten Gesetze, die meisten Geldkofferträger und Aktiengesellschaften bieten, öffnen die Büchse einer neuen, einer geklonten Welt. Doch was in Jahrzehnten mit uns passiert, taucht in deren Buchhaltung der nächsten Jahre noch nicht auf. Bis dahin läßt es sich sehr angenehm leben. Der Mensch lebt zu kurz.“

„Die Frage ist doch: was ist höher zu bewerten, Moral oder Lobby-Interessen? Auch das Völkerrecht läßt sich je nach Interessenslage auslegen und zurechtbiegen. Als beispielsweise die Völker Sloweniens, Kroatiens, Bosniens und nun des Kosovo die Unabhängigkeit vom sozialistischen Jugoslawien fordern, war schnell ganz Europa einschließlich Amerikas auf der Seite der armen unterdrückten Völker.

Bei den Kurden, die seit Generationen nichts als Unterdrückung und Mißachtung jeglichen Rechts und eigener Identität kennen, hört dagegen jegliche Solidarität auf. Die Erklärung ist einfach: Die Türkei ist zwar weit weniger demokratisch als Rest-Jugoslawien, aber seit je her ein wichtiger Brückenkopf im Kampf der Mächte und Interessen, z. B. dem amerikanischen Öl im Persischen Golf“. Ein freier kurdischer Staat könnte den Traum der westlichen CO2-Schleudern stören.

Während die Moral theatralisch in große Worthülsen verpackt und verkauft wird, werden sie mittels geheimdienstlicher Mittel und modernster Waffentechnik außer Kaft gesetzt. Und als letzte verbliebene Weltmacht hat allein die USA nun das Monopol, darüber zu entscheiden, was Recht ist, und was Unrecht, welche Staaten subventioniert und welche mit Bombenteppichen überzogen werden. “

„Auch wenn Du recht hast, wir können hier nichts tun. Und die Macht des C.I.A. hatte schon J. F. Kennedy unterschätzt.

Trotzdem finde ich, daß es das nicht wert ist, seinen Humor zu verlieren“, gibt ein anderer zu bedenken. „Es bringt absolut nichts, sich selbst zu bemitleiden und stets zu sagen, wie schlecht die ganze Welt ist, und man ja doch nichts tun kann. So gerät man nur selbst in diesen Negativ-Strudel hinein.“

„Richtig!“, stimmt ein anderer zu. „Es ist ganz einfach eine Frage der Prioritäten, die für mich einerseits bedeutet, den Überblick über die Welt und die große Politik zwar nicht ganz zu verlieren, anderseits aber sich selbst mit seinen Bedürfnissen, seiner Vergangenheit und Zukunft, nicht zu vergessen.

Ich selbst erlebte eine absolut blöde Kindheit, eine stumpfsinnige Erziehung und eine bezugsarme Welt um mich herum, ich erlebte tiefen Haß und Neid; Kommunikation fand überhaupt nicht statt. Als Jugendlicher war ich total verklemmt, traute mir nichts zu, ich stotterte und wurde rot im Gesicht, wenn ich bloß in die Nähe eines hübschen Mädchens kam. Liebe, Sex und Zärtlichkeit waren unerreichbar, und nur als Traum Realität. In der wirklichen Welt konnte ich mich schließlich nicht einmal mehr richtig bewegen, weil ich glaubte, ständig beobachtet und ausgelacht zu werden. Das Problem ist ja, sobald andere merken, daß an dir irgendwelche Schwächen zu erkennen sind, stoßen manch andere in diese Wunde hinein, um darin zu wühlen und sie noch zu vergrößern. Manche sensible Menschen gehen daran zugrunde. Dabei sind es gerade die Schwächlinge, die gerne schlagen, um so von sich selbst abzulenken, den eigenen Schwächen.

Jetzt, wo ich mich endlich befreit habe von der Last der Vergangenheit, sagt man mir, ich sei zu alt für ein Mädchen, welches ich dabei war, ehrlich lieben zu lernen; das ich auch deshalb liebte, weil mich so vieles an ihr an meine eigene Vergangenheit erinnerte, den eigenen Problemen, den Selbstzweifeln und Widersprüchen, den tiefen Wunden, den Zweifeln an der Menschheit und sich selbst gegenüber. Ich versuchte ihr zu helfen, ihre eigenen Probleme zu enttarnen, und ich wünsche ihr so sehr, daß sie irgendwann über möglichst viele ihrer eigenen kleinen Fehler ihr hübsches Lächeln legt. Ich wünsche ihr ein großes Herz, und daß sie viele gute Freunde kennenlernt, auch wenn nicht alle ihren Idealvorstellungen entsprechen; ich tu es auch nicht, aber die ganze Welt tut dies nicht. Es ist die Frage, wie perfekt man sein muß in dieser Welt – auch wenn es vielleicht schön ist, sich in diese Richtung zu bewegen.

Ich frage mich, was ist, wenn Du danach keinen Menschen mehr zum Reden hast, wenn Du anstatt einer Geliebten nur kalte Leere neben Dir spürst, wenn Du Briefe und Geschichten schreibst oder erzählen willst, die keinem mehr interessieren?“

„Was ist zu tun bei Selbstzweifeln, ganz generellen Problemen, wenn auch kirchliche Institutionen geistig zu klein oder zu kleinkarriert sind, und auch staatliche Beratungsstellen aus Finanzmangel ausfallen?, meldet sich eine Frau zu Wort „Momentan tun ein paar Moralaposteln und Oberhirten, Offizielle also in irgendwelchen Kirchen immer noch so, als ob sie die einzig mögliche Lebensvorstellung repräsentieren. Das Fähnlein jener lilafarbenen Uniformträger ist dicht mit jenen Parteien verbandelt, die das „C“ wie ein Schutzschild vor der bösen Außenwelt aufgebaut haben, in Wirklichkeit aber vor allem Stammtischparolen anbieten und am allerwenigsten etwas mit Verantwortung, Initiative, Kreativität und Entwicklung im Sinne führen. Somit ist die Kirche anerkannte Stütze inmitten der immer mehr nach kalter Leistung und Kapital orientierten Gesellschaft, in der die Aktienkurse und der Dollarkurs mehr und mehr die Nachrichten bestimmen. Eine Zeit, in der Aktionäre jubeln, wenn ihr Konzern Mitarbeiter entläßt, weil dadurch größere Gewinne zu realisieren sind.

Jene einzig offiziell anerkannte Alternative: die Kirche - darüber lacht man, reißt Witze. Die Kirchen selbst stehen immer noch in der Gegend herum, sind ihrer Höhe wegen Wahrzeichen irgendwelcher Orte und Teil der Geschichte. Aber nur mehr einige, geistig Kind gebliebene Erwachsene, gehen dorthin, um Rat und Hilfe zu erbeten. Die Vertreter der Kirche haben sich längst von den ernsthaften Erwachsenenfragen verabschiedet. Selbständig denkende Menschen waren für sie schon immer ein Greuel. Und vor allem für jene gab es seit je her ein Vakuum, auch wenn die Hülle der Kirche immerhin ein guter und stiller Ort innerer Meditation inmitten innerstädtischer Hektik sein kann.“

„Wenn die alten Kreise wegbrechen, dann versucht, neue Kreise zu bauen! Kulturabende mit verschiedensten Interessensgebieten organisieren, Gesprächs- und Sinnerfahrungskreise gründen, Kommunikation ganz allgemein zu fördern, Tanzabende, Tauschbörsen, Mitfahrzentralen, usw. einrichten. Laßt uns die leer gewordenen Hüllen mit neuen Sinnen, Farben und Musik füllen, neue Perspektiven kennenlernen. Manchmal, wenn man ihn trainiert, ist der Horizont weiter als man denkt ... “

So oder so ähnlich ging es noch einige Zeit weiter. Man philosophierte über Gott und die Welt, und warf sich gegenseitig Ideen und Meinungen an den Kopf. Je später der Abend wurde, desto lockerer und vertraulicher auch wurde die Atmosphäre; es wurde Wein serviert, man prostete sich zu, bis zu später Zeit die letzten Redner ans Pult traten.

Trotzdem war das junge hochgewachsene Mädchen, wohl kaum 18 Jahre, offenbar wegen ihres Anliegens doch ein wenig unsicher, wollte aber trotzdem loswerden, was sie bedrückte, und hoffte, in diesem anregend intelligentem Rahmen auch einen guten Rat zu bekommen.

„Ich war vor einigen Tagen beim Vorstellungsgespräch einer Bank, und fühlte mich total unsicher, weil ich dort ein Kostüm tragen mußte, und ich mir wegen dem kurzen Rock ganz nackt vorkam.“

Da manche der Zuhörer nur einen eher erstaunten Eindruck machten, und zumeist noch nicht wußten, was die Frage oder das Problem nun wäre, verriet die Rednerin noch etwas mehr.

„Ich verstehe nicht, wieso man sich zu bestimmten Terminen verkleiden muß, und nicht so sein darf, wie man ist. Ich trage eigentlich nur Hosen, und finde es diskriminierend, mich für einen älteren Herrn, ob er nun der Personalchef einer Bank, oder der weltliche oder überweltliche Vater ist, so zu präsentieren.“

„- Ich meine, das kann man mit kleinen Mädchen machen, die alles dafür tun, ein Lob dafür zu erhaschen, daß man sich mal wieder so hübsch gemacht hat - aber damit eigentlich nur die eigene Wehrlosigkeit, Unterwürfigkeit und Abhängigkeit zeigt, die den Männern an uns gefällt und uns dafür beschützenswert, aber auch geil finden?“

„Was heißt hier Erwachsen sein, wenn seltsame Kleidungsregeln, von irgendwelchen Männern oder Omas aufgestellt, sich dermaßen diskriminierend über die eigene Entscheidungsfreiheit hinwegsetzen?“

Eine andere junge Frau, ebenso lässig gekleidet, stellt sich vor: „Ich stimme Dir in einigen Punkten zu. Trotzdem sehe ich die Masche der Männer – und der Frauen übrigens auch - ein ganzes Stück differenzierter. Eigentlich möchte ich mit Dir wetten, daß Du mit Dir selbst nicht ganz einig bist. Du bist schön, und Du weißt es auch, und spielst damit auch – bloß eben auf Deine Art. Ich genieße das aber offener, ich verstecke mich nicht, ich spiele damit, schlüpfe in Rollen, bewege mich je nach der Kleidung unterschiedlich, fühle anders, und lebe vielfältiger. Aber ich möchte Dir keinen Rat geben. Laß Dich in keine Schablone zwängen, in der Du Dich nicht wohl fühlst.“

Ein junger Mann trat nach vorn: „Du redest davon, Dich bewußt unterschiedlich zu fühlen, Dich bewußt unterschiedlich auch nach außen darzustellen. Aber ist es nicht besser, Hochs und Tiefs zu vermeiden, um Ausgeglichen zu werden? Ich jedenfalls leide unter meinen Stimmungsschwankungen, und denke mir, indem ich die Spitzen meiner Stimmungen kappe, nehme ich mir zwar einiges an Freude, aber auch einiges an Leid.“

Der nächste Redner bestreitet dies: „Ist es nicht so, daß das Leben Moden und Farben braucht, daß man Farben wie Stimmungen zuläßt? – Möchtest Du als gleichmäßiger grauer Farbton durchs Leben laufen, um dabei aus Langeweile einzuschlafen? Mich würde auch interessieren, ob wenn Du Dir Deine positiven Stimmungsspitzen abschneidest, das tatsächlich hilft, auch die negative Stimmungsspitzen zu beseitigen? – Oder ist es nicht besser, Dich so zuzulassen, wie Du Dich fühlst. Nach Yang folgt auch wieder Ying. Warum stutzt Du Deine Flügel? Traue Dich lieber, in das ein oder andere Fettnäpfchen zu fallen - nur so kannst Du vom Leben lernen!“

Ein weiterer Herr hakte sich in dieses Thema ein: „Natürlich kann jeder nur für sich selbst entscheiden, welchen Weg er gehen will, ob mehr nach außen oder innen geöffnet. Vielleicht sollte man der übrigen Gesellschaft nicht zu weit vorauseilen, durch elitär wirkendes Gehabe, vor allem wenn Du in ihr mitspielen und in ihr auch etwas verändern willst. Etwas überspitzt stellt sich dann u. a. auch die Frage, ob Du lieber versuchst 10 Leuten 10 Meter weiter zu helfen, oder 100 Leuten je 2 Meter. Wenn Du elitär und akademisch sein möchtest, wirst Du Dich für Ersteres entscheiden und hochkomplizierte Abhandlungen verfassen; wenn Du mehr bewegen möchtest, für das Zweite; dann schreibst Du möglichst anschauliche Geschichten, die jeder versteht.“

Ein Anderer stellt sich ein wenig umständlich vor, und sich, ein wenig wacklig an das Pult, wo Stunden zuvor noch Herr Gott stand: „also Leute, ich möchte auf diese halbakademische Geistesspitzen wirklich nicht mehr weiter eingehen – mir kommt es so vor, wie wenn ich grad auf einer stehe – und unter mir die ersten Sterne, äh ... blinken sehe. Den Wein kann ich übrigens ... empfehlen. Aber um an meine Vorredner anzuschließen: wir brauchen neue Ziele. Meine Forschungen brachten - folgendes zutage: Unsere Milchstraße ist Bestandteil einer gewaltigen - Masse von äh Samenflüssigkeit, männliche, frische - Flüssigkeit also. Ja, äh das ganze spritzt - in Richtung eines nicht näher von mir analysierbaren äh gigantischen schwarzen Lochs ...“
– „Nein, das stimmt!“ versucht er sich gegen die ersten „Buh“-Rufer des Abends zu verteidigen.

Manchen war Harald ja als nicht immer ganz ernst zunehmenden Helden bekannt, aber für die meisten war dies das Zeichen dafür, die Veranstaltung für heute zu beenden, nachdem zwischen Gelächter und Zwischenrufen einem letzten Gast der Vergleich vieler Anwesender mit den Aposteln nach dem letzten Abendmahl einfiel, als sie, dem Rotwein nicht gerade feindlich gegenüberstehend, auf dem Ölberg Wache zu stehen hatten, und dabei umkippten“.

„Ja, und einige hatten damals nach diesen Abendveranstaltungen auch noch die größten Erleuchtungen und wunderlichsten Erscheinungen“

„Kommt, laßt uns gehen, bevor uns ähnliches geschieht“

„Schließlich ist Rom auch nicht an einem Tag entstanden“
„... und die Erde nicht in sieben“ ergänzt ein anderer Rufer.
Immerhin hatte man sich noch recht rasch auf einen nächsten Termin einigen können, um weiterzusuchen, um vielleicht Architekt für eine neue Gesellschaft zu sein. So gingen viele mit dem Gefühl nach Hause, einen mehr als interessanten Abend erlebt zu haben; bisher unbekannte Stufen, womöglich aber auch einige Schlaglöcher gefunden zu haben. „Das Leben ist eine spannende Geschichte“, oder „Die Zukunft fängt jetzt an“ hörte man noch im nach hause gehen sagen.

Es liegt nicht in meiner Absicht, ein genaues Protokoll über die weiteren Treffen anzufertigen. Ich bin weder der beste Organisator und wahrscheinlich auch kein sehr ordentlicher Mensch. Wann welche Gespräche stattgefunden haben, ist so kaum mehr nachzuvollziehen. Sinngemäß wurden einige Feststellungen und Forderungen wie die folgenden aufgestellt:

Wer nichts in Frage stellt, kann auch nichts verbessern.

Je weniger flexibel eine Gesellschaft ist, desto enger sind die Scheuklappen dafür, neue Perspektiven zu erkennen, und neue Fragen zuzulassen. Dies gilt z. B. auch in Bezug auf Sekten. Man stellte fest, daß sie für die Gesellschaft weniger dadurch bedrohlich seien, weil sie die Freiheit einzelner Mitglieder einengen, sondern vor allem, weil sich deren Ansichten mit den immer enger werdenden gesellschaftlichen Werten und Normen des Konsumdenkens nicht vertragen; weil sie im Gegensatz dazu nach Alternativen suchen.

Als erste und wichtigste Forderung stellte man auf, die Entwicklung und die Fähigkeiten aller Individuen zu fördern; Körper, Geist und Seele zu stärken, um den Reichtum ihres eigenen Potentials kennenzulernen und so weniger in die Versuchung kommen, falschen Idealen nachzulaufen, die nichts für die eigene Weiterentwicklung bringen, sondern sie nur weiter von sich selbst entfernen. Wer weiß, was er ist und was er kann, ist nicht nur sogenannten Sektenführern, und Führern ganz allgemein, sondern auch der Gesellschaft gegenüber autonomer. Allerdings sei das Erreichen dieser Ziele deshalb schon nicht leicht, da die momentanen kommerziellen Idole gewaltige Werbeträger sind, die durch unvorstellbare Geldsummen, dadurch von starken wirtschaftlichen und politischen Interessen bewegt werden.

Auch Harald meldete sich mal wieder zu Wort, und erntete weit nüchterner als zuletzt, diesmal nebst Gelächter auch Zustimmung.

„Eine immer größere Zahl vor allem älterer Menschen leidet unter Kontaktarmut. Sind die Kinder erst einmal aus dem Haus, bleiben häufig kaum mehr als ein paar Wörter mit der Nachbarin übers Wetter. Daß dies nicht so sein muß, bewies letztlich Frau Schmidtchen.

Die eigentliche Frage sei, was sucht eine ältere Dame, die kaum mehr Kontakte zu Mitmenschen besitzt, im katholischen Beichtsessel einer Kirche?

Na klar: sie sucht das Gespräch.

Weil dies auch unter Katholiken aber nur funktioniert, wenn sie vorher gesündigt hat, überlegt sie sich stets vorher genau, was sie getan haben könnte.

Dies ist nicht immer so einfach; und auch diesmal wollte ihr gar nichts Richtiges einfallen, denn die Nachbarn, die sie heimlich belauscht, waren in Urlaub.

So dichtete sie sich diesmal etwas abenteuerlicheres zurecht, was sie zu Teilen zuvor in einem Kriminalroman gelesen hatte.

Im Beichtstuhl aber kam sie mit ihrer Geschichte durcheinander, verwickelte sich in Widersprüche, und so mußte sie schließlich beichten, die Geschichte von vorne bis hinten erlogen zu haben. So hatte sie also doch noch gesündigt, und der Besuch im Beichtstuhl war durchaus berechtigt.

Als sie als besondere Buße vom verständnisvollem Pfarrer nach einigen mahnenden Worten den Rosenkranz 14 mal aufgebrummt bekam, war sie mit sich schließlich doch noch ganz zufrieden.

Die meisten der anderen Frauen wunderten sich über Frau Schmittchen, weil sie diesmal doppelt solange wie sonst vorm Kreuz kniete und die Mutter Maria um heilige Vergebung anbettelte.

Danach war sie wie immer richtig wohlgemut, sie wirkte wie von allen Lasten befreit. Beim Nachhauseweg verstand sie den Kommentar zweier freundlicher junger Leute nicht so recht, die meinten, ob sie vielleicht zu viel „Red Bull“ getrunken hätte, und so flog sie schnell weiter.

Auch beim anschließenden Gespräch mit den Nachbarn, die gerade vom Urlaub zurückkamen, glänzten ihre Augen noch; das Wetter war schön und die Vögel zwitscherten dazu“.

„Schön erzählt. Doch auf diese Weise lassen sich vielleicht ältere Mütterchen ansprechen.

Aber denkt einmal an die Jüngeren. Teilweise werden immerhin schon richtige Kulturfestspiele veranstaltet; große Chöre werden eingeladen, spielen Bach und Händel oder spirituelle Gospel. Schön und Gut.

Ich denke aber auch noch an gesellschaftliche Problemzonen: wie wär´s, wenn man mit dem Slogan in die Öffentlcihkeit geht: „Weihrauch und Beichtstuhl“ statt „Heroin und Fixerstuben“.
Wie wär es weiterhin, statt der zwei mal sieben „Ave Maria“ die gleiche Zahl an Peitschenhieben zur Wahl zu stellen? Dies wäre eine Möglichkeit, völlig neue Publikumsschichten anzusprechen und die Kirchen wieder zu füllen.
Und schließlich könnte man über andere Materialien nachdenken. Wieso sind die Engel aus Holz oder Stein. Man könnte sie auch aufblasbar machen.“

Eine weitere Geschichte wurde erzählt: „Kurt Kleiber, ein Herr mittleren Alters, dessen Lebenssinn sich bisher auf den BVB, Schumi und Gottschalk konzentriert hatte, machte eine völlig neue Erfahrung, als er eines Tages knapp vor seiner Haustür über eine vollkommen neue und preisgünstige kulturelle Einrichtung stolperte, die es Tags zuvor dort noch nicht gegeben hatte „Nanu“ sprach er zu sich selbst, und neugierig geworden besuchte er eine Ausstellung der örtlichen Hochschule; einige Tage später nahm er an einer Veranstaltung über ökologisches Bauen, und bald danach an einer Diskussion über philosophische und politische Betrachtungsweisen teil. Zunächst war er bloß stiller Zuhörer, doch die Art der aktiven Auseinandersetzung mit den verschiedensten Themen, das miteinander ins Reden kommen faszinierte ihn bald; irgendwann begann er seine Scheu zu verlieren und mitzureden.
Kurt lernte sich selbst von einer anderen, von einer bis dahin unbekannten Seite her kennen. Eines Tags war er so gut drauf, daß er über seinen Schatten sprang – als es herunterkam, war der Schatten platt.
Seine Bekannten erzählten sich, er wäre während irgendeines Themas über sich „hinausgewachsen“ - „Wir kennen Herrn Kleiber. So etwas hat er noch nie zustande gebracht“; Herr Kleiber würde schon wieder auf den Teppich der Realitäten zurückkehren und Normal werden, meinten die anderen. Am nächsten und übernächsten Tag jedoch gab er auf jene Meinungen keine Rücksicht; statt dessen steigerte er seine rhetorischen Fähigkeiten nochmals um ein Stück. Der Schatten seiner Vergangenheit tangierte ihn nur mehr in dialektisch zu diskutierenden Zirkeln. Kurt hatte seine Schranken neu definiert“.

Die Gruppe unserer Erzähler wuchs. Es sprach sich hinter vorgehaltener Hand herum, daß in den Räumen eines geheimen Cafés etwas Besonderes vor sich ging. Man war sich der Vorsicht bewußt – all dies hier erzählte ist innerhalb bestimmter Kreise dieser Gesellschaft nicht ganz ungefährlich - Es zielt auf Veränderung ab!

Die ersten hier veröffentlichten Geschichten und alles mit ihr in Verbindung stehende könnte dazu führen, daß sich der Mensch und die Gesellschaft in der er lebt, positiv verändert, wenn er den Rahmen anders gestaltet – und genau dies ist die Gefahr.

Wie wertvoll ist ein Menschenleben? Ist es bloßer Kostenfaktor und geistig zu verkümmernde Manövriermasse wirtschaftlicher Interessen, oder beherbergt es eigene Persönlichkeit, eine ganze Welt von Gefühlen und Ideen, die es zu entwickeln und zu fördern gilt?

Die Mächtigen in diesem Land sehen im sozialen Engagement keine wirtschaftliche Rendite; außerdem möchten sie mächtig bleiben und genießen alle Privilegien, können dies aber nur, indem sie größer, bedeutender und eben mächtiger sind als der Rest ihres Volkes. So bleibt denn alles wie es ist und sie werden alles in ihrer Kraft stehende tun, um Idealisten und Veränderer nicht ernsthaft zu Wort kommen zu lassen.

Nur Idioten, Phantasten und Helden ziehen den Fehdehandschuh an; nur Idioten, Phantasten und Helden glauben, die Welt verändern zu können. - Immerhin!

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