Die Chronik der Stadt Erding, aber auch der eben neu konstituierte Stadtrat waren Gründe, die im Aufbau befindliche Reihe von Interviews über xED mit Neu-Stadtrat Stefan Grabrucker zu führen. (09.05.02 im Parkhotel Erding)

Junge Gesichter in Erdings Stadtrat:
2002 zum ersten mal mit dabei ist
Stefan Grabrucker für die ödp.
Dazu verhalf auch der Umstand, daß unsere Stadt die 30.000 Einwohnergrenze durchbrach, wonach nun 40, statt zuvor 30 Mandatsträger die Bürgerinteressen vertreten.
xED (Walter Koppe und Thom Delissen) sprach mit dem 1974 geborenem Stadtrat, außerdem Landesvorsitzenden der Jungen Ökologen, über seine Vorstellungen und Ziele.
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An
die Kolleginnen und Kollegen
im Erdinger Stadtrat

Erding, den 03.07.2002

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

als ich mich im Herbst 2001 dazu entschloss, auf der Liste der ödp für den Erdinger Stadtrat zu kandidieren, tat ich dies in der festen Überzeugung, auch die nächsten sechs Jahre in Erding verbringen zu können. Ich hatte auch bereits eine Zusage des Kultusministeriums, bei meinem anstehenden Referendariat in Wohnortnähe eingesetzt zu werden.

Wie so oft kam es allerdings anders als geplant. Zu unserer großen Überraschung - und nichtsdestotrotz zu unserer übergroßen Freude - durften meine Freundin und ich im Mai feststellen, dass wir Anfang des Jahres 2003 Eltern werden.

Da meine Freundin derzeit aber noch mitten in ihrer Ausbildung zur Ergotherapeutin in Bayreuth steckt und ich auf keinen Fall möchte, dass sie ihre Ausbildung abbrechen muss, werde ich im Sommer nach Bayreuth ziehen. Meine Freundin konnte mit ihrer Schule eine Lösung finden, die es ihr erlaubt, ihre Ausbildung fortzusetzen und ich kann ab September an einem Gymnasium in Bamberg oder Nürnberg unterrichten.

Dies bedeutet, dass ich mein Mandat als Stadtrat in der nächsten Sitzung niederlegen werde. Ich hoffe, Sie haben Verständnis für diesen Schritt.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen für die freundliche Aufnahme in den Stadtrat und die konstruktive Zusammenarbeit bedanken. Es hat mich sehr gefreut, dass mir als Neuling von vielen Seiten Unterstützung und Rat zuteil wurde.
Ich darf Ihnen persönlich alles Gute und ein glückliches Händchen bei den Entscheidungen über die Zukunft unserer Heimatstadt wünschen.

Mit freundlichen Grüßen,

(Stefan Grabrucker)

 
Themenübersicht des Interviews: (Stand der Auswerung: 65 %; Per Link kommt man direkt zum Thema)
- lok. Agenda
- JÖ-Landesvorsitz
- freiwilligen sozialen Jahr als Engagement für Obdachlose
 

 

- selbstverwaltetes JuZ, Picnic, Jugendparlament
- Bürgerhaus
- Harmonie im Rathaus

c
d
e

lokale Agenda 

Koppe:
Wir kennen uns von der lok. Agenda 21, das ist etwa zwei bis drei Jahre her.

Grabrucker:
Ja, richtig. Das ist gut zwei Jahre her.

Koppe:
Wie geht es dem 'Patienten' Agenda?

Grabrucker:
Also, es schaut derzeit so aus: Es gibt noch den Arbeitskreis Stadtentwicklung, die das ein oder andere machen z.B. das Projekt des "Goldenen Faden", innerhalb dem Sehenswürdigkeiten verbunden werden sollen.
Ansonsten weis ich jetzt nichts; aber wir (ödp), vor allem die Bendl Roswitha versucht mit einigen weiteren Stadträten immer wieder etwas. Der Thalmeier von der UWE hat auf Wahlkampfbroschüren damit geworben, sich für die Agenda 21 zu engagieren. Ansonsten möchte ich mit der Roswitha mal reden, daß die Stadt wieder die Initiative ergreift.
Es ist sicher sinnvoll, daß die Stadt mal wieder die Bürger einlädt, um noch einmal Sinn und Ziele der Agenda zu erklären werden. Das wäre sicher sinnvoll.

Koppe:
Wieso hat es denn in den letzten Jahren nicht funktioniert?

Grabrucker:
Es saßen zu viele Vertreter der Parteien an den wichtigen Positionen. So brachte das nichts.
Die Agenda 21 wurde auf der Klimakonferenz in Rio beschlossen, damit die Bürger in allen Gemeinden ihrer Gemeinde ein Leitbild geben und die Bevölkerung einbezogen wird. Ziel ist es, ein Leitbild zu entwickeln, das sich aus den Grundsätzen aus Rio orientieren soll; die soziale umweltfreundliche nachhaltige Politik in der Stadt gemeinsam mit den Bürgern entwickeln soll.
Um das dann zusammen mit den Gremien, z. B. dem Stadtrat umzusetzen. Das ist die eigentliche Idee.
Es war ja durchaus lobenswert, daß das ganze von Wilfried Becker von den Grünen ins Leben gerufen wurde; dazu haben sich eine Hand voll "normale", also nicht parteipolitisch organisierte Bürger beteiligt, aber ansonsten waren es nur Vertreter von Parteien, die das in die Hand genommen haben, und da gab es dann nur mehr Streiterei.

Delissen:
... durch die Einflußnahme der Parteien?

Grabrucker:
Ja, es gab da zwei Sprecher. Wilfried Becker und Rudi Brandl von der CSU. Also, ich war am Anfang nicht dabei, aber da hieß es, es wäre eine ideale Kombination, weil, da beide Richtungen in der Sprecherrolle vertreten wären, um Konflikte auszuräumen; aber die beiden haben sich dann nur gestritten; dann hat der Rudi Brandl als erster alles hingeschmissen, und dann auch der Wilfried Becker.
Danach war die Petra Novak im Leitungsteam, das es dann gab; die war parteipolitisch ungebunden. Da waren dann ein Grüner, drei SPD'ler, und noch vom VCD, und von der ev. Gemeinde jemand; aber es war auch parteipolitisch viel zu sehr geprägt, grad für die Öffentlichkeit; man will doch die Bürger erreichen, und einladen, mitzumachen, und wenn man dann immer die selben Gesichter sieht, die man auch bei den Parteien sieht, dann schreckt das halt ab. also meiner Meinung nach.

Koppe:
Als ich damals dazugestoßen bin, waren im ev. Gemeindezentrum in A'Erding immerhin so etwa 30, 40 Leute. Und davor waren auch noch Felixberger und Kretschmer mit dabei.

Grabrucker:
... ja, von da an wurden es immer weniger. Grundsätzlich waren ja alle möglichen Vereine und Gruppierungen mit dabei. Ich hab vier oder fünf DIN A4-Seiten von Adressen von Vereinen und Gruppierungen, die in dieser lokale Agenda beigetreten sind; auch die Stadt Erding selbst; die schickten ja immer den Herrn Wagner, zu den Sitzungen. Denn normalerweise soll die Stadt dies ja auch unterstützen, und mittragen, da ja alles in Zusammenarbeit mit der Stadt geschehen soll. Aber in Erding war auch von der Stadt wenig Begeisterung da, das muß man ganz ehrlich sagen...

Delissen:
Also eigentlich ist die Stadt dann auch in der Pflicht.

Grabrucker:
Richtig, es existiert ja auch einiges auf dem Papier, da gibt es den Bereich Stadtentwicklung,
Und dann findet auch immer mal wieder eine Plenumssitzung statt, aber die letzte, die war vor etwa gut einem Jahr...
Ich kann mich deshalb noch daran erinnern, weil ich damals den Vorschlag machte, daß sich die Parteipolitiker zurückziehen sollten; schon noch, um das zu beobachten und Verbindungen zu den Stadtratsfraktionen herzustellen, aber nicht an vorderster Front tätig sein.
Normalerweise ist die SPD, grad wenn es um Verbindungen zu Vereinen und Gruppierungen geht, schon sehr offen, auch deshalb hab ich mich schon gewundert, daß dann so eine ablehnende Front entsteht, wenn man vorschlägt, daß sich die Parteipolitik dann etwas mehr zurückziehen soll, ...
Die Parteien sollen das Ganze durchaus beobachten und ihre Ideen einbringen, aber nicht im Leitungsteam, und als die, die in der Öffentlichkeit stehen.

Koppe:
Es passiert ja auch nichts:

Grabrucker:
Ne, Im Augenblick gibt es nur mehr die vier Leute vom Arbeitskreis Stadtentwicklung, die was machen, also die Bendl Roswitha, die ist auch schon wieder Parteipolitikerin, der Horst Potempa von der SPD, die Doris Kräker vom VCD, ...

Koppe:
Ich hab ja meine eigenen Erfahrungen gemacht, die ich hier nicht weiter breittreten möchte. Aber es scheint auch schwer zu sein, von den Leuten, irgendwie von der Umgebung her. Wir hatten erst vor kurzem ein Gespräch im Jugendzentrum. Ein Jugendlicher meinte, in Mühldorf tut man sich leichter, ein offenes Publikum zu finden, da sind die Leute aufgeschlossener.
Ist es tatsächlich so?

Grabrucker:
Ich glaub schon, daß man die Erdinger begeistern kann. Vielleicht braucht es etwas mehr Antrieb, aber normalerweise lassen sich die Leute schon begeistern, wenn es nicht unbedingt um Parteipolitik geht - denn die Politik ist ja nicht besonders hoch angesehen, und das ist dann eine Hemmschwelle.
So ist es auch beim Aktionsbündnis gegen den Flughafenausbau. Wir sind dem Bündnis ja auch als ÖDP beigetreten.
jedenfalls wurde von denen, die keiner Partei angehören, zurecht angemerkt, daß es wichtig ist, dass es nicht so aussieht, als wäre es eine verkappte Grünen oder Parteiveranstaltung.

Delissen:
Das ist so eine Sache, die wir auch mit dem Hermann Kronseder besprochen hatten, daß die Nichtwähler in der Überzahl sind. Da gab es in xED auch einen schönen Bericht über eine fiktive
Nichtwählerparty.

Grabrucker:
Ja, die kenn ich. Ne, das ist unglaublich, und schon erschreckend, dass sich so wenig interessieren. Aber ein großer Prozentsatz hat gesagt, der Bauernfeind wird es sowieso, da brauchen wir nicht hingehen, und machen was anderes. Es gibt auch viele Leute, die noch nicht lange in Erding sind, und in Erding nur übernachten, um am Flughafen zu arbeiten, denen es relativ egal ist, was in Erding läuft, und auch keinen kennen.

Delissen:
Du bist Erdinger?

Grabrucker:
Ja, seit Generationen, zumindest im Landkreis seit Menschengedenken.

jö-Landesvorsitz 

Koppe:
Es stellt sich ja die Frage, wenn man mit 27 Jahren das erste Mal in den Stadtrat gewählt wird, auch als Landesvorsitzender der Jungen Ökologen bestätigt worden, dank Deiner guten Arbeit, des sicheren Auftretens, der Argumentation?

Grabrucker:
Ich finde schon, daß ich als jö-Vorsitzender gute Arbeit geleistet habe, allerdings gehört dazu ein engagiertes Team.
Bei uns finden die Wahlen jährlich statt, weil man die Erfahrung mit ganz jungen 15- oder 16jährigen gemacht hat, bei denen sich das persönliche Lebensumfeld einfach zu schnell ändert.
Und von 1996 -99, das muß ich zugeben, hatten wir wirklich schlechte Vorstände, sowohl auf Landes- wie Bundesebene, und da ist eigentlich gar nichts passiert. Also ich hab drei vier Jahre keinen einzigen Rundbrief gekriegt, oder auch als Kreisvorsitzender, der ich seit '97 in Erding bin.
Also, es ist da ziemlich viel eingeschlafen, von der Seite können wir hier in Erding auch nicht auf das große Potential zurückgreifen.

Koppe:
Was machst Du denn nun anders?

Grabrucker:
Wir sind pro Monat mindestens ein- bis zweimal in Bayern unterwegs und machen Aktionen. Einzelne Leute haben wir vor Ort, die auch bereit sind, was zu machen; aber alleine ist es halt schwer. Wenn du in Würzburg z. B. alleine bist, ist es fast unmöglich, etwas auf die Beine zu stellen.
Wir vom Landesvorstand reisen halt pro Monat mindestens einmal irgendwo hin, machen eine Aktion, und machen danach meistens ne Sitzung, besprechen die Inhalte. Die JÖ hatten bisher kein Programm, haben die Inhalte von der ODP übernommen, aber wir arbeiten daran, ein eigenes Programm zu entwickeln.

Delissen:
Wie unterscheidet ihr euch, von den Grünen, von der ÖDP?

freiwilliges ökologisches Jahr als Engagement für Obdachlose

Grabrucker:
Also zu den Grünen gibt es schon große Unterschiede. Bis auf dem Umweltbereich haben wir eigentlich schon andere Ansätze
aber eben auch zur ÖDP. Die ÖDP hat jetzt beim Bildungskonzept etwas beschlossen, Wir fordern die Aufhebung der Bildungshoheit der Länder, weil wir das in der heutigen Zeit nicht mehr für gerecht halten, den Jugendlichen gegenüber. Es wird immer mehr verlangt, daß die jungen Leute flexibel sind, von einem Land in ein anderes umziehen; das bedeutet für die Schüler meistens, daß sie um eine Klasse zurück müssen; grad wenn sie beispielsweise nach Bayern müssen.
Also, die ÖDP geht da bei weitem nicht so weit. Auch im Bereich Wehrpflicht. Das Thema Sicherheitspolitik und Wehrpflicht diskutieren wir grade. Da hat die ÖDP auf dem letzten Bundesparteitag mir unverständlicherweise beschlossen, daß man das System so beläßt, wie es jetzt ist, während wir hier verschiedene andere Möglichkeiten diskutieren, sind uns noch nicht ganz einig, ob allgemeine Wehrpflicht oder Berufsarmee - also immer verbunden mit einer Stärkung der "freiwilligen Dienste". Also auf alle Fälle muß das attraktiver werden, also ölologisches Jahr, freiwilliges Jahr, ... wie auch immer.
Also, da gibt es auch Unterschiede. Allerdings haben wir da noch keine Beschlüsse. Da red ich jetzt nur für mich und den KV Erding.

Delissen:
Ökoloigisches Jahr. Ist das schon ein Thema. Gibt es das schon?

Grabrucker:
Es gibt die Möglichkeit schon, wie ein freiwilliges soziales auch ein freiwilliges ökologisches Jahr zu machen. Das gilt aber erstens nur für diejenigen, die sonst nichts machen müssen, also keinen Wehr- oder Ersatzdienst, und dann werden die ganz schlecht beworben; d. h., es weis kaum jemand, was man da machen kann; und dann sind die auch wahnsinnig schlecht bezahlt.

Delissen:
In welchen Bereichen werden die dann eingesetzt?

Grabrucker:
Im Umweltschutzbereich. Also der Bund Naturschutz bietet z. B. ab und zu ein freiwilliges ökologisches Jahr an, etwa im Bereich Flußpflege, Bäume pflanzen, Kröten einsammeln, alles was so anfällt; die gibt's dann auch verbunden mit anderen Aufgaben im Ausland, z. B. in Bosnien oder im Kosovo. Da gibt es sehr viele Stellen mit der Komponente eines freiwilligen sozialem Jahr.dabei, im Bereich Friedensdienst, Entwicklungsdienst. Kennt aber keiner und sind schlecht bezahlt.
Von unserer Vorstellung, egal ob er ein freiwilliges ökologisches Jahr macht, oder ein freiwilliges soziales Jahr, müßte er auch anständig bezahlt werden. Es gibt ja viele Leute, die warten aufs Studium, wegen Wartezeit oder Numerus clausus, die jobben dann im Supermarkt, weil sie da mehr Geld verdienen. Aber es gäbe eben auch Tätigkeiten, die für die persönliche charakterliche Entwicklung wirklich wichtig sind. Also mir hat der Zivildienst wirklich gut getan; ich würd die Zeit nicht missen wollen...

Koppe:
Was hast du gemacht?

Grabrucker:
Ich hab Obdachlose betreut, in der Benediktinerabtei St. Bonifaz, also im Kloster in München. Das Kloster Andechs ist das Bekanntere, das ist das Wirtschaftskloster dazu. Die haben eine große Obdachlosenbetreuung, wo einige Patres abgestellt sind, wo Ärztinnen eingestellt sind, eben auch Zivildienstleistende angestellt sind, die sich um die Obdachlosen kümmern. Das geht von ganz normalen Sachen, wie Essen, Kleidung ausgeben, Schlafstellen, Notunterkünfte, medizinische Versorgung, dann eben auch Ämter begleiten, Gespräche führen, usw.,
und das hab ich dann 15 Monate gemacht. Also, das ist eine Zeit, die ich niemals missen mag; das waren klasse Erfahrungen, die ich sonst halt nie gemacht hätte. Man kommt sonst mit Obdachlosen halt relativ wenig in Kontakt - die normalen Menschen machen ja einen Bogen rundrum; auch die Obdachlosenzeitschrift "Biss", die es ja in München gibt, wurde damals aufgebaut, das lief am Anfang über uns.

Koppe:
Ist das für Erding nicht auch ein Thema: Wenn Du Dich da ein bißchen auskennst, die Sensibilitäten kennst.
Es ist ja die Frage, ob in Erding die Bereitschaft da ist, in diesem Bereich tätig und aktiv zu werden.
Es gab doch den Vorschlag, die alte Post entsprechend zu verwenden.

Grabrucker:
Als Tee- oder Wärmestube. Man könnte im ersten Stockwerk vorübergehende Unterkünfte einrichten, wirklich nur vorübergehend, wenn jemand Probleme hat, bis er eine Wohnung gefunden hat, wenn's wochenweise geht; und im Erdgeschoß, so stellen wir uns das vor, das Konzept ist ja von uns, daß da wirklich ein Sozialarbeiter da ist; also Teestube bedeutet, daß die Obdachlosen reinkommen können, da gibt's Zeitschriften zum lesen, Spiele, Schafkopfen, ...; kriegen was zu trinken, kein Alkohol - in den meisten Teestuben normal, sonst dürfte das in Erding auch nicht durchzukriegen sein,

Delissen:
Habt ihr da überhaupt die Hoffnung, daß da was durchgeht?

Grabrucker:
Ich bin mir ganz sicher, daß in Erding die Betreuung Obdachloser auf alle Fälle verbessert wird, unabhängig davon, ob das nun so geschieht, wie wir uns das vorstellen. Es ist aber so, daß sich die Sozialverbände Erdings von sich aus mit uns in Verbindung gesetzt haben; es gibt da den psychosoziale Arbeitskreis PSAK, wo sich alle Gemeinden im Landkreis und Sozialverbände an einem Tisch setzen. De m Arbeitskreis "Sucht", wo die Sozialverbände eben beieinandersitzen, denen haben wir unser Konzept vorgestellt; die fanden das Klasse, haben das der PSAK vorgestellt, da ist das Gesundheitsamt, das Bezirkskrankenhaus Taufkirchen, Propshop, Caritas, Brücke, ... mit dabei; die besprechen die soziale Situation. Und dazu wurden wir eingeladen, unser Konzept vorzustellen, um es dann für sich zu diskutieren, und damit dann an die Stadt herantreten. Da müßte man demnächst nachfragen. Das ist das eine.
Und das andere ist, daß im Wahlkampf Pfarrer Völk aus Markt Schwaben an die Birte Röhrig von den Jungen Ökologen zugetreten ist, um sich von der das Konzept zuschicken zu lassen; und hat damit die ganzen Heimatabgeordneten damit "verrückt" gemacht; also der SPD-Landtagsabgeordneten Kronawitter, Hans Zehetmaier, dem CSU-Bundestagsabgeordneten Franz Obermeier, jeweils mit Bitte um Stellungnahme. Der Obermeier findet es klasse, und wird sich dafür einsetzen, hat er geschrieben, eigentlich ne Standardantwort, aber immerhin; der Zehetmaier hat sich mit dem Bauernfeind in Verbindung gesetzt, und von der Stadt Erding eine Stellungnahme erbeten; ich hab die Stellungnahme daheim; die ist sehr positiv. Es gibt ja verschiedene Ansätze drin, daß sogar im ehemaligem Postgebäude vorstellbar wäre, so etwas wie eine Betreuung einzurichten. Also von dem her, denke ich, wird sich da was tun. Das ist dann auch ein Punkt, um den ich mich im Stadtrat in den nächsten Monaten ganz sicher kümmern werde.

Delissen:
Kurze Frage. Sind Dir da noch andere Konzepte bekannt?

Grabrucker:
Nein, die jö sind die einzigen, die sich darum gekümmert haben.
Wir haben schon auf einer Veranstaltung 2001 angemerkt, daß so ein Sozialarbeiter, bzw. Streetworker für Erding durchaus sinnvoll wär.
Dann gab es einige Monate später in der Süddeutschen Zeitung einen großen Artikel, wonach sich einige Anwohner (am Bahnhof) über die Obdachlosen beschwert hätten,

Koppe:
... Das ist allerdings schon ein sehr sensibler Bereich, mit dem Kastanienhof und Parkhotel nur wenige hundert Meter entfernt.

Grabrucker:
Also aus meiner Erfahrung mit jener Arbeit ist Bahnhofsnähe ganz wichtig; und der Großteil der Obdachlosen hält sich einfach am Bahnhof auf.
Und es ist sinnvoll, daß es in Innenstadtnähe ist,
Beschlossen ist bereits ein neues Obdachlosenheim von der Stadt im Norden des Fliegerhorstes; das ist halt dann ewig weit draußen, und dann ist die Schwierigkeit, wie die Leute hierherfinden.

Delissen:
Ich denk mir, da wird einiges ablaufen, in den Köpfen der Leute, die hier etwas zu sagen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das irgendeine Chance hat, verwirklicht zu werden.

Grabrucker:
Das ist natürlich kein Thema, mit dem man sich Freunde macht. Das Problem ist aber, daß die Zahl der Obdachlosen seit zwei drei Jahren massiv zugenommen hat. Das steht auch in dem Schreiben der Stadt, das ich daheim habe; da haben sie es mit Zahlen auch belegt; das ist also kein subjektiver Eindruck.
Das zuständige Amt für Wohnungswesen hat die Aufgabe, solche Leute möglichst schnell aus dieser Obdachlosigkeit heraus zu helfen. Also, das Problem ist von der Stadt schon erkannt, aber als Konzept ist mir nur unseres bekannt.

Koppe:
Wer, ist nochmal "wir"?

Grabrucker:
Das der Jungen Ökologen. Birte Röhrig, die war auch bei der lokalen Agenda dabei und ist auch im Vorstand der Jungen Ökologen, studiert Soziale Arbeit in München, und arbeitet derzeit in einer Einrichtung von obdachlosen Männern.

Koppe:
Das heißt, ihr beide habt dieses Konzept beschrieben.

Grabrucker:
Richtig, d. h., wir die Ideen, wie wir es günstig finden rein, haben dann mit meinem ehemaligem Chef, dem Pater Emanuel von der Obdachlosenbetr
euung von der Abtei St. Bonifaz nochmal gesprochen,
die haben für 30 Millionen ein neues Obdachlosenzentrum errichtet, auf dem Klostergelände.

Delissen:
Für wieviele?

Grabrucker:
...also zum Essen kommen so 150 am Tag.

Koppe:
Wo ist das?

Grabrucker:
Direkt in München, am Königsplatz / Karlsstraße in der Nähe vom Hauptbahnhof; da ist das Kloster. Dort ist der neue Bau und auch der Frater Emanuel, mit dem wir das Konzept besprachen, und es ziemlich hieb- und stichfest zusammenstellten.

Koppe:
Man merkt, das ist durchaus ein Thema, wo Du fit bist; ein Schwerpunktthema, das Dir auch am Herzen liegt?

Grabrucker:
Ja, ich hab immerhin bis Januar noch in St. Bonifaz gearbeitet, und zwar als Pförtner; also nicht direkt in der Obdachlosenbetreuung, aber als erster Anlaufpunkt. Jeder, der Hilfe sucht, kommt zunächst direkt an die Pforte. Von dem her gesehen hatte ich immer den Kontakt zu den Leuten. Auch die "Biss"-Verkäufer holen ihre Zeitschriften von uns, das läuft immer noch so. Sie kaufen die für 1,20 Mark und verkaufen sie für 2,50 Mark.

Delissen:
Ich find die Idee an sich supergut, und es wär toll, wenn man das durchziehen könnte; auch in Hinblick auf die wachsende Zahl der Obdachlosen. Nur sehe ich bei den Leuten, die momentan das Sagen haben, nicht den leisesten Funken einer Hoffnung.

Grabrucker:
Wobei ... natürlich hab auch ich meine Meinung über viele Leute, z. B. im Stadtrat. Es ist aber schon so, daß sie nicht beratungsresistent sind. Wenn also die Sozialverbände sich positiv geäußert haben, und deshalb haben wir es noch nicht als Antrag eingebracht, weil das über die PSAK an die Stadt eingebracht werden soll.
Es ist also schon so, daß die Stadt und beispielsweise der Bauernfeind schon sehr auf die Expertenmeinungen hört und darauf eingeht - das ist meine Erfahrung.

Koppe:
Wieso wir so ein bißchen kritisch hinterfragen: Wir waren Vorgestern auf einer
Veranstaltung in Altenerding, Pizzaria Krone , da war unter anderem Bürgermeister Bauernfeind eingeladen, auch Leute, die sich im Bereich Jugend auskennen, auch die Frau Dr. Kronawitter, eine Menge Jugendliche waren dort, Du warst leider nicht dabei, ...

Grabrucker:
Ich war nicht eingeladen, abgesehen davon, ich war in Bayreuth.

Koppe:
Jedenfalls hat man mal wieder erfahren, daß sich manche Leute gegenüber sich kritisch äußernden Jugendlichen schwer tun. Immerhin ist es da um ein vergleichbares Thema, einem zweitem Jugendzentrum, gegangen.

Delissen:
... Und auch da ging es um Finanzen, an die er sich letzten Endes festhält.

Grabrucker:
Das machen sie aber immer. Man muß aber sagen, daß die Stadt Erding in der glücklichen Lage ist, daß wir finanziell nun nicht unbedingt schlecht dastehen. Wir müssen auch sparen, und müssen schaun, für was wir das Geld ausgeben, aber entscheidend ist, für was wir es ausgeben. Es gibt gewisse Sachen, die finde ich wichtig. Das ist der soziale Bereich, das ist Jugend, also das zweite Jugendzentrum z. B.; das ist ja präventiv; letzten Endes spart man sich ja Geld, das man ansonsten später wieder ausgeben müßte, für Wiedereingliederung etwa. Aber da scheint man sich schwer zu tun in der Stadt. Für eine Stadtbücherei gibt man lieber 6 Millionen aus, was man sicher auch billiger hätte haben können. Aber natürlich ist das schöner und auch öffentlichkeitswirksamer, wenn man eine Bücherei eröffnet, als eine Teestube für Obdachlose.

Delissen:
... auch im Hinblick auf die irgendwann kommende Kurstadt Erding.

Grabrucker:
Soweit wird es hoffentlich nicht kommen.
Aber man muß schon sagen: es gibt auch in Freising, in Landshut, in München Teestuben. Es ist also nicht so, daß wir uns einen Schmarrn einfallen haben lassen,
Ich bin mir sicher, daß die Zahl der Obdachlosen weiter steigen wird. Es ist ja nicht so, als sei der Flughafen der Jobgarant überhaupt; es gibt zwar viele Beschäftigte, aber man muß halt schaun, wie lang sind die Leute dort beschäftigt. Es ist also nicht so, als sei das eine Lebensaufgabe. Man muß schaun, was sind das für ne Art Jobs. Und dann muß man damit rechnen, daß irgendwann die Grenze des Flugverkehrs erreicht ist, und dann kommt hoffentlich irgendwann einmal die Kerosinbesteuerung; es muß nur irgendwann irgendein Unglück passieren, dann giebt es wieder Einbrüche im Flugverkehr, ...
Wir müssen auch insgesamt schauen, daß wir nicht ausschließlich vom Flugverkehr abhängig sind; also es muß schon irgendwie ein Mix dasein.
Und es ist auch so, viele Leute wurden aus Bautzen angeworben, dann haben sie ihren Job, meistens mit Wohnung verbunden - immer problematisch, wenn Wohnung und Job zusammenhängt, und dann gibt's aufgrund der veränderten Lage, weil hier doch anders gedacht wird, oder man sich nicht einfindet, Eheprobleme, und das ist der klassische Fall: Viele der männlichen Obdachlosen hatten Eheprobleme, Scheidung, und sind damit nicht fertig geworden. Scheidung, dann verliert man die Wohnung, gleichzeitig fängt man an zu trinken, weil zurück nach Bautzen kann man auch nicht mehr, denn die anderen zeigen sonst mit dem Finger auf einem: "der hat's nicht gepackt, jetzt ist er wider da". Und so steht er hier auf der Straße, - das ist ein klassischer Fall, in meinen Augen. Ich fürchte schon, daß wir hier mit einer steigenden Zahl rechnen müssen.

Koppe:
Ich finde diese Überlegungen recht interessant. Hast Du diese Erfahrungen gemacht, und solche Leute kennengelernt?

Grabrucker:
Also in Erding kenne ich persönlich nur zwei Obdachlose, das sind aber Erdinger, die dann Alkoholprobleme bekamen, so tief sind wir nicht ins Gespräch eingestiegen. Ich hab mit denen auch nur gesprochen, weil sie von der Bahnhofspolizei rausgeschmissen worden sind.
Aber aus München kenn ich tatsächlich eine ganze Menge Fälle. Also bei Männern ist bei etwa 90 % der Verlust der Frau, durch Tod oder Scheidung. Und die sind damit dann nicht fertig geworden, dann Alkoholismus, Job verloren, Wohnung verloren im Endeffekt, und dann geht es bei den meisten dahin, wenn niemand mehr da ist, der sie auffängt.

Delissen:
Zum Konzept fällt mir noch ein: In Paris fährt die Polizei alle vier Stunden durch die Stadt, sammelt die Obdachlosen ein, und fährt sie dann raus in ein Lager.

Grabrucker:
In New York war es ja auch so, weil sie laut Bürgermeister Gulliani das Stadtbild verschandelt haben, und dann eben auch vom Stadtbild entfernt wurden, also eingesammelt und irgendwo hingebracht wurden.
Aber ich denke, das ist keine wirkliche Lösung. Wir müssen uns den Problemen in unserer Wohlstandsgesellschaft schon stellen; daß es einfach Leute gibt, die einfach hintrüberfallen; die damit halt nicht klarkommen.
Das es Leute gibt, die obdachlos sind, müssen auch wir uns klarmachen.
Die meisten erkennt man das gar nicht an.
Den Anblick müssen wir uns auch antun, um uns dran zu erinnern, daß wir auch noch eine Verantwortung haben,
es kann jedem passieren, daß er Obdachlos wird.
ich hab soviel unterschiedliche Leute kennengelernt in meiner Arbeit, höchste Siemens-Manager, die dann irgendwann die Sinn- und Lebenskrise gekriegt haben, und dann total abgestürzt sind, und in der Obdachlosigkeit gelandet sind.
Das Problem ist, wenn man in seinem bekannten Umkreis und Bekanntenkreis niemanden hat, der einen so ein bißchen auffängt, oder zu mindest sagt, wo man Hilfe kriegen kann, dann bist du quasi schon durchgefallen, weil man sich dann selbst aufraffen muß, um zu einer Hilfe-Einrichtung zu gehen. Das macht man aber nicht mehr, wenn man sowieso keinen Sinn mehr sieht, oder Alkoholiker ist. Dann ist es schon zu spät.
Drum ist so eine Teestube auch eine sinnvolle Einrichtung, weil da geht man am Anfang nur rein, weil man da eine Zeitung lesen kann, und sich aufwärmen, Tee kriegen; da ist keiner, der sagt: "Na, wie siehts aus, Entzug?, ...", sondern es ist ein ganz langsames Vertrauen bilden.
Das ist das Entscheidende.
Wenn die Stadt stadtdessen hergehen würde, um ein Büro einzurichten, würde niemand hingehen,

Delissen:
...außer er kriegt Geld

Grabrucker:
...oder wird von Gericht wegen hingeschickt - aber selbst da ist es unwahrscheinlich. Deshalb braucht man ein niederschwelliges Angebot, daß die Leute gerne hingehen.

Koppe:
Das geht dann schon in recht pädagogische Überlegungen.

Grabrucker:
Ja. Es ist ja auch so, daß du ohne festen Wohnsitz schon mal kaum einen Job bekommst. Das scheitert ja schon daran, daß dir ein Arbeitgeber nirgendwohin Post schicken kann. Deshalb ist es ganz wichtig, daß die Obdachlosen beispielsweise ein Postfach bekommen; daß sie das als Adresse angeben können, wo sie ihre Post hingeschickt bekommen - und das ist auch ein wunderbarer Weg, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen: Viele lassen sich ihre Post vorlesen, weil sie selber amtliche Schreiben unter Umständen nicht kapieren, oder vergewissern sich nochmal, und sofort hast du die Möglichkeit zum Gespräch.
Vor allem: ohne Postanschrift hast du keine Chance einen Job zu finden.

Delissen:
Ich war immer der Ansicht, wenn man zum Sozialamt geht, und sagt, man hat keine Wohnung, dann sind die erstens verpflichtet, einem eine irgendwie zu besorgen, und wenn nicht, dann irgendwie im Obdachlosenasyl oder ne Pension, oder dergleichen, so daß man immer eine Postanschrift hat.

Koppe:
Mindestangebot, heißt das der unterste Level vom Menschenrecht, z. B. im Bereich wohnen?

Grabrucker:
Also die Stadt Erding ist verpflichtet, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Das ist das, was die Stadt Erding auch macht, allerdings platzmäßig auch nicht ausreichend, momentan.
Da haben wir auch Verbesserungen vorgeschlagen. Die haben "Am Keller 21" kein fließend warmes Wasser; das ist für uns kein menschenwürdiges Leben im 21. Jahrhundert. Die müssen erst mit Holz einheizen, um warmes Wasser zu bekommen. Da hat die Stadt aber gesagt, sie sind nur verpflichtet Wohnraum zur Verfügung zu stellen.
Aussage war: "keine Luxuswohnungen, sondern Wohnraum".
Das sind halt so Punkte. Das ist auch das Problem, daß die dort dreifach überbelegt sind; daß Zimmer, die für einen geplant waren mit drei belegt sind. Und, es gibt Leute, die sind seit 10 Jahren drin, was schlecht ist für ein Übergangswohnheim. Dazu kriegt man immer wochenweise andere Leute, die auf der Durchreise sind, mit rein.
Also, es ist mir schon klar, warum da mehrmals täglich Polizei rausfahren muß. Das ist halt einfach eine ganz ungünstige Situation.
Nene, das ist richtig, die Stadt muß Wohnraum zur Verfügung stellen, aber auch nur, soweit vorhanden.
Das Problem ist auch, daß man zu wenig richtigen Wohnraum zur Verfügung stellen kann. Es gibt ja auch viele Familien, die sich die Miete nicht mehr leisten können, weil jemand den Job verloren hat, und im Landkreis keine bezahlbare Wohnung mehr finden. Dann melden die sich bei der Stadt und sagen: "Noch zwei Wochen, und dann stehen wir auf der Straße".
Die kann man jetzt nicht zu den anderen ins Obdachlosenheim rein tun. Für diese Klientel werden in St. Paul günstige Wohnungen gebaut.
Viele von diesen Leuten werden auch in Pensionen untergebracht. Das zahlt dann die Stadt. Einfach vorübergehend, daß man Leute in Pensionen unterbringt. Ins Obdachlosenheim kann man nicht jeden unterbringen; grade Familien kann man da schlecht rein quartieren.
Dort sind auch die Zimmer zu klein. Ich weis von vielen Münchner Obdachlosen, die sagen, in dem Moment, wo ich nicht allein in einem Zimmer bin, bin ich lieber auf der Straße.
Die haben auch soviel schlechte Erfahrungen gemacht, das geht von Schlägereien bis hin zu Vergewaltigungen.
Von dem her erfüllt die Stadt Erding schon die Aufgabe, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, aber die Frage ist halt, ob der Wohnraum auch angenommen wird.

selbstverwaltetes Jugendzentrum, Picnic, Jugendparlament

Delissen:
Was wir gestern auch von Herrn Steinberger erfahren haben, daß die Stadt die Mindestanforderungen erfüllt, und damit eine reine Weste hat.

Koppe:
Bezogen war dies aufs Jugendzentrum - vielleicht kommen wir nun auf diese Thematik. Da warst Du ja auch aktiv, und hast Dich mit den Leuten unterhalten, auch mit der Frau Heilmann. Was hast Du für einen Eindruck, bzw. wie siehst Du die Möglichkeiten?

Grabrucker:
Also, die Frau Heilmann ist in meinen Augen ein Glücksfall für Erding; das muß ich ganz ehrlich sagen. Also was die im Jugendzentrum aufzieht, auch an Veranstaltungen und Aktionen mit den Jugendlichen find ich ganz großartig. Ich hoffe, daß sie den Schwung beibehalten kann. Sie ist ja noch nicht lang da, und am Anfang ist man ja häufig schwungvoll, aber wenn dann das ein oder andere einmal nicht durchzusetzen war oder wenn es mal nicht so läuft, kann man ja Motivation verlieren.

Koppe:
Deine Meinung zu Frau Heilmann kann ich nur bestätigen; aber das war auch bei Herrn Steinbeisser ähnlich.

Delissen:
Was war denn bei dem der Grund, wieso es dann zu Problemen kam?

Grabrucker:
Also mitgekriegt hab ich das letzte halbe Jahr, und da gab es einige Probleme mit dem ein oder anderem Jugendlichen; vor allem auch Probleme zwischen Steinbeisser und der Stadt. Wichtig ist ja, daß der Stadtrat und der Jugendreferent und es gibt ja drei Jugendzentrumsbeiräte, die der Stadtrat bestimmt, daß die Unterstützung bieten; so haben die es auch mit der Frau Heilmann gemacht - die hat ja z.B. einen Segeltörn als Erlebnistrip an der Nordsee geplant; der ist dann leider nicht zustande gekommen, weil sich zu wenige Leute angemeldet hatten, aber die Kosten für den Ausfall hat dann die Stadt Erding übernommen, daß das überhaupt erst mal geplant werden konnte. Und solche Unterstützungen braucht es eben halt. Wenn die nicht vorhanden ist, können die Sozialarbeiter auch nicht richtig arbeiten.
Aber man muß auch ganz ehrlich sagen, daß im Jugendzentrum sehr viele pädagogische Maßnahmen erforderlich sind.

Koppe:
Aber die Möglichkeit besteht nun schon, auch wenn nun bauliche Veränderungen durchgeführt werden können, daß man damit neue Jugendliche einbeziehen kann.
Man kann das innerhalb eines bestimmten Rahmens schaffen, allerdings wird man damit sicher nicht alle Jugendlichen erreichen.

Grabrucker:
Das liegt auch nicht innerhalb des Angebots eines Jugendzentrums, das muß man ganz ehrlich sagen. Die Jugendlichen, die heute sagen, ins JUZ könne man nicht gehen, müssen sich halt einfach mal durchbeissen. Und mit den Jugendlichen, die jetzt im Jugendzentrum sind, sollte man sich arrangieren. Vielleicht braucht man drei vier mal, bis man mit denen warm wird; aber was es in Erding trotz alledem unbedingt braucht, wär so etwas wie früher in Erding das Picnic.

Delissen:
(Anmerkung) Man kommt doch immer wieder aufs selbe Thema...

Grabrucker:
Einen Ort, den Jugendliche in Selbstverwaltung führen - und da kann dann durchaus ein Jugendreferent vorbeischaun - aber daß sie selber Kulturveranstaltungen machen dürfen, Filme vorführen, Parties organisieren, ... also das klassische "Picnic"-Programm halt.

Koppe:
Hast Du denn damals noch das Picnic kennengelernt?

Grabrucker:
Doch, mit 18 war ich auf alle Fälle noch drin. Mit 17, 18, also in der Kollegstufenzeit, da saßen wir immer im Hirschwirt, also fast jeden Abend. Kickern und Flippern;, und am Wochenende, da waren die "Just-Surf-Parties", oder wie die hießen, da sind wir dann meistens ins Picnic.
Der Hirschwirt ist dann'92 oder '93 geschlossen worden. Da war ich in der 13. Klasse der Kollegstufe. Ich weis noch, daß wir in der Abi-Zeitung Werbeanzeigen für den bereits geschlossenen Hirschwirt drin hatten, in memoriam.
Das Picnic gabs dann noch ein Jahr länger, aber es wurde dann auch zugemacht. Aber so was braucht es in Erding.

Koppe: War die Zeit damals für so ein Projekt abgelaufen? Waren das die letzten Ausläufer der '68er? Immerhin spielten beim Hirschen "Siegurt-Kämpft"-Bandmitglieder mit langen Haaren eine wesentliche Rolle, beim Picnic Ex-Juso Hermann Kronseder, und als die in die Jahre kamen gab es dann halt keine engagierten Nachfolger mehr. Wie siehst Du das?

Grabrucker:
Also im Picnic wars dann schon so, daß die Parties, bei denen ich dabei war, nicht mehr von den früheren Leuten organisiert wurden. Bei den "Just-Surf-Parties" war ein Klassenkamerad von mir mit dabei, der die organisiert hat. Also ich glaub schon, daß da Leute da gewesen wären. Vielleicht hätte sich der Charakter der Parties und Veranstaltungen gewandelt. Das mit Sicherheit.
Es wär auch heute, wenn man so etwas macht, nicht 1 : 1 wie Picnic. Also es hätte sich sicher vom Charakter her verwandelt. Das ist ja auch nicht weiter schlimm. Ich denk aber schon, daß es Leute gegeben hätte.
Beim Hirschwirt: ich weis nicht, warum der zugemacht hat. Wahrscheinlich weil der Pächter aufgehört hat, oder es sich nicht mehr rentiert hat, ... weis ich nicht.
Und beim Picnic, da weis ich nicht, wem der Grund gehört hat, da wars halt das Pech, daß man da "Betreutes Wohnen" hingestellt hat - so sinnvoll das natürlich für ältere Leute ist. Aber ich glaub, daß es darum aufgehört hat, und nicht, weil da keiner mehr hinging. Also die Parties waren gut besucht.

Koppe:
War es nicht so, daß es zu wenige waren, die sich engagiert haben, nach der Generation eines Hermann Kronseder oder auch eines Alfred Lenz?

Grabrucker:
Also ich hatte schon den Eindruck, daß es engagierte Leute gab. Man mußte natürlich schaun, daß junge nachkommen. Vielleicht war das ein Versäumnis, keine neuen Leute heranzuziehen; aber das kann ich nicht beurteilen.

Koppe:
Ist die Jugend nach wie vor aktiv?

Grabrucker:
Das ist ein Gerücht von Vertretern der sog. "Altparteien"; das darf ich nicht sagen, hab ich erfahren; da kommt der Verfassungsschutz ..., also besser, daß die Mitglieder "etablierter Parteien" sagen, die Jugend würde sich für nichts mehr interessieren und engagieren. Das ist richtig im Bereich der Parteipolitik, zugegebenermaßen; auch im Bereich der Kirchen ist es weniger geworden, auch in den Gewerkschaften; aber die Jugendlichen engagieren sich nach wie vor, wenn es um konkrete Projekte geht. Das beste Beispiel dafür ist die Antiglobalisierungsbewegung attac, die in der Hauptsache von Jugendlichen getragen wird.

Koppe:
Das Projekt Jugendparlament scheiterte doch kläglich!

Grabrucker:
Da gab es eigene Probleme. Die können wir vielleicht anschließend noch ansprechen. Aber wenn man sich z. B. die Aktion gegen Landminen ansieht, das wurde von Münchner Schulen initiiert, und da machte auch die Mädchenrealschule in Erding mit; da waren die Jugendlichen wahnsinnig aktiv. Da war kürzlich ein Bild, von Mädels in der Zeitung, die durch irgendwelchen Aktionen Geld gesammelt hatten, und hier auch sehr viel Zeit reingesteckt hatten.
Also, wenn es sich um ein konkretes Projekt handelt, die die Leute interessieren, dann sind die sofort bei der Sache.

Koppe:
... auch für Projekte wie einem Jugendparlament oder eines autonomen Jugendzentrums?

Grabrucker:
Da bin ich sicher, daß sich Leute finden.
Es war nur so, wir hatten das zusammen mit der Jungen Union angeleiert, und obwohl wir als "Junge Ökologen" an Schulen keine Werbung machen dürfen, waren trotzdem immerhin in der Höchstzeit bis zu 20, 25 Leute aktiv dabei, die das machen wollten.

Koppe:
... auch der Köllmayer.

Grabrucker:
Genau, auch der war mit dabei.
Es gab dann aber Probleme: einmal daß es unter den Jugendlichen selber Probleme gab. Da gab es eine Gruppe rund um den Köllmayer. Da gab es Probleme mit einzelnen Leuten, die dazu wollten, aber sich ausgeschlossen fühlten. Das andere war dann, das hab ich den Köllmayer auch gesagt, daß er versäumt hat, die Jugendlichen regelmäßig zu informieren, oder auch mal anzurufen. Es reicht halt nicht, die Termine auf der Homepage bekannt zu geben. Da schaut halt nicht jeder nach. Man muß den Leuten also schon mal hinterhertelefonieren.
Das dritte aber war, daß die Stadt Erding nicht im entferntesten zu erkennen gegeben hatte, daß sie das gut findet, oder dies unterstützt.
Also die Jugendlichen haben ja noch eine fertige Satzung augearbeitet; die haben Slogans und Grafiken entworfen, auch ein Logo; sie haben 500 bis 800 Unterschriften gesammelt, von Jugendlichen, die dieses Jugendparlament wollen, und ich muß schon sagen, daß die Stadt, oder in meinen Augen ist es die Sache des Jugendreferenten, daß der dann auch hingeht zu so einer Veranstaltung, der dann sagt "wir von der Stadt unterstützen das, wenn ihr Mitsprache haben und Verantwortung übernehmen wollt". Aber wenn das ganze im luftleeren Raum passiert, und die Stadt oder der Jugendreferent sagt "ihr müßt euch selber um Geld und alles kümmern, und wenn das dann alles läuft, dann schaun wir von der Stadt, ob wir das unterstützen".
Ich mein, das ist der falsche Weg. In meinen Augen haben die von der Stadt noch nicht kapiert, was das Jugendparlament ist. Man muß den Leuten also schon ne Chance eröffnen, daß das ganze funktionieren kann.

Delissen:
Was sind denn die konkreten Ziele, die das Jugendparlament verfolgt?

Grabrucker:
Konkret geht es im Jugendparlament darum, daß Jugendliche von anderen Jugendlichen gewählt werden, sich zusammenzusetzen, und ihre Ideen so wie der Stadtrat miteinander besprechen, um diese dann mit Antrags- und Rederecht im Stadtrat vorzustellen; die müssen dort behandelt werden, und sollen auch von ihnen selbst vorgebracht werden.
Grad so eine Idee wie ein zweites Jugendzentrum, wie Kulturveranstaltungen, eine zweite Skate-Anlage am Baggerweiher, das waren Ideen, die sie konkret angedacht hatten.
Aber grundsätzlich muß die Stadt den Jugendlichen Erlaubnis geben für Antrags- und Rederecht, oder auch einer gewissen finanziellen Unterstützung, auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist, so daß sie mal etwas machen können, die Jugendlichen informieren, oder eine Veranstaltung organisieren können; vielleicht auch in Verbindung mit einer Party, um auf sich aufmerksam machen zu können.
So funktioniert es auch anderswo, deutschlandweit, daß sie einen Etat von der Stadt bekommen und Rede- und Antragsrecht haben. Und dazu ist wiederum die Stadt in der Pflicht, daß sie sagen, das ist ok.
Wenn das ganze dann nicht läuft, kann die Stadt immer noch sagen: es war halt nichts, aber der Versuch wars wert. Aber es erst gar nicht mal zu versuchen... der Jugendreferent hat erst einmal gemeint, sie sollen sich über Sponsoren erst mal Geld besorgen, und dann eine Zeit vor sich hin machen, und wenn die Stadt dann den Eindruck hat, daß es erfolgreich läuft, dann machen sie es schon; also ich mein, das ist halt der falsche Weg. Dann ist halt auch das Jugendparlament nicht gewählt. Die 20 bis 25 Leute, die sich damals gefunden hatten, waren ja nicht gewählt. Es geht ja darum, daß die auch demokratisch gewählt sind. Und da ist die Stadt gefragt, um das durchzuziehen. Das hat die Stadt versäumt.

Koppe:
Wie geht's denn nun weiter?

Grabrucker:
Also was ich machen werde in meiner Funktion als Stadtrat ist, was wir auch in Dorfen schon erfolgreich gemacht haben, daß wir die Stadt per Antrag verpflichten, alle Jugendlichen offiziell zu einer Informationsveranstaltung einzuladen.

Delissen:
Was heißt das: alle Jugendlichen?

Grabrucker:
Alle Jugendlichen von 14 bis 21 Jahren, so wie das auch der Ring Freier Bayerischer Jugendparlamente vorschlägt.

Delissen:
Wie willst Du die erreichen?

Grabrucker:
Ganz offiziell mit Schreiben von der Stadt Erding, persönlich an alle Jugendlichen, und zwar am soundsovielten findet eine Informationsveranstaltung zum Thema Jugendparlament statt. Was ist ein Jugendparlament? Was darf es? Was könnte es in Erding machen?
Das könnten dann Leute vom Ring Freier Bayerischer Jugendparlamente machen. Die haben gute Leute, die das vorstellen können.
Und dann sollte die Stadt, wenn sich rausstellt, es gibt Leute, es gibt Interesse bei den Jugendlichen, da finden sich zehn, die sagen, "ja, wir sind dabei, und engagieren uns dafür, ein solches JUP auch gründen.
In der Stadt Dorfen werden die Jugendlichen in den nächsten Monaten zu einer Info-Veranstaltung eingeladen. Da war es so, daß der Stadtrat unseren Antrag einstimmig angenommen hat - zu meiner größten Überraschung.

Koppe:
Das wird in Erding anders sein.

Grabrucker:
Davon geh ich aus. Aber eine Mehrheit reicht ja.

Koppe:
Glaubst Du an eine einfache Mehrheit?

Grabrucker:
Also Grüne, SPD und ÖDP haben schon im Vorfeld der Diskussion, die wir ja schon hatten, Zustimmung signalisiert. Auch der Kellermann von den Republikanern hat sich dem angeschlossen.
Auch die Tatjana Vogt, die von der CSU als Ortsvorsitzende der Jungen Union nun neu in den Stadtrat gewählt wurde, und mit der wir gemeinsam das ganze gemacht haben, die muß dem ganzen einfach zustimmen. Wie sich die UWE dazu verhält, ist überhaupt nicht einzuschätzen. Und es gibt sowohl bei der UWE, wie auch bei der CSU durchaus abweichendes Stimmverhalten.

Koppe:
Es gibt ja auch einige Neue, die man nicht so richtig einschätzen kann; wie z. B. bei der UWE der Musiker Peter Heger.

Grabrucker:
Der Heger ist einer, mit dem man durchaus reden kann. Der ist halt auch kein Parteipolitiker, in der Hinsicht, daß er seine eigene Meinung vertritt, weil er keine "klassische Tour" über die Parteien gemacht hat, und sich auch nicht an Vorgaben von oben halten würde, sollte es welche geben.
Also, ich denke, grad die UWE ist beim Thema Jugendparlament gar nicht einzuschätzen.
Und ich glaube, so wie ich ihn kenne, daß er sich erstens nicht so an Vorgaben halten würde, sollte es welche geben. Andererseits glaube ich schon, daß sich grad zum Thema Jugendparlament etwas tut; die UWE ist gar nicht einzuschätzen. Die haben sich bei der Diskussion ganz rausgehalten, die wir geführt haben, obwohl bei einer Veranstaltung mal zwei, drei UWE-ler da waren. Die haben kritisch nachgefragt, aber es war nicht so, daß sie negativ eingestellt waren, es war allerdings auch nicht so, als hätten sie eine besondere Begeisterung zu erkennen gegeben.

Koppe:
Von wem aus gingen denn die Einladungen?

Grabrucker:
Von Junger Union und Jungen Ökologen. Die hatten alle Stadträte mal zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Es kamen dann Vertreter von ÖDP, UWE und CSU.

Delissen:
Wie ist denn die Resonanz von Seiten der Jugend?

Grabrucker:
Also ich bin mir sicher, daß sich sehr viele Jugendliche fänden, die bereit wären dort mitzumachen. Es gibt viele, die sich engagieren wollen, die Ideen haben. Ich spreche ja ab und zu mit Jugendlichen, z. B. vom evangelischen Jugendcafé, Freitag und Sonntag haben die offen. Es gibt schon Leute, die Ideen haben, die sich aber parteipolitisch nicht interessieren; die aber konkrete Forderungen haben, z. B. bezüglich Buslinien, Skateranlage, ... Wenn man ihnen sagt, das sei Politik, dann schauen sie einem groß an. Politik hat einen schlechten Ruf, aber wenn es um Verbesserungen für die Stadt geht, wunderbar. Ich denke, daß es da einige gibt, die sich vielleicht nicht 40 Jahre wie manche Stadträte wählen lassen würden und engagieren wollten, aber für eine Legislaturperiode im Jugendparlament, für zwei Jahre durchaus. Oder auch wenn es ein Jahr ist, ...

Koppe:
Siehst Du das auch so in einem philosophisch größerem Rahmen; d. h., um junge Leute an die Demokratie zu gewöhnen, so daß es auch in Zukunft Leute gibt, die sich innerhalb bestimmter Spielregeln engagieren?

Grabrucker:
Ja, ganz richtig. Aus dem Suchen nach konkreten Verbesserung lernt man Diskussionen zu führen, lernt man, zu Ergebnissen zu kommen, lernt man, wie man einen Antrag formuliert, wie man diesen im Stadtrat vertritt; man lernt das Prozedere kennen. Es ist ja auch kein Beinbruch, wenn mal ein Antrag abgelehnt wird. Wenn er von der Stadt sauber begründet wird, dann sieht man, daß nicht alles durchgebracht werden kann, aber auch das ist halt Demokratie, wenn die Jugendlichen diese Dinge wie eine Abstimmung mitbekommen, oder dann auch das erste Mal selbst wählen dürfen. Das sind schon Punkte. Man sieht es ja mit der niedrigen Wahlbeteiligung bei den Kommunalwahlen. Eine Wahlbeteiligung von 56 % in der Stadt Erding ist ja erschreckend. Und wie sollen die Jugendlichen denn demokratische Spielregeln und Verhalten lernen, wenn sie bei den Eltern sehen, die gehen auch nicht hin, und interessieren sich auch nicht dafür.

Koppe:
Wäre neben dieser demokratischen Gepflogenheit des Wählens nicht auch der des Organisierens, z. B. bei einem autonomen Jugendzentrums wichtig? Sich also auch praktisch einzubringen.

Grabrucker:
Natürlich. Jedes gesellschaftliche Engagement ist wirklich wichtig. Und grad wenn man an die Zukunft denkt. Grade deswegen, weil Politik nun wirklich keinen guten Ruf hat. Der ständigen Skandale wegen kann man das ja auch nachvollziehen. Aber man muß den Leuten trotzdem deutlich machen, daß es zur Demokratie keine Alternative gibt, und daß Demokratie grad auch vom Mitmachen lebt. Man darf sie nicht einer Hand voll Leuten überlassen.

Delissen:
Du hast gerade vom ev. Jugendcafé gesprochen. Wie ist denn das organisiert?

Grabrucker:
Das haben die in Eigenregie gemacht, allerdings mit großer Unterstützung der Gemeinde. Die haben sich das einiges kosten lassen. Da gibt es das Gemeindezentrum in der Wendelsteinstraße, da haben die Jugendlichen einen Raum für das Jugendcafé bekommen, das nennt sich "BAR-che Noah". Da gibt es eine Couch, eine Dart-Scheibe; vom Alter geht das von 12 hinauf so bis 27. Da gibt es recht billig Getränke, denn viele Jugendliche können sich die Cafés in Erding nicht leisten. Umgekehrt sind die häufig auch in den Cafés nicht gern gesehen, wenn sie den ganzen Nachmittag bei einer Spezi rumhängen. Aber dort haben die den Raum selbst umgebaut. Das gibt es seit Anfang 2001.

Koppe:
Läßt sich, grade auch unter diesem Gesichtspunkt, dann noch ein autonomes Jugendzentrum aufbauen?

Grabrucker:
Schwere Frage. Ich glaube, wenn ich mir die einzelnen Leute so anschaue,, daß die Begeisterung im Stadtrat nicht so groß sein wird. Es wird schwer sein, eine Mehrheit zu finden.

Koppe:
Auch dann, wenn Räumlichkeiten vorhanden wären?

Grabrucker:
Also meiner Meinung müßte die Stadt auf jeden Fall verantwortlich dafür sein, daß auch entsprechend Platz für die Jugendlichen vorhanden ist. Wenn aus der Jugend heraus der Wunsch formuliert wird, daß man so etwas braucht, dann finde ich, ist die Stadt auch in der Pflicht, zu sagen: ja, dann müssen wir uns auch darum kümmern, um dann z. B. etwas anzumieten.

Koppe:
Mir würden da schon Räumlichkeiten einfallen, vielleicht auch Provisorien, die mal einige Zeit lang leer stehen, wie derzeit der AUER-Bau in der Dorfener Straße.

Grabrucker:
Also möglich wär sowas sicher. Man braucht allerdings ein Gebäude, das günstig liegt, und wo man ab 22 Uhr nicht Probleme mit den Anwohnern hat, und was grad bei Übergangslösungen wichtig ist, daß es nicht zu hohe Investitionen verschlingt; auch für Brandschutz, usw. Ich mein, unabhängig von den Mehrheitsverhältnissen, wenn von Seiten der Jugendlichen der Wunsch massiver geäußert wird, man kann z. B. Unterschriften sammeln, dann wird das Rathaus dem nicht entgegenstehen. Ich mein, die wollen ja wiedergewählt werden.

Koppe:
Es gibt ja derzeit grad wieder von Juso-Seite die Forderung. Diesmal soll alles über einen Verein laufen; geplant ist die Gründung von "Anti-Fad", in Anlehnung an die Dorfener Szene (Nachtrag: inzwischen als "MOE" (mehr ordentliche Events) im Juli 02 gegründet).

Grabrucker:
Den kenn ich noch nicht.

Koppe:
Eigentlich überparteilich, scheint das aber eher von Jusos-Seite und Kölly, Jo, Lena, ... auszugehen.

Grabrucker:
Ich seh halt immer das Problem, sobald irgendwo die Parteipolitik durchschaut; denn sobald der Stadtrat damit zu tun hat, auch wenn die das überhaupt nicht parteipolitisch machen heißt es dann: das sind halt die Jusos.

Koppe:
Wär es dann nicht sinnvoll, sich querfeldein zusammenzutun, um einen kleinen gemeinsamen Nenner zu suchen?

Grabrucker:
Das war auch für uns Junge Ökologen der Grund, daß wir sowohl von JU wie JÖ aus damals bei der Diskussion ums Jugendparlament unseren Mitgliedern empfohlen haben, nicht zum Jugendparlament zu kandidieren. Die Jusos wollten nicht mitmachen. Ich würd es jedenfalls komisch finden, wenn unsere stellvertretende Kreisvorsitzende, die käme vom Alter durchaus in Frage, dann auch im Jugendparlament Sprecherin, oder auch nur überhaupt irgendwo dabei wäre. Denn wir haben andere Möglichkeiten uns einzubringen, und können unsere Anträge auch über die ÖDP laufen lassen. Das würde dann grad auch gegenüber den anderen Stadträten so aussehen, als würde man ein zweites Forum schaffen, um auf diese Weise die eigenen Ideen vorbringen zu können.

Delissen:
Häufig sind aber politisch engagierte Bürger auch parteipolitsch eingebunden?

Grabrucker:
Wir haben uns ja auch in anderen Kommunen umgeguckt, und haben Gespräche mit sehr vielen Jugendparlamenten in ganz Bayern geführt. Im oberbayrischen, schwäbischen und niederbayrischen Raum. Da war fast überall so, daß sich Jugendliche engagiert haben, die sich vorher gar nicht für Politik interessiert haben; die einfach konkrete Ideen hatten. Die sind dann im Laufe der Zeit, nach und nach Parteien beigetreten. Also so ein Jugendparlament ist dann durchaus ein Reservat für die Parteien, dort heraus ihren Nachwuchs zu gewinnen.

Delissen:
Wenn das Jugendparlament zunächst ja nicht parteipolitisch ist, ist es immerhin möglich, in Schulen zu gehen.

Grabrucker:
Das ist richtig. Wir haben das auch gemacht, haben mit Rektoren gesprochen, und die hatten uns auch angeboten, daß wir Informationsgespräche machen, durch Tatjana Vogt und mich. Teilweise wurde auch in den Schulen informiert, z. B. über Klassensprecherversammlung, die das wiederum an die Schüler weitergegeben haben. Das war also möglich. Es war ja auch ein überparteiliches Bündnis; und wir hatten ja, sobald sich Jugendliche gefunden hatten, gesagt, daß wir uns zurückziehen. Vielleicht war das im nachhinein gesehen dann auch ein Fehler, daß wir uns zu früh zurückgezogen hatten; hätten das ganze erst mal moderieren sollen. Also, ich denke, daß es schon möglich ist, Jugendliche auf diese Weise zu gewinnen, wenn man richtig Werbung dafür machen würde. Am besten wärs, wenn das ein offizielles Gremium von der Stadt wäre, dann wär es auch überhaupt kein Problem, das als Info zu verteilen.

Koppe:
Wird das beim nächsten Versuch auf diese Art laufen?

Grabrucker:
Wir werden demnächst einen Antrag stellen, daß die Stadt alle Jugendlichen offiziell einlädt, sie ganz objektiv informiert, "Was ist ein Jugendparlament? Was kann man da machen? ...". Wenn dann Interesse da ist, dann sollte die Stadt auch her gehen, und den Schritt versuchen. Es kann auch beim Versuch bleiben, wenn es dann nicht klappt, ok. Aber ich bin davon überzeugt, daß es klappt. In allen anderen Kommunen hat es auch funktioniert.

Kultur- und Bürgerhaus 

Koppe:
Was hältst Du von einem Bürgerhaus? Das ist ja auch eine Idee, die schon längere Zeit existiert. Vielleicht auch in Verbund mit einem zweiten Jugendzentrum. Vielleicht auch eine Möglichkeit für Jugendliche, sich innerhalb eines bestimmten Rahmens einzubringen und sich zu engagieren, wo dann auch andere Leute und Vereine beteiligt sind.

Grabrucker:
Also, was ich Klasse finde, was die Gemeinde Taufkirchen macht, mit dem Kinder- und Jugendhaus. Dort haben alle Vereine und Verbände zusammen ihre Räumlichkeiten. Wenn ich da richtig informiert bin, wollen die dort ein neues Gebäude bauen, welches von den Räumlichkeiten genau diesen Bedürfnissen angepaßt sein soll, und wo sich die Leute aus diesen Bereichen versammeln können, wo Vereine Treffen abhalten können. Man muß ja nicht in teuren Wirtschaften sitzen, von wegen Verzehr, und so. So ein Bürger- oder Kulturhaus, vom Namen ganz egal, wo es dann auch für Nachwuchsbands einen Proberaum gibt - es kann ja nicht jeder in der Musikschule proben - da dürfen ja nur Schüler der Musikschule rein. Oder daß so etwas wie eine Mitfahrzentrale dort so eine Anlaufstelle hat. So etwas hielte ich für wichtig. Oder auch wegen der Neubürger. Wir haben in Erding so viele Leute, die jetzt nicht den Kontakt haben. Bei den Alteingesessenen ist das vielleicht etwas anderes, aber grad die Neubürger wären für so ein Angebot sehr dankbar.

Koppe:
... um einen Überblick zu bekommen, was gibt es für Angebote in Erding, welche kulturelle Gruppen gibt es, ...

Delissen:
... und vor allem eine Möglichkeit für diese Gruppen auf sich aufmerksam zu machen. Was ja auch unser Anliegen als Literatentreff ist, alle Richtungen irgendwo aufzunehmen. Was dann auch nichts mit dieser konventionellen Tour zu tun hat, was etwa im Stadttheater abläuft.

Grabrucker:
Das ist ja auch für die Stadt wichtig und von Bedeutung, für die Gemeinschaft, für die Gesellschaft, oder wie immer man das nennen will.

Koppe:
Siehst Du hier bestimmte Möglichkeiten, auch in dieser Hinsicht Forderungen oder Anträge zu stellen?

Delissen:
Ist Dir z. B. bekannt, daß vor drei Jahren ein Antrag von der CSU eingebracht worden ist?

Grabrucker:
Kann das sein? Da wundert mich, daß das nicht durchgegangen ist.

Delissen:
Ist durchgegangen und steht festgeschrieben. Das hat uns der Kronseder gestern innerhalb eines Interviews mit ihm gesagt.

Grabrucker:
Na gut. Dann muß man nur mal nachhaken, was da in Richtung dieses Antrages passiert ist. Jedenfalls ist das eine interessante Information. Um auf die Frage eines Antrags zurückzukommen: Es ist schon so, daß mehrere Gruppierungen im Kommunalwahlkampf angesprochen haben, daß so etwas wichtig wäre. Das angenehme dabei ist, daß ab und zu bestimmte Politiker dann auch mal konkrete Aussagen machen, und daran kann man sie dann auch festnageln.

Delissen:
Das hatte dann in Anwesenheit vom Steinberger auch der Bauernfeind gesagt.

Grabrucker:
Das wird ich mal recherchieren. Ich hab mir ja die Wahlkampfbro
schüren von anderen Parteien aufgehoben, die einzelnen Aussagen, und für was sie sich einsetzen wollen, aber wenn so einem Antrag ohnehin schonmal zugestimmt wurde, dann brauchen wir keinen Antrag mehr stellen, sondern nur eine Anfrage, was eigentlich draus geworden ist; welche Schritte unternommen wurden, um diesen Antrag in die Tat umzusetzen. Wenn der ohnehin von der CSU stammt, dann seh ich überhaupt nicht mehr schwarz; dann scheint ohnehin die Bereitschaft da zu sein, und es braucht auch keine Diskussionen mehr.

Koppe:
... der Stefan scheint noch etwas ungläubig. Thom, wann denkst Du haben wir das Interview mit Hermann ausgewertet? Wir haben in letzter Zeit so viele Interviews gemacht, ...

Delissen:
Das ist schon arbeitsintensiv. Und grad wenn auch der Lärmpegel etwas höher ist.

Koppe:
... oder wenn der Stefan viel und schnell redet

Delissen:
... Aber es ist schon interessant, daß man immer wieder auf die selben Fragen stößt.

Harmonie im Rathaus 

Grabrucker:
Naja, aber es ist ja die Palette an Themen nicht wirklich riesig. In den meisten Punkten herrscht doch wirklich Einigkeit zwischen den Fraktionen; auch wenn man es offiziell nicht immer leicht zugibt.

Delissen:
Ich hab halt eher das Gefühl, daß die Leute den Hintern nicht hoch kriegen.

Grabrucker:
Es ist ja allgemein so, daß die Leute immer mal wieder Druck brauchen, bis was passiert. Also egal welche Bereiche, es braucht immer irgend jemand, der einmal anschiebt. Viele Leute sind sich einig und sagen; Ja, so müßte man es machen, aber es ist keiner da, der sagt: jetzt machen wirs. Wenn so jemand da ist, dann geht auch was. Aber wenn dann so einer da ist, dann läßt sich auch viel erreichen, theoretisch. Weil, das ist zum Glück auch schon so in Erding, daß Parteipolitik schon eine Rolle spielt, aber nicht so streng, daß schon versucht wird zu schaun, daß man irgendwie zu einem Kompromiss kommt. Das ist zwar auch nicht bei allen Fragen sinnvoll - bei manchem wär es vielleicht sinnvoller, wenn man sagt: nein, da können wir nicht zustimmen, aber es wird in Erding schon geschaut, daß da Konsens, zumindest bei den größeren Fraktionen hergestellt wird. Das ist von den Mehrheitsverhältnissen auch nötig, wenn ein Bürgermeister nicht der Mehrheitsfraktion CSU angehört.

Delissen:
Der Kronseder hat es so schön formuliert: "Politik im Allgemeinen und konkret in Erding, Brot und Spiele".

Grabrucker:
Jedenfalls, der Bauernfeind ist schon auf Harmonie aus. Er versucht also schon alle möglichen Gruppierungen im Stadtrat einzubinden, dann kann auch keiner mehr großartig kritisieren; macht das mit einer gewissen Darstellung und Außenwirkung; nicht so wie in Dorfen z. B.; da war ich mal in einer Stadtratsitzung. Da wird einfach gestritten, da gibt es verschiedene Fronten, und es gibt Leute, die können sich nicht riechen, und die bemühen sich auch nicht mehr, nicht einmal für einen vernünftigen Umgang. Aber in Erding ist das ganz anders.

Delissen:
Aber es ist die Frage, was im Endeffekt positiver ist.

Grabrucker:
Also ich glaub schon, um ehrlich zu sein, daß sich die Leute mehr für Politik interessieren, wenn es ab und zu kracht; daß sie dann aufmerksamer werden; wenn man auch klar weis: der steht für das und der andere für etwas anderes. Wenn es nur Konsens-Entscheidungen gibt, ist mir das zu verwaschen. Ich stimme dann lieber dagegen, anstatt ich dann sag: wenn wir den einen Punkt noch kriegen, dann stimme ich dafür. Ich denk auch, daß es ehrlicher ist, auch einmal nein zu sagen, bevor eine Forderung zu einem Viertel umgesetzt wird - grad wenn man mit einem klaren Konzept angetreten ist. Es ist halt immer die Frage was man will.

Delissen:
Fehlt es dann an der klaren Linie?

Grabrucker:
Die ist schon da, aber es gibt halt sowohl Vor- wie Nachteile, bei der Suche nach einem Konsens. Und es ist ein Unterschied, ob es um Kleinigkeiten, wie der Hundeanleinpflicht oder um wichtigere Fragen geht.

Koppe:
Es wird vielleicht auch die Frage sein, wie sich nun alles in den nächsten 6 Jahren entwickeln wird. Immerhin gibt es nun 40 statt der bisherigen 30 Stadträte. Da könnte dann auch etwas lebendiger zugehen.

Grabrucker:
Da muß man abwarten, wie sich die neu dazugekommenen Leute verhalten; da muß man schauen, ob dann auch mehr Redebeiträge kommen. Ich mein, irgendwann ist alles gesagt. Ich find das ja furchtbar peinlich, wenn jemand zum fünften mal sagt: er muß seinem Kollegen recht geben und kann nur bestätigen, ... Es ist zwar schon wichtig, und irgendwas muß man auch sagen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Redebeiträge tatsächlich mehr werden.

Koppe:
Dann gibt es mehr Hinterbänkler?

Grabrucker:
Also ich denke, daß der Anteil derjenigen, die einfach zum Abstimmen mit drin sind, zumindest nicht weniger wird.

 

Fortsetzung folgt.
(momentaler Stand: ca. 65 % des Origninal-Interviews)

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