Literarisches von Walter Koppe
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Erdinger Literaten

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Eine Geschichte über die verschiedenen Wahrheiten

Wolfsblut

Kommageschichten

Erding zurückbleiben

Glosse: "Was schwebt uns da entgegen?"

Gedichte

Linien, die in die Vergangenheit reichen

Brüder  

nächtlicher Kampf  

Meinung für Alle - Auftragsarbeit (Roman)

 

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Eine Geschichte über die verschiedenen Wahrheiten
(leises Liedchen:)
Sieh nicht hin, wo Unrecht ist
Schreibe nicht, auch das ist schlecht
Wenn Du Dir Gedanken machst
Ist's gefährlich,
gib nur acht!

Es könnte Dir dann diese folgende Geschichte ganz vertraut vorkommen.

Du sitzt irgendwo herum - und denkst - und denkst dir nichts schlechtes dabei. Plötzlich erkennst du neben den alten, dir vertrauten Wahrheiten neue Wahrheiten. Sie blitzen feurig tanzend vor deinen Augen herum. Doch dann fangen die ganzen Wahrheiten miteinander zu streiten an, denn sie entdecken, daß sie nicht zusammenpassen, und bezeichnen sich gegenseitig als Lügen.
Und du selbst stehst unschlüssig in der Mitte des Streits, wirkst wie ein verunsichertes, verbogenes Fragezeichen.
"Ruhe!", rufst du aus, versuchst dich zu einem Ausrufezeichen geradezubiegen, und konzentrierst deinen letzten Rest von Selbstsicherheit ...
Schließlich erkennst du, daß die alten, dir vertrauten Wahrheiten nur geschickt getarnte Lügen waren, denn du entdeckst, daß du mit den neuen Wahrheiten weiter sehen kannst als zuvor. Der Nebelschleier hat sich aufgelöst, die Farben sind intensiver, und sogar die Mauern auf beiden Seiten deines Gesichtsfeldes sind verschwunden.
Endlich begreifst du, wieso die Welt ist, wie sie ist. So stehst du da, mit großen Augen, ein "Aha" noch auf den offenen Lippen, den Augenblick genießend.
Irgendwann später stehst du wieder mit beiden Beinen im Alltag. Kollegen, Stammtisch, Zeitung, Fernsehen, feiste Politikerwänste und Wirtschaftsbosse predigen dieselben alten Wahrheiten; bieten dir in schönsten Worten, geschult und in Rhetorik-Seminaren eintrainiert, ihre eigenen Interessen an; reden dir ihre Wahrheit ein, die auch du zu denken hast - "na, greif schon zu!".
Mit Mühe erkennst du aber jene Worte als genau jenen Nebelschleier wieder, als jene Lügen, die du soeben als solche enttarnt hast. - Oder sind es bloß Halbwahrheiten?
Und du erkennst, daß Halbwahrheiten weit gefährlicher sind als Lügen, denn diese Wahrheiten sind geschickt verbogen und in die verschiedensten Richtungen zu verbiegen.

Nun, was sollst du tun? - Sollst du streiten? - Du gegen den Rest der Welt - Suchtest Du nicht eigentlich nach Harmonie?
Und du stellst fest, daß du weder die Kraft noch den Mut und auch nicht die Macht hast, irgend etwas an all dem zu ändern.
"Nein Danke!" rufst du nach kurzer Bedenkzeit, und holst den kleinen Handbesen, um all jene Lügen wieder aus der hintersten Ecke hervorzukehren, und sie ein wenig schwermütig noch, wieder zur Wahrheit zu erklären.
Die wirkliche Wahrheit, deine eigene nämlich, jagst du dagegen zur Tür hinaus.
Vielleicht nimmt sich ja jemand anderer ihrer an, denkst du noch, während du den Weg zur Glotze eingeschlagen hast. Dort läuft bereits das Tennis-Finale im World-Championship live auf SAT 1.
Bequem im Sessel zurückgelehnt, ein Glas kühles Bier in der Hand, erlebst du Service und Break, siehst Halbflugbälle, Lops, Asse, und einen hart umkämpften Tie-Break ..., während langsam und beinahe unmerklich immer dichter werdender Nebel zu beiden Seiten deines Gesichtsfeldes zu streichen beginnt.

Während eines Winterspaziergangs flattert jenes dünne Liedchen an mein Ohr. Und ich entdecke ein paar merkwürdig, feurig blitzende Lichter, halb erfroren im Schnee. Als sie sich endlich in meinem Zimmer aufwärmten, erzählten sie mir ihre wundersame Geschichte.

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Eine Geschichte über die verschiedenen Wahrheiten

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Glosse: "Was schwebt uns da entgegen?"

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Linien, die in die Vergangenheit reichen

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nächtlicher Kampf  

Meinung für Alle - Auftragsarbeit (Roman)

 

W o l f s b l u t
- ein Märchen über Leben und Tod, Liebe und Schmerz, Traum und Wirklichkeit

Es war einer jener kalten Winternächte inmitten der Wälder Finnlands. Da gab es einen kleinen See und ein Fischerdorf. In einem jener schlichten Holzhäuser hatten sich zwei junge Menschen zusammengefunden: Tjolle und Feina. Sie hatten sich im letzten Frühjahr verliebt und im Sommer unter der Mithilfe anderer Dorfbewohner ein Häuschen gebaut. Jetzt war sie schwanger und erwartete ein Baby. Beide freuten sich. Doch nun herrschte strenger Winter. Der See war mit dickem Eis bedeckt, welches in den längen Nächten ein stetes Knacken von sich gab, und aus den Wäldern konnte man das furchteinflößende Gejaule hungriger Wölfe hören.
Eines Tages, die Nahrungsmittelvorräte neigten sich dem Ende zu, nahm der Mann das Schießeisen, um mit anderen auf die Jagd zu gehen. Die Frau wollte während dieser Zeit Holz suchen und es mit dem Schlitten herantransportieren. Nachdem sich die beiden ein letztes mal küßten, war der Mann mit den anderen Jägern verschwunden.
Als er später, am Abend des selben Tags zurückkehrte, hatte er einzig einen jener streunenden Wölfe erlegt. Er war nachdenklich. Die Augen des Tieres sahen aus, als wollten sie ihm etwas sagen.
Er fand seine Frau nicht, und Niemand hatte sie gesehen. Auch sein Rufen bleibt ohne Gehör.
Das halbe Dorf ist danach auf den Beinen als man einen Suchtrupp aufstellt. Bald ist deren Fackelschein über die weißen Ebenen der Schneefelder zu sehen und das Schreien dringt weit in den verstummenden schwarzen Wald.
Plötzlich ein neuer Ton im gleichförmigen Klang der Stimmen. Ein grauer Schatten  stellt sich als Feinas Schlitten heraus; wenige Schritte davon Kleidungsstücke der jungen Frau; ringsherum im Schnee halb verwehte Spuren.
Was war geschehen? Der Mann ruft nun noch lauter den Namen seiner Frau, und der Widerhall des Waldes überrascht ihn in seiner Stärke.
Dann, wenig später, finden Hunde die Fährte eines Wolfes, welcher weiter in Richtung der Wälder nach Norden führt, doch gibt es nirgendwo Spuren eines Kampfes, nirgendwo im Fackelschein den kleinsten Flecken roten Blutes. Ratlos und still macht sich die Suchmannschaft spät in der langen Winternacht auf den Rückweg. 

Als der Fackelzug sich langsam dem Dorf nähert, vernimmt man von dort aufgeregtes, unruhiges Hundegebell. Zwei ältere zurückgebliebene Männer laufen ihnen entgegen. Eine Meute von Wölfen hatte sich bis ins Dorf hineingewagt; aber ansonsten keinen Schaden angerichtet, berichten sie.
Als man sich noch kurz im Gemeindehaus trifft, ist natürlich das Verschwinden der jungen Frau das einzig alle interessierende Thema, und man beschließt, vor Anbruch des ersten Tageslichts einen weiteren Suchtrupp zusammenzustellen. Ob Feina bis dahin noch lebe und bis dahin nicht längst erfroren sei, wollte jemand wissen. Und danach liegt eine beklemmende Stille im Raum; nur vom Knacken der Eisschollen draußen unterbrochen.
Am nächsten Morgen macht Tjolle eine merkwürdige Entdeckung. Das Schneeloch, in das er den erlegten Wolf hineingelegt hatte, war leer. Darum herum wimmelt es von Wolfsspuren. Und er entdeckt auch eine Schleifspur, die aus dem Schneeloch heraus und wie die anderen Wolfsspuren, in Richtung des Waldes zuführen.
Die Männer, die die Suchmannschaft bilden, haben diesmal statt der Fackeln weitere Gewehre mit. So folgen sie den Spuren bis in den bald dichter werdenden Wald; tasten sich dann leiser vor, kriechen schließlich, als sie eine Wolfshöhle vor sich glauben. Andere entdecken einen zweiten Eingang. Während der erste Trupp mit Hilfe allerlei zusammengesammelten toten Ästen ein Feuer anzufachen sucht, stehen die anderen mit geladenen Gewehren am vorderen Eingang der Höhle. Plötzlich und schlagartig wird die winterliche Stille des Waldes durch das Aufpeitschen munitionsspeiender Feuerbüchsen zerrissen, welches sich mit dem erbärmlichsten Aufgejaule der getroffenen Tiere mischt und erst erstickt, nachdem der letzte Schmerzenslaut ausgehaucht ist.
Während das rote Wolfsblut tiefe Bahnen in den weißen Schneeboden frißt, während Tjolle bald überall nur noch das rasche Pulsieren roter Blutaderbahnen in seinem Kopf wahrnimmt, kommt ihm, wie aus einer tiefen Höhle, erst leise, dann intensiver und lauter werdend, das Geschrei eines menschlichen Babies zu Bewußtsein.
Schließlich schüttelt ihn eine unbekannte Kraft. Und als er seinen Kopf endlich wendet, liegt Feina neben ihm. Vom Weiss der Bettdecke enthüllt erkennt er ein völlig neues und kleines säugendes Geschöpf an deren Brust. Und endlich nimmt er Feina und das Neue in seine Arme.

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Komma-Geschichte

Es gab einmal eine Zeit,,,,,,,,, ,,, ,,, , ,,,,,, ,,, , ,, ,,,,,
in der gab es eine riesige Anzahl von Kommas auf der Welt.

In der griechischen Mythologie galten sie als Geschenk Selenes, der griechischen Mondgöttin an die Freiheit der Dichter, an die Gedankenkunst der Poeten.

Die Inquisatoren christlicher Klöster betrachteten sie dagegen als ketzerische Zeugen einer feindlichen, komplexeren Gedankenwelt.
Viele wurden verbrannt, andere aus den Büchern gestrichen oder gekreuzt.
Nur wenigen gelang die abenteuerliche Flucht bis in die neue Welt nach Amerika.

In unseren Landen brachte vor allem die Zeit der Aufklärer, wie Rousseau, aber auch andere Philosophen, Forscher, Wissenschaftler, Schriftsteller, ...
welche ewig lange und komplizierte Gedankengänge schufen, und damit verschlungene Sätze, die Notwendigkeit, auch hierzulande erst vereinzelt, dann aber immer häufiger, Kommata wieder einzubürgern ,,,

Als Zeichen der modernen Zeit schien ihnen ein langes Leben sicher,
doch seit kurzem gelten sie erneut als bedrohte Art. Unter dem Mäntelchen der sogenannten "Rechtschreibreform" haben sich die Gegner der gekrümmten Zeichen neu formiert. Bald wird es der fehlenden Kommas wegen in Büchern und Zeitungen der Übersichtlichkeit halber vermehrt kurze Sätze geben.
In der Literatur wird dies zur "Neuen Sachlichkeit" führen. In der Politik werden komplexe Sachverhalte, wie das Problem hoher Arbeitslosigkeit, künftig mittels einfacher Antworten gelöst werden
- und selbst die F.D.P. träumt von solch populistisch-österreichischen Verhältnissen, und würde sich zu gerne als 18-Prozent-Partei verkaufen, natürlich auch ohne Komma zwischen den beiden Ziffern!

Doch noch ist nicht alles verloren. Auch wenn es den Gegnern tatsächlich wieder einmal gelingen sollte, unsere Zeichen zu verbieten und zu beseitigen, diese haben sich probeweise bereits in eine passende Richtung geradeverbogen.

Die mit ihnen verbündeten Philosophen und Geschichtenschreiber haben mit ihnen den Plan gefaßt, so auch künftig auf jene Striche zurückzugreifen
- zu mindest in der vermehrten Anwendung von Gedankenstrichen.

 

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Erding zurückbleiben

Ich gebe es ja zu, ich war ein bißchen müde. Ein langer Arbeitstag lag hinter mir und der Wagen der S6 ratterte gleichförmig vor sich hin. Schräg links vor mir oberhalb der Abteiltür las ich grade noch "Sie fahren heute mit Wagen 0815". Doch dies war mir so egal, daß mir die Sinne noch während des Lesens wegzukippen drohten, wie mein Oberkörper, der sich seit einiger Zeit schon gegen die Außenwand bog.
So ganz nebenbei vernehme ich noch jene ruhig-einschläfernde Stimme des Zugführers. "Erding zurückbleiben" haucht sie mir entgegen, und nehme auch das selbsttätige Schließen der Türflügel noch wahr. Doch da erfahre ich schon für einen Augenblick jene gedankenfreie Leichtigkeit, die einem beim Einschlafen zuteil wird, so als wäre ich soeben von den Gleisen abgehoben.
Dann aber kommt mir jene Stimme wieder in den Sinn, und ich frage mich, wieso Erding eigentlich zurückbleiben soll. Wieso gerade Erding, wieso nicht Markt Schwaben, Freising, wieso nicht Pliening oder Kirchseon?
Wollte ich nicht eben grade nach Erding? Und meine Gedanken beginnen, grade wie es in der träumerisch großzügigen Logik so häufig vorkommt, in ganz lebendigen Bildern zu kreiseln.
Ich sitze mit angeregten Sinnen in einem Café, dort wo Sempt und Fehlbach beginnen, in getrennte Bahnen zu zerfließen. Die Glasfassade des neuen Gebäudes direkt überm Wehr, welches den Strom liefert, ist nach Süden ans Wasser hin geöffnet, wo sich die Sonne spiegelt. Die zusätzliche Strahlungswärme tut Haus und Haut gerade jetzt in der kühleren Jahreszeit gut, während im Sommer das weite Dach vor zu viel an Einstrahlung schützt. Die Leute entspannen sich dann draußen an der weitgeschwungenen Holzbrücke am Wasser und sehen Ruderbooten zu, welche glitzernde Kreise in den ruhigen Wasserspiegel zeichnen. "Erding zurückbleiben" ruft ein Beamter und setzt dem einen simplen Holzriegel vor.
Meine Sinne entblättern sich erneut. Es funkelt auf den Plätzen. "Feng Shui" zischt ein chinesischer Drache und setzt feurig blitzende Steine dorthin, und spritzt dort mit Wasser, mischt dahinter Erde mit Luft, je nach der Eigenheit des Orts. Ein Stück sinnerregendes Barcelona hier, und dort portugiesisch buntes Mosaik schmückt bald die ehemalige Schranne, und flaniert die Lange Zeile nach Norden hin fort, als gerade einmal wieder jene nüchterne Stimme "Erding zurückbleiben" ruft. Ab sofort schmückt wieder kleinkariertes Pflasterwerk die Wege. Denn nicht dem sinnhaftem Aufenthalt sollen die Räume dienen, sondern dem geschäftigem Durchfluß.
Beim erneuten einschlummern stelle ich fest, daß es an eben jenem Ort recht lebhaft zugeht. Dort an der Ecke gibt es eine Art Kultur- und Kommunikationszentrum, in dem man auch ohne viel Geld eine Tasse Kaffee trinken kann, um dabei mit anderen Leuten auf ungezwungene Art ins Gespräch zu kommen, um sich nebenbei auch einen Überblick über die Angebote der Stadt zu machen. Einer erzählt mir, daß vor einiger Zeit die Hochschule München im Zuge von Dezentralisierungsmaßnahmen den neuen Fachbereich Geowissenschaften ans Umland vergeben hat und die Stadträte in Erding am schnellsten handelten. Zunächst glaubte man nicht, daß es uns in diesem Ort je gefallen könnte, meinte einer, doch man baute sich die notwendige Infrastruktur und stellte sich allmählich aufeinander ein, zu gegenseitigem Vorteil. "Erding zurückbleiben" ordnet ein Politiker an, ruft "Sicherheit und Ordnung!" und "keine Macht den Drogen!", um statt dessen "Gmiadlichkeit" zum höchsten Lebensprinzip zu erklären und für Blasmusik, Stammtischparolen und Wahlkampfzwecke ein weiteres Bierzelt auf den Festplatz zu knallen.
Dieses "Zurückbleiben" schickt meine Sinne diesmal in eine Mischung aus Vergangenheit und Zukunft. Während einer Versammlung hatte ich mich getraut, den Militärstandort in Frage zu stellen. "Ob man sich Alternativen vorstellen könne, um statt fliegendem Kanonendonner dort irgendwann auch einmal Geist zu produzieren" wollte ich wissen. Diese Frage hätte ich besser nicht gestellt. Nun sitze, liege oder hänge ich an einem Gerät fest - ist es ein Pranger? Neben mir hat man noch einige weitere Leute an diese kürzestmögliche aller Leinen genommen. Verzweifelt versuche ich mich aus dieser gezwängten Haltung zu befreien, mich loszureißen, um auf einen der sich im losfahren befindlichen, vor kurzem noch mit Heu, Getreide oder Schweinen beladenen Fuhrwerke aufzuspringen.
Ich wache auf als ich versuche meinen eingeschlafenen rechten Arm mit Wucht vom Fenster zu reißen, und damit meinem Sitznachbarn beinahe den Lokalteil der Tageszeitung zerreiße. "Erding - Endstation, bitte alles aussteigen!" ruft die unsichtbare Stimme, und ich überlege mir, ob ich das wirklich tun soll.

12.03.99

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Ich hielt einen silbernen Glücksstreif in den Händen


Ich hielt einen silbernen Glücksstreif in den Händen,
für Wochen, Monate, Jahre.
Ich flog mit ihm über Berg und Tal, über Wald und See.

Ich bin abgestürzt wie jener Ikarus, der der Sonne zu nah kam,
denn der Glückstreif schmolz.
Doch in welch dunkles tiefes Loch bin ich gefallen,
seit Wochen, Monaten, Jahren
habe keinen Menschen in meiner Nähe.
Und wenn ich denke, da taucht einer auf,
und ihn nach dem Weg frage,
verschwindet der Schatten eiligst wieder in der Dunkelheit.

Manchmal noch in der Nacht träume ich davon, wie es war,
in der Sonne zu liegen,
Augenblicke bei rotem Wein,
bei großen und kleinen Worten,
bei Spiel, Berührung und Leben lernen.

Doch am Tag hab ich den Traum schnell vergessen,
bin orientierungslos und blind,
denn er ist schwärzer als die Nacht.

21.05.01

Einsamer Pfad


mit allerlei Lasten bin ich beladen
klettere mühsam und ganz ohne Weg
zwischen Dornen und Felsen, über Berge hinweg

Einsamer Pfad durch nächtliche Wildnis
ein stolzer Komet zieht seine Bahn
seine Tränen zu Eis erfroren
hat er sich im kalten Weltenraum verloren

28.05.86

Sternaugen


Ich denke oft an Dich zurück
tief eingegraben sitzt die Wurzel
welche den Namen Sehnsucht trägt
zwei Sternenaugen glänzen

Ich denke oft an Dich zurück
an längst vergangne Zeiten
und seh was draus geworden ist
mit Tränen in den Augen

Vorbei im Herzen drin das Hämmern,
das Sägen, Feilen, Spänefliegen
Der Platz da drinnen ist noch frei
Wenn auch schon viel zu lange reserviert

Nun ist es manche Jahre her
ein dichter Staub in allen Ecken
doch wischt man nur ein wenig fort
zwei Sternenaugen glänzen

für U. 12.12.1982

 

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Zeitenwind

Extreme ausprobiern
und sie erspürn
oder doch lieber nicht
eine Mitte finden
aber wo
Sehnsüchte spüren
und große Lust
doch dabei sich selber sehn
so wenig selbstbewußt
Die Menschenzahl muß ungerade sein
bin ich der Rest.

Maskenhaftigkeit der Städte
blauer Wald im Reich phantastischer Mächte
all die Kultur
Ersatzwelt nur
Im Zentrum der Hektik
quietschende Reifen
heulende Motoren
und mitten im Trubel
geschäftiger Massen

steht ein Baum
still, andächtig, überlegen
komponiert Gedichte
aus Blättergeraschel
Worte im Rausch des Zeitenwinds
Platschender Regen ins stehende Wasser
fliegende Flaggen
sich biegende Masten
feiner zarter Regenbogen
wieso haben deine Farben jeden Glanz verloren
ausgebleicht von Sonne und Regen
längst nicht mehr so kraftvoll
wie an den buntesten Tagen.

Und Du
woher kommst Du
wohin schreitest Du
Laß Dir immerhin sagen
die Zahl kann auch gerade sein.

07.06.98

H u n d s j a h r e  (nur mal begonnen)

Immer noch, wenn ich draußen vorm Gartentor diese mir bis heute doch recht fremdgebliebenen Menschen wahrnehme, die mich aus meinen Hundgedanken reißen, überwinde ich mich, und tue ein wenig mit künstlicher Aufgeregtheit das, was mein Herrchen von mir auch erwarten darf, welche die meisten Zweibeiner an unsereinem am besten verstehen.
Dabei, und genau darüber drehen sich immer noch viele meiner Tagträumereien, hatte ich einmal das Gefühl, irgendwann einmal genauso zu werden wie sie; als man mir nach dem Herausreißen aus dem trautem Familienkreis in meinen jugendlichen Jahren gestattete, meinen Horizont zu erweitern, als ich täglich Neues erfuhr, neue Wege, andere zwei- bis vierbeinige Lebewesen, aber auch einiges des Wortschatzes meines Herrchens. Irgendwann dachte ich, wohl all die Worte verstehen und dann wohl auch bald selbst diese Sprache genauso zu sprechen, genauso wie ich es schon recht bald beherrschte, Stöckchen zu apportieren, oder zumindest auch zeitweise schon auf zwei Beinen zu balanzieren. Und zusammen mit der allmählichen Entwicklung meines Instinkts, jener Sinnesart, die den meisten Zweibeinern abgeht, glaubte ich, jenen demnächst ganz sicher überlegen zu sein. Ich erinnere mich gerne an diese Welpen- und jugendlichen Hundsjahre. Dann sehe ich mich selbst wie in einem jener Spiegel der eitlen Menschen, wie ich den Kopf zur Seite geneigt, jedes Wort meines Herrchens gebannt und mit großen runden Augen genau abwiege.
Und dann erinnere ich mich an einige Sternstunden meiner Hundejahre ganz besonders gerne:
Eines abends meinte ich von meinem Herrn das Wort "Fernbedienung" vernommen zu haben; wobei sich dieses Wort eigentlich innerhalb einer größeren Ansammlung von Worten aufgehalten hatte, und er sich dabei wohl eher mit sich selbst unterhielt. Trotzdem arbeitete es in mir, mein Instinkt nahm den Faden auf. Irgend etwas wollte und suchte Herrchen, der sich gerade müde in seinem gemütlichen Sessel bequem gemacht hatte. Also die Hausschuhe können es nicht sein, denn die hat er bereits an, fand ich; streckte meinen Hals zum Fenster: den Regenschirm kann er auch nicht meinen, denn draußen ist das schönste Wetter. Dann fiel mir ein, daß er gestern um diese Zeit jenes dunkle Ding in der Hand hielt, um damit diese Lichtbilder in dem Kasten zu steuern; und dann kam mir, daß ich dieses Ding vor einiger Zeit beim aufräumen in Oskars stinkenden Stiefel hineingetragen hatte.
"Oskar" ist übrigens die Bezeichnung meines Herrchens, die wohl Freunde für ihn ausgedacht haben, und welches ich in meinen vertraulicheren Gedanken selbst für ihn verwende. Ach ja, mich nennen sie übrigens "Gustav", was mich als Schäferhundmischling, wie ich finde, nicht gerade aufwertet.
Doch bleiben wir noch einen Moment bei jener Situation, als Oskar ganz verdutzt jene Fernbedienung aus meinem Maul in Empfang nahm, und mich noch längere Zeit nachdenklich und erstaunt betrachtete.
Mir kam es danach so vor, als überlegte Oskar nun recht genau, was er zu mir sagte. Manches mal, wenn er problembeladen nach Hause kam, schloß er mich in seine Gespräche ein; doch die meisten Worte kannte ich auch beim besten Willen nicht; und es half auch nicht, wenn ich noch so lernbereit auf Oskars Lippen sah, eine Möglichkeit zu finden, den Schwall von Worten irgendwann zu ordnen und zu verstehen.
Immerhin wußte ich, daß ich mich bei "Platz" auf den Boden zu legen hatte, daß bei "Fressi" ganz automatisch das Wasser in meinem Maul zusammenlief, oder ich bei "Gassi" die Leine vom Haken nehmen durfte, um mich übrigens die meiste Zeit selbst damit zu führen - als Zeichen des Vertrauens.
Das Problem waren schließlich die viel zu vielen, für mich überflüssigen Wörter, die zumindest für mich ohne jede Bedeutung blieben.
Immer häufiger, wenn meine Konzentration nach Wortsalaten wie "nachdem Du weggegangen bist, warst Du nicht mehr da" nicht länger aufrecht zu halten war, begann ich zu gähnen; stellte allerdings immer wieder mit Befriedigung fest, wenn sich auch Oskar davon anstecken ließ, er also auch von mir zu lernen schien, und ebenfalls zu gähnen begann.
Einmal allerdings merkte ich hinterher, daß er das diesmal gar nicht toll fand; als er nämlich mit einer jungen Frau am Tisch eines Cafés saß, und mir gegenüber hinterher meinte, daß das Gespräch zwar wirklich nicht besonders tiefgründig war, daß in manchen Momenten das Gesprächsthema der optischen Reize wegen allerdings auch sekundär sein könne; auch, weil er Angst hatte, "durch falsche Worte etwas kaputt zu machen, wofür man Zeit bräuchte". Dies war für mich dann auch der Grund, den bisherigen Eifer aufzugeben, irgendwann selbst doch noch jene Menschensprache zu erlernen.
Man stelle sich nur vor, ich könnte mich irgendwann mit meinem Herrn tatsächlich über ein Thema unterhalten, aber nur "dummes Zeug" reden, wie Oskar das nennt; oder noch schlimmer: mit ihm zu streiten anzufangen, an dessen Ende mir Oskar schließlich die Gartentür von draußen zeigt.
So habe ich mich also entschlossen, das Leben von seiner weniger komplexen Seite innerhalb des überschaubaren Gartenbereichs aus Hundeaugenhöhe zu betrachten und ab und zu zu bellen, wie es meiner Aufgabe als Wächter zusteht, Vögel zu beobachten, oder jenen geheimnisvoll geschmeidigen Geschöpfe zuzusehen, die ich heimlich beneide, wenn sie sich frei und beinahe mühelos über alle menschengeschaffenen Gartenbegrenzungen hinwegsetzen. Das schlimmste aber ist: ich glaube tatsächlich, ich habe mich die Katze unseres Nachbarn verliebt.

(noch in Arbeit: 08.03.00)

Brüder

Ist es nicht so, dass manch Geschichte gar nicht erst erfunden werden muss?
Sie existiert vor Ort, liegt irgendwo faul in der Gegend herum, und die Kunst ist es lediglich, sie zu erkennen, aufzunehmen und entsprechend wiederzugeben.
Manchmal allerdings wird man auch von einer erdrückt.

Es waren einmal zwei Brüder ...
und es war lange her, in beinah finstrer Vergangenheit, als der Größere den Jüngeren begrüßte. Immerhin, der Ältere der beiden war schon gut drei Jahre hier auf dieser Welt, und sich des besonderen Vorgangs durchaus bewusst, auch wenn er die Variante mit dem Klapperstorch nie so recht glauben wollte, sich statt dessen einen geheimnisvollen Aufzug vorstellte, der von diesem riesig großem Krankenhaus direkt in den Himmel führte; zum Kommen und Gehen.
Er freute sich mächtig, als er den lange erwarteten unbekannten Bruder endlich sah, und gewann den neuen Erdenbürger auch rasch als Freund. Gern übernahm er diese erste Verantwortung, war ihm gegenüber zum Zwischenglied zu den Eltern geworden, Vermittler und Vorbild des Kleineren, um sich auf den ersten eigenen Schritten zurechtzufinden und Richtung zu geben.

Eines Tags staunten die Eltern nicht schlecht; der Ältere hatte das dicke gelbe Münchner Telefonbuch genommen, darin Seitenzahlen eingefügt. Wenn auch einige Ziffern spiegelverkehrt und krumm, so war man doch recht stolz, und der Vierjährige wurde samt Ergebnis in Bekanntenkreis und Verwandtschaft herumgezeigt. Ein Wunderkind?
Der jüngere Bruder spitzte die Ohren. Bewundert wollte auch er werden. Bald schon nach "Mama" und "Papa" krakelte er: "vier, drei, sieben, fünf - vier drei sieben fünf!" und erzielte damit nun ebenfalls Aufmerksamkeit; irgendwann hatte man ihm eine Schürze mit Zahlen darauf angefertigt, um so nun ebenfalls bestaunt zu werden.
Für den Vater galt der Ältere damals als legitimer Nachfolger. Ob Hobby oder Beruf, so suchte er sein eigenes Wissen, seine Fähigkeiten und Leidenschaften an ihn weiterzugeben - wenn auch streng und ohne Widerspruch.
Und dann gab es dieses Erlebnis; eigentlich völlig unbedeutend, dachte der ältere Sohn damals. Mit fünf oder sechs Jahren hat man vielleicht einen ersten leisen Geschmack von Gefühlen in Mund und Nase, verschieden süße und saure; auch solche, wie er sie hatte, wenn er Ziffern niederschrieb, in Gedanken nebeneinander reihte, sie nieder kritzelte oder addierte: Jedes von den Zeichen hatte ihren eigenen Charakter, und damit ihr besonderes Geheimnis.
... Ob es neben der Mutterliebe noch eine andere Liebe gab? Naja, wahrscheinlich hatten sich auch Mutter und Vater gern, und sicher auch noch viele andere Menschen, ...
Jedenfalls wollte Mutter nun von ihm wissen, ob sich Vater mit einer anderen Frau trifft. Und dann fiel ihm ein, daß so eine Frau vorhin mit im Auto saß; "ja, sie war jünger", antwortete er ohne besondere Regung. "Man soll nicht lügen" - immerhin, das wu
sste er doch.
Und es wunderte ihn deshalb, da
ss seine Mutter zu weinen begann, konnte es nicht fassen, spürte irgendwann selbst die salzigen Tränen über seine Lippen fließen, wollte trösten, fand aber selbst keinen Trost.

Doch noch etwas schlimmeres geschah. Von nun an wurde er nicht mehr mitgenommen in die Welt der Erwachsenen, wurde durch seinen Bruder ersetzt.
Von nun an lernte er das Leben in Mutters Küche kennen.
Jeden Winkel der Wände - stille, traurige weiss gekachelte Wände; oder das Muster der Tapeten, sich auf engem Raum wiederholend; wie die Tage, die Wochen, die Monate.
Während draußen vor dem Fenster die Wolken vorbeizogen, der Wind ans Fenster drückte, oder sich ein paar wärmende Sonnenstrahlen in die Küche verirrten, stellte er sich vor, was der Bruder nun bei den Freunden des Vaters erleben würde; wie er "drei - vier - sieben" Fähigkeiten oder Menschen kennen lernt - oder ganz einfach im Auto mitfährt - still!
- Nie mehr danach wurde zuhause etwas an Mutter weitergegeben, nie etwas über heimliche Mitfahrer oder Besuche in anderen Häusern, auch wenn Mutter immer noch sehr häufig weinte - zu sehr hatte Vater dem Jüngerem dies ins Gewissen gemeißelt. Diesen Fehler immerhin wollte er kein zweites Mal tun.
Doch noch etwas anderes geschah. Um seinen so unerwartet privilegiert gewordenen Stand zu festigen, erfand der Jüngere gegenüber seinem Vater Schläge, die er von seinem Bruder nie erhielt, die aber für den Vater das Mittel war, alle noch folgenden Ungerechtigkeiten zu legitimieren: "Hab ich nicht schon immer gewusst, da
ss DER ein Lügner und Heimtücker ist", waren dann die Worte gegenüber der viel zu schwachen Mutter, die vergeblich den Streit zu schlichten suchte, sich notgedrungen auf die Seite des Älteren schlagen musste, damit jedoch die zusätzliche Legitimation für Vater war, sich ganz offen auf die Seite des Jüngeren zu stellen.
Das Geschrei, der Streit, Weinen und Klagen gehörten zum Alltag.
Wurden die Erfolge der ersten Kindheit noch stolz nach außen getragen, so änderte sich das, denn Probleme durften niemanden etwas angehen. Auch Diskussionen, Kommunikation, Versuche, irgend etwas zu klären gab es nicht.
In der Schule brachen Leistung und Motivation des Älteren in sich zusammen; das "Wunderkind" war längst verunsichert, gehemmt, stotterte; wurde zum Schulversager.
Und wieder das Thema Liebe! Was ist das? Pubertät? Wovon sprachen all die anderen Kinder?
Er verstand nichts, wurde weiter isoliert, isolierte sich selbst, war kaum noch vorhanden, wurde nicht mehr wahrgenommen.
Sehnsüchte, Sexualität - Er spürte etwas, erlebte riesige Gefühle, riesige Leidenschaften, doch blieb er allein. Jahre, Jahrzehnte.
In seiner Heimatstadt hatte man ihm längst den Stempel eines Versagers aufgedrückt.
Der Einzelgänger wider Willens musste in die Fremde, um endlich ein Stück Welt, um Normalität kennen zu lernen, Bekanntschaften zu finden, wenigstens einen klitzekleinen Teil jugendlicher Liebe nach zu erleben, und weit jenseits der Dreißig Mittlere Reife und Fachabitur nachzuholen.

Dicht vor der Diplomarbeit jedoch holten ihn die prägenden Erlebnisse und damit all der Idealismus wieder ein; jenes Mittel, jener Glaube, der ihn immerhin nie abstürzen ließ, zog ihn wieder in seinen Bann; er konzentrierte sich auf ein soziales Projekt, das er Jahre zuvor initiierte, und ihm nun Auszeichnungen und Preise einbrachte; und wurde dafür, die Ablenkung war verlockend und zu groß - "wie ein erneuter Faustschlag ins Gesicht", exmatrikuliert - das gesellschaftliche Aus; diesmal von väterlich verlängerter Hand endgültig erledigt.
Und trotzdem geht die Geschichte weiter; ob man will oder nicht entsteigt Neues, Gedankensprüngen gleich, jenem geheimnisvollem Aufzug.
Und auch jener jüngere Bruder existiert noch. Nach außen hin scheinbar Unscheinbar, durchaus nett und selbstsicher arbeitet er im Beruf des Vaters, fährt das Auto des Vaters
- zufrieden, aalglatt, sitzt auch heute noch eines tief in dessen Zentrum eingebrannt: dessen Erfolgsgeheimnis.

(2005)

nächtlicher Kampf  

Frühschicht hieß für mich lange auch eine nächtliche Tour d'Airport, also von Erding per Fahrrad an den 13 km entfernten Münchner Flughafen. Gut die Hälfte der Strecke macht ein schmales Asphaltband aus, welches hinterm Weisbräu beginnend als Fahrradweg an Niederding vorbei nach Oberding, und von dort weiter bis Schwaig führt. Auch ein Gutteil des restlichen Stückes auf der ehemaligen Freisinger Straße bis zum Beginn des Airport-Geländes ist heute vom Autoverkehr frei.

Von 2003 bis Jahersende 2008 fuhr ich diese Strecke, zu unterschiedlichsten Schichtzeiten, zu unterschiedlichsten Jahreszeiten...
Auch an jenem lauen windstillen Junitag '08, es war kurz vor 4 Uhr, fährt das Fahrrad fast wie von selbst. Ich liefere als Beiwerk nur den rhythmischen Pedaleinsatz, kontrolliere aus den beinah automatisch ablaufenden Bewegungen bewusst lediglich die etwas kritischeren Stellen an Wegkreuzungen und Kurven. Oft tauchen gerade dort Schatten auf, weichen vom Lichtkegel des Dynamos getroffen überrascht zurück und verschwinden mit geblendete Augen im Getreidefeld. 
Für den Fasan, den ich zu etwas späteren Zeiten häufig auf der Brücke des Mittleren Isarkanal antreffe - der sich an mein kommen gewöhnt hat - ist es diesmal noch zu früh. Es sind die Tiere der Nacht, deren Weg dem meinen kreuzen.

Kurz vor Oberding plötzlich ein seltsames Fauchen und Fiepen direkt vor mir auf der schwarzgrauen Fahrbahn. Ein Schatten bewegt sich, ein zweiter windet sich unter ihm, dann huscht eine dunkelschwarze Katzengestalt vom Licht des Fahrrads getroffen fluchend davon.
Der zweite Schatten einer Kreatur bleibt liegen, windet sich schmerzverzerrt und in Todesangst jetzt direkt vor mir auf dem Rücken, von wo sich ein Rinnsaal einer schwarzdunklen Flüssigkeit auf den Asphalt ergießt. Ich ergreife das schwarze Tier, das immer noch mit seinen langen Hinterläufen ausschlägt. Doch schließlich habe ich den jungen Hasen in den Händen, befördere ihn ins bereits gut einem Meter hoch stehende schwarzdunkle Getreidefeld hinein. Im nächsten Moment herrscht wieder Stille inmitten der Dunkelheit, in die hinein sich die Katze längst in weitem Bogen geflüchtet hat.

Ich setze meine Fahrt fort, philosophiere ein bisschen, analysiere mein Verhalten. Habe ich nicht eben in den natürlichen Kreislauf eingegriffen? Ich nehme irgendeine einmal dahin gehende Diskussion auf, um mich ihr zu stellen und zu verteidigen: "Ja, ich habe eingegriffen! - und?" frage ich dazwischen. "Aber unterscheidet uns Menschen das nicht vom Tier? - Hieß Mensch sein nicht einmal menschlich handeln?" Dann finde ich den Vergleich zu ganz aktuellen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen. "Wurde mit Hilfe einer ganz ähnlichen Fragestellung nicht eine unsolidarische Gesellschaft legitimiert. Das Recht der Natur, des Stärkeren, des freien Markts, ...?", bis mir endlich auffällt, dass meine Tasche fehlt. "He, wo ist mein Ausweis, meine Geldbörse, ...?"

Ich radle zurück. Am Ort des Kampfes finde ich einen dunklen Schatten in dunkelgrauer Landschaft, reglos. Ich bin froh. 
Längst liegt wieder nächtliche Ruhe über der Stelle. Die Kirchturmuhr schlägt 4.

siehe auch: http://www.erding-life.de/xed/070607-naechtlicher-kampf.html

Linien, die weit in die Vergangenheit reichen

Bei den großflächigen Marmorfliesen am Müncher Airport fiel mir eben wieder einmal auf, dass sie manch Kind zu einem seltsamen Spiel verleiten. Aber auch mich selbst habe ich wiederholt schon dabei ertappt, auf die Trennfugen und Knotenpunkte zwischen den schachbrettartigen hell und dunklen Flächen zu tippen - trat dann, ein Stück weit peinlich berührt vom unbewussten eignen Spiel extra ins schwarze Feld.
Sie behaupten, die Geschichte sei belanglos, nicht weiter der Rede wert? "Evi, komm jetzt, trödle doch nicht ständig herum!".
In der Tat tun wir Erwachsene derlei "Herumtänzeleien" gern als simplen Kinderkram ab. Jedoch sollte uns klar sein, dass das Kindliche noch einiges mehr an Verbindungen in eine Welt hinein besitzt, die zugegeben irrational, uns aufgeklärten, vernunftsbezogenen Erwachsenen nur ein mildes Lächeln abzwingt. Und doch gibt manch kindliches Verhalten nichts weniger preis als die Entwicklungsstufen der Menschheit.
Am deutlichsten erkennen wir das an den vorgeburtlichen Entwicklungsphasen des menschlichen Fötus. Bereits vom Beginn als Eizelle durchläuft es wie im Zeitraffer Millionen von Generationen; zunächst fischartig formen sich bald Wirbel, wird einem Huhn ähnlich, wird dann zum Säugetier, bevor es die für einen Menschen charakteristischen Gliedmassen entwickelt.
Doch zurück zu den Fugen und Knotenpunkten zwischen den Marmorflächen. Vielleicht käme einer auf die Idee, Ähnlichkeiten mit Astwerk festzustellen, auf welche sich unsere Vorfahren einmal bewegten. War es nicht einmal lebensnotwendig, darauf balancieren zu können? Ein Tritt daneben hatte den tiefen Fall zur Folge, um als Opfer dunkler vorzeitlicher Ungeheuer zu enden. Ob manch Verhalten kleiner Kinder rudimentäre Geschicklichkeitsübung ehemaliger Lebensstrategien sind?
Wir Erwachsene haben innerhalb unserer eigenen gemachten Lebenserfahrungen längst neue Bezüge und Begriffe geschaffen, neue Wahrheiten und Lösungsstrategien gefunden. Nur in unseren Träumen und manchen entspannten tagtraumähnlichen Phasen kommen wir diesen Ursprüngen noch näher, steigen wie zufällig genau auf die Trennfugen und Knotenpunkte, um nicht in ungeheure Tiefen dunkler Vergangenheit abzustürzen.


20.07.08

 

Eine Geschichte über die verschiedenen Wahrheiten

Wolfsblut

Kommageschichten

Erding zurückbleiben

Glosse: "Was schwebt uns da entgegen?"

Gedichte

Linien, die in die Vergangenheit reichen

Brüder  

nächtlicher Kampf  

Meinung für Alle - Auftragsarbeit (Roman)