Herr Koppe, Sie studierten in Wismar 5 Jahre Architektur, also genau in diesem
Bundesland im Nordosten. |
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Ich
kam damals, im Jahr 1993 ja aus einer der wohlhabendsten Regionen mit der
niedrigsten Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland. Wismar war das genaue Gegenteil.
Die Werft als größter Arbeitgeber war gerade abgewickelt. Vor allem
Jugendliche fanden kaum Arbeit. Die offizielle Quote lag bei über 25 %. Dazu
kam noch die triste Lebenssituation in den Plattenbau-Siedlungen. Das
Studentenwohnheim liegt ja mitten in einer solchen Wohngegend. Nachts zogen häufig
Jugendliche mit Springerstiefeln vorbei, laut Nazilieder grölend. Eines Tags kam aus einer nahen Garage ein sich ständig wiederholender spitzer Schrei. Gerade als ich einen der Jugendlichen zur Rede stelle erhalte ich von hinten einen Schlag auf den Kopf. Ich hatte sehr viel Glück, denn die Flasche streifte mich nur, verletzte dafür einen anderen schwer. Ich rannte damals um mein Leben, floh schließlich in eine Haustür, man rief die Polizei. Selbst nachdem mich diese befreit hatte, und ich im Polizeifahrzeug saß, schrie und prügelte einer mit seiner bloßen Faust auf die Heckscheibe ein, bis seine Hand blutete. Solche Erlebnisse prägen. Ich fragte mich danach, was kann ich selbst als Architekturstudent tun? |
Sie
gründeten einen Verein |
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Zunächst
war das Studium für mich ja eine ganz spannende Angelegenheit, in dem man
auch lernt, mit offenen Augen die Umgebung zu betrachten. Bei den Jugendlichen
draußen sah ich offensichtlich das Gegenteil von dem was ich selbst erfahren
durfte: vollkommene Perspektivlosigkeit. Irgendwann begann ich mir ein Konzept zu überlegen, wie man die beiden Situationen zusammenbringen könnte. Es entstand die Idee eines offenen Jugendcafés, in dem bestimmte Kontaktmöglichkeiten, auch Angebote der Hochschule, Vorträge, Diskussionen an interessierte Bewohner draußen weitergegeben werden könnten. Das Projekt nannte sich dann "Café Brutto", des "Netto"-Marktes im Erdgeschoss, aber auch der Funktionen und Möglichkeiten wegen. Wir gewannen zunächst die Unterstützung des Stadtjugendrings, danach den ersten Preis der Münchner AnStiftung. Landeszuschüsse von etwa 100.000 DM wurden in Aussicht gestellt. Wir verhandelten mit Vertretern der Stadt und des Arbeitsamtes. Es ging ja auch um mögliche ABM-Stellen. |
Schließlich
wurde das Projekt doch nicht realisiert |
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Nachdem unser Verein z. B. zum Hochschuljubiläum immerhin per Solar-Shuttle den Verkehr organisierte, gab es Probleme mit dem Vermieter. Plötzlich waren viele der mündlich zugesagten Bedingungen nicht mehr gültig. Mit dem erhöhtem Preis aber stimmte unsere Kalkulation nicht mehr. Die Stadt brachte einen Alternativstandort ins Gespräch, aber dieser passte nicht zum Konzept. Während der erste Standort optimal direkt an der Mensa, und zwischen Hochschule, Altstadt und Plattenbausiedlung lag, war der neue zu weit davon entfernt... |
Auch Ihr
Studium haben Sie dann nicht beendet? |
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Wenn man ein solches Projekt leitet, wenn man Pläne entwirft, auch Finanzpläne, wenn man mit Leuten verhandelt, zu verschiedenen Veranstaltungen und Messen eingeladen wird, ... z. B. waren wir eine Woche nach München eingeladen, um vor Ort realisierte Projekte kennen zu lernen, ... kann man sein Studium nicht so geschwind fortführen, wie wenn man diese wichtige und sehr lehrreiche Tätigkeit nicht noch nebenbei hätte. So überzog ich die Regelstudienzeit. Es war ja nicht so, dass ich in dieser Zeit das Studium aufgegeben hätte. Am Ende war ich nur mehr drei oder vier Belege vom Diplom entfernt und hatte bereits das Diplomthema ("Solargebäude im Mühlenteich"). Ich weis noch, ich kam im Sommer 1998 von einer Veranstaltung aus Köln zurück - "Euro-Solar" hieß die, in der auch der damalige Umweltminister Töpfer einen Vortrag gehalten hatte - als ich erfuhr, dass mir das BAföG gestrichen wurde. Ich hatte damals eben noch 120 DM plus Fahrt- und sonstige Kosten ausgegeben, und nun war Urlaubzeit und ich konnte die nächste Miete nicht mehr zahlen, gleichzeitig fand ich im ganzen Studentenwerk keinen Ansprechpartner mehr. So zog ich der letzten Belege wegen ins 1000 km entfernte heimatliche Erding, wollte die letzten Belege dort anfertigen. Doch dann ging alles schief. Das Projekt, für das ich mich Jahre so engagiert hatte löste sich auf. Ich verlor den Kontakt zu den Professoren. Irgendwann erhielt ich per Post meine Exmatrikulation. Darin stand, dass ich irgendeine Prüfung nicht bestanden hätte - von dessen Termin ich nie erfahren hatte. Ich war in dieser Zeit selbst viel zu sehr am Boden, um Einspruch einzulegen, oder mich irgendwie zu wehren. |
Trotzdem
ging es dann in Erding mit dem Erdinger Literatentreff weiterter |
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Zunächst
war ich arbeitslos, fast drei Jahre weder sozial- noch krankenversichert.
Es ist schon bizarr - aber es ging mir nun genau so wie jenen
Menschen, für die ich mich in Wismar noch engagiert hatte.
Zeitweise jobbte ich bei Avon oder beim Oldenburg Verlag, zahlte
Sozialabgaben, ohne nach dieser Zeit selbst berechtigt zu sein, weil die
versicherungspflichtige Zeit nicht ausreichte. Da ich aber keine Leistungen erhielt
engagierte sich das Arbeitsamt auch nicht für mich. Trotzdem
blieb ich aber auch in Erding engagiert und interessiert. So was steckt dann
wohl irgendwie in einem drin. So gründete ich mit www.xED.de die 'Kultimative'
für den Lkr. Erding. Daraus entwickelten sich zahlreiche Kontakte zu Künstlern,
und schließlich war ich tatsächlich mal wieder Vereinsvorsitzender, leitete
den Erdinger Literatentreff e. V. |
Was
war das Motiv dazu? |
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Ein
Motiv war ganz sicher auch ein Stück des Umsetzens der Idee aus Wismar. Ich
stand ja noch im Thema drin. Wobei Erding natürlich nicht mit Wismar zu
vergleichen ist. |
Gibt
es neben dem Unterschied bezüglich Wohlstand und Arbeitslosigkeit noch
weitere Unterschiede? |
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In
Erding existierte ja kein studentisches Umfeld, damit gab es auch wenig
Tradition des miteinander Redens und Diskutierens. Anstatt dass man jemanden
die Möglichkeit gibt, seine eigenen Ideen und Anschauung zu erläutern, gibt
es hier eher die Tendenz des des „mia san mia“, des "sowas habm wir
no nia ghabt, sowas brauch ma ned". Tatsächlich bot der Literatentreff auch eine Möglichkeit des Aufbrechens solcher Strukturen - für einen selbst. So bedeutete er z. B. für mich als Moderator eine freie Form der Kommunikation - und damit der Selbstentwicklung. Es wuchs ja die Sicherheit mit der Zahl der beteiligten Personen. Wenn es Anfangs 10 Leute waren, stand ich später vor bis zu 100 auf der Bühne. Diese Möglichkeit, sich einem Forum zu stellen, galt auch für jeden anderen, der sich beteiligte. Das war wichtiger Teil des Konzepts, und entsprechend genoss ich es auch, die Entwicklung mancher Teilnehmer zu verfolgen. Der
wesentliche Vorteil am Öffnen von Strukturen war für mich, einen Austausch
zu erreichen; z. B. zwischen Jung und Alt Möglicherweise liegt dies nicht im Interesse der gesellschaftlich Verantwortlichen, vielleicht weil es ihre Dominanz und Macht reduziert - oder sie erkennen den Wert nicht, weil sie über kein Denken in Zusammenhängen verfügen. |
Auch
die Idee eines Kultur- und Bürgerzentrums stammte wohl aus dieser Zeit? |
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Ja,
und es entstand aus der selben Motivation. Wir wollten das Projekt damals im
alten Postgebäude am Bahnhof realisieren. Hier ging es noch eindeutiger
darum, einen für Erding ganz wichtigen Ort der Begegnung, auch für Künstler,
Vereine, aber auch für Ideen zu schaffen. |
Um
welches Projekt handelt es sich hier? |
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Ein
Element des damaligen Wismarer Projekts war die MiFaZ. Bereits 1995 war im
Brutto-Konzept eine lokale Mitfahrzentrale beschrieben, und mit Inna Janssen
gab es ein Vereinsmitglied, das die Idee damals schon irgendwann einmal
umsetzen wollte. 1999
reichte ich die Konzept-Beschreibung im Münchner BusinessPlanWettbewerb ein,
suchte bereits vorher die lokale Agenda in Erding - erfolglos, und schließlich
den Erdinger KV der Grünen für das Konzept zu interessieren. Nachdem der KV
im Jahr 2000 200 DM überwies, ging Inna daran die erste Version zu
entwickeln. Ich machte diese über www.xED.de aufrufbar - alles inoffiziell, für
die Bürger des Lkr. ED, und ging damit an die Presse. Auf diese Weise
kamen gerade einmal so viele Einträge zusammen, dass sich 2001 mit Puchheim und
Gröbenzell die ersten Gemeinden für das Projekt interessierten, und zum
ersten mal als offizielles Modul der jeweiligen Gemeinde-WebPortale. Es
dauerte dann aber noch bis 2004, dass das Konzept in seinen wesentlichen Teilen
umgesetzt werden konnte. Mit der Fahrgemeinschaftensuche per Mausklick auf
einer regional voreingestellten Karte war die MiFAZ intelligent geworden und
fand nun immer mehr Interesse. Wir tingelten dann von Info-Veranstaltungen
lokaler Agenden zu Pressekonferenzen
in Rathäusern. Im Frühjahr 2006 präsentierten wir die MiFaZ im Landratsamt
Ebersberg - vor 26 Bürgermeistern. Neben der Schichtarbeit am Airport und der MiFaZ hatte ich damit auch gar keine Zeit mehr für den Literatentreff. |
Das
endgültige Ende Ihres kulturellen und sozialen Engagements? |
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Auf keinen Fall. Aber es muss halt die Zeit passen. |
Noch
einmal zrück
zu Mecklenburg-Vorpommern. Sie hatten ja Zeit und Gelegenheit, sich in diesem
Bundesland ein Bild über die Situation Jugendlicher zu machen. Welchen
Ratschlag würden Sie anhand des Erfolgs der NPD heute der Politik machen? |
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Auch
wenn sich die Problematik damals noch kaum in Stimmen für die NPD
ausgedrückt hat, scheint die Situation heute die gleiche. Gerade junge
Arbeitslose haben zu einem großen Teil für diese Partei votiert - und so wie
ich damals Möglichkeiten sah, für Jugendliche Perspektiven zu schaffen, so
sehe ich das auch heute noch. Verhindert
wurde die Realisierung des Projekts Brutto letzten Endes auch dadurch, dass
bestimmte Strukturen nicht zusammenpassen. Wenn dir auf der einen Seite von
Professoren oder Vertretern der Stadt auf die Schulter geklopft wird
(„Weiter so!“), während Dich andere für dieses selbe Engagement
exmatrikulieren, dann ist das unabhängig vom eigenem Schicksal ein Zeichen
für eine erstaunliche Nicht-Kompatiblität und ganz enormen
gesellschaftlichen Reibungsverlusten. Die Frage ist natürlich auch: Wer will
sich schon engagieren und seine Ideen einbringen, wenn Engagement letzten
Endes bestraft wird. Konkret soll ich nun das BAföG zurückzahlen, das mir
kurz vor dem Diplom gestrichen wurde. |
Sie
hatten zuvor etwas über Vorbildern, von Idealen erzählt. |
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Eine "ideale Gesellschaft" braucht keine Vorbilder, leider befinden wir uns davon weit entfernt - was man an unseren Vorbildern erkennt. Fussballer, Boxer, Rennfahrer. Was mit einer Gesellschaft passiert, die sich solche Vorbilder leistet? |
Haben Sie Vorbilder? |
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Rockmusiker, die sowohl Fetzen können, auf der anderen Seite aber auch Gefühl zeigen können. Peter Maffay etwa war so einer. Ich hatte selbst mal einige Titel gesungen, z. B. "Tiefer", oder "Diese Sucht die Leben heißt" - und auch aufgenommen. Mein
erstes und wichtigstes Vorbild, der mich sicher auch am meisten prägte, war mein Großvater. Hans
Schmidmayer war von 1948 bis 66 SPD-Bürgermeister in Erding.
Vorbilder, das sind für mich deshalb auch all jene Menschen, die in dieser Hinsicht etwas positiv zu
verändern suchen. Das sind Künstler, die Anregungen liefern, um sich Gedanken
zu machen, sich und andere zu hinterfragen. Wir wachsen doch durch einen
solchen Austausch von Ideen und Lebenseinstellungen. Dieses
Wachstum hat wiederum Kritikfähigkeit zur Folge. Und die macht letztendlich die Demokratie aus. Aufgrund
meines Opas war ich jedenfalls auch sehr lange in dem sicherem Glauben, dass sich
"das
Gute" am Ende durchsetzen wird. Ich dachte, dies sei die besondere Eigenheit
jener Leute, die innerhalb einer Gesellschaft eine führende Position erreichen
-
dass es schließlich halt nur reife und ehrliche Persönlichkeiten schaffen, das Vertrauen
der Menschen zu gewinnen - um z. B. Bürgermeister zu werden. |
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