Unter dem Titel "Leidenschaft fürs Sachliche" erschien am 27.12.2005 in DIE ZEIT ein mehrere Seiten langer Bericht,  dessen Textanfang eine beinah ebenso riesige wie bedrohlich lächelnde Bundeskanzlerin zierte. Und dann war noch ein "elder Statesman" etwas weiter unten im Bild: Henry Kissinger, von 1973 - 77 Aussenminister der USA, und aus dem Fränkischen Fürth stammend. Natürlich interessierte mich die Sicht des sowohl USA-, wie Deutschlandkenners auf good old Germany im Jahr 2006.

Ja, und weil mir das Interview recht bald schon immer merkwürdiger vorkam fügte ich einige Kommentare ein - und schliesslich schrieb ich die Geschichte um 

 


Ich wollte mich zur Silvesterfeier auf den Weg machen, als sich parallel zu mir auch eine Sternschnuppe auf den selbigen begab. Nun, ich hatte wieder einmal Glück, einerseits weil sie mich knapp verfehlte, andererseits dachte ich wohl im Moment der Begegnung an etwas ganz anderes als sonst bei solcherlei Gelegenheiten. Und so sass ich - „Wünsch-Dir-Was“ - im nächsten Augenblick in der Redaktion einer bedeutenden Zeitung.

Das Gesicht des Gegenüber schien mir jedenfalls irgendwo her bekannt. „Ist das nicht“, schluckte ich, und entdeckte mich gegenüber dem ehemaligen US-Aussenminister. „Ja, das ist doch Kissinger“, brachte ich hervor, und zwei Augen musterten mich wie hinter zwei kleinen Gläsern eines Aquariums. 

Doch in diesem Augenblick erklärte der neben mir ebenfalls anwesende Redakteur der Zeitung bereits das Thema eines Interviews - Aha, dachte ich. Logisch, dass sich das Thema diesmal nicht um Klinsmann drehen konnte:

... obwohl auch hier die Chancen Deutschlands zur Debatte kam. "Was halten Sie von der Lage Deutschlands, der neuen Kanzlerin, das Verhältnis zu Europa, der USA, also damit auch von der Innen- und Aussenpolitik“? Das Namensschild vor ihm wies ihn als Roger Köppel aus.
Köppel und Koppe also, dachte ich, und fand das auch noch lustig.

Das dritte "K" in unsrer Runde wirkte wegen meines lauten Lachens schon wieder iritiert, doch dann, routiniert wie er nun halt mal ist, antwortete er auch schon mit ruhig sonorer angemessener Stimme auf die erste Frage des Redakteurs:

"Der Unterschied bei der Entwicklung der neuen Bundesländern und Osteuropa ist, dass sich Osteuropa selbst befreite, der Osten Deutschlands dagegen vom Westen übernommen wurde."

Kenn ich, dachte ich: Gebrauchte man dafür nicht lange Zeit das Wort „abgewickelt“?

He, standen da auf meinem eigenem Namenschild nicht drei Buchstaben. „Hoho“, machte ich. War ich hier tatsächlich als Redakteur von xED eingeladen? Ich sah wohl immer noch entrückt und ungläubig aus. Hm, dann musste ich das Ganze hier wohl auch noch über xED aufrufbar machen, oder? Aber trotzdem: Wo und überhaupt – Wer war ich eigentlich?

Und tatsächlich handelte das Thema nun von Identitäten, und ich suchte mich deshalb noch mehr auf die Unterhaltung zu konzentrieren.

Laut Kissinger suchten seit einiger Zeit „einige Europäer eine stabile Identität durch einer Absetzung von Amerika“, was wiederum „manchmal romantische Aspekte“ hätte, meinte er.

Ich war für xED hier, hehe, dachte ich nochmal, und begann endlich selbst etwas aktiver, mich für mein Medium einzubringen. Die ersten beide Worte Kissingers wiederholte ich noch etwas verhalten: „Romantische Aspekte"
-"Romantische Aspekte sehen US-Amerikaner europäischer Herkunft häufig, wenn sie sich ihrer Wurzeln erinnern. Umso erstaunlicher, wenn es dann aber um Detailwissen geht. Dann wird Österreich manchmal ein Bundesland Dänemarks, und der Irak hat mit Italien eine gemeinsame Grenze, ... Kein Wunder, wenn das US-Bildungsniveau mit dem von Kuba nicht vergleichbar ist, und immerhin 50 % der US-Amerikaner einen Bush wiederholt zum Präsidenten wählen, der sich gegen Beschlüsse der Vereinten Staaten stellt, aus einem Gebäude von Lügen Kriege beginnt, ... Wieso also soll man sich über  Absetzungsbewegungen der Europäer von den USA wundern?“

 

Was mir auffiel, dass DIE WELT in diesem Interview viele Fragen bereits mundgerecht servierte, wie etwa:
„In Europa GRASSIERT die Staatsabhängigkeit ... Wie will man den Leuten in Europa die Segnungen von Freiheit und Eigenverantwortung predigen?“

Kissinger brauchte hier lediglich noch ergänzen, dass die EU-Staaten einfach unfähig seien, ihren Bürgern Opfer und Einschnitte abzuverlangen.

Ach, wie gut, dass man xED eingeladen hat, dachte ich endlich, und fand mích allmählich in meinem Element:

Ist es nicht so, dass derlei Übel in Europa gerade seit 1989 „grassieren“, fragte ich, und zwar seitdem kein sozialistisches Gegenmodell mehr existiert, welches gerade für die Unterschichten eine Alternative darstellten könnte. Stellt nicht grad aus diesem Grund als letztes überlebendes sozialistisches Modell das Kuba Fidel Castro’s für den Westen und die USA eine so große Gefahr dar? Zeigt es nicht trotz aller Schwächen, dass die Welt auch anders funktionieren könnte, vor allem, wenn es hier keine Wirtschaftsboykotte gäbe? Sie sind doch so für freien Wettbewerb! Wieso nicht auch für einen freien Wettbewerb der Ideen? Alles was Kuba von der USA erhält ist Guantanamo. Willfährige Herrscher in Bananenrepubliken der Region werden da weit besser behandelt, erhalten Hermesbürgschaften für ihre Armeen, um sich damit gegen ihre Bürger an der Macht zu halten, oder transferieren ihre Privatvermögen in die Schweiz; und wenn ihr Land die Kredite nicht zurückzahlen kann, werden ihnen die Schulden erlassen – auf Kosten amerikanischer oder europäischer Steuerzahler. Derlei Steuern könnte man sich ruhig sparen.

Doch DIE WELT-Redakteur Köppel hatte schon die nächste Frage mundgerecht serviert:
„Die Politiker überfordern sich auch nicht gerade in ihrem Reformwillen. Lieber werden Steuern erhöht“, meinte er. Und Kissinger setzte den Dialog wie folgt fort:
Ich habe keinen Zweifel, dass Frau Merkel nach einem klaren Wahlsieg Reformen durchgedrückt hätte, und dies auch noch durchzusetzen versucht.

xED:
Herr Kissinger, Sie haben sicher als Vorbild die USA im Auge. Die Entwicklung geht auch in Deutschland bereits seit Jahren in die selbe Richtung. Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Die von Merkel und auch von Ihnen gewünschten Reformen verstärken gerade diese Tendenz. Unsere Frage hier in Deutschland lautet: Welche Gesellschaft wollen wir? Soll noch irgendeine Philosophie dahinterstecken, oder sparen wir uns die auch gleich?

DIE WELT:
Politische Führungsfiguren sind immer auch ein Symptom ihrer Zeit. Wofür steht Merkel?

Kissinger:
Merkel erscheint nach Installierung im Amt plötzlich wie ein perfekter Ausdruck des Moments, indem es darauf ankommt, eine Reihe von Krisen mit Kompetenz und Überzeugung zu bewältigen.

xED:
Frau Merkel hat es gerade deswegen
eben fast nicht zur Kanzlerin geschafft; obwohl sie fast alle Medien (wie etwa DIE WELT) auf ihrer Seite hatte.
Interessant ist doch, dass man sogar innerhalb der Union jede tiefergehende Diskussion
zu Merkel
fürchtet - offensichtlich, um sie nicht schon nach wenigen Monaten zu demontieren.

DIE WELT:
Lässt sich Frau Merkel mit einer historischen Person wie Margret Thatcher vergleichen?

Kissinger:
Margret Thatcher hatte eine Theorie und verkörperte eine bestimmte Identität. Merkel hat nichts vergleichbares. Frau Merkel hat eine Leidenschaft fürs Sachliche.

xED:
Wäre nicht grade in schwierigen Zeiten so etwas wie Leidenschaft wichtig - irgendeine Philosophie, eine Vision?
Merkel, aber auch Müntefering predigen Einschränkungen, haben in dieser Hinsicht aber nicht viel mehr als Trockenbrot.
Was soll mitreißen, um den Leuten materielle Opfer schmackhaft zu machen? Bräuchten wir nicht gerade heute das genaue Gegenteil einer Merkel?

Kissinger:
Früher bestand das Wesen eines europäischen Nationalstaats darin, von den Bürgern im Namen übergeordneter Ziele Verzicht zu verlangen. Diese Kraft fehlt heute, weil sich der nationale Bezugsrahmen auflöst.

xED:
Aber wollen wir heute einen neuen Nationalsozialismus, oder absolut herrschende Könige und Kaiser?
Derzeit reden vor allem diejenigen von Verzicht, nämlich Großunternehmer und (hust) Politiker, die also selbst am wenigsten an Verzicht denken.

Kissinger:
(hust) Die alten Bezugsrahmen der Nationalstaaten sind stark aufgeweicht, der neue Bezugsrahmen Europa noch nicht geschaffen.

xED: 
Richtig
, aber hängt
das nicht genau damit zusammen, dass die Bürger grad die negativen Auswirkungen der Liberalisierung spüren? Bolkestein lässt grüßen, z.B. indem Arbeitskräfte in einen Strudel von Billiglohn gerissen werden?

DIE WELT:
Europa ist derzeit ein sehr illusionäres Gebilde, das den Nationalstaat überwinden will, ohne ein anderes funktionierendes System zu schaffen.
Nun sucht Deutschland unter Merkel seine Rolle in Europa. Welche Parallelen oder Konflikte gibt es hier mit der USA?

Kissinger:
Viele europäischer Staatsmänner flüchten sich in antiamerikanische Feindbilder, um die Reihen zu schließen. Aber das ist ein destruktiver Kurs, der nirgendwo hinführt.
Die EU sollte Partner der USA sein, denn wir haben die selben Herausforderungen und auch Erfahrungen. Ein Konflikt zwischen der EU und den USA würde zu einer Ausbreitung der
europäischen Krankheit über den Erdball führen.
Unter europäische Krankheit verstehe ich seiner krankhaften Wettbewerbssucht Grenzen zu setzen und andere zu beherrschen.
Wenn die Entwicklung der EU in diese Richtung läuft, werden die Amerikaner und die Europäer sich als Konkurrenten durch die Welt bewegen. Das wäre fatal.

xED:
Anti-Amerika hat sehr mit Anti-Bush zu tun
, und Amerika ist mehr gespalten als die Nationen und Bevölkerungen Europas. In Europa ist das Votum der Bürger viel eindeutig.
Wichtig wäre es, wenn sich das Amerika der Bush's nicht wie ein Halbstarker verhält, der mal eben seine neu im Fitness-Studio Arnold Schwarzeneggers antrainierten Muskeln ausprobiert.
Europäische Krankheit??? - Die Welt ist mit der
amerikanischen Krankheit schon mehr als genug belastet, und die hat längst alle Organe erreicht. Das sehen wir beim Kampf um die Ressourcen (Interessen am Golf) genauso wie - als eine direkte Folge daraus - bei der Veränderung des Weltklimas, oder auch bei Themen wie der Anerkennung eines gemeinsamen Gerichtshofs, der Anerkennung von Menschenrechten usw. Leider scheint die amerikanische Krankheit bereits soweit fortgeschritten, dass dessen Vertreter die Realitäten nicht einmal mehr erkennen.

DIE ZEIT:
Können moderne Guerillakriege beendet und gewonnen werden, ohne dass eine Macht wie die USA ihre eigenen moralischen Standards unterschreitet?

Kissinger:
Der Irak grenzt an alle Ölförderregionen in diesem Teil der Erde. Dies zur Erklärung. Wenn sich Amerika jetzt zurückzieht, würde es dort noch mehr Chaos geben. Sicher wurden die Folgen des Krieges nicht bis ins Letzte durchdacht.
Sie wissen, ich bin einer der wenigen amerikanischen Akademiker, die der gegenwärtigen US-Regierung positiv eingestellt sind, und diese Administration hat nie wirklich verstanden, dass auch die mächtigste Nation der Welt ein internationales System nicht allein auf Macht aufbauen kann, selbst wenn es die Macht dazu hätte.
Aber Sie müssen Bush verstehen. Er ist in einer Region aufgewachsen ist, mit wenig physikalischem und emotionalem Kontakt ins Ausland und nach Europa.

xED:
Bush ist ja auch nur der Sohn eines unbedeutenden Präsidenten, der wohl ebenso wenig Kontakte ins Ausland hatte???
An dieser Stelle möchte ich mich vorzeitig bei DIE ZEIT für die durchaus informative Einladung bedanken. Aber MEINE ZEIT ist zu kostbar, und ich habe doch noch Wichtigeres
zu tun.

Ich öffnete das Fenster im Redaktionsbüro. Die
frische Luft tat gut, die Nacht war kalt und sternenklar...

Das Interview fand übrigens tatsächlich und beinah wortwörtlich so statt (DIE ZEIT am 27,12,2005). Leider wurden die Antworten und Anmerkungen von xED anschliessend entfernt - deshalb hier exklusiv für xED 
Interviews auf xED x E D - F O R U M (Meinungen, Ideen, Information)