|
Hauber:
Die
Schwankl ist natürlich interessant. Sie redet zwar nicht ganz
einfach zu verstehen ...
Koppe:
...
und dann auch kaum von ihrem Thema wegzubringen.
Ted:
Ja,
stimmt. Sie ist schwer zu verstehen.
Hauber:
Aber
sie hat einige Bekannte, die damals zu Picnic-Zeiten so ende Zwanzig waren,
furchtbar fertig und kaputt. So hat
sie es immerhin geschafft, dass der Bayrische Rundfunk einige Sendungen darüber
gesendet hat. Es ist ja dann auch einiges im Speak Easy gelaufen. Das wurde 1972
gegründet.
Ted:
Was
ist das Speak-Easy eigentlich?
Hauber:
Das ist das Wohnzimmer
für jene, die von dieser Zeit übrig geblieben sind.
Wenn
man da rein kommt - ich komm da so alle zwei Jahre einmal rein, dann drehen sich
alle Köpfe nach dir um: "Wer kommt denn da rein?".
Du
betrittst Privat-Sphäre.
Ted
+ Koppe:
(lachend)
Den Eindruck hatten wir auch.
Koppe:
Anneliese Brückner, Kultur-Redakteurin vom Erdinger Anzeiger, ist dort
Stammgast. Die stammt doch auch aus Erding, und könnte uns vielleicht auch
etwas zur Szene sagen. Das ist ja überhaupt das Problem: wir haben eine Menge Männer
als Interviewpartner, vielleicht wär die Frauen-Perspektive auch mal
interessant.
Das
wär auch deshalb nicht schlecht, weil sie als Vertreterin der größten
Tageszeitung bestimmt einiges zu sagen hat. Allerdings bin ich mir dann nicht
sicher, ob unsere Aktivitäten im Sinne des Erdinger Anzeigers sind.
Wir
haben ja schon einige Versuche hinter uns, mit der Frau Derlet, die eher von geringem Erfolg gekrönt waren.
Hauber:
Wen ihr fragen könnt,
und der bestimmt sehr gerne redet, das ist der Herr Sardison, von der Erdinger Süddeutschen
Zeitung. Der kann euch vieles von der Musik-Szene erzählen.
Der
kam so in der Disco-Zeit, Anfang der 70er Jahre nach Erding, war vorher Verkäufer
in einem Münchner Plattenladen, und hat dann im Marquee aufgelegt.
Der könnte euch also einiges zu damaligen Szene erzählen.
Und
zwar besser als ich, denn zu der Zeit war ich nur selten in Erding.
Koppe:
Wo
warst Du denn?
Hauber:
Ich
hatte mich damals immer mehr in Richtung München orientiert. Das ging damit los, als
ich das Studieren angefangen habe, und ich dann in der Parksiedlung gewohnt
habe. Ich bin dann krank geworden, irgendwann hab ich zu arbeiten begonnen, war
aber dann eigentlich zwanzig Jahre nur mehr wenig in Erding. Das ist auch heute
noch so: ich arbeite zwar in Erding, aber mein Bezug ist eigentlich München,
wenn ich Ausgehe oder kulturelle Angebote suche.
Koppe:
Das scheint mir
generell ein Problem in Erding. Es
gibt ja durchaus immer mal wieder Leute, die hier etwas bewegen wollen. Weil es dann in
Erding oft Widerstände gibt, andere potentiell interessierte in Richtung
München orientiert sind, bleibt am Ende doch alles wie es zuvor war ...
2.
Die 50'er und 60'er: paramilitäische Ausbildung statt Entnazifizierung?
Wer erinnert sich noch an die Zeiten der Kassetten-Recorder?
Auch mitten in unserem Interview hatten wir plötzlich mit dem Phänomen namens
Band-Salat zu kämpfen,
Die nächsten ca. 3 Minuten des Mitschnitts gingen leider auf diese Weise verloren.
Verständlich wurde der Mitschnitt erst wieder, als Peter Hauber von seinen ersten Schuljahren erzählte,
und zwar, als der Name eines Lehrers fiel.
Hauber:
... aber den Klesper.
Koppe:
den hatte ich auch, und
zwar in der 3. und 4. Klasse. Berühmt, berüchtigt - für mich nach dem lieben
"Fräulein Gradl" (Frau Auer) ein Schock, der bis heute Spuren hinterlassen hat.
Hauber:
Na wunderbar. Das war
auch wirklich unglaublich, was da passiert ist. Prügeleien im Klassenzimmer, mit Blut und alledem.
Ted:
Ich dachte ja, nachdem
die Amerikaner gekommen waren, sei das nicht mehr möglich gewesen.
Hauber:
Also diesbezüglich
hielten sich die Amerikanern raus. Da war gar nichts festzustellen.
Die Amerikaner: das
waren für mich die ersten Neger, die ich je gesehen hab - wobei: das Wort
damals auch noch so genannt, und nicht diskriminierend gemeint war.
Die G.I's, die mit dem
Panzer durch Erding gefahren sind, waren Schwarze. Und da sind auch nirgendwo
CowGummi aus irgendwelchen Panzern rausgeschmissen worden. Das waren Besatzer,
und wir waren die Besetzten.
Koppe:
Hatten
die sich nicht in das gesellschaftliche Leben eingemischt, oder mal geschaut:
was passiert in den Schulen?
Ted:
...
Schlagwort Entnazifizierung?
Hauber:
Um
Gottes Willen. Wie denn auch? Es gab ja keine Lehrer. Die Verwaltung hatte ja
irgendwie weiterlaufen müssen. Man hätte ja alle rausschmeißen müssen, weil
fast jeder ein Nazi war.
Das
Gedankengut, übrigens in ganz Europa, war nationalsozialistisch; nicht nur in
Deutschland. Das war doch der Grund, wieso diese Nationalkriege überhaupt
entstanden.
Dieser
national denkenden Masse gerecht zu werden: ich mein, diese Leute sind
scharenweise alle freiwillig in den 1. Weltkrieg gerannt, nur um gegen die
"Franz-Männer" zu kämpfen. Das ist doch alles irrational; so muss
man das doch sehen. Aber nach dem Krieg mussten all diese Leute wieder
einsetzen, um überhaupt eine funktionierende Gesellschaft wieder hinzukriegen -
egal was war, in allen Verwaltungen, und natürlich auch im Schulbereich.
Sogar
als ich ins Gymnasium kam, war da ein Lehrer, der mit uns paramilitärische
Ausbildung betrieb:
"rechts rum, links rum, in Reih und Glied, ..."; dann hatte er eine
Platte aufgelegt: "Turner, auf zum Streite..."; da mussten wir dann
mitsingen und marschieren, "links, links, links". Das war
Turnausbildung im Gymnasium Erding 1955, 56.
3.
Kneipen, Prostitution, Krawall und Rock'n Roll
Koppe:
War
es dann nicht logisch, dass sich die Jugend irgendwann zu wehren begann?
Hauber:
Zu
der Zeit, in den mittleren 50ern, war das noch nicht relevant. Erst Ende der
50er, Anfang der 60'er Jahre, als die Leute dann so an die 20 waren, ging das
allmählich los. Ausdruck
fand das erstmals bei den Schwabinger Krawallen. Das waren die
Vorläufer der 68'er.
Also
von wegen die Amis. Die waren doch die, gegen die mein Vater ganz privat noch
Krieg geführt hat, und den mein Vater auch gewinnen wollte, zu gewinnen
glaubte.
Koppe:
Wieso?
Hauber:
Weil
er zumindest einmal in der Woche mit denen eine Schlägerei hatte, so daß er
blutüberströmt nach Hause kam. Das war mein "touch" zu den Amis.
Ted:
Also
ich hab ja gehört, dass zu der Zeit so ziemlich die Hölle abging, was Kneipen, oder auch Prostitution betrifft.
Hauber:
Das
ist richtig. Das gab es. Aber diese Lokale waren Enklaven. Es gab etwa 5 bis 8
in Erding. Da gab es die Roxa Bar, die Broadway Bar, oder den Chinesen - Der hieß
so, weil da zwei Chinesen drin waren. Dann gab's den NCO-Club (?). Die Broadway
Bar gabs bis zum Schluß, bis in die 60er Jahre hinein, und wurde abgerissen,
als man dort die Anton-Bruckner-Straße gebaut hat. Die haben Live-Musik
gemacht, da war ich so 14, und wollte da ein paar mal reingehen.
Wir
waren die erste Rock-Band in Erding. Es gab etliche andere vor uns (???).
Ich
weis noch: ein Bekannter einer anderen Band, von den "Sharks" begrüßte
mich vor dem Eingang, fragte mich "Schaut's ihr euch auch den Rock'n Roller
an?".
Er
wollte dann vor uns rein, machte die Tür auf; in dem Augenblick kommt eine
Faust heraus geflogen, und genau dem Bekannten auf die Nase, so dass er am Boden
lag.
Koppe:
...
vom Türsteher?
Hauber:
Nein,
der hatte halt Pech gehabt. Da war eine Schlägerei drinnen, und scheißegal wer
die Türe aufmacht ...
Ted:
War
es nicht so, dass sich allein durch die Präsenz und die Menge der Konsumgüter, die
damals durch die Amis reingekommen sind, etwas verändert hat - grad auch im
Bewusstsein der Erdinger?
Hauber:
Man
muß sich das so vorstellen: es gab in
Erding zwei Wohnbereiche der Amerikaner. Das war einmal in Williamsville,
und zum anderen die Siedlung beim Kiderle (hinterm Bahnhof in Richtung
Altenerding). Diese Bereiche wurden mit einem 2,50 oder 3 m hohem Maschenzaun
abgegrenzt. Dort spielten die amerikanischen Kinder auf ihren Spielplätzen, wo
wir nur riesige Augen gemacht haben, was die alles hatten: an Schaukeln,
Rutschen, Klettergerüsten, ... Und das tollste waren die amerikanischen Jeans,
mit dem doppelten Knien (?). Wenn du das mit den deutschen Jeans verglichen
hast, ... - das war für uns DIE Unterscheidung.
Das
einzige, was in den Läden wirklich amerikanisch war, war der Dubble-Bubble. Das
war DER Kaugummi überhaupt.
Koppe:
Was
war denn mit Zigaretten? Gab es da einen Mangel?
Hauber:
Also,
ganz in den frühen 50ern gab es schon noch Mangel an vielem, aber bei den
Zigaretten gab es schon nach der Währungsreform 1948 keine Probleme mehr. Es
gab damals die Zigaretten offen; man konnte sie offen kaufen, dann gabs Zweier-
und Fünfer-Packungen für 50 Pf., und zwölf für ne Mark.
4.
John Lennon als Initalzündung
Koppe:
Neben
Kaugummi, Zigaretten, Jeans, Spielzeug, das von den Amerikanern kam, was war
denn mit der Musik? Gab es aus dieser Richtung Einflüsse, die Dich betrafen?
Hauber:
In
den 50ern war ich eigentlich noch zu klein, obwohl ich mich an den frühen Elvis
erinnere: "Jalehouse Rock", ... Das war ansatzweise durchaus auch so
etwas wie ein Hoffnungsträger gegen das Establishment. Im Gegensatz zu Bill
Haley, der war eher so ein abgefuckter Schlagersänger.
Das,
was da über den großen Teich rüberkam, war natürlich schon irgendwie toll,
aber es hat mit mir nichts gemacht, das war nicht wirklich wichtig, es gab mir
keinen Raum ...
Also
bis 14, da hab ich Jazz gelernt, Jack Clousset, Brad Bach, Be Bob, Miles Davis,
usw. Das war meine musikalische Prägung.
Dann
hab ich eines Tages einen Song gehört, da hat sich jemand das Herz aus dem Leib
geschrieen, und das war der John Lennon mit "Twist and Shout".
Koppe:
Aha,
also dann war wirklich der John Lennon damals für Dich die Initialzündung.
Hauber:
Das
war etwas Neues, dass jemand nicht singt und Tralala, ... sondern schreit. Mir
ist es kalt den Rücken hinuntergelaufen. Das war 'ne Initialzündung.
Koppe:
Und
dann gab's ja auch noch die Stones.
Hauber:
Die
kamen wenig später, bauten sich ein ganz anderes Image auf. Es hieß immer,
zwei verfeindete Lager. Auf der einen Seite die Beatles- und auf der anderen die
Stones-Fans. Aber das stimmt nur vage. In Wirklichkeit hat man auf Partys die
Stones genauso gehört wie die Beatles, man hat genauso getanzt oder geschmust.
Also, dass da so eine scharfe Trennung war, das stimmte sicher nicht.
5.
Protestkultur: Republikaner-Club und Zeitschrift "Eye"
Ted:
Es
war also dann nicht so, dass konkret hier in Erding durch die Amerikaner deren
Kulturbewusstsein rüber gekommen ist?
Hauber:
Nein,
überhaupt nicht. Auch im Bereich Sport. Also es gab da immer mal wieder Leute -
ich rede jetzt von der Zeit, in der ich mich als Kind noch gut erinnere, so '58
'60 herum, dass immer wieder Jungs ins Schwimmbad gekommen sind, mit Baseball-Schläger, Fangschuh und dem dazugehörigem Ball. Das hat überhaupt
niemandem interessiert. Die Leute haben Fußball gespielt.
Es
war auch nie so, als wenn irgendjemand gesagt hätte: "Mensch, das ist
geil". Nein. Diesen kulturellen Einfluss, den gab es nicht, den gab's nur
musikalisch.
Ted:
Und
in dem Maße wie eigentlich überall in Deutschland, damals in den 60ern.
Hauber:
Da
entstand doch auch eher ein Anti-Amerikanismus, und kein Pro-Amerikanismus. Das
ist ja ganz klar, da begann der Vietnam-Krieg.
Koppe:
War
für die Masse der Bevölkerung, grad auch hier in Erding, der Amerikaner nicht
der Befreier; auch der Beschützer gegen die bösen Russen - unabhängig davon,
wie die Teilung denn nun tatsächlich zustande kam, und wie sie informiert
wurde?
Hauber:
Das
ist 'ne ganz schwierige Geschichte, und das sind auch Generationsfragen, und die
sind ganz knapp hintereinander. Wenn ich jetzt schaue, also mein Vater, der nur
24 Jahre älter war als ich - das ist nicht viel für Vater - Sohn; der war ein
absolut antiamerikanischer Mensch aufgrund seiner Kindheit, seines Erlebens, und
er war ein Kriegsteilnehmer. Und für mich war das als Kind sehr positiv. Also: AFN
hören, als Kind schon - etwas anderes konnte man ja gar nicht anhören; die
Geschichte mit der Kleidung - das kam ja immer mehr rüber, gewisse Dinge hat
man ja auch adaptiert, Jeans natürlich, und dann gab es in den 50ern auch
solche amerikanischen Krawatten, mit zwei Schnürl in einem Taler drin, oder
Sonnenbrillen, ...
-
also der rein modische Einfluss ist mir mehr hängen geblieben als alles
andere.
Aber
dass sich da eine Solidarität zu den Amerikanern aufgetan hätte ...? Man darf
nicht vergessen, dass sie bis vor kurzem noch auf dem Chiemsee oder auch auf
allen anderen bayrischen Seen als einzige mit Motorbooten fahren durften, während
es für jeden Deutschen verboten war. Es gab also gewisse Privilegien, welche die einer Besatzungsmacht waren. Es wurden auch
keine Flurschäden bezahlt, wenn die Panzer irgendetwas beschädigt hatten. Und
genauso wie eben Besatzer hatten sie sich auch aufgeführt.
Ted:
Und
es gab nie von amerikanischer Seite irgendein Bestreben, irgend einen Keim zu
setzen gegen den Nationalismus, für eine Demokratisierung, ...?
Hauber:
Dem
"Red-Neck", der irgendwo aus Arizona oder sonstwo kam, nicht mal weis,
wo Germany wirklich liegt, ist das scheißegal. Der machte seinen Job, und hatte
Null Interesse.
Koppe:
Entscheidender
finde ich doch die Verantwortlichkeit von irgendwelchen Generals, die vielleicht
eher das Wissen und die Möglichkeiten
hätten, entsprechende Ideen und Philosophien auch zu delegieren, ob innerhalb
von Schulen ...
Ted:
...
oder Stichwort "Amerikahaus".
Koppe:
...
als kulturelles Zentrum. Etwas durchaus in ihrem Sinne, etwas Offizielles, um es
auch nach draußen herzuzeigen, auch ihrem eigenen Volk zuhause, oder auch gegenüber
dem bösen Osten: "schaut her !".
Hauber:
Ich
glaube, ihr sehr das völlig falsch. Also, was Du jetzt meinst, so
Umerziehungsgeschichten kann ich selbst nicht nachvollziehen, denn ich war zu
der Zeit ja selbst noch zu klein. Auch was in den Ämtern abgelaufen ist, weis
ich nicht so genau. Vielleicht gab es den Kontakt zur Presse. Der Leiter, das
war ein Herr Press, aber ich kann über ihn nichts sagen. Ich weis weder, wo der
herkam, noch was der machte, das war mir damals scheißegal. Das war ja nach
'45, und ich bin erst '48 geboren.
Aber
die andere Geschichte, um darauf noch mal zurückzukommen, oder: Einflüsse im
kultureller Art: In München gab es das Amerika-Haus.
Ted:
Gab
es Vergleichbares auch hier in Erding?
Hauber:
In
Erding gab es kein Amerika-Haus. In Erding gab es ein Amerika-Hölzl.
Das war der Wald da hinten, wo die Amerikaner immer zum bumsen gingen. Also
alles, was hierher kam, da durfte man keine großen Ansprüche stellen. Grad in
Bezug zur Kultur.
Da
fällt mir ein: meine Großmutter hatte einen amerikanischen G. I. als
Bekannten. Der kam ab und zu zu unserer Familie auf Besuch. Der war
italienischer Herkunft, ein Mann, der drei, vier Sprachen gesprochen hat, und aus einem ganz anderem Umfeld kam, als
die 90 % der G. I.'s, mit denen sich mein Vater
nachts geklopft hat. Also, solche gab es natürlich auch, um nicht zu sagen,
dass das eine Horde von Deppen war.
Das kann ich
auch deshalb sagen, weil ich dann in den 60'ern selber G. I.'s kennen gelernt hab.
Da war das ganz positiv, auch musikalisch.
Ich
weis noch, als wir dann einmal selbst gespielt haben, und ein dicker Schwarzer auf
mich zu kam. In dem Schuppen war es ziemlich laut, so hab ich ihn nicht so gut
verstanden, als er mich fragte, irgendetwas mit "Baz". Ich dachte, er
fragt, ob wir etwas von Juan Base spielen können, und ich antwortete:
"Nein, haben wir nicht drauf". Bis wir dann drauf kamen: er wollte mal
meinen Base haben, also mal Bass spielen. Der hat dann mal mitgespielt und ich
hatte meine Ruhe gehabt.
Ich
spielte dann ja auch bei der anderen Band, wo der Cosney Klaus Gitarre gespielt
hat, hat ja Jahre lang ein Amerikaner gesungen.
Koppe:
Das
war dann eher in der Endzeit, als die Amerikaner wussten, wir sind nur noch ein
paar Jahre hier, lassen wir es ein wenig gemütlicher angehen.
Hauber:
Richtig.
Da gab es dann auch keine Konflikte mehr. Die traten dann auch immer weniger als
Besatzer auf, wussten am Schluss auch nicht mehr, wieso sie eigentlich noch hier
sind und was sie zu tun haben. Und da hatten sich dann auch Freundschaften
entwickelt. Wir waren bei jedem Ami-Fest eingeladen, z. B. in der
"Nachtwache" an der Münchner Straße.
Ted:
Wann
sind denn die Amerikaner abgezogen?
Hauber:
Weiß
ich jetzt gar nicht.
Koppe:
Ich
kenn da ein Bild, da war mein Großvater, der Herr Schmidmayer mit drauf. Da hat
es irgendein großes Fest gegeben. Ich glaub das war so 1963.
Hauber:
Ich
weis noch von Diskussionen mit G. I.'s, die meinten dann zu Beginn des
Vietnam-Kriegs, dort genauso verfahren zu müssen wie mit Hiroshima und Nagasaki. Dann wär
endlich Ruhe. Meiner Meinung waren die halt ein wenig einfacher
"gestrickt".
Koppe:
Du
warst ja zu der Zeit im Gymnasium. Da gab
es mal, grad zur Zeit auch des Vietnam-Kriegs eine Zeitschrift, "Eye"
hieß die, wo Du auch mitgemacht hast. Erklär uns doch mal Deine Rolle
dabei.
Hauber:
Ich
weis gar nicht mehr wie die gegründet wurde. Wir saßen irgendwann in jenem Café Härtl, das war das Gebäude hinterm Erdinger Anzeiger.
Ted:
Hatte
das nicht etwas mit dem Republikanischen
Club zu tun, der dort ebenfalls gegründet worden ist?
Hauber:
Also,
mit dem Republikanischen Club hatte ich nie was zu tun gehabt. Die Leute waren
ja auch eher in der WG in Oberding.
Ich hatte eher mit mir selber zu tun.
Warum
diese Zeitschrift? Ich weis es nicht. Ich weis nicht, warum wir gesagt haben,
wir machen jetzt ein Blatt.
Ein
Klassenkamerad von mir, das war der F. X.
Mayr aus Dorfen, der hier eigentlich federführend dran gearbeitet hat.
Meine Geschichte war eigentlich die, dass ich die Grafik beigesteuert hab. Das
andere hat mich eigentlich gar nicht so interessiert. Ich hab da ein paar Comics
gemacht, und die fanden die anderen dann eigentlich viel zu ... pubertär, weil
das waren so Sex-Comics. Die hießen "Vaginella und Pinisidor". Naja,
die Zeitschrift kam ein- oder zweimal raus.
Wichtig
war für mich das Cover mit dem Auge, eben dem "Eye", weil das halt
recht schön war, auch grafisch mit den drei Buchstaben.
Koppe
und Ted:
Wir
kennen die Zeitschrift
Hauber:
Und
damals war der F. X. Bogner zwar ... (?), hat mitgearbeitet, und war Autor, aber
er war bei den Redaktionssitzungen nicht dabei.
Koppe:
Wieviel
waren denn da aktiv mit dabei?
Hauber:
Vielleicht
so sechs Leute.
Koppe:
Waren
da auch Mädels mit dabei?
Hauber:
Nein.
Koppe:
Das
Thema Emanzipation kam wohl erst später; so ab den 68'ern.
Ted:
Noch
einmal ein paar Jahre zurück: Was hast
Du für Erinnerungen an Deine Kindergartenzeit?
Hauber:
Was ich
noch recht gut in Erinnerung habe, war die warme Milch, die ich immer trinken
musste. Ich fand die einfach zum Kotzen, weil sich da drauf die Haut gebildet
hat. Widerlich.
(Heiterkeit
bei allen)
Jedenfalls
ist das das einzige, was mir da noch in Erinnerung ist.
Koppe:
Hat's
damals eigentlich die Schwester Simone schon gegeben? (siehe Interview mit
Schwester Simone)
Hauber:
Ich
denke schon, ja.
Koppe:
Bei der
waren ja ganze Generationen von Erdingern.
Wahrscheinlich
kennst Du auch den Lehrer Brandes,
bis vor kurzem noch SPD-Stadtrat in Erding.
Hauber:
Ja, natürlich.
Das ist ein toller Mann.
Koppe:
Was
zeichnete den aus?
Hauber:
Das
war unser Mathe-Lehrer. Aber wir haben mit dem alles besprechen können. Im
Grunde war ich damals ja nur einer, der der ganzen Szene so ein bisschen
hinterhergelaufen ist, weil es halt schick war, dazu zu gehören.
Sicher
hab ich durchaus ein soziales Gewissen und auch Background, aber es war nicht
so, dass ich nun besonders politisch interessiert war. Mir
waren Zeitschriften wie "Twen" viel wichtiger wie "Konkret";
einfach schon vom Aussehen her, wie von den Inhalten. Da war Mode drin, da war
Jazz drin, ... (?) - das hat mich interessiert.
6.
Die "Vultures" von Peter Hauber - und andere Erdinger Bands
Koppe:
Es hat
uns ja bereits der Edi Speckmeier (siehe Interview: Speckmeier) erzählt, dass
es innerhalb der Szene damals verschiedene Fraktionen gegeben hat; die einen
waren eher politisch, die anderen eher an Musik interessiert.
Hauber:
Und
gegenseitig war man sich nicht gram deshalb, weil man nun nicht ganz auf der
jeweils anderen Seite einsteigt. Man konnte es tun, und wusste, man schwimmt
irgendwie auf der selben Wellenlänge. Aber das hieß nun nicht, dass es nicht
verschiedene Bereiche gegeben hätte.
Koppe:
Was
ist für Dich aus der damaligen Zeit geblieben. Gibt es Zusammenhalte aus dieser
Zeit; Gruppen, die sich heute noch Treffen, irgendwelche Fäden, die noch
existieren; irgendwelche geheimen 68'er-Kreise, die sich noch in irgendeinem
finsterem Keller treffen, um Pläne zur Weltrevolution zu schmieden?
Hauber:
Nein,
also die Clique, in der ich mich befand, darf man sich als kaum politisch
vorstellen. Irgendwann war das eine Rock-Band, und um die herum hat sich eine
Clique gebildet. Das ging so, dass wenn wir irgendwo aufgetreten sind, dann war
da immer ein fester Kern von zehn, zwanzig, dreißig Leuten um uns herum. Und
das war die Gruppe, um die herum dann Feste gefeiert wurden.
Koppe:
Welche
Gruppe und welche Zeit war das?
Hauber:
Das
waren die Vultures (die Geier); das
begann so ''63, '64 bis '68. Die machte dann das Abitur, und danach "Auf
Wiedersehn, in alle Richtungen". Das war damals die Gymnasiumsband.
Die
Typen, die im Gymnasium waren, bildeten schon so eine eigene Einheit. Denn natürlich
gab es und gibt es auch heute noch Unterschiede zu den anderen. Es gab aber
durchaus Verbindungen ...
Koppe:
...
auch zur Mädchen-Realschule Hl. Blut?
Hauber:
Die war
völlig uninteressant. Auch die Mädchen.
Auf
unserer Schule gab es genug. Am Gymnasium war es ja nicht mehr so getrennt.
Die Mädchen
in der Realschule waren dagegen ja eingesperrt, die durften nicht raus, und
waren auch nie mit uns in Verbindung.
Mit den
Mädchen bei uns war das immerhin so, dass man zumindest nachmittags zusammen
sein konnte. Und später bis 10 Uhr nachts.
Koppe:
Aber
war es nicht so, dass es im Gymnasium damals einen Jungenüberschuss gegeben
hat; einfach weil die Mädchen damals noch nicht so gefördert wurden?
Hauber:
Ja,
anfangs waren es mehr Jungs. Das hat sich aber später immer mehr angeglichen.
Also, das war nicht das Problem.
Interessant,
dass es in Erding etliche gute Rock-Bands gegeben hat, die nirgendwo erwähnt
werden.
Koppe:
Welche
waren das?
Hauber:
Die Charks; bei denen hatte der große Bruder vom "Brez'n" (?)
Feller mitgespielt. Der ist zwei, drei Jahre älter als ich; ein paar Jahre älter
als der Kurt oder der ... , von Siegurt Kämpft.
Dann
gab's eine Gruppe, da hat damals der Rauscher Wambo (?) Schlagzeug gespielt - der
ist heute Prokurist beim Erdinger Weissbräu. Und bei uns, den Vultures, war der
Hans-Peter Neumaier dabei, der ist heute Steuerberater, und der Karl Frei (?)
ist heute Arzt in ...
Koppe:
Das heißt,
die meisten sind was vernünftiges geworden ...
Hauber:
(heiter)
nur ich nicht. Ja, und dann gab’s noch die "Group"(?),
so hießen die. Der ... Cosley, das war der große Erdinger Gitarrero, der dann
in München bei der Gruppe "Munich"
gespielt hat; die damals einige Achtungserfolge hatten. Oder dann gab’s den
xxx, der damals auch bei "Eye" dabei war. Der hat Bass gespielt
und war ein wunderbarer Harmonika-Spieler. Der ist dann vor einigen Jahren
leider so versumpft, dass er in Erding bei den Pennern gelandet und dann im
Stadtpark ertrunken ist.
Und das
ist dann so traurig, wenn man drüber nachdenkt. Ich mein, man hat ja soviel
gemeinsam gemacht. Aber es war keine Ebene mehr da, miteinander zu sprechen.
Koppe:
Woran
lag das?
Hauber:
An
Scham von ihm.
Ich
wollte ihn nicht ansprechen. Das Problem ist, man demütigt ja den anderen
damit. Das hätte von ihm kommen können, dass er mal gesagt hätte: "Du
hattest ja selbst einmal ein Problem. Kannst Du mir mal helfen ...".
Koppe:
Im
Nachhinein macht man sich dann selbst Vorwürfe, wieso man selbst nicht aktiv
geworden ist.
Hauber:
Ja, so
ist das. Es läuft in Erding noch so einer rum, den ich sehr gut kenne, und der
früher Vorsitzender des Republikanischen Clubs war; und der ist durch persönliche
Geschichten auch so weit abgerutscht, dass er heute in der selben Szene ist.
Einen Namen möchte ich lieber nicht nennen.
Koppe:
Wenn
man solche Leute aber zum Beispiel zu den Themen damals nochmal ins Gespräch
bringt, ich weis nicht ob das hinhaut, aber vielleicht, wenn sie sich dran
erinnern, dass man sie damit ins Leben zurückholt, ihnen einen Sinn weitergibt,
sich mit jener Zeit und sich selbst auseinander zu setzen.
Hauber:
Ihr könnt
ja versuchen, ihn mal anzusprechen. yyy, im Obdachlosenheim am Keller.
Ted:
Du hast
gesagt, ihr ward damals so an die 30 Leute, wenn ihr Feste gefeiert habt. Was
waren das für Kneipen?
Hauber:
Da gab
es neben dem Capri, das schon vom Speckmeier erwähnt wurde, gegenüber das
Lokal, das hieß die Nachtwache. Der
Wirt, das war ein ganz rühriger Typ, der gesehen hat, dass es da durchaus
Nachfrage gab. Da sein Lokal im Grunde nur einen halben Tag auf war, hat er uns
das Angebot gemacht, bereitss am Nachmittag zu ihm zu kommen, und alles zu einem
sehr günstigen Preis zu bekommen, also günstig Musik aufzulegen, die uns gefällt.
Ja, und das haben wir dann auch gemacht, und haben das ganze dann Pupils
Day Club genannt. Und zwei, drei Jahre lang war das dann recht gut besucht.
Aber
natürlich, und das darf man auch nicht vergessen, gab es in Erding noch andere
Cliquen; es gab einen Wimmer, einen
Ferstl Karl, und dann am Samstagabend ... Vogt
und einen Weißbräu, wo sich
Gymnasiasten-Cliquen getroffen haben, um zu saufen.
Und
da gab es eine ganz rührige Geschichte, weil oft hast ja überhaupt kein Geld
gehabt, dann bist halt einfach rein gegangen. Und wenn der Snoeker (?)
öfter mal beim Schafkopfen gewonnen hat, hat er uns davon was "abgedrückt",
und so konnten wir dann unser Bier bezahlen.
Oder es
kam einfach auch mal so, dass du beim Vogt Karl gefragt worden bist: "Was
kriegst' denn?" gesagt hast: "Nein, ich wart noch". Dann hat der
schon g’wusst, der hat kein Geld, und dann kam einfach eine Halbe Bier so auf
den Tisch.
Das
waren so Sachen, die es heute einfach nicht mehr gibt, weil die Stadt vielleicht
auch zu groß und anonym geworden ist.
Die
beiden Lokale waren übrigens ganz wichtige Stützpunkte damals.
Koppe:
Was war
denn mit dem Parkcafe? Wegen der Nähe zum Gymnasium.
Hauber:
Ja, das
war nach der Schule oder für Freistunden wichtig. Aber eigentlich gab’s da
eine andere Clique. Das hat ja 'ne Altenerdinger Geschichte.
Koppe:
Das
scheint heute auch noch so zu sein. Gestern fand dort ja die 3. Rocknacht im
Parkcafe statt. Und da trug jemand ein selbstkomponiertes Liedchen über die
SpVgg Altenerding vor.
Übrigens
find ich die Veranstaltung auch deshalb ganz witzig, weil da generationsübergreifend
gerockt wird. Da spielt der Bonifaz mit seinem Vater zusammen und mit dem Mayr
Tom und dessen Clique, also junge und ältere gemeinsam.
Hauber:
Ja, da
fällt mir noch eine andere Gruppe ein. Die hieß "Baba
Jaga". Da hat der Ulf Schwager
gesungen, der Stemmen hat Keyboard
gespielt, der F. X. Bogner war dabei,
und auch noch einer, heute ein bekannter Redakteur, leider fällt mir im Moment
der Name nicht ein.
Koppe
(Nachtrag): evtl. der Sardison (?)
Ted:
Ab wann
gab es das Picnic eigentlich? Warst
Du da auch drin, oder welche Cliquen gab es da drin?
Hauber:
Das
kam, als ich eigentlich schon aus dem Alter raus war.
Koppe:
Laut Jürgen
Naglik hat es ja am Gries, irgendwo beim ehemaligem Schlachthof einen Vorläufer
zum Picnic gegeben. Kannst Du dazu etwas sagen?
Hauber:
Das ist
mir nicht bekannt. Das Schlachthaus hat es noch sehr lange gegeben. Ich hab
damals 1982 noch für meine eigene Platte - darauf kommt so ein Schweinelied vor
- die Schweine da im Schweinestall aufgenommen. Das Picnic gab’s aber schon
vorher.
Davor
am Eck, wo heute die Metzgerei Schachtl drin ist, war damals übrigens die
Kreismusikschule drin. Der Kreisjugendring war dort glaub ich auch drin, aber an
ein Jugendzentrum oder ähnliches kann ich mich nicht erinnern.
Koppe:
Hast Du
eine Ahnung, wann das Picnic gegründet worden ist, und wer dahinter steckte?
Hauber:
Ich
glaub, ein Typ namens Magit, dann die
Emanuela Schwankl und der Hermann
Kronseder war dann auch dabei.
Dann
gab’s in Aufhausen die Titanic. Da
wurde Hardrock gespielt. Das war damals ein absoluter Kult-Treff.
7.
Gedanken zur Kunst - und der Tendenz zur Dumpfheit
Koppe:
Die
Titanik kenn ich auch noch. Die lief wohl in den 80’ern, also etwa zur selben
Zeit auf Grund wie Picnic und Hirschwirt. Auf einen Schlag war alle Bühnen aus
der 68'er Zeit verschwunden. Inzwischen haben sich die künstlerisch Kreativen
von damals in Elfenbeintürme zurück gezogen, wie zum Beispiel den Schönen
Turm, oder man stellt sich im Frauenkircherl aus.
Ted:
Genau.
Und da hat erst vor ein paar Tagen Harry
S. in seiner Laudatio zu einer Ausstellung des Kunstvereins die Meinung
vertreten, es wären nur noch Dilettanten am Werk.
Es
wäre nicht mehr wichtig, sich vor einem Bild hinzustellen. Sehe ich das richtig
in dem Zusammenhang was Du ganz am Anfang gesagt hast: "Es ist nicht mehr
wichtig etwas auszusagen, statt dessen geht es nur mehr um Dekoration"?
Hauber:
Nein,
das lass ich mal so steh’n. Aber der Harry S. hat schon recht, dass unsere
Gesellschaft es erlaubt, dass sich Leute in einer dilettantischen Art und Weise
mit der Malerei auseinandersetzen, oder sich nicht auseinandersetzen sondern
einfach malen.
Die
kindlich spielerische Geschichte mit Farben umzugehen sei ihnen ungenommen, sich
aber hinzustellen, und zu meinen: ’Ich bin Künstler. Ich möchte für dieses
Bild 3.000 DM. Was ich damit sagen will ist: ’Die Auseinandersetzung mit
dem, was ich tue muss schon so intensiv sein, und zwar dass ich jederzeit in der
Lage bin, das auch zu rechtfertigen, was ich da tue’.
Was mir
dann häufig widerstrebt an dem, was ich derzeit grad im Erdinger Raum so sehe,
ist so eine schicke Ausdrucksweise im Zufälligem. Man macht irgendetwas und
schaut, was dabei rauskommt. Und zufällig ist es ganz hübsch geworden. Und,
das mag ich nicht.
Ein
Maler, der sich damit auseinandersetzt, macht nichts zufällig, sondern er weis,
was er tut. Dieses Wissen um das Tun setze ich bei einem Künstler voraus.
Ich
kann auch mal was versuchen, das ist das dilettantische "Schau ma
mal", was passiert, bloß muss ich mir dann einprägen "Was ist
passiert?", um es wieder einsetzen zu können; ganz bewusst und in
verbesserter Form - dann ist es ein Lehrstück, dann war es eine Lehrstrecke. So
etwas kommt immer wieder.
Wenn
man sich hinstellt und sagt: "ach schön, toll, und dann mach ich wieder
was anderes". Dieses "Nicht-Auseinandersetzen, mit Licht, mit den
grundsätzlichsten Dingen, ...
- All
die ganz großen, die Giganten in der Malerei, waren erst einmal hervorragende
grandiose Handwerker.
Neueres
Beispiel: Richter: ein grandioser Maler, handwerklich, der dann seine
Handwerklichkeit verlassen darf, und dann sich selbst freigibt, es loslässt,
und mit diesem Handwerk anderes schaffen kann.
Diese
Leute, von denen Seeholzer spricht, das sind diese Leute, die das Handwerk nie
erlernt haben, und gleich meinen, das große Gegenstandslose schaffen zu können.
Ted:
Ich
glaube, das wollte der Harry S. auch rüberbringen.
Hauber:
So
glaub ich, hat es auch einen Sinn.
Was
derzeit einen immer größeren Einfluss nehmen wird, das kommt aus den Ghettos;
das sind die Spayer, das sind die Hipp-Hopper. Da hab ich schon grandiose Sachen
gesehen, von ganz ganz jungen Leuten, also auch kompositorisch. Die wollen auch
Inhalte vermitteln. Das kommt immer drauf an, und es muss nicht sein. Also da
gibt es durchaus Strömungen, grad von jungen Leuten, das find ich so wichtig,
dass da was kommt, dass auch musikalisch wieder was kommt; dass da musikalisch
auch wieder Stellung bezogen wird. Grad im Hipp-Hopp. Hipp-Hopp lebt von der
Sprache, das heißt auch von den Inhalten. Du kannst nicht Blablabla, oder
"Dadada", jenes Trio ...
Koppe:
Das war
ja ne Karikatur für jene "Blablabla-Zeit".
Hauber:
Ich
mein ja, bei den Hip-Hoppern, wenn die loslegen, und Freestyle machen, da ist ja
auch viel Blödsinn dabei. Das ist ja auch recht, und es hat ja auch seinen
Stellenwert, wenn es Spaß macht. Aber großteils sind es auch Inhalte, und gar
nicht so lapidar.
Ted:
Es sind
teilweise auch recht krasse Texte. Und wenn man sich überlegt, was das für
Einflüsse grad auf die Jugendlichen darstellt, etwa in Amerika.
Hauber:
...
aber auch hierzulande, unser deutscher Hipp-Hopp.
Ted:
Ich hab
ja Kontakte in diese Bereiche, und wenn man da genau hinhört: da geht’s nur
mehr um Bongs (?) und um den ..eten zu.. (?) - also das ist uferlos. Da geht’s
um poppen; dann wird teilweise das Kanackendeutsche mit verwandt.
Was mir
tatsächlich stinkt, dass hinter dem Ganzen durchaus Rhythmus dahinter ist, der
treibt. Wo ich mir denke, die könnten auch gut Blues spielen; aber der Text ist
so krass, ...
Hauber:
Aber es
gibt auch politische Texte, die ganz eindeutig gegen Rassismus und gegen die
Spießer gerichtet ist.
Die
Hipp-Hopp-Szene ist eigentlich eine sehr linke Szene.
Ted:
Das
kann ich nicht so unterscheiden. Hipp-Hopp,
Techno, ...
Hauber:
Also
die Hipp-Hopper, die sind viel krasser als wir früher mit Beatles und Stones
waren. Also ein Hipp-Hopper geht nie in 'ne Techno-Kneipe.
Also
grad im Hipp-Hopp, da gibt es drei Bereiche: Da gibt’s die Musik, dann
gibt’s die Sprayer, und dann Skaten. Die haben Bärtchen oder kurze Haare,
oder gerastert, und dann gibt’s heute auch wieder Reggae (?).
Koppe:
Soweit
ich die Szene in Erding kenne: da gibt’s in Altenerding 'ne Skate-Anlage, und
dann 'ne Musikgruppe, "Delon" heißen die, und die spielen Punk.
Hauber:
Sicher
verschwimmt das auch. Aber die Technos und Raver, die sind ganz außen.
Ich war
vor zwei Jahren eher zufällig in Berlin, als dort die "Love-Parade"
lief. Also, das war nun überhaupt nicht mein Ding.
Koppe:
Es
entwickelt sich die ganze Szene ja weiter, teilt sich, verflüchtigt sich,
taucht wieder anders auf, zerteilt sich. Insgesamt ist die Szenerie ja viel unübersichtlicher
als damals, als alles mit den Beatles und den Stones begann. Damals gab es zwei
Lager.
Wird
das immer unübersichtlicher, oder kann es überhaupt noch Moden geben, grad
heute im Zeitalter der Globalisierung?
Hauber:
Das ist
schon richtig. Es gibt wesentlich mehr Bereiche als früher. Aber sie sind auf
der ganzen Welt gleich. Meine Tochter hat grad eine Hipp-Hopp-CD aus dem Senegal
bekommen. Da fließen afrikanische Elemente ein, dann gibt’s natürlich auch
französische und amerikanische Einflüsse; aber im Grunde bleibt es Hipp-Hopp.
Koppe:
Auch in
der Architektur gab es ja immer bestimmte Phasen, in der bestimmte Baustile
modern waren: von der Romanik über die Gotik, bis zum Barock, zur Reaissance,
dem Klassizismus, usw.; irgendwann wiederholte man sich, setzte das Wort
"Neo-" davor.
Wird es
nicht irgendwann mit der Musik ähnlich sein, so dass irgendwann alles schon mal
da gewesen ist: Ich denke, es wird immer schwieriger, etwas vollkommen neues zu
erfinden..
Wie
sieht es denn bei der Malerei aus? Vielleicht gibt’s ja irgendjemand, der
krampfhaft nach einer neuen Idee sucht ...
Hauber:
Es gibt
in der Malerei nichts mehr, was es nicht schon irgendwo gegeben hat.
Koppe:
Wenn
dann ganz "verrückte" Sachen, wie die jenes Herrn Beuys, indem er
Butterberge zur Kunst erhob.
Hauber:
Das hat
allerdings mit "Verrücktheiten" nichts zu tun, sondern damit, dass es
häufig nicht um Kunstrichtungen geht, sondern um Philosophien, um Surrealismus.
Vater
des Surrealismus war mit André Breton übrigens ein Literat, der die Maler erst
durch seine Inhalte inspirierte, so zu denken. Dazu kam dann die Psychoanalyse,
also um Dada und Freud, usw. Das floss alles in den Surrealismus ein.
Man
kann schlecht etwas voraussagen, aber es gibt nichts mehr, was nicht schon
irgendwann gemacht wurde.
Jeder
muss sehen, dass er in dem Bereich irgendwie überlebt.
Koppe:
...
sich von den bestehenden Strömungen etwas herausholt; etwas für sich
passendes.
Hauber:
... und
dann kann man über den "Kunst-Markt" reden, wie über den
"Auto-Markt".
Ted:
Dann können
wir gleich über Politik reden ...
Hauber:
...
oder über den Wurstverkäufer.
Koppe:
Ist das
der Hauptunterschied zu den 68’ern, ... als noch alles möglich war; und was
ganz extrem im Musikbereich galt: man war immer der Erste, gehörte zumindest
ganz vorne mit dazu!
Galt
das auch bezüglich politischer Philosophien, gesellschaftlicher Ideen, der
eigenen Kreativität, und dem Glauben, etwas tatsächlich verändern zu können?
Hauber:
Sonderbar
ist es ja so, dass bestimmte Kunstströmungen immer sehr allumfassend waren; z.
B. ganz Europa erfasst haben.
Das
macht nicht einer allein, sondern es entwickelt sich, bricht heraus, es musste
beinahe zwangsweise so kommen. Das war bei den Futuristen so, das war bei den
Surrealisten und bei den Expressionisten so; und genauso war das in den 70’ern
mit dem Photorealismus, der dann plötzlich von Amerika bis in die Schweiz, und
überall angesagt war. Jeder hat photorealistisch gemalt. Warum alle auf einmal?
Da war nicht einer, der gesagt hat "jetzt machen wir alle
Photorealismus".
Ich
weis nicht wieso, und kenne den Auslöser nicht, aber in der Dokumenta 5 war
Photorealismus der Renner. Ein Jack Close (?) mit fotorealistischen Portraits
von fünf Meter Höhe - Wenn du dich auf fünf Meter genähert hast, hast du
nicht erkannt was es ist, erst aus 50 Metern Entfernung hast du es erkannt.
Ich
mein, ich kenne die Gründe nicht, wieso so etwas passiert - aber dazu, dass
etwas passiert, muss etwas passieren.
Das war
bei den "jungen Wilden" in den 80’ern auch so, allerdings beschränkt
auf Deutschland.
Koppe:
Das ist
wohl auch schwierig, hier in Deutschland der Auslöser für internationale Mode
zu sein.
Hauber:
Vor
einiger Zeit gab’s den Italiener Sandro Pia (?), der ging in die Staaten, nach
New York, weil er sich das leisten konnte, und hatte von dort aus dann andere
inspiriert.
Ein Künstler
ist ja wie ein Schwamm. Er nimmt alles auf, was ihm umgibt und inspiriert, und
irgendwann kommt es raus; ganz anders - hoffentlich, als wie man es eingesaugt
hat, das Bild oder auch das "Werk", wie der "Faust" von
Goethe, und zwar so, dass Eigenständigkeit, Ehrlichkeit und Autenzität ganz
wichtig ist. Egal, ob jetzt Einflüsse von Außen erkennbar sind. Die sind immer
da, weil halt schon alles mal da war, weil alles schon mal ausprobiert wurde.
Ted:
So eine
Subjektivität im Ausdruck, die Du da auf alle Fälle unterstellst, die fällt
dann bei den "Zufalls-Künstlern" weg, die Du als Dilettanten
darstellen.
Hauber:
Zufalls-Künstler
insofern: auch wenn sie zwanzig solche Bilder malen, sie nicht sagen können:
dieses Bild ist von mir, dieses hat meine Handschrift.
Koppe:
Der
Reiter hat auch eine Handschrift
Hauber:
Durchaus.
Grad die ersten Sachen.
Koppe:
Aber Du
sagtest doch: Wenn man erst einmal eine eigene Handschrift hat, entwickelt man
diese weiter.
Hauber:
Man
kann als Künstler eine Form wählen und kann diese fortführen, immer weiter.
Dann sieht man eine Kontinuität in der Entwicklung. Oder Du sagst ’Stop’,
und möchtest dich in einer ganz anderen Richtung ausdrücken. Und das war dann
beim Herrn Reiter so, dass er nach seinen großen Hamsun-Figuren jene
Tropfbilder (?) auf die Leinwand setzte; aber das waren alles reine
Jackson-Pollok-Applikationen.
Ich
mein, er kann das auch sagen: "ich hab den Pollok aufgesogen, und ihn dann
wiedergegeben" - berechtigt.
Jackson
Pollock tauchte den Pinsel in den Farbtopf, kletterte dann eine Leiter hinauf,
und sah runter und wusste ganz genau, wohin er die Farbkleckse haben wollte.
Ted:
Da fängt
es an zu zerfließen. Was ist Bewusst, was ist Subjektiv, was ist Gewollt, was
ist Kunst, und was ist Zufall?
Hauber:
Der
Erwin Dosch (Stadtrat mit dem ehemaligem Edeka-Laden), hat während meiner
Ausstellung zu mir gesagt: "Ihr mit Eurer modernen Malerei, wie soll ich
das rausfinden was jetzt Kunst, und was Schund ist?"
Und da
hat er recht. Aber woran liegt das?
Das
liegt an der Ausbildung an unseren Schulen; daran, dass die geschmackliche
Bildung zu wenig gefördert wird, dass z. B. auch im Zeichenunterricht wert auf
so eine Art Stilkunde gelegt wird; dass man auch erfährt, wieso eine Kirche so
aussieht; sie können ja nicht einmal Barock und Renaissance unterscheiden;
wieso sieht eine gotische Kirche so aus?
Ich bin
niemandem böse, darauf dass er es schön findet, wenn er eine wunderbare
Waldlandschaft bei sich im Wohnzimmer aufhängt, mit einem röhrendem Hirschen
darauf.
Ich
mein, in einem gewissen Zimmer, könnt ich mir das auch vorstellen. Ein
wunderbarer Gag.
Ted:
... als
Jagdzimmer
Hauber:
Ein
Pop-Zimmer. Mit einer Pink-Wand, und darauf auf einem wunderbar kitschigen
Goldrahmen mit einen Hirschen drauf. Das macht’s halt.
Ted:
Der röhrende
Hirsch vertritt ja eigentlich so eine Philosophie des Denkens
Hauber:
... wo
schon so eine gewisse Dumpfheit im Denken mitspielt. Es ist ja auch immer eine
Frage der Zeit und der politischen Zusammenhänge, so dass sich z. B. das
Biedermeier entwickeln konnte. Grade derzeit ist es wieder so: Die Leute gehen sehr nach
innen, um sich dann eben so eine "heile Welt" nach Innen zu holen.
Dieses
nicht nach außen gehen, und in sich zufrieden sein; am besten mit Zwanzig und
abgeschlossener Berufsausbildung schon an die Rente denken.
Ted:
Siehst
Du eine solche Tendenz?
Hauber:
Ja, ich
seh’ das täglich um mich herum. Ich wohn’ da in einem Neubaugebiet, um mich
herum großteils Zwanzig- bis Dreißigjährige, und wenn ich mir diese Menschen
anschaue, dann hab ich diesen Eindruck. Im Grunde haben sie ihre Lebensplanung
abgeschlossen. Das Haus ist gebaut, zwei Kinder sind da, jetzt sind sie noch
nicht einmal Dreißig. Das sind so viele.
Koppe:
Schön
langweiliges Leben, ohne zu schauen, was existiert eigentlich sonst noch an Möglichkeiten
um mich herum; keine Neugierde, auch um mich selbst auszuprobieren,
weiterzuentwickeln?
Hauber:
Um
Gottes Willen! Angst!
Wenn
jetzt da jemand käme, der ihnen etwas anderes vorlebt, ...
Koppe:
und was
anderes hat.
Hauber:
Was der
andere hat, da schaun’s schon. Das machen’s alle nach.
z.B.
steht da ein schönes Gartenhaus. Zwei Monate später stehen zehn schöne
Gartenhäuser.
Da hat
eine ein Rollo; bald darauf haben alle ein Rollo.
Koppe:
Hat
das mit dem Konsumverhalten zu tun. Es ist alles da. Bei der Kunst ist es ja
auch so. Da alles schon mal da war, braucht man sich auch nichts neues mehr überlegen.
Dann
sitzen die Leute irgendwo in der Wirtschaft, oder fühlt sich beim Speak Easy
als Eindringling, wenn alle Köpfe zur Tür gehen.
Hauber:
Die
Leute gehen doch gar nicht fort. Schau doch mal rein. Erst mal sind 60 Prozent
um die 18., dann sind es auch Hausfrauen, oder Vertreter. Aber der echte, der
Erdinger an sich, der typische alte Moosbüffel, der geht da sowieso nicht hin.
Der ist früher zum Stammtisch gegangen, in irgendeine Wirtschaft.
Der fährt
ja auch zum Einkaufen eher nach Landshut, weil "ich schmeiß doch dem
Gruber mein Geld nicht hin". Verstehst, so ist das Erdinger Denke.
"Ihr könnt schon bei mir kaufen, aber I kauf nicht bei eich".
Als ich
noch ein Junge war, hatte Erding 10.000 Einwohner. Jetzt sind’s über 30.000.
Das können ja nicht alles Erdinger sein, die sind ja nicht so schnell
gewachsen, die müssen irgendwo anders hergekommen sein. Und wo sitzen die? Die
sitzen irgendwo außen herum, im Speckgürtel dieser Reihenhaussiedlungen, und
arbeiten sonst wo, da fahren sie hin und her. Die Stadt Erding interessiert sie
überhaupt nicht. In die Stadt Erding bringen sie sich nicht ein. Da geht man
vielleicht mal Eisessen, aber Einkaufen tut man da draußen beim Semptmarkt oder
beim E&C.
Da
musst einmal am Freitagnachmittag in die Stadt schau’n, die ist leer. Und dann
schaust zur selben Zeit am Semptmarkt, da ist die Hölle los.
Das ist
das was ich mein: dieses Einbringen in die Stadt, dass diese Stadt als
Kommunikationsbereich überhaupt wahrgenommen wird, das findet längst nicht
mehr statt. Statt dessen sitzt jeder nur mehr in seinem Gärtchen.
Ted:
Das
sind für mich die Leute, die auf den dritten Weltkrieg warten. Die warten, dass
was passiert.
Hauber:
Nein,
die ruhen so in sich selbst.
Schlimm
ist, wenn Du ihnen ein anderes Leben vormachst, dass man anders leben kann, dann
reagieren sie aggressiv.
Ted:
Ja, das
ist doch der Punkt. Dass sie darauf warten der sagt "so, jetzt ist aber
vorbei mit der Gemütlichkeit", dann werden die nämlich aufstehen, um ihre
Bequemlichkeit zu verteidigen; aber was die tun, um ihre Bequemlichkeit zu
verteidigen, das möchte ich dahingestellt wissen. Und deshalb sag ich
"Dritter Weltkrieg".
Und so
in etwa läuft es doch ab, was derzeit in Afghanistan passiert.
Koppe:
Die
Verteidigung der eigenen Interessen, bezüglich Status Quo, Stichwort Energien,
Öl, ...
Ted:
Es geht
immer darum, der Bevölkerung zu suggerieren, wie gut es ihr geht, und dass es
andere gibt, die einem das wegnehmen wollen. Da gibt es auf der einen Seite die
Guten, und auf der anderen Seite den Bösewicht, und dann kann man alles machen,
was man will.
Koppe:
Ein
recht einfaches Feindbild und einfache Schlagworte. Als Staatsbürger braucht
man dann möglichst einfach gestrickte Leute, die möglichst keine Fragen
stellen.
Ted:
Islam =
Araber = Kanaken; manche Dinge werden ja auch selbst inszeniert, um die Möglichkeit
zu haben, dann richtig drauf zu schlagen.
Dieses
Big-Brother-Teil durchziehen zu können, mit Billigung der Öffentlichkeit.
Einige
Politiker, auch in Deutschland haben sich dann gefreut: Jetzt kommen wir durch
mit unseren Gesetzen. Jetzt ist die Möglichkeit da.
Koppe:
... Spätestens
dann müssen wir die letzten Passagen des Interviews streichen.
Aber,
um auf die Biedermänner zurückzukommen, mit den neuesten Rollläden, die man
runterziehen kann, wenn draußen irgendwas interessantes laufen könnte, dann
stellt sich die Frage, ob dies für die nächsten 10 oder 20 Jahre gilt. Geht
die Tendenz in diese Richtung weiter?
Sind
wir optimistisch, dass die Leute von sich aus, oder vielleicht auch ein wenig
durch uns wieder aktiv und kreativ werden.
Hauber:
Da ist
halt auch die Frage: Wo befinde ich mich? Das ist eine sehr entscheidende Frage.
Erstens
befinden wir uns in Erding. An einem Ort, wo vor über hundert Jahren
irgendeinen Landrat entschieden hat, dass Erding keine Bahnstrecke erhalten
soll.
Koppe:
Immerhin
gibt’s ein Abstellgleis.
Hauber:
Noch
nicht mal. Die wollten überhaupt keines, um ja niemand von Außen her zu
bekommen. Man wollte ja unter sich sein. Es könnte ja eventuell eine Konkurrenz
rein kommen.
Was
meint ihr, wie lange sich ein Krönauer hier in Erding gewehrt hat, weil neben ihm ein
italienisches Eiscafé aufmachen wollte?
Ja, das
sind die alten Existenzängste. Dieses typische Moosbüffel-Denken - dieser Name
kommt ja nicht von ungefähr; dieses Betonkopf-Denken.
Dann
kam einer, der hat g'sagt: jetzt bau’n wir an' Zug. Und irgendwann hat jemand
g'sagt: jetzt bau’n wir an' Flughafen. Die Erdinger konnten sich schwer
dagegen wehren. Blöd war nur, dass' den Zug nicht weiter gebaut haben. Das hätte
man gleich am Anfang tun können, aber man hatte es ja nicht gewollt.
Das
sind so Geschichten, da fangt's erst mal an. Und wenn du jetzt überlegst, was
in Mühldorf los ist, was in Freising los ist. Dann - meine Frau war erst in
Memmingen. Memmingen ist nicht größer als Erding, aber die haben ein eigenes
Stadt-Theater.
Koppe:
Erding
seit kurzem auch! Das macht ein Toni Huber.
Hauber:
Ok - Toni Huber ist ein
reizender und netter Mann, ...
Koppe:
... der
immerhin seine Erfahrungen außerhalb gemacht hat.
Hauber:
aber
trotzdem ist das nur schwer miteinander zu vergleichen. Er wird es in Erding
schwer haben. Leider.
Also was mir hier in Erding fehlt ist so etwas wie der Hirschwirt
- also ein ganz loses Forum von Intellektuellen, auch von älteren Leuten, die einfach anders denken.
machen wir den Rekorder aus, ...
|