"Am 26. August 2003 um 19.30 Uhr ist unsere Welt ein Stück ärmer geworden"

so beginnt ein Buch, welches derzeit (Ende des Jahres 2004) in Dorfen erscheint. Das Buch handelt vom Leben eines Pfarrers in Dorfen, der Mitmenschlichkeit und Verantwortung ins Zentrum seines Lebens rückte. 

Wer war dieser Mensch, daß über tausend tief betroffene Menschen von ihm Abschied nahmen?

Wer war dieser Mensch, der so sehr er selber war, daß er in der Ausübung seines Priesteramtes zur Gefahr wurde, da er Grundsätzliches in Frage stellte; von dem selbst dem Pabst berichtet wurde? 

Ein Mensch, der sein Engegement der Jugend, der Friedensarbeit und der Dritten Welt, der Ächtung von Gewalt und Ausländerfeindlichkeit gab; dessen Reden berühmt wurden, und damit auf Kassetten festgehalten. 

Nur eine, "die 88ste" gilt heute als verschollen. Ein Geheimnis, welches Betty Simmerl in einem Text zu lösen sucht. Dieser ist  auch im nächsten Gedanken-Sprung zu finden.
Hier ein Auszug über xED.

 

Unsere kleine Stadt Dorfen hat manches, was sie interessant und liebenswert macht. Zum Beispiel die schöne Lage im Isental, die mittelalterliche Marktanlage mit den weiten Plätzen, Bekannte bayrische Schriftsteller kommen aus unserer Stadt und unserer Gemeinde: Josef Martin Bauer und Georg Lohmeier. Aus ganz Bayern und darüber hinaus pilgerten frormme Wallfahrer zu „Unserer Lieben Frau von Dorfen, der wundertätigen gotischen Madonna aus dem 14. Jahrhundert auf dem Ruprechts-berg. Viele Stufen mussten sie hinauf, bis sie am Ziel waren. Noch heute erzählen Mirakelbücher und Votiv-tafeln von zahlreichen Wundertaten. 

Heute birgt die Wallfahrtskirche einen zusätzlichen Schatz: Die Predigt im Tresor oder die Predigt im Giftschrank, wie unsere Leute sagen, wenn sie von einer Kassette sprechen, die im Jahre 1988 dort aufgenommen wurde. Pfarrer Gottfried Wiesbeck hielt an Silvester eine Aufsehen erregende Predigt. Weit über Dorfen hinaus schätzten die Menschen die Predigten des Dorfener Pfarrers, besonders die an Silvester. Er sprach über Themen, die im abgelaufenen Jahr besonders aktuell waren, politische und kirchliche. Nach eindreiviertel Stunden klatschten die Zuhörer in der voll besetzten Kirche, was dort völlig unüblich war. Sie fühlten sich verstanden und angenommen, waren begeistert von der Offenheit und Ehrlichkeit des Pfarrers. 

Zeitungen in ganz Deutschland berichteten von der Predigt. Von dort kam auch Post, eine Menge Post für den Pfarrer, die meiste zustimmend. Von der Predigt wurde auch eine Kassette angefertigt. 

Es gab auch eine Gruppe Dorfener, die den Pfarrer nicht verstand oder nicht verstehen wollte, und die Botschaft landete schnell im Ordinariat. Die Themen Gewissensfreiheit, Unfehlbarkeit des Papstes, Verbot des Zölibats erregten dort großes Missfallen. Wurde dabei übersehen, mit welch großer Sorge um die Zukunft der Kirche und mit welch betonter Loyalität zur Kirche der Pfarrer seine Kritik übte? Aber wann schon wurden Hoffnungsträger zu deren Lebzeiten erkannt? 

Der Pfarrer bekam Schwierigkeiten „von oben“ und zog die Kassette vom Verkauf zurück. Seitdem ist sie weggesperrt in einem Tresor. Wer sie heute haben will, findet sie nicht. Machen wir uns auf die Suche, gehen wir die 150 Stufen hinauf auf den Ruprechtsberg wie die Wallfahrer. Im Pfarramt, wo die Predigtkassetten von Pfarrer Wiesbeck zu haben sind, ist die „88er“ nicht zu finden. Suchen wir also in der Kirche, wo sie entstanden ist. Da gibt es viele Möglichkeiten: Im Kirchenraum, in der Sakristei, auf den Emporen, dem Chor oder anderen Nebenräumen. Irgendwo muss der Tresor ja stehen. Da es niemand weiß, kann ihn auch keiner knacken. Stellt sich die Frage: Warum ist die Kassette dort noch immer? 

Wenn sie Gift für die Menschen wäre, hätte man sie doch bereits vernichten müssen. Also kein Gift, aber was dann? 

Ist sie so wertvoll, dass man sie als eine heilsame Medizin aufbewahrt für eine Zeit, in der sonst nichts mehr hilft oder für spätere Generationen? Vielleicht für eine Zeit, in der die Kirche die angesprochenen Probleme, zum Beispiel das des Zölibats, endlich gelöst hat? Dafür spricht auch noch ein Zweites: Gehen wir hinauf in den Turm.  ...

 Betty Simmerl

(Textauszug aus "Gottfried Wiesbeck - Der sanfte Rebell"
von Eberhard & Monika Ried, Wulf Schwaben, Hermann & Betty Simmerl)