Eine Geschichte über Gott und die Welt (Walter Koppe)
Es war einmal in der Kinderzeit unserer Gesellschaft, als die Welt noch voller
unerklärlicher Rätsel war, noch prall war von Sagen, Mythen und
Märchen, geheimnisvoller Wesen wie Hexen und Feen, Götter und Dämonen. Sie
waren notwendige Joker, Urheber all jener Seltsamkeiten, aller Schicksale der
Welt; ob Jagdglück und Ernte, Blitz und Donner, Geburt oder Tod, stets waren
sie verantwortlich. Überväter und auch –mütter in Menschengestalt
steuerten das Gut und das Böse, waren mit Bosheiten zu erzürnen, mit Gebeten
zu besänftigen. Der Übergang zwischen Traum und Realität war noch fließend.
Die griechischen Helden waren Halbgötter, Bindeglied zwischen den beiden
Ebenen.
Auch die Nord- und Mitteleuropäer hatten ihre eigenen Götter, z. B. Donar und
Thor; doch die Römer die fortschrittlichere Technik, exportierten schließlich
ihre Heiligengeschichten in Buchform und waren mit Bibel und schriftgelehrten
Mönchen präsent. Bald waren die Germanengötzen out.
Im
europäischen Mittelalter war Beten bald zur heilig-römischen Pflicht
geworden, die Pest wütete, Selbstgeißler und Kreuzzügler durchstreiften das
Land, Hexen wurden lebendig auf Scheiterhaufen verbrannt, die Leibeigenen
Europas von Adel und Geistlichkeit regiert, tyrannisiert, versklavt. Der
heilige Kampf der Unterdrückung erfuhr ab dem 16. Jahrhundert von neuen
Expansionsmöglichkeiten. So wurde der Rest der Inkas spanisch, der Rest der
Indianer englisch oder französisch, noch weniger wurden zu US-Amerikanern.
Das Christentum mit all seinen Sekten hatte sich mit Hilfe neuer Feuerbüchsentechnik
schnell selbst an die Macht geballert und Manitoo in die ewigen Jagdgründe
befördert. Das
Ende der Kinderzeit wird charakterisiert durch Reduktion der Geheimnisse
mittels Erkenntnissen. Galileo stellt fest, daß wir samt unserer Erde nicht
der Mittelpunkt der Welt sind; Darwin, daß der Mensch nicht auf einen
Handstreich erschaffen wurde. Die „Aufklärer“ stellten das menschliche
Individuum ins Zentrum und leiteten damit die Lernphase des Kindes ein. Ab nun
lernt es aktiv, eigenständig und bewußt zu handeln, es stellt
althergebrachtes in Frage, beginnt die Umwelt aktiv zu gestalten, zu
beeinflussen – es lernt, erwachsen zu werden.
Wenn
sich Kinder allmählich von den Eltern lösen, ist dies ein ganz natürlicher
Vorgang. Die Persönlichkeit entfaltet sich am besten, wenn die Entwicklung
nicht unnötig behindert wird. Die Entwicklungsstadien eines menschlichen
Individuums und die Entwicklungsstadien einer Gesellschaft, bestehend auf dem
Erfahrungsschatz und der Geschichte der in ihr befindlichen Individuen,
bewegen sich in paralleler Richtung; sie sind eng miteinander verflochten. Während
ein großer Teil der heutigen menschlichen Individuen reif dafür wäre, in
eine neue, in eine erwachsenere Phase zu treten, behindern mächtige
wirtschatsliberale und ängstliche konservative Kreise, die den Status quo
aufrecht erhalten wollen, jede gesellschaftspolitisch sinnvolle
Weiterentwicklung.
Egoistische Wirtschaftsinteressen moderner Massenmedien lenken
den Menschen von eigenster persönlicher Gestaltung und kreativer Entwicklung
ab; die Gesellschaft entwickelt sich zurück. Statt Lebenssinn wird
Zerstreuung zum Lebensinhalt manipuliert.
- Es lebe die Oberflächlichkeit. Selbst bei Wahlkämpfen zählt statt der besseren
Argumentation die bessere Verpackung darum herum, die bessere Show.
Die
Frage lautet: selbst gestalten, eigene Erfahrung sammeln und Gedanken machen
oder gestalten lassen und gestaltet werden?
Die
Frage lautet: Was tun, wenn Kinder flügge werden, dem Vater überm Kopf
wachsen, wenn sie beginnen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen? Was und wer
ist Gott – und wo steckt er?
Wie
lange ist er der Vater, der Dir zur Seite steht, der Dir hilft, Verantwortung
abzunehmen? Solltest du dich nicht irgendwann lösen, endlich selbst die
Verantwortung für Dich und Deine Umgebung suchen oder sie auch weiterhin
irgendwelchen äußeren Schicksalsmächten zuschieben, irgendwelchen
Gespenstern, Übervätern, Göttern?
Die
Heilsüberbringer der Postmoderne tun sich weit schwerer als ihre historischen
Vorbilder. Stellen wir uns einmal einen typischen heutigen
Blitzerleuchtungsbotschafter vor:
Nehmen
wir einmal an, da fährt Herr Georg Schmidt, Lohnbuchhalter der Firma Hendel
& Co wie jeden Tag mit der Bahn von der Arbeit nach hause. Eines Tages
macht er kurz vor dem Endbahnhof eine folgenreiche Erscheinung. So ruft er die
im Aussteigen sich befindlichen Leute zu sich, um sie um sich herum zu
scharen. Er beginnt zu predigen, ernennt elf B-Postel und sich selbst zum Sohn
des großen Manometers (Gott der Milchstraße, Neffe des Gottes des
Andromedarnebels, ...). Dieser Akt läuft ab jetzt jeden Tag. Am siebten Tag
holt er eine handlich mittelgroße Dose aus seinem Aktenkoffer, schüttelt sie
ein paarmal und sprayt seine elf AnGebote quer über die Zugfenster.
Am
siebten Tag fuhr er zum letzten Mal. Sein Problem: niemand hatte ihm geglaubt.
Statt dessen wurde der neumodische Gottessohn wegen groben Unfugs
festgenommen.
Jeder
Graffitologe, aber auch manch UFO-Matrose weis, wie schwierig es im Zeitalter
von Microchips ist, trotz eben jener Neuen Medien, einen größeren Teil der
Menschheit von der Existenz höherer Geister zu überzeugen. Die global
vernetzte Welt ist voller kritischer Fragesteller - und nicht einmal die Kids
hätten heutzutage Respekt.
Vielleicht
würde er immerhin die Frage gestellt bekommen, ob jener neue Gott da droben
nun wie Michael Jackson aussieht oder doch bloß wie Mike Krüger, ob er etwa
als Dreiecksauge auf einer Wolke schwebt, ob er aus Materie oder Antimaterie
besteht, oder aus Schwingungen und fetzigen Rock-Rhytmen? Manche wollen ihn
immerhin schon mal spät abends in diversen Whiskeyflaschen entdeckt haben.
Auch
das Überwachungssystem von Gott würde sicher eher kritisch hinterfragt
werden, zwar nicht von der CSU, aber zumindest FDP und Grüne wären sich
diesmal einig bezüglich des Eingriffs in die privatesten Persönlichkeitsrechte,
auch wegen Datenschutz und so weiter. Und schließlich und ganz aktuell könnte
jemand die Frage aufwerfen, ob der Einzug der neuen Techniken nun eigentlich
auch im Himmelreich die heilige Engelsschar um ihren Arbeitsplatz bangen läßt?
Die
Fragen wären unerschöpflich: Von einem Zeitgeist würde vielleicht die Frage
an Herrn Gott gestellt, wie nun „ganz konkret bitte schön“ das
Weiterleben nach dem Tod aussieht, ob die Seele tatsächlich in Richtung
Himmel entschwindet? Er sei nämlich, das möchte er anmerken, nicht ganz
schwindelfrei. Hitze kann er aber auch nicht leiden. Hölle und Fegefeuer
seien für ihn deshalb genauso tabu.
Seit
einigen Minuten, das möchte ich nun zu bedenken geben, befinden wir uns
bereits in einer fiktiven Abendveranstaltung einer kultimativen Einrichtung,
Ein besonderer Gast, ein gewisser Herr Gott konnte als Referent gewonnen
werden und ein älterer bebrillter Herr würde soeben ganz genau von ihm
wissen wollen, wie die Evolutionsgeschichte vom Affen zum Menschen nun
eigentlich ablief, wo genau die Grenze zwischen Tier und Mensch zu ziehen sei;
er dränge auf eine exakte Antwort, ob jenes letzte Affenpaar, das die Eltern
des ersten Menschen war, die Chance hatte, in den Himmel zu kommen.
Vielleicht, wenn es keine exakte Trennung zwischen Tier und Mensch gäbe, sei
der Himmel ja auch voller Kaninchen, vielleicht gibt es da oben sogar Spinnen
und Regenwürmer, gab er zu bedenken, und würde dann eher auf die heiligste
Aufnahme da droben verzichteten.
Da
Herr Gott nicht gleich antwortete, wollte der Fragesteller links in der ersten
Reihe wissen, ob er da vorne denn wirklich der Richtige sei. Nichts gegen Sie
persönlich, mein Herr; aber es gibt viele auf der Welt, die von sich
behaupten, der Einzige und Wahre usw. zu sein. Zugegeben, die germanischen und
griechischen Götter sind längst abgewickelt und ausgemustert, und auch
Manitoo ist lange schon durch christliche Feuerbüchsen in die ewigen Jagdgründe
beordert. Aber noch immer wehrt sich mancher Moslem oder Hindu mit
Bombenerfolg gegen ein weiteres Vordringen christlich abendländischer
Heilsbotschaften, Traditionen, Fernsehserien und Autobahnen. Was wäre denn,
wollte er wissen, wenn ich gemäß meiner Traditionen in Lybien, Indien, der Türkei,
als Menschenfresser in Neu-Guinea, oder bereits vor vielen tausend Jahren als
Neandertaler einem ganz anderem Gott nachgelaufen bin – was könnte ich dafür,
einem falschen Gott gefolgt zu sein? Ich würde das schon ziemlich ungerecht
finden, wäre ihr Himmel nur aufgrund dieser äußeren Lebensumstände für
mich tabu! Schließlich
meldete sich auch noch eine Rechtswissenschaftlerin zu Wort, und meinte, daß
es speziell in der bundesdeutschen Rechtsprechung ja quer durch alle Instanzen
immer die Möglichkeit der Berufung gäbe und ob die Ihrige in dieser Richtung
nicht schon längst Reformbedürftig sei. Sie hätte jedenfalls einige
schwerwiegenden Rechtslücken festgestellt, und böte sich hiermit fürs
Justizministerium des Gottesstaates an, für ein gewisses Honorar eine
Rundumerneuerung der obersten Gesetze vorzunehmen.
Gott
dachte nach, und dachte nach, all der Fragen wegen. Erst nahm er das Glas
Wasser, das ihm die freundliche Bedienung gleich zu Anfang der Veranstaltung
hingestellt hatte, aber er nippte nur kurz daran, fuchtelte dann unsicher,
aber gestenreich in der Gegend herum. Endlich stand er auf und holte tief
Atem. Während
er die Hände im Rücken verschränkte, maß er den Raum mit gewichtigen
Schritten ab. Schließlich
sprach er langsam zu den Zuhörern: „Nun gut, ich will Euch also folgendes
erzählen: Es war einmal ein Zeitalter, es war die Kinderzeit der Menschheit;
eine Zeit, als die Menschen nichts wußten, als sie Angst vorm Donner und von
der Dunkelheit hatten, als sich hinter jedem Geheimnis noch Götter und Dämonen
verbargen. Das war eine sehr gute Zeit für uns Götter. Man brachte uns Opfer
und betete uns ständig an. Natürlich war das auf die Dauer auch nervig.
Diese Zeit scheint nun also vorbei. Kinder werden groß und erwachsen und
verlassen ihr Elternhaus. Das ist der Lauf der Dinge. Und im Lauf der
Menschheitsgeschichte ist das ähnlich. Die Trennung kann entweder schnell und
stürmisch geschehen, mit viel Geschrei und tiefen Wunden auf beiden Seiten.
Besser wäre es, diese Phase langsam und mit gegenseitigem Verständnis zunächst
in eine Übergangsphase gleiten zu lassen. Bedenkt, daß nicht jedes
Individuum gleich ist, und daß es unterschiedliche Entwicklungs- und
Wissensstände gibt. Bedenkt bitte auch, die ihr scheinbar schon in der
Erwachsenenwelt lebt, daß ihr jene, die noch an Weihnachtsmann und Osterhasen
glauben, jeglichen Lebens- und Ordnungssinn nehmen könntet. Also bedrängt
sie bitte nicht allzu sehr, erwachsen zu werden. Ihr würdet sie in deren
eigenen Entwicklung stören. Bedenkt, wie wichtig es für jedes Individuum
ist, seinen eigenen Rhythmus zu leben, sich selbst möglichst frei zu
entfalten. Außerdem muß euch klar sein, daß ihr riesigen Ärger von
bestimmten, noch existierenden Kindertagesstätten bekommt. Jenen
nun Erwachsen gewordenen hier im Saal aber sei hiermit gesagt, dies hier ist
eine wichtige Stunde für Euch, und es sei Euch hier also die nächste Aufgabe
gestellt. Suchet zunächst nach der Frage, und wenn Ihr sie gefunden habt,
dann sucht die entsprechende Antwort dazu; so wie zu jeder Trittstufe die
entsprechende Setzstufe gehört. Und wenn Euch tatsächlich kein Gott mehr
begegnen sollte, dann endlich findet Euch selbst. Doch bedenkt, diese Stufen könnten
glatt sein, und sobald ihr Euch überschätzt, öffnet ihr die Büchse der
Pandoraah und Ihr, die neuen Götter, seid die traurigsten Zauberlehrlinge,
die man sich vorstellen kann. Seid also kritisch vor allem Euch selbst gegenüber,
denn Ihr habt die Macht, Euch und alles zu vernichten. Ab nun suchet also
selbst.“ So
sprach Herr Gott ernst mahnend; ein grauhaariger und etwas kleiner gewordener
Gott mit jenem kurzen aber großen Namen. Ein Herr, der die Menschheit ein großes
Stück Wegs begleitet hat, nun aber von jenen Menschen im Saal seinen Abschied
nahm. Langsam und sachte machte sich Gott zu Fuß auf den Weg nach hause. Nach
diesen feierlich mahnenden Worten war es lange still im Raum. Erst langsam und
allmählich hörte man einzelne Schritte. Manche bewegten sich bedächtig und
äußerst konzentriert, andere balancierten mit ausgestreckten Armen, wieder
andere rannten hastig umher, und irgendwo im Hintergrund hörte man deshalb
auch einen Schrei. Schließlich
stellte sich einer dorthin, wo zuvor Herr Gott stand, und erklärte, er habe
in Sachen Astrologie etwas herausgefunden. Das mit den Sternzeichen sei natürlich
Quatsch. Wieso hatte bisher eigentlich keiner die Idee, daß für die
Entwicklung eines Menschen nicht irgendwelche Sterne, sondern vor allem die äußeren
Bedingungen, so auch die Jahreszeit und die Witterung im allgemeinen
wesentlich ist; die ersten Erfahrungen sind die entscheidenden; wie eine
Mutter ihren Säugling behandelt, und ob die Sinne wärmende Sonnenstrahlen
auf der Haut spüren, oder Regen, Kälte und dicke einschnürende
Winterbekleidung; ob es Frühling, Sommer, ob es Herbst ist oder Winter. Das
sind die Dinge, die einen Menschen prägen, und nicht, ob der Jupiter gerade
aufgegangen ist, oder der Mond im rechten Winkel zum Pluto steht. Daß es
innerhalb der Sternzeichen signifikante Wesensmerkmale gibt, die innerhalb
dieser gehäuft auftreten, liegt also ganz einfach vor allem daran, daß
Stiere mitten im Frühling ihre ersten Sinne trainierten und nicht wie Wassermänner
im Winter. „Zur
Zeit regieren leider überall die Kinder auf der Welt; sie spielen Krieg,
sehen sich im Fernsehen stundenlang Autorennen an; die Medien machen die Leute
nicht reifer, sondern verblöden sie noch; in Game-Shows winken Autos als
Hauptpreise, wie wenn man nicht wüßte, daß sie die Leute kaum mehr
beweglicher machen, daß sie die Umwelt zerstören, und uns die Luft zum atmen
nehmen. Und später in den Krankenhäusern wundern sie sich, wenn sie all der
Gifte wegen an Krebs sterben. In den Ländern der Dritten Welt laufen
Fernsehserien und Werbespots über die Reichen in USA und Europa, und führen
dazu, daß die Bewohner Indiens, Chinas, Südamerikas, usw. den selben
Wohlstand fordern, sich entweder selbst nach dort aufmachen, oder ihr letztes
Grün abrasieren, um für Milliarden von Menschen die gleichen Atomreaktoren,
Autobahnen, Flugplätze, Supermärkte, Mc-Donnald-Restaurants usw. zu bauen.
Und unsere Wirtschaftsbosse und politisch Verantwortlichen reißen sich
beinahe all ihre sechs Beine aus, all der schönen Aufträge wegen und sagen:
„Alles was euer Kinderherz begehrt kriegt ihr auch - wir produzieren es (–
bevor es jemand anders tut)! Manche
in unserem Land wundern sich ehrlich, wenn grade die ernsthaftesten Kreise
anderer Weltregionen gar nicht erfreut über den Import dieser schrillbunten,
angeblich so schönen neuen Werbewelt reagieren und sich mit
fundamentalistischen Mitteln abzuschotten und sich zu wehren suchen. Ihre Völker
haben weder Chance noch Zeit, innerhalb ihrer eigenen kulturellen Identität
noch irgendeinen eigenständigen Weg zu finden. Wollen
wir ernsthaft Vorbild sein, mit unseren Müllbergen voller Problemen, eigenen
Widersprüchen und Sinnkrisen. Oder sollten wir nicht sogar froh sein, daß es
noch andere Kulturen außer der unsrigen gibt; Kulturen, in denen noch andere
Werte Platz finden, in denen es noch Wichtigeres gibt als den Wert des Geldes.
Mich
erinnert dieser heute ablaufende Verdrängungswettbewerb der Kulturen an das
Vordringen der Weißen in Amerika ab dem Spätmittelalter. Wir sind heute zwar
zutiefst entrüstet über die Art und Weise, wie dies zu jener Zeit mit
Menschenleben geschah, aber wir tun das gleiche heute mit noch lebendigen
Kulturen. Und vielleicht wird man Jahrhunderte später uns dafür
verantwortlich machen dafür, wie wichtig es gewesen wäre, diese kulturelle
Vielfalt zu wahren, anstatt sie auszurotten.“ Eine
Frau mittleren Alters hatte sich schon vor längerer Zeit zu einem eigentlich
ganz anderem Thema gemeldet, ist aber mit den Gedanken noch beim letzten
Redner und wirkt deshalb einige Zeit nachdenklich, bevor sie fortfährt:
„Vielleicht wäre es nicht schlecht das zuletzt gesagte in Erinnerung zu
behalten, um den Faden so später wieder aufzunehmen. Vielleicht aber ...“
unterbricht sie ihren Gedankengang wieder „... sollten wir auch erst mal von
durchaus verschiedenen Seiten her weitere Fäden zu spinnen beginnen, um
einige davon dann in ein größeres Sinnvolles zu integrieren, zu vernetzen,
einer Art neuem Gesamtbild.“ Schließlich
nimmt sie den Faden des Vorredners wieder auf: „Da wir uns hier zu den
Erwachsen zählen und wissen, daß uns kein Gott mehr die Verantwortung
abnimmt, sollten wir endlich die Zusammenhänge unseres eigenen Tuns
begreifen. Wenn wir nun wissen, daß wir Vorbild für Völker sind, die noch
in einer früheren Phase ihrer Entwicklung stecken, sollten wir uns anders
verhalten. Vielleicht
sollte man irgendwann mit einer neuen, einer neu-traleren Zeitrechnung
beginnen. Die ganze Welt hat mit „2000 nach Christus“ zu rechnen, obwohl
es zahlreiche andere Religionen gibt. Aber diese haben sich damit abzufinden.
Bis
heute versuchen wir unsere verschiedensten Interessen rücksichtslos anderen
gegenüber durchzusetzen, sie mit unserem Wissensstand und aller technischen
Errungenschaften zu überfahren. Wir vernichten damit Kulturen und
Traditionen, eigene Identität; die finden aber keine neue, außer daß ab nun
statt ihren Göttern nur noch Wirtschaft und Geld zu zählen hat.
Diese
Wertevernichtung ist das verantwortungslose Tun dummer Jungen - nicht reifer
Erwachsener. Was passiert, wenn das Geschäft jede Moral sticht, wenn z. B.
pseudodemokratische Strukturen wie in Indonesien solange gestützt werden, wie
Geld herauszuholen ist; und man danach, wenn alles weg ist, ganz unschuldig
tut, als hätte man mit all dem nie etwas zu tun gehabt?“
„Unsere
Gesellschaft kann nicht besser sein als unsere Vorbilder. Und als Vorbilder
haben wir Boxer, Fußballspieler und Autorennfahrer. Also was wundern wir uns
über unsere Gesellschaft!“, meldete sich ein anderer zu Wort. „In
unserer heutigen Zeit kennt man Automarken, Tennisspieler oder Show-Master,
aber kaum einer kennt einen Philosophen oder einen Idealisten. Nutella essende
oder Marlboro rauchende Tennisprofis oder Autorennfahrer kassieren innerhalb
weniger Stunden sinnentleertem idiotisch entfremdetem Tuns Millionen, flüchten
damit an irgendwelche Steueroasen, und werden dafür als Volkshelden bewundert
– merkwürdige Welt! Manch einer gründet dann immerhin noch irgendeine
wohltätige Stiftung, um sich den passenden Heiligenschein aufzusetzen. In
einer Zeit, in der viele Leute jammern, wie kalt die Gesellschaft geworden
ist, und jeder nur an sich denkt, leuchten solche Heldentaten besonders.
Psychologen wären gefragt, doch verdienen jene, in der Zeit leerer Kassen,
nicht mehr zum Nutzen von Patienten ihr Geld, sondern immer häufiger als
Werbepsychologen; also dadurch, daß sie den Leuten mit Hilfe raffinierter
Tricks alle möglichen Dinge aufschwatzen, die sie angeblich unbedingt
brauchen, um „in“ oder „cool“ zu sein. Kids ohne Markenjeans sind
danach „megaout“, obwohl Kids in Markenjeans noch nicht einmal wissen, wie
sehr man sie bereits verblödet hat. Andere wundern sich, wieso
Gewaltbereitschaft und Kriminalität vor allem an Schulen steigen. All
jene, die versuchen ehrlich zu sein, ihre Verantwortung, und andere Leute
ernst nehmen; jene, die ihre Steuern bezahlen, jene, die anderen helfen, die
in Krankenhäusern Überstunden schieben; jene, die versuchen, die
Gesellschaft noch ernst zu nehmen, und Lösungen für eine positive
Entwicklung aufzuzeigen versuchen, werden hingegen ausgelacht. - So steht es
mit unserer Gesellschaft“. „Auch
Forscher und Wissenschaftler sind Teil dieser Gesellschaft, und nicht besser;
sie sind aber dabei, den Schlüssel des Lebens, den Zauberstab Gottes zu übernehmen.
Die Nationen untereinander liegen im harten Wettbewerb, überall gibt es
Standortdiskussionen, auch bezüglich Gentechnologie; und nur jene, die ihren
Wissenschaftlern möglichst große Freiflächen einräumen, spielen mit im
Reigen um spätere Großaufträge, in der der Markt, der schnell verdiente
Euro zählt. Jene der über hundert Staaten der Erde, die ihren Forschern die
besten Arbeitsmöglichkeiten, die liberalsten Gesetze, die meisten
Geldkofferträger und Aktiengesellschaften bieten, öffnen die Büchse einer
neuen, einer geklonten Welt. Doch was in Jahrzehnten mit uns passiert, taucht
in deren Buchhaltung der nächsten Jahre noch nicht auf. Bis dahin läßt es
sich sehr angenehm leben. Der Mensch lebt zu kurz.“ „Die
Frage ist doch: was ist höher zu bewerten, Moral oder Lobby-Interessen? Auch
das Völkerrecht läßt sich je nach Interessenslage auslegen und
zurechtbiegen. Als beispielsweise die Völker Sloweniens, Kroatiens, Bosniens
und nun des Kosovo die Unabhängigkeit vom sozialistischen Jugoslawien
fordern, war schnell ganz Europa einschließlich Amerikas auf der Seite der
armen unterdrückten Völker. Bei
den Kurden, die seit Generationen nichts als Unterdrückung und Mißachtung
jeglichen Rechts und eigener Identität kennen, hört dagegen jegliche
Solidarität auf. Die Erklärung ist einfach: Die Türkei ist zwar weit
weniger demokratisch als Rest-Jugoslawien, aber seit je her ein wichtiger Brückenkopf
im Kampf der Mächte und Interessen, z. B. dem amerikanischen Öl im
Persischen Golf“. Ein freier kurdischer Staat könnte den Traum der
westlichen CO2-Schleudern stören. Während
die Moral theatralisch in große Worthülsen verpackt und verkauft wird,
werden sie mittels geheimdienstlicher Mittel und modernster Waffentechnik außer
Kaft gesetzt. Und als letzte verbliebene Weltmacht hat allein die USA nun das
Monopol, darüber zu entscheiden, was Recht ist, und was Unrecht, welche
Staaten subventioniert und welche mit Bombenteppichen überzogen werden. “ „Auch
wenn Du recht hast, wir können hier nichts tun. Und die Macht des C.I.A.
hatte schon J. F. Kennedy unterschätzt. Trotzdem
finde ich, daß es das nicht wert ist, seinen Humor zu verlieren“, gibt ein
anderer zu bedenken. „Es bringt absolut nichts, sich selbst zu bemitleiden
und stets zu sagen, wie schlecht die ganze Welt ist, und man ja doch nichts
tun kann. So gerät man nur selbst in diesen Negativ-Strudel hinein.“ „Richtig!“,
stimmt ein anderer zu. „Es ist ganz einfach eine Frage der Prioritäten, die
für mich einerseits bedeutet, den Überblick über die Welt und die große
Politik zwar nicht ganz zu verlieren, anderseits aber sich selbst mit seinen
Bedürfnissen, seiner Vergangenheit und Zukunft, nicht zu vergessen. Ich
selbst erlebte eine absolut blöde Kindheit, eine stumpfsinnige Erziehung und
eine bezugsarme Welt um mich herum, ich erlebte tiefen Haß und Neid;
Kommunikation fand überhaupt nicht statt. Als Jugendlicher war ich total
verklemmt, traute mir nichts zu, ich stotterte und wurde rot im Gesicht, wenn
ich bloß in die Nähe eines hübschen Mädchens kam. Liebe, Sex und Zärtlichkeit
waren unerreichbar, und nur als Traum Realität. In der wirklichen Welt konnte
ich mich schließlich nicht einmal mehr richtig bewegen, weil ich glaubte, ständig
beobachtet und ausgelacht zu werden. Das Problem ist ja, sobald andere merken,
daß an dir irgendwelche Schwächen zu erkennen sind, stoßen manch andere in
diese Wunde hinein, um darin zu wühlen und sie noch zu vergrößern. Manche
sensible Menschen gehen daran zugrunde. Dabei sind es gerade die Schwächlinge,
die gerne schlagen, um so von sich selbst abzulenken, den eigenen Schwächen. Jetzt,
wo ich mich endlich befreit habe von der Last der Vergangenheit, sagt man mir,
ich sei zu alt für ein Mädchen, welches ich dabei war, ehrlich lieben zu
lernen; das ich auch deshalb liebte, weil mich so vieles an ihr an meine
eigene Vergangenheit erinnerte, den eigenen Problemen, den Selbstzweifeln und
Widersprüchen, den tiefen Wunden, den Zweifeln an der Menschheit und sich
selbst gegenüber. Ich versuchte ihr zu helfen, ihre eigenen Probleme zu
enttarnen, und ich wünsche ihr so sehr, daß sie irgendwann über möglichst
viele ihrer eigenen kleinen Fehler ihr hübsches Lächeln legt. Ich wünsche
ihr ein großes Herz, und daß sie viele gute Freunde kennenlernt, auch wenn
nicht alle ihren Idealvorstellungen entsprechen; ich tu es auch nicht, aber
die ganze Welt tut dies nicht. Es ist die Frage, wie perfekt man sein muß in
dieser Welt – auch wenn es vielleicht schön ist, sich in diese Richtung zu
bewegen. Ich
frage mich, was ist, wenn Du danach keinen Menschen mehr zum Reden hast, wenn
Du anstatt einer Geliebten nur kalte Leere neben Dir spürst, wenn Du Briefe
und Geschichten schreibst oder erzählen willst, die keinem mehr
interessieren?“ „Was
ist zu tun bei Selbstzweifeln, ganz generellen Problemen, wenn auch kirchliche
Institutionen geistig zu klein oder zu kleinkarriert sind, und auch staatliche
Beratungsstellen aus Finanzmangel ausfallen?, meldet sich eine Frau zu Wort
„Momentan tun ein paar Moralaposteln und Oberhirten, Offizielle also in
irgendwelchen Kirchen immer noch so, als ob sie die einzig mögliche
Lebensvorstellung repräsentieren. Das Fähnlein jener lilafarbenen Uniformträger
ist dicht mit jenen Parteien verbandelt, die das „C“ wie ein Schutzschild
vor der bösen Außenwelt aufgebaut haben, in Wirklichkeit aber vor allem
Stammtischparolen anbieten und am allerwenigsten etwas mit Verantwortung,
Initiative, Kreativität und Entwicklung im Sinne führen. Somit ist die
Kirche anerkannte Stütze inmitten der immer mehr nach kalter Leistung und
Kapital orientierten Gesellschaft, in der die Aktienkurse und der Dollarkurs
mehr und mehr die Nachrichten bestimmen. Eine Zeit, in der Aktionäre jubeln,
wenn ihr Konzern Mitarbeiter entläßt, weil dadurch größere Gewinne zu
realisieren sind. Jene
einzig offiziell anerkannte Alternative: die Kirche - darüber lacht man, reißt
Witze. Die Kirchen selbst stehen immer noch in der Gegend herum, sind ihrer Höhe
wegen Wahrzeichen irgendwelcher Orte und Teil der Geschichte. Aber nur mehr
einige, geistig Kind gebliebene Erwachsene, gehen dorthin, um Rat und Hilfe zu
erbeten. Die Vertreter der Kirche haben sich längst von den ernsthaften
Erwachsenenfragen verabschiedet. Selbständig denkende Menschen waren für sie
schon immer ein Greuel. Und vor allem für jene gab es seit je her ein Vakuum,
auch wenn die Hülle der Kirche immerhin ein guter und stiller Ort innerer
Meditation inmitten innerstädtischer Hektik sein kann.“ „Wenn
die alten Kreise wegbrechen, dann versucht, neue Kreise zu bauen! Kulturabende
mit verschiedensten Interessensgebieten organisieren, Gesprächs- und
Sinnerfahrungskreise gründen, Kommunikation ganz allgemein zu fördern,
Tanzabende, Tauschbörsen, Mitfahrzentralen, usw. einrichten. Laßt uns die
leer gewordenen Hüllen mit neuen Sinnen, Farben und Musik füllen, neue
Perspektiven kennenlernen. Manchmal, wenn man ihn trainiert, ist der Horizont
weiter als man denkt ... “ So
oder so ähnlich ging es noch einige Zeit weiter. Man philosophierte über
Gott und die Welt, und warf sich gegenseitig Ideen und Meinungen an den Kopf.
Je später der Abend wurde, desto lockerer und vertraulicher auch wurde die
Atmosphäre; es wurde Wein serviert, man prostete sich zu, bis zu später Zeit
die letzten Redner ans Pult traten. Trotzdem
war das junge hochgewachsene Mädchen, wohl kaum 18 Jahre, offenbar wegen
ihres Anliegens doch ein wenig unsicher, wollte aber trotzdem loswerden, was
sie bedrückte, und hoffte, in diesem anregend intelligentem Rahmen auch einen
guten Rat zu bekommen. „Ich
war vor einigen Tagen beim Vorstellungsgespräch einer Bank, und fühlte mich
total unsicher, weil ich dort ein Kostüm tragen mußte, und ich mir wegen dem
kurzen Rock ganz nackt vorkam.“ Da
manche der Zuhörer nur einen eher erstaunten Eindruck machten, und zumeist
noch nicht wußten, was die Frage oder das Problem nun wäre, verriet die
Rednerin noch etwas mehr. „Ich
verstehe nicht, wieso man sich zu bestimmten Terminen verkleiden muß, und
nicht so sein darf, wie man ist. Ich trage eigentlich nur Hosen, und finde es
diskriminierend, mich für einen älteren Herrn, ob er nun der Personalchef
einer Bank, oder der weltliche oder überweltliche Vater ist, so zu präsentieren.“
„-
Ich meine, das kann man mit kleinen Mädchen machen, die alles dafür tun, ein
Lob dafür zu erhaschen, daß man sich mal wieder so hübsch gemacht hat -
aber damit eigentlich nur die eigene Wehrlosigkeit, Unterwürfigkeit und Abhängigkeit
zeigt, die den Männern an uns gefällt und uns dafür beschützenswert, aber
auch geil finden?“ „Was
heißt hier Erwachsen sein, wenn seltsame Kleidungsregeln, von irgendwelchen Männern
oder Omas aufgestellt, sich dermaßen diskriminierend über die eigene
Entscheidungsfreiheit hinwegsetzen?“ Eine
andere junge Frau, ebenso lässig gekleidet, stellt sich vor: „Ich stimme
Dir in einigen Punkten zu. Trotzdem sehe ich die Masche der Männer – und
der Frauen übrigens auch - ein ganzes Stück differenzierter. Eigentlich möchte
ich mit Dir wetten, daß Du mit Dir selbst nicht ganz einig bist. Du bist schön,
und Du weißt es auch, und spielst damit auch – bloß eben auf Deine Art.
Ich genieße das aber offener, ich verstecke mich nicht, ich spiele damit,
schlüpfe in Rollen, bewege mich je nach der Kleidung unterschiedlich, fühle
anders, und lebe vielfältiger. Aber ich möchte Dir keinen Rat geben. Laß
Dich in keine Schablone zwängen, in der Du Dich nicht wohl fühlst.“ Ein
junger Mann trat nach vorn: „Du redest davon, Dich bewußt unterschiedlich
zu fühlen, Dich bewußt unterschiedlich auch nach außen darzustellen. Aber
ist es nicht besser, Hochs und Tiefs zu vermeiden, um Ausgeglichen zu werden?
Ich jedenfalls leide unter meinen Stimmungsschwankungen, und denke mir, indem
ich die Spitzen meiner Stimmungen kappe, nehme ich mir zwar einiges an Freude,
aber auch einiges an Leid.“ Der
nächste Redner bestreitet dies: „Ist es nicht so, daß das Leben Moden und
Farben braucht, daß man Farben wie Stimmungen zuläßt? – Möchtest Du als
gleichmäßiger grauer Farbton durchs Leben laufen, um dabei aus Langeweile
einzuschlafen? Mich würde auch interessieren, ob wenn Du Dir Deine positiven
Stimmungsspitzen abschneidest, das tatsächlich hilft, auch die negative
Stimmungsspitzen zu beseitigen? – Oder ist es nicht besser, Dich so
zuzulassen, wie Du Dich fühlst. Nach Yang folgt auch wieder Ying. Warum
stutzt Du Deine Flügel? Traue Dich lieber, in das ein oder andere Fettnäpfchen
zu fallen - nur so kannst Du vom Leben lernen!“ Ein
weiterer Herr hakte sich in dieses Thema ein: „Natürlich kann jeder nur für
sich selbst entscheiden, welchen Weg er gehen will, ob mehr nach außen oder
innen geöffnet. Vielleicht sollte man der übrigen Gesellschaft nicht zu weit
vorauseilen, durch elitär wirkendes Gehabe, vor allem wenn Du in ihr
mitspielen und in ihr auch etwas verändern willst. Etwas überspitzt stellt
sich dann u. a. auch die Frage, ob Du lieber versuchst 10 Leuten 10 Meter
weiter zu helfen, oder 100 Leuten je 2 Meter. Wenn Du elitär und akademisch
sein möchtest, wirst Du Dich für Ersteres entscheiden und hochkomplizierte
Abhandlungen verfassen; wenn Du mehr bewegen möchtest, für das Zweite; dann
schreibst Du möglichst anschauliche Geschichten, die jeder versteht.“ Ein
Anderer stellt sich ein wenig umständlich vor, und sich, ein wenig wacklig an
das Pult, wo Stunden zuvor noch Herr Gott stand: „also Leute, ich möchte
auf diese halbakademische Geistesspitzen wirklich nicht mehr weiter eingehen
– mir kommt es so vor, wie wenn ich grad auf einer stehe – und unter mir
die ersten Sterne, äh ... blinken sehe. Den Wein kann ich übrigens ...
empfehlen. Aber um an meine Vorredner anzuschließen: wir brauchen neue Ziele.
Meine Forschungen brachten - folgendes zutage: Unsere Milchstraße ist
Bestandteil einer gewaltigen - Masse von äh Samenflüssigkeit, männliche,
frische - Flüssigkeit also. Ja, äh das ganze spritzt - in Richtung eines
nicht näher von mir analysierbaren äh gigantischen schwarzen Lochs ...“ –
„Nein, das stimmt!“ versucht er sich gegen die ersten „Buh“-Rufer des Abends
zu verteidigen. Manchen
war Harald ja als nicht immer ganz ernst zunehmenden Helden bekannt, aber für
die meisten war dies das Zeichen dafür, die Veranstaltung für heute zu
beenden, nachdem zwischen Gelächter und Zwischenrufen einem letzten Gast der
Vergleich vieler Anwesender mit den Aposteln nach dem letzten Abendmahl
einfiel, als sie, dem Rotwein nicht gerade feindlich gegenüberstehend, auf
dem Ölberg Wache zu stehen hatten, und dabei umkippten“. „Ja,
und einige hatten damals nach diesen Abendveranstaltungen auch noch die größten
Erleuchtungen und wunderlichsten Erscheinungen“ „Kommt,
laßt uns gehen, bevor uns ähnliches geschieht“ „Schließlich
ist Rom auch nicht an einem Tag entstanden“ „...
und die Erde nicht in sieben“ ergänzt ein anderer Rufer. Immerhin
hatte man sich noch recht rasch auf einen nächsten Termin einigen können, um
weiterzusuchen, um vielleicht Architekt für eine neue Gesellschaft zu sein.
So gingen viele mit dem Gefühl nach Hause, einen mehr als interessanten Abend
erlebt zu haben; bisher unbekannte Stufen, womöglich aber auch einige Schlaglöcher
gefunden zu haben. „Das Leben ist eine spannende Geschichte“, oder „Die
Zukunft fängt jetzt an“ hörte man noch im nach hause gehen sagen. Es
liegt nicht in meiner Absicht, ein genaues Protokoll über die weiteren
Treffen anzufertigen. Ich bin weder der beste Organisator und wahrscheinlich
auch kein sehr ordentlicher Mensch. Wann welche Gespräche stattgefunden
haben, ist so kaum mehr nachzuvollziehen. Sinngemäß wurden einige
Feststellungen und Forderungen wie die folgenden aufgestellt: Wer
nichts in Frage stellt, kann auch nichts verbessern. Je
weniger flexibel eine Gesellschaft ist, desto enger sind die Scheuklappen dafür,
neue Perspektiven zu erkennen, und neue Fragen zuzulassen. Dies gilt z. B.
auch in Bezug auf Sekten. Man stellte fest, daß sie für die Gesellschaft
weniger dadurch bedrohlich seien, weil sie die Freiheit einzelner Mitglieder
einengen, sondern vor allem, weil sich deren Ansichten mit den immer enger
werdenden gesellschaftlichen Werten und Normen des Konsumdenkens nicht
vertragen; weil sie im Gegensatz dazu nach Alternativen suchen. Als
erste und wichtigste Forderung stellte man auf, die Entwicklung und die Fähigkeiten
aller Individuen zu fördern; Körper, Geist und Seele zu stärken, um den
Reichtum ihres eigenen Potentials kennenzulernen und so weniger in die
Versuchung kommen, falschen Idealen nachzulaufen, die nichts für die eigene
Weiterentwicklung bringen, sondern sie nur weiter von sich selbst entfernen.
Wer weiß, was er ist und was er kann, ist nicht nur sogenannten Sektenführern,
und Führern ganz allgemein, sondern auch der Gesellschaft gegenüber
autonomer. Allerdings sei das Erreichen dieser Ziele deshalb schon nicht
leicht, da die momentanen kommerziellen Idole gewaltige Werbeträger sind, die
durch unvorstellbare Geldsummen, dadurch von starken wirtschaftlichen und
politischen Interessen bewegt werden. Auch
Harald meldete sich mal wieder zu Wort, und erntete weit nüchterner als
zuletzt, diesmal nebst Gelächter auch Zustimmung. „Eine
immer größere Zahl vor allem älterer Menschen leidet unter Kontaktarmut.
Sind die Kinder erst einmal aus dem Haus, bleiben häufig kaum mehr als ein
paar Wörter mit der Nachbarin übers Wetter. Daß dies nicht so sein muß,
bewies letztlich Frau Schmidtchen. Die
eigentliche Frage sei, was sucht eine ältere Dame, die kaum mehr Kontakte zu
Mitmenschen besitzt, im katholischen Beichtsessel einer Kirche? Na
klar: sie sucht das Gespräch. Weil
dies auch unter Katholiken aber nur funktioniert, wenn sie vorher gesündigt
hat, überlegt sie sich stets vorher genau, was sie getan haben könnte. Dies
ist nicht immer so einfach; und auch diesmal wollte ihr gar nichts Richtiges
einfallen, denn die Nachbarn, die sie heimlich belauscht, waren in Urlaub. So
dichtete sie sich diesmal etwas abenteuerlicheres zurecht, was sie zu Teilen
zuvor in einem Kriminalroman gelesen hatte. Im
Beichtstuhl aber kam sie mit ihrer Geschichte durcheinander, verwickelte sich
in Widersprüche, und so mußte sie schließlich beichten, die Geschichte von
vorne bis hinten erlogen zu haben. So hatte sie also doch noch gesündigt, und
der Besuch im Beichtstuhl war durchaus berechtigt. Als
sie als besondere Buße vom verständnisvollem Pfarrer nach einigen mahnenden
Worten den Rosenkranz 14 mal aufgebrummt bekam, war sie mit sich schließlich
doch noch ganz zufrieden. Die
meisten der anderen Frauen wunderten sich über Frau Schmittchen, weil sie
diesmal doppelt solange wie sonst vorm Kreuz kniete und die Mutter Maria um
heilige Vergebung anbettelte. Danach
war sie wie immer richtig wohlgemut, sie wirkte wie von allen Lasten befreit.
Beim Nachhauseweg verstand sie den Kommentar zweier freundlicher junger Leute
nicht so recht, die meinten, ob sie vielleicht zu viel „Red Bull“
getrunken hätte, und so flog sie schnell weiter. Auch
beim anschließenden Gespräch mit den Nachbarn, die gerade vom Urlaub zurückkamen,
glänzten ihre Augen noch; das Wetter war schön und die Vögel zwitscherten
dazu“. „Schön
erzählt. Doch auf diese Weise lassen sich vielleicht ältere Mütterchen
ansprechen. Aber
denkt einmal an die Jüngeren. Teilweise werden immerhin schon richtige
Kulturfestspiele veranstaltet; große Chöre werden eingeladen, spielen Bach
und Händel oder spirituelle Gospel. Schön und Gut. Ich
denke aber auch noch an gesellschaftliche Problemzonen: wie wär´s, wenn man
mit dem Slogan in die Öffentlcihkeit geht: „Weihrauch und Beichtstuhl“ statt
„Heroin und Fixerstuben“. Wie
wär es weiterhin, statt der zwei mal sieben „Ave Maria“ die gleiche Zahl
an Peitschenhieben zur Wahl zu stellen? Dies wäre eine Möglichkeit, völlig
neue Publikumsschichten anzusprechen und die Kirchen wieder zu füllen. Und
schließlich könnte man über andere Materialien nachdenken. Wieso sind die
Engel aus Holz oder Stein. Man könnte sie auch aufblasbar machen.“ Eine
weitere Geschichte wurde erzählt: „Kurt Kleiber, ein Herr mittleren Alters,
dessen Lebenssinn sich bisher auf den BVB, Schumi und Gottschalk konzentriert
hatte, machte eine völlig neue Erfahrung, als er eines Tages knapp vor seiner
Haustür über eine vollkommen neue und preisgünstige kulturelle Einrichtung
stolperte, die es Tags zuvor dort noch nicht gegeben hatte „Nanu“ sprach
er zu sich selbst, und neugierig geworden besuchte er eine Ausstellung der örtlichen
Hochschule; einige Tage später nahm er an einer Veranstaltung über ökologisches
Bauen, und bald danach an einer Diskussion über philosophische und politische
Betrachtungsweisen teil. Zunächst war er bloß stiller Zuhörer, doch die Art
der aktiven Auseinandersetzung mit den verschiedensten Themen, das miteinander
ins Reden kommen faszinierte ihn bald; irgendwann begann er seine Scheu zu
verlieren und mitzureden. Kurt
lernte sich selbst von einer anderen, von einer bis dahin unbekannten Seite
her kennen. Eines Tags war er so gut drauf, daß er über seinen Schatten
sprang – als es herunterkam, war der Schatten platt. Seine Bekannten erzählten sich, er wäre während irgendeines
Themas über sich „hinausgewachsen“ - „Wir kennen Herrn Kleiber. So
etwas hat er noch nie zustande gebracht“; Herr Kleiber würde schon wieder
auf den Teppich der Realitäten zurückkehren und Normal werden, meinten die
anderen. Am nächsten und übernächsten Tag jedoch gab er auf jene Meinungen
keine Rücksicht; statt dessen steigerte er seine rhetorischen Fähigkeiten
nochmals um ein Stück. Der Schatten seiner Vergangenheit tangierte ihn nur
mehr in dialektisch zu diskutierenden Zirkeln. Kurt hatte seine Schranken neu
definiert“. Die
Gruppe unserer Erzähler wuchs. Es sprach sich hinter vorgehaltener Hand
herum, daß in den Räumen eines geheimen Cafés etwas Besonderes vor sich
ging. Man war sich der Vorsicht bewußt – all dies hier erzählte ist
innerhalb bestimmter Kreise dieser Gesellschaft nicht ganz ungefährlich - Es
zielt auf Veränderung ab! Die
ersten hier veröffentlichten Geschichten und alles mit ihr in Verbindung
stehende könnte dazu führen, daß sich der Mensch und die Gesellschaft in
der er lebt, positiv verändert, wenn er den Rahmen anders gestaltet – und
genau dies ist die Gefahr. Wie wertvoll ist ein Menschenleben? Ist es bloßer Kostenfaktor und
geistig zu verkümmernde Manövriermasse wirtschaftlicher Interessen, oder
beherbergt es eigene Persönlichkeit, eine ganze Welt von Gefühlen und Ideen,
die es zu entwickeln und zu fördern gilt? Die
Mächtigen in diesem Land sehen im sozialen Engagement keine wirtschaftliche
Rendite; außerdem möchten sie mächtig bleiben und genießen alle
Privilegien, können dies aber nur, indem sie größer, bedeutender und eben mächtiger
sind als der Rest ihres Volkes. So bleibt denn alles wie es ist und sie werden
alles in ihrer Kraft stehende tun, um Idealisten und Veränderer nicht
ernsthaft zu Wort kommen zu lassen. Nur
Idioten, Phantasten und Helden ziehen den Fehdehandschuh an; nur Idioten,
Phantasten und Helden glauben, die Welt verändern zu können. - Immerhin!
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