Hauber:
"Was mir hier in Erding fehlt ist so etwas wie der Hirschwirt - also ein ganz loses Forum von Intellektu- ellen, auch von älteren Leuten, die einfach anders denken"
1948 in Erding geboren, erlebte 

Peter Hauber

... die spannende Nachkriegszeit, 
war von 1963 bis 68 Sänger der Vultures, 
die als Erdingerer Gymnasiumsband startete,
Hauber wurde Künstler und Designer,

und gilt als Kenner der Erdinger Kulturszene

.

das folgende Interview führten Walter Koppe & anonymos Ted

Inhalt des Interviews 1. Ausblick aufs heutige Erding - Speak-Easy für Insider
2. Die 50'er und 60'er: paramilitärische Ausbildung statt Entnazifizierung
3. Kneipen, Prostitution, Krawall und Rock'n Roll
4. John Lennen als Initialzündung
5. Protestkultur: Republikaner-Club und Zeitschrift "Eye"
6. Die Vutures und andere Erdinger Bands
7. Gedanken zur Kunst - und der Tendenz zur Dumpfheit

Interview mit Peter Hauber

Edi Speckmeier machte uns innerhalb der Interview-Serie auf den "angry young man" jener Zeit aufmerksam. Erst kurz zuvor hatte der Künstler im Schönen Turm den Wettbewerb zur Kleingartengestaltung gewonnen.

Nebenbei hatte er uns bei der Gestaltung von Erdings Literatenzeitschrift Gedanken-Sprung mit manch gutem Rat geholfen. Revanchiert hatten wir uns damit, in dem wir Peter auf's Cover unserer vierten Ausgabe gesetzt haben (rechts).

 

 

Koppe:
Peter, zunächst mal vielen Dank für Deine Mithilfe für den Gedanken-Sprung, und für die Bereitschaft, uns im Rahmen unserer Interview-Serie auf xED Auskunft über die Erdinger Nachkriegszeit und die 68'er geben zu wollen. 

Hauber:
Ich find die Idee toll, und tat das recht gern.

 

1. Ausblick aufs heutige Erding - Speak-Easy für Insider

Ted:
Von Deinem Fenster aus hast Du ja einen schöner Ausblick auf Erdings Innenstadt, für einen Künstler bestimmt recht anregend.

Koppe:
Wohin sieht man denn von da oben nicht hin? 

Ist vielleicht typisch für Erding, eben nicht überall hinsehen zu können? 

Hauber:
Das Speak Easy war zum Beispiel etwas, wo nur wirkliche Insider hinein fanden. Ich kam da vielleicht alle zwei Jahre mal rein. Emanuela Schwankl war da viele Jahre mit drinnen.  

Koppe:
Vor einigen Wochen erst war eine Ausstellung im Frauenkircherl, vom KuKuJu organisiert. Ursprünglich wollte Emanuela den H.C. Artmann einladen, der ist aber inzwischen wohl zu alt, um nach Erding zu kommen. Früher kam der öfter mal ins Picnic, und hat dort gelesen.  

Abbrucharbeiten

Hauber:
Die Schwankl ist natürlich interessant. Sie redet zwar nicht ganz einfach zu verstehen ...

Koppe:
... und dann auch kaum von ihrem Thema wegzubringen.  

Ted:
Ja, stimmt. Sie ist schwer zu verstehen. 

Hauber:
Aber sie hat einige Bekannte, die damals zu Picnic-Zeiten so ende Zwanzig waren, furchtbar fertig und kaputt. So hat sie es immerhin geschafft, dass der Bayrische Rundfunk einige Sendungen darüber gesendet hat. Es ist ja dann auch einiges im Speak Easy gelaufen. Das wurde 1972 gegründet.

Ted:
Was ist das Speak-Easy eigentlich? 

Hauber:
Das ist das Wohnzimmer für jene, die von dieser Zeit übrig geblieben sind. 
Wenn man da rein kommt - ich komm da so alle zwei Jahre einmal rein, dann drehen sich alle Köpfe nach dir um: "Wer kommt denn da rein?".
Du betrittst Privat-Sphäre.

Ted + Koppe:
(lachend) Den Eindruck hatten wir auch. 

Koppe:
Anneliese Brückner, Kultur-Redakteurin vom Erdinger Anzeiger, ist dort Stammgast. Die stammt doch auch aus Erding, und könnte uns vielleicht auch etwas zur Szene sagen. Das ist ja überhaupt das Problem: wir haben eine Menge Männer als Interviewpartner, vielleicht wär die Frauen-Perspektive auch mal interessant.
Das wär auch deshalb nicht schlecht, weil sie als Vertreterin der größten Tageszeitung bestimmt einiges zu sagen hat. Allerdings bin ich mir dann nicht sicher, ob unsere Aktivitäten im Sinne des Erdinger Anzeigers sind.
Wir haben ja schon einige Versuche hinter uns, mit der Frau Derlet, die eher von geringem Erfolg gekrönt waren.

Hauber:
Wen ihr fragen könnt, und der bestimmt sehr gerne redet, das ist der Herr Sardison, von der Erdinger Süddeutschen Zeitung. Der kann euch vieles von der Musik-Szene erzählen. 
Der kam so in der Disco-Zeit, Anfang der 70er Jahre nach Erding, war vorher Verkäufer in einem Münchner Plattenladen, und hat dann im Marquee aufgelegt. Der könnte euch also einiges zu damaligen Szene erzählen. 
Und zwar besser als ich, denn zu der Zeit war ich nur selten in Erding.  

Koppe:
Wo warst Du denn? 

Hauber:
Ich hatte mich damals immer mehr in Richtung München orientiert. Das ging damit los, als ich das Studieren angefangen habe, und ich dann in der Parksiedlung gewohnt habe. Ich bin dann krank geworden, irgendwann hab ich zu arbeiten begonnen, war aber dann eigentlich zwanzig Jahre nur mehr wenig in Erding. Das ist auch heute noch so: ich arbeite zwar in Erding, aber mein Bezug ist eigentlich München, wenn ich Ausgehe oder kulturelle Angebote suche. 

Koppe:
Das scheint mir generell ein Problem in Erding. Es gibt ja durchaus immer mal wieder Leute, die hier etwas bewegen wollen. Weil es dann in Erding oft Widerstände gibt, andere potentiell interessierte in Richtung München orientiert sind, bleibt am Ende doch alles wie es zuvor war ... 
 

 

2. Die 50'er und 60'er: paramilitäische Ausbildung statt Entnazifizierung?

Wer erinnert sich noch an die Zeiten der Kassetten-Recorder?
Auch mitten in unserem Interview hatten wir plötzlich mit dem Phänomen namens Band-Salat zu kämpfen,
Die nächsten ca. 3 Minuten des Mitschnitts gingen leider auf diese Weise verloren.
Verständlich wurde der Mitschnitt erst wieder, als Peter Hauber von seinen ersten Schuljahren erzählte, und zwar, als der Name eines Lehrers fiel.
 

Hauber:
... aber den Klesper.

Koppe: 
den hatte ich auch, und zwar in der 3. und 4. Klasse. Berühmt, berüchtigt - für mich nach dem lieben "Fräulein Gradl" (Frau Auer) ein Schock, der bis heute Spuren hinterlassen hat. 

Hauber: 
Na wunderbar. Das war auch wirklich unglaublich, was da passiert ist. Prügeleien im Klassenzimmer, mit Blut und alledem. 

Ted:
Ich dachte ja, nachdem die Amerikaner gekommen waren, sei das nicht mehr möglich gewesen. 

Hauber:
Also diesbezüglich hielten sich die Amerikanern raus. Da war gar nichts festzustellen. 
Die Amerikaner: das waren für mich die ersten Neger, die ich je gesehen hab - wobei: das Wort damals auch noch so genannt, und nicht diskriminierend gemeint war.
Die G.I's, die mit dem Panzer durch Erding gefahren sind, waren Schwarze. Und da sind auch nirgendwo CowGummi aus irgendwelchen Panzern rausgeschmissen worden. Das waren Besatzer, und wir waren die Besetzten.
 

Koppe:
Hatten die sich nicht in das gesellschaftliche Leben eingemischt, oder mal geschaut: was passiert in den Schulen? 

Ted:
... Schlagwort Entnazifizierung? 

Hauber:
Um Gottes Willen. Wie denn auch? Es gab ja keine Lehrer. Die Verwaltung hatte ja irgendwie weiterlaufen müssen. Man hätte ja alle rausschmeißen müssen, weil fast jeder ein Nazi war.
Das Gedankengut, übrigens in ganz Europa, war nationalsozialistisch; nicht nur in Deutschland. Das war doch der Grund, wieso diese Nationalkriege überhaupt entstanden. 
Dieser national denkenden Masse gerecht zu werden: ich mein, diese Leute sind scharenweise alle freiwillig in den 1. Weltkrieg gerannt, nur um gegen die "Franz-Männer" zu kämpfen. Das ist doch alles irrational; so muss man das doch sehen. Aber nach dem Krieg mussten all diese Leute wieder einsetzen, um überhaupt eine funktionierende Gesellschaft wieder hinzukriegen - egal was war, in allen Verwaltungen, und natürlich auch im Schulbereich.
Sogar als ich ins Gymnasium kam, war da ein Lehrer, der mit uns paramilitärische Ausbildung betrieb: "rechts rum, links rum, in Reih und Glied, ..."; dann hatte er eine Platte aufgelegt: "Turner, auf zum Streite..."; da mussten wir dann mitsingen und marschieren, "links, links, links". Das war Turnausbildung im Gymnasium Erding 1955, 56. 

 

3. Kneipen, Prostitution, Krawall und Rock'n Roll

Koppe: 
War es dann nicht logisch, dass sich die Jugend irgendwann zu wehren begann? 

Hauber:
Zu der Zeit, in den mittleren 50ern, war das noch nicht relevant. Erst Ende der 50er, Anfang der 60'er Jahre, als die Leute dann so an die 20 waren, ging das allmählich los. Ausdruck fand das erstmals bei den Schwabinger Krawallen. Das waren die Vorläufer der 68'er.
Also von wegen die Amis. Die waren doch die, gegen die mein Vater ganz privat noch Krieg geführt hat, und den mein Vater auch gewinnen wollte, zu gewinnen glaubte. 

Koppe: 
Wieso? 

Hauber:
Weil er zumindest einmal in der Woche mit denen eine Schlägerei hatte, so daß er blutüberströmt nach Hause kam. Das war mein "touch" zu den Amis.

Ted:
Also ich hab ja gehört, dass zu der Zeit so ziemlich die Hölle abging, was Kneipen, oder auch Prostitution betrifft. 

Hauber:
Das ist richtig. Das gab es. Aber diese Lokale waren Enklaven. Es gab etwa 5 bis 8 in Erding. Da gab es die Roxa Bar, die Broadway Bar, oder den Chinesen - Der hieß so, weil da zwei Chinesen drin waren. Dann gab's den NCO-Club (?). Die Broadway Bar gabs bis zum Schluß, bis in die 60er Jahre hinein, und wurde abgerissen, als man dort die Anton-Bruckner-Straße gebaut hat. Die haben Live-Musik gemacht, da war ich so 14, und wollte da ein paar mal reingehen.
Wir waren die erste Rock-Band in Erding. Es gab etliche andere vor uns (???).
Ich weis noch: ein Bekannter einer anderen Band, von den "Sharks" begrüßte mich vor dem Eingang, fragte mich "Schaut's ihr euch auch den Rock'n Roller an?".
Er wollte dann vor uns rein, machte die Tür auf; in dem Augenblick kommt eine Faust heraus geflogen, und genau dem Bekannten auf die Nase, so dass er am Boden lag. 

Koppe: 
... vom Türsteher? 

Hauber:
Nein, der hatte halt Pech gehabt. Da war eine Schlägerei drinnen, und scheißegal wer die Türe aufmacht ... 

Ted:
War es nicht so, dass sich allein durch die Präsenz und die Menge der Konsumgüter, die damals durch die Amis reingekommen sind, etwas verändert hat - grad auch im Bewusstsein der Erdinger? 

Hauber:
Man muß sich das so vorstellen: es gab in Erding zwei Wohnbereiche der Amerikaner. Das war einmal in Williamsville, und zum anderen die Siedlung beim Kiderle (hinterm Bahnhof in Richtung Altenerding). Diese Bereiche wurden mit einem 2,50 oder 3 m hohem Maschenzaun abgegrenzt. Dort spielten die amerikanischen Kinder auf ihren Spielplätzen, wo wir nur riesige Augen gemacht haben, was die alles hatten: an Schaukeln, Rutschen, Klettergerüsten, ... Und das tollste waren die amerikanischen Jeans, mit dem doppelten Knien (?). Wenn du das mit den deutschen Jeans verglichen hast, ... - das war für uns DIE Unterscheidung.
Das einzige, was in den Läden wirklich amerikanisch war, war der Dubble-Bubble. Das war DER Kaugummi überhaupt. 

Koppe: 
Was war denn mit Zigaretten? Gab es da einen Mangel? 

Hauber:
Also, ganz in den frühen 50ern gab es schon noch Mangel an vielem, aber bei den Zigaretten gab es schon nach der Währungsreform 1948 keine Probleme mehr. Es gab damals die Zigaretten offen; man konnte sie offen kaufen, dann gabs Zweier- und Fünfer-Packungen für 50 Pf., und zwölf für ne Mark.   

 

4. John Lennon als Initalzündung

Koppe:
Neben Kaugummi, Zigaretten, Jeans, Spielzeug, das von den Amerikanern kam, was war denn mit der Musik? Gab es aus dieser Richtung Einflüsse, die Dich betrafen? 

Hauber:
In den 50ern war ich eigentlich noch zu klein, obwohl ich mich an den frühen Elvis erinnere: "Jalehouse Rock", ... Das war ansatzweise durchaus auch so etwas wie ein Hoffnungsträger gegen das Establishment. Im Gegensatz zu Bill Haley, der war eher so ein abgefuckter Schlagersänger.
Das, was da über den großen Teich rüberkam, war natürlich schon irgendwie toll, aber es hat mit mir nichts gemacht, das war nicht wirklich wichtig, es gab mir keinen Raum ...
Also bis 14, da hab ich Jazz gelernt, Jack Clousset, Brad Bach, Be Bob, Miles Davis, usw. Das war meine musikalische Prägung. 
Dann hab ich eines Tages einen Song gehört, da hat sich jemand das Herz aus dem Leib geschrieen, und das war der John Lennon mit "Twist and Shout". 

Koppe:
Aha, also dann war wirklich der John Lennon damals für Dich die Initialzündung. 

Hauber:
Das war etwas Neues, dass jemand nicht singt und Tralala, ... sondern schreit. Mir ist es kalt den Rücken hinuntergelaufen. Das war 'ne Initialzündung.  

Koppe:
Und dann gab's ja auch noch die Stones. 

Hauber:
Die kamen wenig später, bauten sich ein ganz anderes Image auf. Es hieß immer, zwei verfeindete Lager. Auf der einen Seite die Beatles- und auf der anderen die Stones-Fans. Aber das stimmt nur vage. In Wirklichkeit hat man auf Partys die Stones genauso gehört wie die Beatles, man hat genauso getanzt oder geschmust. Also, dass da so eine scharfe Trennung war, das stimmte sicher nicht. 

 

5. Protestkultur: Republikaner-Club und Zeitschrift "Eye"

Ted:
Es war also dann nicht so, dass konkret hier in Erding durch die Amerikaner deren Kulturbewusstsein rüber gekommen ist?   

Hauber:
Nein, überhaupt nicht. Auch im Bereich Sport. Also es gab da immer mal wieder Leute - ich rede jetzt von der Zeit, in der ich mich als Kind noch gut erinnere, so '58 '60 herum, dass immer wieder Jungs ins Schwimmbad gekommen sind, mit Baseball-Schläger, Fangschuh und dem dazugehörigem Ball. Das hat überhaupt niemandem interessiert. Die Leute haben Fußball gespielt. 
Es war auch nie so, als wenn irgendjemand gesagt hätte: "Mensch, das ist geil". Nein. Diesen kulturellen Einfluss, den gab es nicht, den gab's nur musikalisch. 

Ted:
Und in dem Maße wie eigentlich überall in Deutschland, damals in den 60ern. 

Hauber:
Da entstand doch auch eher ein Anti-Amerikanismus, und kein Pro-Amerikanismus. Das ist ja ganz klar, da begann der Vietnam-Krieg. 

Koppe:
War für die Masse der Bevölkerung, grad auch hier in Erding, der Amerikaner nicht der Befreier; auch der Beschützer gegen die bösen Russen - unabhängig davon, wie die Teilung denn nun tatsächlich zustande kam, und wie sie informiert wurde?  

Hauber:
Das ist 'ne ganz schwierige Geschichte, und das sind auch Generationsfragen, und die sind ganz knapp hintereinander. Wenn ich jetzt schaue, also mein Vater, der nur 24 Jahre älter war als ich - das ist nicht viel für Vater - Sohn; der war ein absolut antiamerikanischer Mensch aufgrund seiner Kindheit, seines Erlebens, und er war ein Kriegsteilnehmer. Und für mich war das als Kind sehr positiv. Also: AFN hören, als Kind schon - etwas anderes konnte man ja gar nicht anhören; die Geschichte mit der Kleidung - das kam ja immer mehr rüber, gewisse Dinge hat man ja auch adaptiert, Jeans natürlich, und dann gab es in den 50ern auch solche amerikanischen Krawatten, mit zwei Schnürl in einem Taler drin, oder Sonnenbrillen, ...
- also der rein modische Einfluss ist mir mehr hängen geblieben als alles andere. 
Aber dass sich da eine Solidarität zu den Amerikanern aufgetan hätte ...? Man darf nicht vergessen, dass sie bis vor kurzem noch auf dem Chiemsee oder auch auf allen anderen bayrischen Seen als einzige mit Motorbooten fahren durften, während es für jeden Deutschen verboten war. Es gab also gewisse Privilegien, welche die einer Besatzungsmacht waren. Es wurden auch keine Flurschäden bezahlt, wenn die Panzer irgendetwas beschädigt hatten. Und genauso wie eben Besatzer hatten sie sich auch aufgeführt.   

Ted:
Und es gab nie von amerikanischer Seite irgendein Bestreben, irgend einen Keim zu setzen gegen den Nationalismus, für eine Demokratisierung, ...? 

Hauber:
Dem "Red-Neck", der irgendwo aus Arizona oder sonstwo kam, nicht mal weis, wo Germany wirklich liegt, ist das scheißegal. Der machte seinen Job, und hatte Null Interesse. 

Koppe:
Entscheidender finde ich doch die Verantwortlichkeit von irgendwelchen Generals, die vielleicht eher das  Wissen und die Möglichkeiten hätten, entsprechende Ideen und Philosophien auch zu delegieren, ob innerhalb von Schulen ... 

Ted:
... oder Stichwort "Amerikahaus". 

Koppe:
... als kulturelles Zentrum. Etwas durchaus in ihrem Sinne, etwas Offizielles, um es auch nach draußen herzuzeigen, auch ihrem eigenen Volk zuhause, oder auch gegenüber dem bösen Osten: "schaut her !". 

Hauber:
Ich glaube, ihr sehr das völlig falsch. Also, was Du jetzt meinst, so Umerziehungsgeschichten kann ich selbst nicht nachvollziehen, denn ich war zu der Zeit ja selbst noch zu klein. Auch was in den Ämtern abgelaufen ist, weis ich nicht so genau. Vielleicht gab es den Kontakt zur Presse. Der Leiter, das war ein Herr Press, aber ich kann über ihn nichts sagen. Ich weis weder, wo der herkam, noch was der machte, das war mir damals scheißegal. Das war ja nach '45, und ich bin erst '48 geboren. 
Aber die andere Geschichte, um darauf noch mal zurückzukommen, oder: Einflüsse im kultureller Art: In München gab es das Amerika-Haus. 

Ted:
Gab es Vergleichbares auch hier in Erding? 

Hauber:
In Erding gab es kein Amerika-Haus. In Erding gab es ein Amerika-Hölzl. Das war der Wald da hinten, wo die Amerikaner immer zum bumsen gingen. Also alles, was hierher kam, da durfte man keine großen Ansprüche stellen. Grad in Bezug zur Kultur. 
Da fällt mir ein: meine Großmutter hatte einen amerikanischen G. I. als Bekannten. Der kam ab und zu zu unserer Familie auf Besuch. Der war italienischer Herkunft, ein Mann, der drei, vier Sprachen gesprochen hat, und aus einem ganz anderem Umfeld kam, als die 90 % der G. I.'s, mit denen sich mein Vater nachts geklopft hat. Also, solche gab es natürlich auch, um nicht zu sagen, dass das eine Horde von Deppen war. 
Das kann ich auch deshalb sagen, weil ich dann in den 60'ern selber G. I.'s kennen gelernt hab. Da war das ganz positiv, auch musikalisch.
Ich weis noch, als wir dann einmal selbst gespielt haben, und ein dicker Schwarzer auf mich zu kam. In dem Schuppen war es ziemlich laut, so hab ich ihn nicht so gut verstanden, als er mich fragte, irgendetwas mit "Baz". Ich dachte, er fragt, ob wir etwas von Juan Base spielen können, und ich antwortete: "Nein, haben wir nicht drauf". Bis wir dann drauf kamen: er wollte mal meinen Base haben, also mal Bass spielen. Der hat dann mal mitgespielt und ich hatte meine Ruhe gehabt. 
Ich spielte dann ja auch bei der anderen Band, wo der Cosney Klaus Gitarre gespielt hat, hat ja Jahre lang ein Amerikaner gesungen.  

Koppe:
Das war dann eher in der Endzeit, als die Amerikaner wussten, wir sind nur noch ein paar Jahre hier, lassen wir es ein wenig gemütlicher angehen. 

Hauber:
Richtig. Da gab es dann auch keine Konflikte mehr. Die traten dann auch immer weniger als Besatzer auf, wussten am Schluss auch nicht mehr, wieso sie eigentlich noch hier sind und was sie zu tun haben. Und da hatten sich dann auch Freundschaften entwickelt. Wir waren bei jedem Ami-Fest eingeladen, z. B. in der "Nachtwache" an der Münchner Straße. 

Ted:
Wann sind denn die Amerikaner abgezogen? 

Hauber:
Weiß ich jetzt gar nicht. 

Koppe:
Ich kenn da ein Bild, da war mein Großvater, der Herr Schmidmayer mit drauf. Da hat es irgendein großes Fest gegeben. Ich glaub das war so 1963. 

Hauber:
Ich weis noch von Diskussionen mit G. I.'s, die meinten dann zu Beginn des Vietnam-Kriegs, dort genauso verfahren zu müssen wie mit Hiroshima und Nagasaki. Dann wär endlich Ruhe. Meiner Meinung waren die halt ein wenig einfacher "gestrickt".  

Koppe:
Du warst ja zu der Zeit im Gymnasium. Da gab es mal, grad zur Zeit auch des Vietnam-Kriegs eine Zeitschrift, "Eye" hieß die, wo Du auch mitgemacht hast. Erklär uns doch mal Deine Rolle dabei.  

Hauber:
Ich weis gar nicht mehr wie die gegründet wurde. Wir saßen irgendwann in jenem Café Härtl, das war das Gebäude hinterm Erdinger Anzeiger.  

Ted:
Hatte das nicht etwas mit dem Republikanischen Club zu tun, der dort ebenfalls gegründet worden ist? 

Hauber:
Also, mit dem Republikanischen Club hatte ich nie was zu tun gehabt. Die Leute waren ja auch eher in der WG in Oberding. Ich hatte eher mit mir selber zu tun. 
Warum diese Zeitschrift? Ich weis es nicht. Ich weis nicht, warum wir gesagt haben, wir machen jetzt ein Blatt. 
Ein Klassenkamerad von mir, das war der F. X. Mayr aus Dorfen, der hier eigentlich federführend dran gearbeitet hat. Meine Geschichte war eigentlich die, dass ich die Grafik beigesteuert hab. Das andere hat mich eigentlich gar nicht so interessiert. Ich hab da ein paar Comics gemacht, und die fanden die anderen dann eigentlich viel zu ... pubertär, weil das waren so Sex-Comics. Die hießen "Vaginella und Pinisidor". Naja, die Zeitschrift kam ein- oder zweimal raus.
Wichtig war für mich das Cover mit dem Auge, eben dem "Eye", weil das halt recht schön war, auch grafisch mit den drei Buchstaben.  

Koppe und Ted: 
Wir kennen die Zeitschrift 

Hauber:
Und damals war der F. X. Bogner zwar ... (?), hat mitgearbeitet, und war Autor, aber er war bei den Redaktionssitzungen nicht dabei.  

Koppe:
Wieviel waren denn da aktiv mit dabei? 

Hauber:
Vielleicht so sechs Leute.  

Koppe:
Waren da auch Mädels mit dabei?  

Hauber:
Nein. 

Koppe:
Das Thema Emanzipation kam wohl erst später; so ab den 68'ern. 

Ted:
Noch einmal ein paar Jahre zurück: Was hast Du für Erinnerungen an Deine Kindergartenzeit? 

Hauber:
Was ich noch recht gut in Erinnerung habe, war die warme Milch, die ich immer trinken musste. Ich fand die einfach zum Kotzen, weil sich da drauf die Haut gebildet hat. Widerlich.
(Heiterkeit bei allen)
Jedenfalls ist das das einzige, was mir da noch in Erinnerung ist. 

Koppe:
Hat's damals eigentlich die Schwester Simone schon gegeben? (siehe Interview mit Schwester Simone) 

Hauber:
Ich denke schon, ja.  

Koppe:
Bei der waren ja ganze Generationen von Erdingern.
Wahrscheinlich kennst Du auch den Lehrer Brandes, bis vor kurzem noch SPD-Stadtrat in Erding. 

Hauber:
Ja, natürlich. Das ist ein toller Mann.  

Koppe:
Was zeichnete den aus? 

Hauber:
Das war unser Mathe-Lehrer. Aber wir haben mit dem alles besprechen können. Im Grunde war ich damals ja nur einer, der der ganzen Szene so ein bisschen hinterhergelaufen ist, weil es halt schick war, dazu zu gehören. 
Sicher hab ich durchaus ein soziales Gewissen und auch Background, aber es war nicht so, dass ich nun besonders politisch interessiert war. Mir waren Zeitschriften wie "Twen" viel wichtiger wie "Konkret"; einfach schon vom Aussehen her, wie von den Inhalten. Da war Mode drin, da war Jazz drin, ... (?) - das hat mich interessiert.    

6. Die "Vultures" von Peter Hauber - und andere Erdinger Bands

Koppe:
Es hat uns ja bereits der Edi Speckmeier (siehe Interview: Speckmeier) erzählt, dass es innerhalb der Szene damals verschiedene Fraktionen gegeben hat; die einen waren eher politisch, die anderen eher an Musik interessiert. 

Hauber:
Und gegenseitig war man sich nicht gram deshalb, weil man nun nicht ganz auf der jeweils anderen Seite einsteigt. Man konnte es tun, und wusste, man schwimmt irgendwie auf der selben Wellenlänge. Aber das hieß nun nicht, dass es nicht verschiedene Bereiche gegeben hätte.  

Koppe:
Was ist für Dich aus der damaligen Zeit geblieben. Gibt es Zusammenhalte aus dieser Zeit; Gruppen, die sich heute noch Treffen, irgendwelche Fäden, die noch existieren; irgendwelche geheimen 68'er-Kreise, die sich noch in irgendeinem finsterem Keller treffen, um Pläne zur Weltrevolution zu schmieden?  

Hauber:
Nein, also die Clique, in der ich mich befand, darf man sich als kaum politisch vorstellen. Irgendwann war das eine Rock-Band, und um die herum hat sich eine Clique gebildet. Das ging so, dass wenn wir irgendwo aufgetreten sind, dann war da immer ein fester Kern von zehn, zwanzig, dreißig Leuten um uns herum. Und das war die Gruppe, um die herum dann Feste gefeiert wurden.  

Koppe:
Welche Gruppe und welche Zeit war das? 

Hauber:
Das waren die Vultures (die Geier); das begann so ''63, '64 bis '68. Die machte dann das Abitur, und danach "Auf Wiedersehn, in alle Richtungen". Das war damals die Gymnasiumsband.
Die Typen, die im Gymnasium waren, bildeten schon so eine eigene Einheit. Denn natürlich gab es und gibt es auch heute noch Unterschiede zu den anderen. Es gab aber durchaus Verbindungen ... 

Koppe:
... auch zur Mädchen-Realschule Hl. Blut? 

Hauber:
Die war völlig uninteressant. Auch die Mädchen.
Auf unserer Schule gab es genug. Am Gymnasium war es ja nicht mehr so getrennt.
Die Mädchen in der Realschule waren dagegen ja eingesperrt, die durften nicht raus, und waren auch nie mit uns in Verbindung. 
Mit den Mädchen bei uns war das immerhin so, dass man zumindest nachmittags zusammen sein konnte. Und später bis 10 Uhr nachts.  

Koppe:
Aber war es nicht so, dass es im Gymnasium damals einen Jungenüberschuss gegeben hat; einfach weil die Mädchen damals noch nicht so gefördert wurden? 

Hauber:
Ja, anfangs waren es mehr Jungs. Das hat sich aber später immer mehr angeglichen. Also, das war nicht das Problem. 
Interessant, dass es in Erding etliche gute Rock-Bands gegeben hat, die nirgendwo erwähnt werden. 

Koppe:
Welche waren das? 

Hauber:
Die Charks; bei denen hatte der große Bruder vom "Brez'n" (?) Feller mitgespielt. Der ist zwei, drei Jahre älter als ich; ein paar Jahre älter als der Kurt oder der ... , von Siegurt Kämpft
Dann gab's eine Gruppe, da hat damals der Rauscher Wambo (?) Schlagzeug gespielt - der ist heute Prokurist beim Erdinger Weissbräu. Und bei uns, den Vultures, war der Hans-Peter Neumaier dabei, der ist heute Steuerberater, und der Karl Frei (?) ist heute Arzt in ...  

Koppe:
Das heißt, die meisten sind was vernünftiges geworden ... 

Hauber: 
(heiter) nur ich nicht. Ja, und dann gab’s noch die "Group"(?), so hießen die. Der ... Cosley, das war der große Erdinger Gitarrero, der dann in München bei der Gruppe "Munich" gespielt hat; die damals einige Achtungserfolge hatten. Oder dann gab’s den xxx, der damals auch bei "Eye" dabei war. Der hat Bass gespielt und war ein wunderbarer Harmonika-Spieler. Der ist dann vor einigen Jahren leider so versumpft, dass er in Erding bei den Pennern gelandet und dann im Stadtpark ertrunken ist. 
Und das ist dann so traurig, wenn man drüber nachdenkt. Ich mein, man hat ja soviel gemeinsam gemacht. Aber es war keine Ebene mehr da, miteinander zu sprechen.  

Koppe:
Woran lag das? 

Hauber:
An Scham von ihm. 
Ich wollte ihn nicht ansprechen. Das Problem ist, man demütigt ja den anderen damit. Das hätte von ihm kommen können, dass er mal gesagt hätte: "Du hattest ja selbst einmal ein Problem. Kannst Du mir mal helfen ...". 

Koppe:
Im Nachhinein macht man sich dann selbst Vorwürfe, wieso man selbst nicht aktiv geworden ist.  

Hauber:
Ja, so ist das. Es läuft in Erding noch so einer rum, den ich sehr gut kenne, und der früher Vorsitzender des Republikanischen Clubs war; und der ist durch persönliche Geschichten auch so weit abgerutscht, dass er heute in der selben Szene ist. Einen Namen möchte ich lieber nicht nennen. 

Koppe:
Wenn man solche Leute aber zum Beispiel zu den Themen damals nochmal ins Gespräch bringt, ich weis nicht ob das hinhaut, aber vielleicht, wenn sie sich dran erinnern, dass man sie damit ins Leben zurückholt, ihnen einen Sinn weitergibt, sich mit jener Zeit und sich selbst auseinander zu setzen. 

Hauber:
Ihr könnt ja versuchen, ihn mal anzusprechen. yyy, im Obdachlosenheim am Keller. 

Ted:
Du hast gesagt, ihr ward damals so an die 30 Leute, wenn ihr Feste gefeiert habt. Was waren das für Kneipen? 

Hauber:
Da gab es neben dem Capri, das schon vom Speckmeier erwähnt wurde, gegenüber das Lokal, das hieß die Nachtwache. Der Wirt, das war ein ganz rühriger Typ, der gesehen hat, dass es da durchaus Nachfrage gab. Da sein Lokal im Grunde nur einen halben Tag auf war, hat er uns das Angebot gemacht, bereitss am Nachmittag zu ihm zu kommen, und alles zu einem sehr günstigen Preis zu bekommen, also günstig Musik aufzulegen, die uns gefällt. Ja, und das haben wir dann auch gemacht, und haben das ganze dann Pupils Day Club genannt. Und zwei, drei Jahre lang war das dann recht gut besucht.
Aber natürlich, und das darf man auch nicht vergessen, gab es in Erding noch andere Cliquen; es gab einen Wimmer, einen Ferstl Karl, und dann am Samstagabend ... Vogt und einen Weißbräu, wo sich Gymnasiasten-Cliquen getroffen haben, um zu saufen.
Und da gab es eine ganz rührige Geschichte, weil oft hast ja überhaupt kein Geld gehabt, dann bist halt einfach rein gegangen. Und wenn der Snoeker (?) öfter mal beim Schafkopfen gewonnen hat, hat er uns davon was "abgedrückt", und so konnten wir dann unser Bier bezahlen. 
Oder es kam einfach auch mal so, dass du beim Vogt Karl gefragt worden bist: "Was kriegst' denn?" gesagt hast: "Nein, ich wart noch". Dann hat der schon g’wusst, der hat kein Geld, und dann kam einfach eine Halbe Bier so auf den Tisch.
Das waren so Sachen, die es heute einfach nicht mehr gibt, weil die Stadt vielleicht auch zu groß und anonym geworden ist. 
Die beiden Lokale waren übrigens ganz wichtige Stützpunkte damals. 

Koppe:
Was war denn mit dem Parkcafe? Wegen der Nähe zum Gymnasium. 

Hauber:
Ja, das war nach der Schule oder für Freistunden wichtig. Aber eigentlich gab’s da eine andere Clique. Das hat ja 'ne Altenerdinger Geschichte. 

Koppe:
Das scheint heute auch noch so zu sein. Gestern fand dort ja die 3. Rocknacht im Parkcafe statt. Und da trug jemand ein selbstkomponiertes Liedchen über die SpVgg Altenerding vor.
Übrigens find ich die Veranstaltung auch deshalb ganz witzig, weil da generationsübergreifend gerockt wird. Da spielt der Bonifaz mit seinem Vater zusammen und mit dem Mayr Tom und dessen Clique, also junge und ältere gemeinsam.  

Hauber:
Ja, da fällt mir noch eine andere Gruppe ein. Die hieß "Baba Jaga". Da hat der Ulf Schwager gesungen, der Stemmen hat Keyboard gespielt, der F. X. Bogner war dabei, und auch noch einer, heute ein bekannter Redakteur, leider fällt mir im Moment der Name nicht ein. 

Koppe (Nachtrag): evtl. der Sardison (?)

Ted:
Ab wann gab es das Picnic eigentlich? Warst Du da auch drin, oder welche Cliquen gab es da drin? 

Hauber:
Das kam, als ich eigentlich schon aus dem Alter raus war.  

Koppe:
Laut Jürgen Naglik hat es ja am Gries, irgendwo beim ehemaligem Schlachthof einen Vorläufer zum Picnic gegeben. Kannst Du dazu etwas sagen? 

Hauber:
Das ist mir nicht bekannt. Das Schlachthaus hat es noch sehr lange gegeben. Ich hab damals 1982 noch für meine eigene Platte - darauf kommt so ein Schweinelied vor - die Schweine da im Schweinestall aufgenommen. Das Picnic gab’s aber schon vorher. 
Davor am Eck, wo heute die Metzgerei Schachtl drin ist, war damals übrigens die Kreismusikschule drin. Der Kreisjugendring war dort glaub ich auch drin, aber an ein Jugendzentrum oder ähnliches kann ich mich nicht erinnern. 

Koppe:
Hast Du eine Ahnung, wann das Picnic gegründet worden ist, und wer dahinter steckte? 

Hauber:
Ich glaub, ein Typ namens Magit, dann die Emanuela Schwankl und der Hermann Kronseder war dann auch dabei.
Dann gab’s in Aufhausen die Titanic. Da wurde Hardrock gespielt. Das war damals ein absoluter Kult-Treff.   

 

7. Gedanken zur Kunst - und der Tendenz zur Dumpfheit

Koppe:
Die Titanik kenn ich auch noch. Die lief wohl in den 80’ern, also etwa zur selben Zeit auf Grund wie Picnic und Hirschwirt. Auf einen Schlag war alle Bühnen aus der 68'er Zeit verschwunden. Inzwischen haben sich die künstlerisch Kreativen von damals in Elfenbeintürme zurück gezogen, wie zum Beispiel den Schönen Turm, oder man stellt sich im Frauenkircherl aus. 

Ted:
Genau. Und da hat erst vor ein paar Tagen Harry S. in seiner Laudatio zu einer Ausstellung des Kunstvereins die Meinung vertreten, es wären nur noch Dilettanten am Werk.
Es wäre nicht mehr wichtig, sich vor einem Bild hinzustellen. Sehe ich das richtig in dem Zusammenhang was Du ganz am Anfang gesagt hast: "Es ist nicht mehr wichtig etwas auszusagen, statt dessen geht es nur mehr um Dekoration"? 

Hauber:
Nein, das lass ich mal so steh’n. Aber der Harry S. hat schon recht, dass unsere Gesellschaft es erlaubt, dass sich Leute in einer dilettantischen Art und Weise mit der Malerei auseinandersetzen, oder sich nicht auseinandersetzen sondern einfach malen. 
Die kindlich spielerische Geschichte mit Farben umzugehen sei ihnen ungenommen, sich aber hinzustellen, und zu meinen: ’Ich bin Künstler. Ich möchte für dieses Bild 3.000 DM. Was ich damit sagen will ist: ’Die Auseinandersetzung mit dem, was ich tue muss schon so intensiv sein, und zwar dass ich jederzeit in der Lage bin, das auch zu rechtfertigen, was ich da tue’. 
Was mir dann häufig widerstrebt an dem, was ich derzeit grad im Erdinger Raum so sehe, ist so eine schicke Ausdrucksweise im Zufälligem. Man macht irgendetwas und schaut, was dabei rauskommt. Und zufällig ist es ganz hübsch geworden. Und, das mag ich nicht. 
Ein Maler, der sich damit auseinandersetzt, macht nichts zufällig, sondern er weis, was er tut. Dieses Wissen um das Tun setze ich bei einem Künstler voraus.
Ich kann auch mal was versuchen, das ist das dilettantische "Schau ma mal", was passiert, bloß muss ich mir dann einprägen "Was ist passiert?", um es wieder einsetzen zu können; ganz bewusst und in verbesserter Form - dann ist es ein Lehrstück, dann war es eine Lehrstrecke. So etwas kommt immer wieder.
Wenn man sich hinstellt und sagt: "ach schön, toll, und dann mach ich wieder was anderes". Dieses "Nicht-Auseinandersetzen, mit Licht, mit den grundsätzlichsten Dingen, ... 
- All die ganz großen, die Giganten in der Malerei, waren erst einmal hervorragende grandiose Handwerker. 
Neueres Beispiel: Richter: ein grandioser Maler, handwerklich, der dann seine Handwerklichkeit verlassen darf, und dann sich selbst freigibt, es loslässt, und mit diesem Handwerk anderes schaffen kann. 
Diese Leute, von denen Seeholzer spricht, das sind diese Leute, die das Handwerk nie erlernt haben, und gleich meinen, das große Gegenstandslose schaffen zu können.  

Ted:
Ich glaube, das wollte der Harry S. auch rüberbringen.  

Hauber:
So glaub ich, hat es auch einen Sinn.
Was derzeit einen immer größeren Einfluss nehmen wird, das kommt aus den Ghettos; das sind die Spayer, das sind die Hipp-Hopper. Da hab ich schon grandiose Sachen gesehen, von ganz ganz jungen Leuten, also auch kompositorisch. Die wollen auch Inhalte vermitteln. Das kommt immer drauf an, und es muss nicht sein. Also da gibt es durchaus Strömungen, grad von jungen Leuten, das find ich so wichtig, dass da was kommt, dass auch musikalisch wieder was kommt; dass da musikalisch auch wieder Stellung bezogen wird. Grad im Hipp-Hopp. Hipp-Hopp lebt von der Sprache, das heißt auch von den Inhalten. Du kannst nicht Blablabla, oder "Dadada", jenes Trio ... 

Koppe:
Das war ja ne Karikatur für jene "Blablabla-Zeit".  

Hauber:
Ich mein ja, bei den Hip-Hoppern, wenn die loslegen, und Freestyle machen, da ist ja auch viel Blödsinn dabei. Das ist ja auch recht, und es hat ja auch seinen Stellenwert, wenn es Spaß macht. Aber großteils sind es auch Inhalte, und gar nicht so lapidar. 

Ted:
Es sind teilweise auch recht krasse Texte. Und wenn man sich überlegt, was das für Einflüsse grad auf die Jugendlichen darstellt, etwa in Amerika. 

Hauber:
... aber auch hierzulande, unser deutscher Hipp-Hopp.  

Ted:
Ich hab ja Kontakte in diese Bereiche, und wenn man da genau hinhört: da geht’s nur mehr um Bongs (?) und um den ..eten zu.. (?) - also das ist uferlos. Da geht’s um poppen; dann wird teilweise das Kanackendeutsche mit verwandt. 
Was mir tatsächlich stinkt, dass hinter dem Ganzen durchaus Rhythmus dahinter ist, der treibt. Wo ich mir denke, die könnten auch gut Blues spielen; aber der Text ist so krass, ... 

Hauber:
Aber es gibt auch politische Texte, die ganz eindeutig gegen Rassismus und gegen die Spießer gerichtet ist. 
Die Hipp-Hopp-Szene ist eigentlich eine sehr linke Szene.  

Ted:
Das kann ich nicht so unterscheiden. Hipp-Hopp, Techno, ... 

Hauber:
Also die Hipp-Hopper, die sind viel krasser als wir früher mit Beatles und Stones waren. Also ein Hipp-Hopper geht nie in 'ne Techno-Kneipe. 
Also grad im Hipp-Hopp, da gibt es drei Bereiche: Da gibt’s die Musik, dann gibt’s die Sprayer, und dann Skaten. Die haben Bärtchen oder kurze Haare, oder gerastert, und dann gibt’s heute auch wieder Reggae (?). 

Koppe:
Soweit ich die Szene in Erding kenne: da gibt’s in Altenerding 'ne Skate-Anlage, und dann 'ne Musikgruppe, "Delon" heißen die, und die spielen Punk.  

Hauber:
Sicher verschwimmt das auch. Aber die Technos und Raver, die sind ganz außen. 
Ich war vor zwei Jahren eher zufällig in Berlin, als dort die "Love-Parade" lief. Also, das war nun überhaupt nicht mein Ding.  

Koppe:
Es entwickelt sich die ganze Szene ja weiter, teilt sich, verflüchtigt sich, taucht wieder anders auf, zerteilt sich. Insgesamt ist die Szenerie ja viel unübersichtlicher als damals, als alles mit den Beatles und den Stones begann. Damals gab es zwei Lager.
Wird das immer unübersichtlicher, oder kann es überhaupt noch Moden geben, grad heute im Zeitalter der Globalisierung?  

Hauber:
Das ist schon richtig. Es gibt wesentlich mehr Bereiche als früher. Aber sie sind auf der ganzen Welt gleich. Meine Tochter hat grad eine Hipp-Hopp-CD aus dem Senegal bekommen. Da fließen afrikanische Elemente ein, dann gibt’s natürlich auch französische und amerikanische Einflüsse; aber im Grunde bleibt es Hipp-Hopp. 

Koppe:
Auch in der Architektur gab es ja immer bestimmte Phasen, in der bestimmte Baustile modern waren: von der Romanik über die Gotik, bis zum Barock, zur Reaissance, dem Klassizismus, usw.; irgendwann wiederholte man sich, setzte das Wort "Neo-" davor.
Wird es nicht irgendwann mit der Musik ähnlich sein, so dass irgendwann alles schon mal da gewesen ist: Ich denke, es wird immer schwieriger, etwas vollkommen neues zu erfinden..
Wie sieht es denn bei der Malerei aus? Vielleicht gibt’s ja irgendjemand, der krampfhaft nach einer neuen Idee sucht ... 

Hauber:
Es gibt in der Malerei nichts mehr, was es nicht schon irgendwo gegeben hat.  

Koppe:
Wenn dann ganz "verrückte" Sachen, wie die jenes Herrn Beuys, indem er Butterberge zur Kunst erhob. 

Hauber:
Das hat allerdings mit "Verrücktheiten" nichts zu tun, sondern damit, dass es häufig nicht um Kunstrichtungen geht, sondern um Philosophien, um Surrealismus.
Vater des Surrealismus war mit André Breton übrigens ein Literat, der die Maler erst durch seine Inhalte inspirierte, so zu denken. Dazu kam dann die Psychoanalyse, also um Dada und Freud, usw. Das floss alles in den Surrealismus ein. 
Man kann schlecht etwas voraussagen, aber es gibt nichts mehr, was nicht schon irgendwann gemacht wurde.
Jeder muss sehen, dass er in dem Bereich irgendwie überlebt. 

Koppe:
... sich von den bestehenden Strömungen etwas herausholt; etwas für sich passendes. 

Hauber:
... und dann kann man über den "Kunst-Markt" reden, wie über den "Auto-Markt". 

Ted:
Dann können wir gleich über Politik reden ... 

Hauber:
... oder über den Wurstverkäufer. 

Koppe:
Ist das der Hauptunterschied zu den 68’ern, ... als noch alles möglich war; und was ganz extrem im Musikbereich galt: man war immer der Erste, gehörte zumindest ganz vorne mit dazu!
Galt das auch bezüglich politischer Philosophien, gesellschaftlicher Ideen, der eigenen Kreativität, und dem Glauben, etwas tatsächlich verändern zu können? 

Hauber:
Sonderbar ist es ja so, dass bestimmte Kunstströmungen immer sehr allumfassend waren; z. B. ganz Europa erfasst haben. 
Das macht nicht einer allein, sondern es entwickelt sich, bricht heraus, es musste beinahe zwangsweise so kommen. Das war bei den Futuristen so, das war bei den Surrealisten und bei den Expressionisten so; und genauso war das in den 70’ern mit dem Photorealismus, der dann plötzlich von Amerika bis in die Schweiz, und überall angesagt war. Jeder hat photorealistisch gemalt. Warum alle auf einmal? Da war nicht einer, der gesagt hat "jetzt machen wir alle Photorealismus".
Ich weis nicht wieso, und kenne den Auslöser nicht, aber in der Dokumenta 5 war Photorealismus der Renner. Ein Jack Close (?) mit fotorealistischen Portraits von fünf Meter Höhe - Wenn du dich auf fünf Meter genähert hast, hast du nicht erkannt was es ist, erst aus 50 Metern Entfernung hast du es erkannt.
Ich mein, ich kenne die Gründe nicht, wieso so etwas passiert - aber dazu, dass etwas passiert, muss etwas passieren.
Das war bei den "jungen Wilden" in den 80’ern auch so, allerdings beschränkt auf Deutschland.  

Koppe:
Das ist wohl auch schwierig, hier in Deutschland der Auslöser für internationale Mode zu sein. 

Hauber:
Vor einiger Zeit gab’s den Italiener Sandro Pia (?), der ging in die Staaten, nach New York, weil er sich das leisten konnte, und hatte von dort aus dann andere inspiriert. 
Ein Künstler ist ja wie ein Schwamm. Er nimmt alles auf, was ihm umgibt und inspiriert, und irgendwann kommt es raus; ganz anders - hoffentlich, als wie man es eingesaugt hat, das Bild oder auch das "Werk", wie der "Faust" von Goethe, und zwar so, dass Eigenständigkeit, Ehrlichkeit und Autenzität ganz wichtig ist. Egal, ob jetzt Einflüsse von Außen erkennbar sind. Die sind immer da, weil halt schon alles mal da war, weil alles schon mal ausprobiert wurde.  

Ted:
So eine Subjektivität im Ausdruck, die Du da auf alle Fälle unterstellst, die fällt dann bei den "Zufalls-Künstlern" weg, die Du als Dilettanten darstellen. 

Hauber:
Zufalls-Künstler insofern: auch wenn sie zwanzig solche Bilder malen, sie nicht sagen können: dieses Bild ist von mir, dieses hat meine Handschrift. 

Koppe:
Der Reiter hat auch eine Handschrift 

Hauber:
Durchaus. Grad die ersten Sachen. 

Koppe:
Aber Du sagtest doch: Wenn man erst einmal eine eigene Handschrift hat, entwickelt man diese weiter. 

Hauber:
Man kann als Künstler eine Form wählen und kann diese fortführen, immer weiter. Dann sieht man eine Kontinuität in der Entwicklung. Oder Du sagst ’Stop’, und möchtest dich in einer ganz anderen Richtung ausdrücken. Und das war dann beim Herrn Reiter so, dass er nach seinen großen Hamsun-Figuren jene Tropfbilder (?) auf die Leinwand setzte; aber das waren alles reine Jackson-Pollok-Applikationen. 
Ich mein, er kann das auch sagen: "ich hab den Pollok aufgesogen, und ihn dann wiedergegeben" - berechtigt. 
Jackson Pollock tauchte den Pinsel in den Farbtopf, kletterte dann eine Leiter hinauf, und sah runter und wusste ganz genau, wohin er die Farbkleckse haben wollte.  

Ted:
Da fängt es an zu zerfließen. Was ist Bewusst, was ist Subjektiv, was ist Gewollt, was ist Kunst, und was ist Zufall? 

Hauber:
Der Erwin Dosch (Stadtrat mit dem ehemaligem Edeka-Laden), hat während meiner Ausstellung zu mir gesagt: "Ihr mit Eurer modernen Malerei, wie soll ich das rausfinden was jetzt Kunst, und was Schund ist?"
Und da hat er recht. Aber woran liegt das?
Das liegt an der Ausbildung an unseren Schulen; daran, dass die geschmackliche Bildung zu wenig gefördert wird, dass z. B. auch im Zeichenunterricht wert auf so eine Art Stilkunde gelegt wird; dass man auch erfährt, wieso eine Kirche so aussieht; sie können ja nicht einmal Barock und Renaissance unterscheiden; wieso sieht eine gotische Kirche so aus?
Ich bin niemandem böse, darauf dass er es schön findet, wenn er eine wunderbare Waldlandschaft bei sich im Wohnzimmer aufhängt, mit einem röhrendem Hirschen darauf.
Ich mein, in einem gewissen Zimmer, könnt ich mir das auch vorstellen. Ein wunderbarer Gag.  

Ted:
... als Jagdzimmer 

Hauber:
Ein Pop-Zimmer. Mit einer Pink-Wand, und darauf auf einem wunderbar kitschigen Goldrahmen mit einen Hirschen drauf. Das macht’s halt. 

Ted:
Der röhrende Hirsch vertritt ja eigentlich so eine Philosophie des Denkens 

Hauber:
... wo schon so eine gewisse Dumpfheit im Denken mitspielt. Es ist ja auch immer eine Frage der Zeit und der politischen Zusammenhänge, so dass sich z. B. das Biedermeier entwickeln konnte. Grade derzeit ist es wieder so: Die Leute gehen sehr nach innen, um sich dann eben so eine "heile Welt" nach Innen zu holen.
Dieses nicht nach außen gehen, und in sich zufrieden sein; am besten mit Zwanzig und abgeschlossener Berufsausbildung schon an die Rente denken. 

Ted:
Siehst Du eine solche Tendenz? 

Hauber:
Ja, ich seh’ das täglich um mich herum. Ich wohn’ da in einem Neubaugebiet, um mich herum großteils Zwanzig- bis Dreißigjährige, und wenn ich mir diese Menschen anschaue, dann hab ich diesen Eindruck. Im Grunde haben sie ihre Lebensplanung abgeschlossen. Das Haus ist gebaut, zwei Kinder sind da, jetzt sind sie noch nicht einmal Dreißig. Das sind so viele. 

Koppe:
Schön langweiliges Leben, ohne zu schauen, was existiert eigentlich sonst noch an Möglichkeiten um mich herum; keine Neugierde, auch um mich selbst auszuprobieren, weiterzuentwickeln? 

Hauber:
Um Gottes Willen! Angst! 
Wenn jetzt da jemand käme, der ihnen etwas anderes vorlebt, ... 

Koppe:
und was anderes hat. 

Hauber:
Was der andere hat, da schaun’s schon. Das machen’s alle nach.
z.B. steht da ein schönes Gartenhaus. Zwei Monate später stehen zehn schöne Gartenhäuser.
Da hat eine ein Rollo; bald darauf haben alle ein Rollo.  

Koppe:
Hat das mit dem Konsumverhalten zu tun. Es ist alles da. Bei der Kunst ist es ja auch so. Da alles schon mal da war, braucht man sich auch nichts neues mehr überlegen.
Dann sitzen die Leute irgendwo in der Wirtschaft, oder fühlt sich beim Speak Easy als Eindringling, wenn alle Köpfe zur Tür gehen. 

Hauber:
Die Leute gehen doch gar nicht fort. Schau doch mal rein. Erst mal sind 60 Prozent um die 18., dann sind es auch Hausfrauen, oder Vertreter. Aber der echte, der Erdinger an sich, der typische alte Moosbüffel, der geht da sowieso nicht hin. Der ist früher zum Stammtisch gegangen, in irgendeine Wirtschaft. 
Der fährt ja auch zum Einkaufen eher nach Landshut, weil "ich schmeiß doch dem Gruber mein Geld nicht hin". Verstehst, so ist das Erdinger Denke. "Ihr könnt schon bei mir kaufen, aber I kauf nicht bei eich".
Als ich noch ein Junge war, hatte Erding 10.000 Einwohner. Jetzt sind’s über 30.000. Das können ja nicht alles Erdinger sein, die sind ja nicht so schnell gewachsen, die müssen irgendwo anders hergekommen sein. Und wo sitzen die? Die sitzen irgendwo außen herum, im Speckgürtel dieser Reihenhaussiedlungen, und arbeiten sonst wo, da fahren sie hin und her. Die Stadt Erding interessiert sie überhaupt nicht. In die Stadt Erding bringen sie sich nicht ein. Da geht man vielleicht mal Eisessen, aber Einkaufen tut man da draußen beim Semptmarkt oder beim E&C. 
Da musst einmal am Freitagnachmittag in die Stadt schau’n, die ist leer. Und dann schaust zur selben Zeit am Semptmarkt, da ist die Hölle los. 
Das ist das was ich mein: dieses Einbringen in die Stadt, dass diese Stadt als Kommunikationsbereich überhaupt wahrgenommen wird, das findet längst nicht mehr statt. Statt dessen sitzt jeder nur mehr in seinem Gärtchen. 

Ted:
Das sind für mich die Leute, die auf den dritten Weltkrieg warten. Die warten, dass was passiert. 

Hauber:
Nein, die ruhen so in sich selbst. 
Schlimm ist, wenn Du ihnen ein anderes Leben vormachst, dass man anders leben kann, dann reagieren sie aggressiv. 

Ted:
Ja, das ist doch der Punkt. Dass sie darauf warten der sagt "so, jetzt ist aber vorbei mit der Gemütlichkeit", dann werden die nämlich aufstehen, um ihre Bequemlichkeit zu verteidigen; aber was die tun, um ihre Bequemlichkeit zu verteidigen, das möchte ich dahingestellt wissen. Und deshalb sag ich "Dritter Weltkrieg".
Und so in etwa läuft es doch ab, was derzeit in Afghanistan passiert. 

Koppe:
Die Verteidigung der eigenen Interessen, bezüglich Status Quo, Stichwort Energien, Öl, ... 

Ted:
Es geht immer darum, der Bevölkerung zu suggerieren, wie gut es ihr geht, und dass es andere gibt, die einem das wegnehmen wollen. Da gibt es auf der einen Seite die Guten, und auf der anderen Seite den Bösewicht, und dann kann man alles machen, was man will. 

Koppe:
Ein recht einfaches Feindbild und einfache Schlagworte. Als Staatsbürger braucht man dann möglichst einfach gestrickte Leute, die möglichst keine Fragen stellen. 

Ted:
Islam = Araber = Kanaken; manche Dinge werden ja auch selbst inszeniert, um die Möglichkeit zu haben, dann richtig drauf zu schlagen.
Dieses Big-Brother-Teil durchziehen zu können, mit Billigung der Öffentlichkeit.
Einige Politiker, auch in Deutschland haben sich dann gefreut: Jetzt kommen wir durch mit unseren Gesetzen. Jetzt ist die Möglichkeit da. 

Koppe:
... Spätestens dann müssen wir die letzten Passagen des Interviews streichen.
Aber, um auf die Biedermänner zurückzukommen, mit den neuesten Rollläden, die man runterziehen kann, wenn draußen irgendwas interessantes laufen könnte, dann stellt sich die Frage, ob dies für die nächsten 10 oder 20 Jahre gilt. Geht die Tendenz in diese Richtung weiter?
Sind wir optimistisch, dass die Leute von sich aus, oder vielleicht auch ein wenig durch uns wieder aktiv und kreativ werden. 

Hauber:
Da ist halt auch die Frage: Wo befinde ich mich? Das ist eine sehr entscheidende Frage.
Erstens befinden wir uns in Erding. An einem Ort, wo vor über hundert Jahren irgendeinen Landrat entschieden hat, dass Erding keine Bahnstrecke erhalten soll.  

Koppe:
Immerhin gibt’s ein Abstellgleis. 

Hauber:
Noch nicht mal. Die wollten überhaupt keines, um ja niemand von Außen her zu bekommen. Man wollte ja unter sich sein. Es könnte ja eventuell eine Konkurrenz rein kommen. 
Was meint ihr, wie lange sich ein Krönauer hier in Erding gewehrt hat, weil neben ihm ein italienisches Eiscafé aufmachen wollte?
Ja, das sind die alten Existenzängste. Dieses typische Moosbüffel-Denken - dieser Name kommt ja nicht von ungefähr; dieses Betonkopf-Denken. 
Dann kam einer, der hat g'sagt: jetzt bau’n wir an' Zug. Und irgendwann hat jemand g'sagt: jetzt bau’n wir an' Flughafen. Die Erdinger konnten sich schwer dagegen wehren. Blöd war nur, dass' den Zug nicht weiter gebaut haben. Das hätte man gleich am Anfang tun können, aber man hatte es ja nicht gewollt.
Das sind so Geschichten, da fangt's erst mal an. Und wenn du jetzt überlegst, was in Mühldorf los ist, was in Freising los ist. Dann - meine Frau war erst in Memmingen. Memmingen ist nicht größer als Erding, aber die haben ein eigenes Stadt-Theater.  

Koppe:
Erding seit kurzem auch! Das macht ein Toni Huber. 

Hauber:
Ok - Toni Huber ist ein reizender und netter Mann, ... 

Koppe:
... der immerhin seine Erfahrungen außerhalb gemacht hat.  

Hauber: 
aber trotzdem ist das nur schwer miteinander zu vergleichen. Er wird es in Erding schwer haben. Leider. 
Also was mir hier in Erding fehlt ist so etwas wie der Hirschwirt 
- also ein ganz loses Forum von Intellektuellen, auch von älteren Leuten, die einfach anders denken.

machen wir den Rekorder aus, ...
 

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