TRAFO - als die Musik das Rocken lernte
Mit den Rockern Franz Prexl und Helmut Tengler durch die wilden 70er
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von rechts: Franz Prexl und Helmut Tengler, links daneben Nachwuchs-Rockstar Bonifaz Prexl, Sohn von Franz

xED:
Zunächst: Vielen Dank für Eure nette Einladung und dass sich so schnell ein Termin hat ausmachen lassen (Nebenbei bemerkt gings dank Rosmaries vorzüglich chinesisch-vegetarischer Küche kulinarisch weit über lokale Grenzen süsssauer zu).
Es geht also darum, heute Abend die lokale Kultur- und Musikerszene der '68er und Nach-'68er auferstehen zu lassen, auch darum die über xED begonnene Serie fortzuführen und einige Lücken zu schliessen.
Kennengelernt haben wir uns, da schliess ich Rosmarie und den Bonifaz (Sohn von Franz, und Jungrocker, 2003 erschien seine erste CD "Entrance Hall") glaub ich im Frühjahr 2000 im Parkcaf'e in Altenerding im Rahmen der Erdinger Rocknacht. Dazu sicher später mehr.
Ihr beiden, Franz und Helmut, ward bereits so in den '70ern Musiker, und wenn man bei bestimmten Events auftaucht, dann stellt man fest, Ihr habt die Zeit recht unbeschädigt eigentlich überstanden.
Mich würd interessieren, wie alles anfing. Wo kommt Ihr her und wie wurdet ihr geprägt? Vielleicht zunächst Du, Helmut.

Helmut:
Aufgewachsen bin ich in Altenerding. Das war damals eine eigene Gemeinde, kleinbürgerlich geprägt, von der Einwohnerzahl fast so gross wie Erding, weil z. B. Ortsteile wie Klettham dazugehörten. Und so stand man schon in einer bestimmten Konkurrenz zur Kreisstadt.

xED:
Dazu bedarf es dann aber auch einer eigenen kulturellen Szene.

Helmut:
Na, immerhin gab es mit der SpVgg einen Fussballverein, und mit dem Parkcafé, dem Adlberger und dem Widl (dem heutigem Abwasserzweckverband) drei Wirtschaften.

xED:
einem Bermudadreieck

Helmut:
-:) ja, um die Kirche herum

xED:
Sicher hat die auch eine Rolle gespielt

Helmut:
Die katholische auch deshalb, weil es damals noch keine evangelische Gemeinde gab. Die kam erst später durch die "Zuazognen". In unserer Klasse gab es nur einen Evangelischen.

xED:
Du stammst wohl aus einer typischen Altenerdinger Familie?

Helmut:
Eigentlich nicht, meine Eltern kamen aus dem Sudentenland. Ich wurde in Moosinning geboren, kam dann aber wenige Monate später nach Altenerding.

xED:
Erding war in den '50er und bis in die '60er wegen dem Militätflughafen stark von den Amerikanern geprägt. Hat sich dieser Einfluss bis nach Altenerding ausgewirkt?

Helmut:
Der Fliegerhorst war der größte Arbeitgeber, und auch viele Altenerdinger waren dort beschäftigt, Leute in der Nachbarschaft, auch in der Verwandtschaft; aber kultureller Art war der amerikanische Einfluss eher gering.

xED:
Das war dann wohl auch nicht ausschlaggebend für Dein musikalisches Interesse. Wann zündete denn bei Dir der Funke?

Baba Jaga live in der Nachtwache

Helmut:
Das war so um '68, zur Zeit der ersten Erdinger Rockbands, den Baba Jaga und Groove.

xED:
Was waren das für Leute?

Helmut:
Bei den Baba Jaga war der Ulf Schwager als Sänger dabei, dann der Von den Stemmen und der King, bis vor kurzem noch bei Why Not. Dann der Klaus Kosney von den Groove, der später Studiomusiker wurde, und bei Munich spielte, einer damals recht bekannten Gruppe mit Auftritten bis in den "Musikladen" (ehem. TV-Sendung).

xED:
Gab es denn auch in Erding oder A'Erding genügend Auftrittsmöglichkeiten?

Helmut:
In Erding gabs die Nachtwache, dann daneben das heutige BarCelona, beide an der Münchner Strasse. Das Picnic ist dann in den '70er Jahren dazugekommen.

xED:
Ab wann seid Ihr aktiv geworden? Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Transformationen der Gammlermusik im Wohnzimmer

Helmut:
Franz und ich, wir kannten uns von der FOS in Freising, beziehungsweise vorher schon von der Erdinger Realschule.

Franz:
Helmut, hattest Du nicht vorher schon eine Band in Altenerding?

Helmut:
Das waren die allerersten Gehversuche, mit der Gitarre über die heimische Musikanlage im Wohnzimmer.

Franz:
Da haben immer wieder andere Leute mitgespielt, aber dadurch, dass wir drei - da gehörte noch der Exner Wolfgang dazu - in die selbe Klasse gegangen sind, hat sich dann irgendwann ein Stamm herausgebildet.

xED:
War dann nicht ganz wichtig wie man sich nennt.

Helmut:
Ja, wir nannten uns "Trafos"

Franz:
... Man überlegt ja immer, unter welchem Namen man sich präsentieren soll.
Ich hab ja dann Elektrotechnik studiert, was zur elektronischen Musik recht gut gepasst hat. Man braucht ja Verstärker, und ein Trafo hat ja einen Eingang und einen Ausgang, wird etwas verstärkt oder gedämpft, hoffentlich nicht seehr verzerrt.
Aber so haben wir uns auch als Band verstanden, als jemand der etwas aufnimmt, bestimmte Einflüsse, um sie dann individuell umzusetzen

Helmut:
... das Ganze transformiert weiterzugeben.

xED:
Wo fanden dann die Transformationen statt? Ich kann mir vorstellen, dass die Nachbarn besonders begeistert waren?

Helmut:
Im Pfarrheim in Altenerding. Dort hatten bereits andere Musikbands gespielt, z. B. die Scallops, mit dem Graf Mac; der ist Gitarrist der Sängerin Lady L. Wir hatten gefragt, ob wir auch mit rein dürfen.

xED:
Wie war das mit den Gruppen untereinander, z. B. zu den Scallops? War das eher Konkurrenz oder Kooperation?

Helmut:
Die waren uns damals ja 2 Jahre voraus, und wir waren dankbar für alles, was sie uns gezeigt haben.
Dann war da der May Bernd dabei, der heute ebenfalls noch bei Why Not spielt.
Es ist schon interessant, wenn man bedenkt, dass viele, die heute noch aktiv sind, seit langer Zeit die Musikszene ausmachen, gerade zu jener Zeit angefangen haben - teilweise in den Kellern 'rumexperimentiert haben.

xED:
Habt Ihr selbst 'rumexperimentiert? z. B. auch mit unterschiedlichen Musikinstrumenten?

Helmut:
Wir hatten ja mit den Proben das Spielen gelernt; erst mal, ohne gross Ahnung von allem zu haben.
Zwar hab ich in der Kindheit ein Jahr beim Nachbarn Klavier gelernt, der war Musiklehrer. Aber als der starb wars damit vorbei. Zu der Zeit hatte ich mir kein anderes Instrument vorstellen können. Das lag damals aber an der Zeit; da hatte man in der Schule Flötenunterricht; Gitarre lernten nur einige wenige, wie z. B. eben der Mac.

xED:
Wie war das damals in den Schulen, als ganz allmählich der neue Sound der Beatles herüberzuschwappen begann?
Wie reagierten die Lehrer, die ja teilweise noch vom Russlandfeldzug erzählten, wenn ich mich da an meinen eigenen Lehrer Klesper erinnere?

Helmut:
Also im Unterricht ist sowas gar nicht angesprochen worden; auch nicht im Musikunterricht beim Rektor Simmet. Da wurden nur Volkslieder gesungen, auch Orff'sche Musik. Das andere war halt "Negermusik", und die Langhaarigen waren Gammler. Wenn du dir die Haare hast wachsen lassen, hast du deinen Ruf schnell weg gehabt.

xED:
Wie war das dann bei Euch, als Ihr allmählich zu den Trafos wurdet?

Helmut:
So ein bisschen Protesthaltung war schon mit dabei, wie's halt bei den Jugendlichen so ist. Die wollen ja anders sein als die Alten.
Das drückte sich ja schon mit dem neuen Sound aus, der frecher war und mehr Drive hatte.
Und die Typen, die diese Musik vertraten, hat man dann natürlich auch bewundert.

xED:
Waren das die Bands vor Ort, wie die Baba Jaga, oder ging das eher übers Radio und die anderen Medien?

Helmut:
Das war schon eher das Radio. Die Bands hier haben ja meistens nur nachgespielt

Franz:
Wobei, die Baba Jaga haben sich damals schon ganz gut an eigenen Stücken versucht. Also, ich hab die damals sehr bewundert.
Aber es war dann auch nicht so, dass man das nun genauso nachmachen wollte wie die, als wir dann selbst angefangen haben Musik zu machen.

xED:
In Kneipen, oder Open Air?

Helmut:
Open Air hat sich erst später entwickelt.

xED:
Aber irgendwann seid ihr aus dem Pfarrheim raus, und habt Euren ersten Auftritt gehabt.

"Mit 5 DM sind Sie dabei!"
- Trafo-Premiere bei Open Air-Event auf 'm Bulldog

Franz:
Dabei war die Landjugend für uns ganz wichtig. Die organisierten in der Regel einmal im Jahr überall auf dem Land einen Landjugendball, und da hat eigentlich immer eine Liveband gespielt. Da war nicht Disco angesagt, sondern da haben richtig Bands gespielt.
Ausserdem gab es auf dem Land viele Wirtschaften, die regelmässig Auftrittsmöglichkeiten boten, wie z. B. in Hofstarring. Die waren dann selbst Veranstalter; auch in Oberding, in Forstern, überall, wo es einen Saal gab. Natürlich haben die gesehen, dass sich z. B. durch Tanzabende ganz gut Geld verdienen lässt.

Helmut:
An Wochenenden waren die Wirtschaften so voll, dass man kaum mehr rein konnte. Man war dann irgendwo im Eck reingedrängt.

xED:
War das gleich zu Beginn schon so, oder hat sich das erst langsam entwickelt?
Wie war das bei Euch? Hat sich das erst allmählich 'rumgesprochen: "Hey Leute, schaut mal bei den Trafos vorbei"?

Franz:
Wir hatten ja erst '72 begonnen. Vor uns gab es bereits recht gute Bands wie eben die Scallops oder auch die Cadillacs. Das waren damals Highlights. Für uns war es dann gut, als die Nachfrage grösser geworden ist, und diese Bands nicht überall gleichzeitig spielen konnten. Da war dann für uns auch Platz.
Wenn man probt möchte man natürlich auch live spielen. Und es war dann neben unserer Studienzeit auch eine schöne Einnahmequelle. Am Wochenende geht man sowieso weg. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man gibt Geld aus, oder man nimmt Geld ein, so wie wir's machten. Und wir haben damals ganz gut gelebt, für die damaligen Verhältnisse.

xED:
Könnt Ihr Euch noch an Euren ersten richtigen Auftritt erinnern?

Franz:
Das wissen wir noch ganz genau, weil wir da 5 DM Gage bekommen haben. Das war ein Landjugendball hier in Niederding; ein Open Air-Event auf 'm Bulldog. Da haben wir auf dem Wagen d'roben unsere Anlage aufgebaut. Und nach unserem Auftritt, da kam der Führer der Landjugend, das war der Martin Angermair, und hat uns 5 Mark gegeben; und das steuerfrei;-).
Wir haben uns damals riesig darüber gefreut, weil wir eigentlich auch umsonst gespielt hätten. Das war unser erster Auftritt.

xED:
Wie ging das dann weiter?

Franz:
Das steht alles in dem Buch. Da müsste man jetzt nachschlagen, aber das dürfen wir Dir nicht geben, da Du sonst zuviel abschreibst. Da stehen zu viele interne Geschichten drin. Ich trag ja auch Verantwortung für die, über die da geschrieben steht. Das muss ja nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt sein. Aber Du darfst einen Blick 'reinwerfen.
(Das Buch wird geöffnet, auch einige Fotos kommen zum Vorschein)
Also, das waren unsere ersten Auftritte. Da drin gibt es natürlich über unsere Musiker eine Biographie, wo z. B. gefragt wurde: "politische Richtung", und ohne Namen zu nennen, Du siehst ja, da steht immer irgendwas.
Und da steht das Datum unseres ersten Auftritts: der 30.06.72.
Am Anfang hatten wir noch nicht so häufig gespielt, das nächste mal erst zwei Monate später. Ab '73 ging dann aber richtig los. Hier, Termine am 05.01, am 13.01., am 20.01. Fast wöchentlich ging das.

xED:
Und irgendwann hat es auch höhere Gagen gegeben. Da seh ich ein paar Nullen mehr.

Franz:
Ja, da gab es ein bisschen mehr. Aber trotzdem waren wir eine etwas günstigere Band, denn es hat vor uns ja schon bessere gegeben, die auch mehr Leute angezogen haben, und wir mussten uns ja erst einen Namen erspielen; das was andere bereits erreicht hatten.

xED:
So richtig Reichtümer angesammelt haben sich dann doch nicht?

Franz:
Sagen wir's mal so: Es hat sicher Bands gegeben, die haben einigermassen davon leben können. Bei uns wars so: Wir haben uns unsere Verstärker und Gitarren davon finanzieren können. Aber viel mehr kam auch nicht raus, von Reichtümern ganz zu schweigen

Helmut:
Es hat schon einige gegeben, die ganz gut damit verdient haben, auf einer Ebene, die vielleicht ein bisschen besser waren als wir.

Zwischen Blockflöte, Jethro Tull und deutschem Schlager

xED:
Wer war denn Euer Frontmann, der Sänger?

Franz:
Frontmann hatten wir eigentlich keinen.

Helmut:
Gesungen hat meistens der Franz.

Franz:
Wir hatten eigentlich keinen richtigen Sänger. Der eigentliche Musiker war der Helmut; der hatte immerhin Klavier gelernt.
Mich hat er damals gefragt: "Was kannst Du denn für ein Instrument?" "Blockflöte", hab ich geantwortet. Das reichte dem Helmut aber nicht, denn das hat damals jeder gelernt. Der meinte dann: "Wenn Du wenigstens Querflöte spielen könntest". Denn da war Jethro Tull damals schon sehr bekannt. Und deshalb sind wir nach München, und haben eine Querflöte gekauft; eine ganz billige aus Plastik, und dann hab ich halt bei einem Lied Querflöte zu spielen versucht, obwohl ich's gar nicht konnte. Aber so hab ich wenigstens bei der Band mitspielen dürfen.
Später war's dann so: Da hat mal der ein oder andere Musiker aufgehört, oder ein Gitarrist ist ausgefallen ... inzwischen hat auch der Helmut Gitarre spielen können, und hat mir das auch beigebracht; dann hab ich halt auch versucht Gitarre zu spielen; aber dadurch, dass ich halt nie so gut war wie die anderen hab ich halt am meisten gesungen. Damals war's ja auch so, dass sich jeder davor gedrückt hat.

xED:
Gehörte Jethro Tull zu Euren Vorbildern?

Franz:
Das konnten wir ja nicht, und haben das schnell wieder sein lassen

Helmut:
Da war die Qualität so hoch

Franz:
Ich bin eher auf die Stones gestanden, Wolfgang mehr als auf die Beatles

xED:
Also eher die etwas härteren Sachen

Helmut:
Obwohl, wir haben auf dem Land draussen natürlich auch deutsche Schlager spielen mußten.

xED:
I see, Bata Illic und Co.;-)?

Helmut:
Christian Anders

xED:
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Franz:
oder Howard Carpendale. Deine Spuren im Sand. Ja, solche Sachen, so Schnulzen, die man auf dem Land gern gehört hat.
Das hätten unsere Idole, also z. B. die Baba Jaga, wohl nicht gemacht.

"Du stehst da oben, singst ein Lied, und die strippt dabei"

xED:
Ihr habt Euch verkauft?

Franz:
Wir hatten versucht, den Bereich Tanzmusik in unser Repertoir aufzunehmen. Dazu wurden wir in den Wirtschaften engagiert, und dafür hatten wir spielen dürfen. Für das andere hätte es einfach zu wenige Auftrittsmöglichkeiten gegeben.
Ich find das nach wie vor auch nicht schlecht. Einerseits hat es einem selbst Spass gemacht, andererseits ja auch den anderen.
Das Problem, das wir hatten, was speziell auch das meine war, weil wir eben nicht so mainstreamorientiert waren, wie manch andere Tanzmusikband damals, die diese Art von Liedern von Anfang an im Repertoir hatten, während wir all das nachträglich erst einbauen bauen mussten, weil uns zunächst mal Rockmusik interessierte. Wir mussten uns das alles erst mal erarbeiten, weil es eigentlich nicht unsere Musik war. Also Walzer, Polka, usw.
Dass wir zu Beginn das ganze Spektrum noch nicht abdecken konnten, dafür gibt es ein nettes Beispiel in der Kellerbar in Nandlstadt im Lkr. FS (Franz zeigt auf einen Artikel mit Bild im Trafo-Buch):
Ich weis gar nicht mehr, wie wir dazu gekommen sind, vielleicht durch einen vorherigen Auftritt in Freising? Jedenfalls spielten wir da, und irgendwann kurz vor 10 Uhr kommt ein Mädchen und sagt, sie strippt jetzt dann, ab 10 Uhr, und wir sollen einen Rhytm & Blues spielen.
Da sagten wir: "Rhytm & Blues? - sowas kennen wir gar nicht. Das haben die sich nicht vorstellen können; eine Band die nicht einmal weis, was ein Rhytm & Blues ist. Dann haben wir uns kurz zusammengesetzt, sind unser Repertoir durchgegangen und haben versucht, einen Song zu finden, auf den die Strippen kann.
Da wir nicht viele Instrumentalsongs im Repertoir hatten, haben wir etwas aus der Hitparade genommen; ich hab dazu gesungen, das war total bescheuert. Du stehst da oben, singst ein Lied, und die strippt dabei.

xED:
Also ich wär da wohl ziemlich aus dem Text gekommen.

Franz:
Das war nicht leicht zu singen.
Und das andere: Wir mussten zuvor ja durchsagen, dass ab 10 Uhr alles was unter 18 Jahre ist, den Saal verlassen muss. Das schlimme dabei: unser Bassist war auch noch keine 18. Der durfte dann dableiben

Helmut:
der hat sich aber umdrehen müssen.
- allgemeines :-)

Zwischen eigenem Stil und Angepasst

Franz:
Immerhin haben wir auf diese Weise auch gelernt, uns ein bestimmtes Repertoir an Liedern anzueignen, so dass wir irgendwann auch auf Hochzeiten spielen konnten. Da muss man dann ja Walzer und Polka usw. können.
Da haben wir uns dann Noten besorgt, und Aufnahmen.
Und ausserdem: Wir wollten ja eigentlich nie so glatt das herunterspielen, sondern einen eigenen Stil finden.

xED:
Das 1:1-Nachspielen wär wohl ohnehin schwierig, weil das andere ja Profis waren

Helmut:
... und wir auch gar nicht die dafür nötigen Anlagen gehabt haben. Dann natürlich auch nicht das Können für manche Sachen. Aber auch, um das für uns interessanter zu machen haben wir immer versucht, eine eigene Note hereinzubringen. Mir wär das sonst zu langweilig gewesen, nur alles zu kopieren. So haben wir bestimmte Nummern nur zweimal angehört, dann aber, wenn wir sie eingeprobt haben, das daraus gemacht, was für uns hängengeblieben ist. So haben wir den Song quasi neu intepretiert. Und das wurde bei uns dann oft eine ganz andere Nummer.

Franz:
Dabei haben wir uns allerdings schon eine Menge Arbeit gemacht, denn unsere Absicht war es immer, vom Gefühl her etwas Gutes und Besonderes abzuliefern. Das war schon immer unser Drang. Die anderen Bands, die waren vielleicht oft professioneller, die haben aber einen gewissen Sound gehabt, da hat man schon von weitem erkannt, heute spielt die oder jene Band, weil die eben so geklungen hat. Nicht dass da jede Nummer gleich klang, aber es hatte halt jeder seinen Stil. Und, ich weis nicht, vielleicht war das sogar auch bei uns so, aber ich hatte eigentlich immer das Gefühl, wir hätten viel mehr experimentiert; so dass unser Stil dann nicht so klar festgeschrieben war.

vom Trafo-Blues , Trafo-Buch und Trafo-Bruch anno '74

xED:
Habt ihr eigentlich ein paar Songs festgehalten?

Franz:
Ja schon, aber die Qualität über Kassettenrekorder ist natürlich schwach. Im Keller haben wir mal was beim Proben mitgeschnitten, aber es ist eigentlich nicht wert, das hier vorzuspielen.
Aber hier (Franz deutet auf ...), das war '73; da hatten wir immerhin schon eine Songliste. Wenn man da durchgeht, gibt es so Sachen wie "Satisfaction". Das (Franz deutet auf ...) ist z. B. eine Eigenkomposition: "Day without You". Das hat es damals bei Tanzbands eigentlich nicht gegeben. Die haben professionell die Nummern heruntergespielt, während wir manchmal auch was ganz eigenes gemacht haben. "Beautiful Sunday", "Let's Dance", "Running Baer", "Proud Marry", ... Teilweise kenn ich die Songs gar nicht mehr, teilweise waren es so Gassenhauer. "Get off of my Cloud" von den Stones, "Solei Solei" und da war wieder was eigenes. "Que Sera", ... "Mellow Yellow", dann von den Donnavan, ... dann "Human Life", 'ne Eigenkomposition. Da kommt "Der Zug nach Nirgendwo", "Lola" von den Kinks, dann Charleston, Tango, auch eine eigene Kreation, denn wir mussten auch Tango irgendwo spielen (Helmut muss lachen: "einen eigenen Tango!");
dann der Schneewalzer, dann zum bayrischen Teil: "Die Schützenliesel", mehr hatten wir dann aber auch nicht;
dann spezielle Dinge für den Fasching wie "Auf und nieder" oder den "Mainzer Narrhallamarsch"
oder "Lady in Black", "Blowing in the Wind", oder wieder was eignes: den "Trafo"-Blues.

xED:
Das war alles 1973 bis ?

Franz:
(blättert im "Trafo-Buch", zeigt auf einen Eintrag:) "Gestorben!" das war Anfang '74.

xED:
Oh, da habt ihr euch aber nicht lang gehalten.

Franz:
Wenn man das Buch durchliest, dann ist es leider so, dass trotz aller Harmonie, weil wir uns so schön gefunden haben und wirklich viel Spass hatten, trotzdem auf der anderen Seite halt auch viel Streitereien und viel Stress gab. Ich weis zwar heute nicht mehr wieso und weshalb, aber es war halt so. Es gab immer einen Grund zu streiten. Die positiven Seiten bleiben in Erinnerung.

xED:
Jedenfalls scheinen die zwei Jahre eine sehr intensive Zeit gewesen zu sein, immerhin mit zahlreichen Auftritten. Und dann auf einmal: gestorben, Schluss?

Franz:
Da ist halt mal einer ausgerastet, und der hat dann halt nicht mehr mitgespielt, und dann hat es die Band als solche nicht mehr gegeben.

xED:
Dann muss man einen Neuen finden...

Franz:
Genau, aber bis dahin war dann natürlich schon 'ne schöne Zeit. Wenn du studierst, und du möchtest ja ein bisschen Nebeneinkünfte - und ich kann mich noch gut erinnern, ich weis nicht wie's Dir (Helmut) gegangen ist - wir hatten dann zwischendrin beim Helmut geprobt: Ich hab das als so einen Luxus empfunden, am Wochenende zu spielen, ein bisschen Geld dafür zu bekommen, und sind dann einmal in der Woche, meistens nach den Proben zum Pizza-Essen gegangen, ins Capri, und da sind wir abends hingegangen, und haben da jeder eine grosse Pizza genommen, mit allem drauf. Da steckte unser verdientes Geld mit drin, und das hat dann sowas von gut geschmeckt! Das war für uns "Luxus", in der damaligen Zeit.

Trafo-Recyling: Auferstehung als Rainbirds anno 75

xED:
Aber nach dem Ende der Trafos gings dann trotzdem weiter. Ich hab beim Blättern im Buch mit grossen Lettern das Wort "Wiedergeburt" gefunden.

Franz:
... mit den Rainbirds.
Jetzt muss ich selbst erst mal nachschaun (Franz blättert, stellt dann erstaunt fest:) Der Wolfgang hat aufgehört? Der hat doch dann wieder angefangen (blättert), das darf man ja gar nicht lesen...
Jedenfalls hatte es einige Probleme unter den Mitgliedern gegeben, und eigentlich hat sich dann eine neue Formation herauschristalisiert. Aber wenn man genau hinschaut, sind es dann wieder die gleichen. Nur dass der Hermann Ostermeier nun dazugekommen ist.
Wir haben uns praktisch von vier auf fünf verstärkt (zeigt ein Foto), mit dem Hermann, dem Bassisten Django, dem Schlagzeuger Wolfgang (lachen im Hintergrund). Damals hatten wir natürlcih lange Haare.

xED:
Das war jetzt Anfang '75

Franz:
Genau. Und damals hatten wir beim Hermann in Schwaig einen neuen Proberaum bekommen. Und mit ihm einen guten Gitarristen und Sänger. In sofern waren wir danach sogar ein bisserl besser.

Helmut:
Da waren wir sicher besser. Wir hatten dann auch bessere Anlagen.

xED:
Wer war dann der Sänger?

Franz:
Das war dann der Hermann, auch ich weiterhin. Meiner Meinung nach hatte der Hermann die bessere Stimme, und etwas mehr gesungen. Aber wir haben uns abgewechselt. Eigentlich hatten ja alle gesungen, auch der Helmut.

Helmut:
Das meiste habt schon ihr zwei gemacht, der Hermann und Du.

Franz:
Ich stell grad fest: da hat es doch ein Jahr Pause gegeben zwischen dem Ende der Trafos und dem Wiederbeginn mit den Rainbirds. Zwischendurch war doch einiges passiert und der Django bei der Bundeswehr. Aber dann wurde uns wohl langweilig.
Hier (Franz zeigt auf ein Foto), ein Bild vom berühmten Hauber Bene (Vater von Peter Hauber, Künstler und ebenfalls Musiker (siehe Interview)), worauf wir sehr stolz waren, auf unserer Bass-Druml gemalt, da waren wir dann auch schon wer, hatten ja schon einige Erfahrung gehabt.

Aus und vorbei

Franz:
Dann haben wir auch wieder öfter gespielt, dann sind neue Songs arranchiert worden; eine Phase, die allerdings auch nicht besonders lange gedauert hat, von Februar '75 bis November '76.
Zwischendrin hatten wir aber einiges an Wechsel. Der Schlagzeuger ist jetzt Ernst Krabichler, zwischendurch haben wir versucht, neue Leute einzubauen, wie den Erich, den Lindauer Heinz, den Liebl Hans, den Kressierer Sepp, Heinz Hagenbach...; die waren auch einige Zeit dabei. Aber '76 war Schluss.
Wobei man sagen muss, nach dem Studium und wenn du dann in die Arbeit gehst, dann war die Zeit nicht mehr so da.

Helmut:
Die Band hat es dann noch einige Zeit weitergegeben, aber mit einer anderen Besetzung, mit dem Hermann. Auch die Trafos gab es weiterhin, und zwar mit dem Lindauer Heinz. Der war zuletzt ja auch noch weiterhin, z. B. im Parkcafé bzw. Adlberger aktiv. Viele aus der damaligen Zeit machen heute noch in verschiedenen Bands mit, wenn heute mal irgendwo Live gespielt wird, wie im Erdinger Stadtfest. Aber leider gibt es heute nur mehr selten Gelegenheit. Vielleicht noch im Konzertival.

xED:
Für solche Ereignisse muss man dann schon Erfolge nachweisen, denn die Organisatoren schauen auf Qualität und auf Namen, suchen weit überregional.

Franz:
Wobei, auch damals gab es bereits gute Bands, die z. B. auf Tanzveranstaltungen auf dem Land gespielt haben, wie etwa die Cadillacs, die bereits eine Masse von Leuten angezogen haben.

xED:
Für Euch war dann das Musikerleben zu Ende. Ihr seid dann Eurem Beruf nachgegangen, mehr oder weniger befriedigt seid Ihr darin aufgegangen, oder habt ihr dann andere Hobbies gehabt?

...
von rechts: Franz Prexl, Walter Koppe (xED), Helmut Tengler, Bonifaz Prexl

Fortgesetzt wird das Interview mit der Zeit, als es anstatt der Musik plötzlich sportliche Erfolge zu verzeichnen gab, oder es On the Road nach Indien ging,
über Erfahrungen, Ausbruchsversuche, Träume und Ziele, über die Kinks-Revival-Band "Survivers", wie es zum "Rock im Parkcafé" kam und über die ersten Gehversuche von Bonifaz; und einer weiteren Entwicklung, dem scheinbaren Ende der Kreativität, der Oberflächlichkeit heutiger Musik und Unterhaltung. Der Forderung "Back to the Roots", um den Musiker wieder in den Mittelpunkt zu stellen.