Die Suche nach Dir selbst - Vielleicht findet man sich gerade
dort, wenn
man sich am weitesten entfernt?
Es ist inzwischen einige Jahre her, als ich mit
Ludwig Zaccaro einen ganz besonderen Menschen mit einem entsprechend außergewöhnlichem Leben
kennen gelernt habe.
Sehr lebendig und mit reichlich philosophischem
Hintergrund beschrieb der Freisinger in seinem autobiografischen
Aussteigerroman „Achava – wir kommen wieder“ eine vollkommen fremde Welt
in Soria auf den Kanaren.
Es ist vor allem die eigene Perspektivlosigkeit in
Deutschland, die ihn auch im Jahr 2006 wieder zu einer Auslandsreise veranlasst
- diesmal für eineinhalb Jahre als
Entwicklungshelfer nach Afrika zu gehen.
Doch soo einfach geht das nicht. Um helfen zu
können benötigt man entsprechendes Wissen und eine Art Training, welche z. B. die Ausbildung von
Grundschullehren zum Ziel hat; Schulen für Straßenkinder, Aufklärung gegen
Aids, die Förderung von Kleingewerbe oder Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht.
Zusammen mit seiner Frau Nina hat sich Ludwig an
"Humana People to People" in Lindersvold (Dänemark) gewandt. Diese Organisation
vermittelt Partnerschaften in etwa 180 Projekten in Angola, Botswana,
Guinea-Bissau, Malawi, Mozambique, Namibia, Südafrika, Sambia und Simbabwe.
Über xED erscheinen nun Berichte, in
dem Ludwig seine Eindrücke wiedergibt - zunächst in Dänemark, später
vielleicht per eMail aus Afrika.
1. Bericht (Januar 2006):
Es
war ein seltsamer Start.
Als
ich in Lindersvold eintraf, freute
sich Nina sichtlich über mein Kommen, doch von Vorfreude über unseren Einsatz
war nichts mehr zu spüren. In der Nacht erlebte ich sie sehr unruhig.
Insgesamt kam sie mir desillusioniert vor.
Gut,
hier ging es immer schon chaotisch zu, unterbrochen von Phasen, in denen
geplant und Pläne auch gezielt durchgeführt wurden, doch genauso schnell und
überraschend wie dies geschah fiel vieles wieder in den Zustand von Chaos zurück.
Mich hat hier vieles immer schon an die Anfänge des Werkhauses erinnert, nur
mit dem Unterschied, dass hier alles um eine ganze Nuance größer und noch unübersichtlicher
ist.
Um
damit klar zu kommen, muss man sich an den positiven Dingen orientieren, die
Lindersvold so abheben von der Normalgesellschaft. Davon habe ich Nina so oft
erzählt und sie hat es ähnlich bei ihren und unseren Besuchen erlebt.
Doch
was sie in den ersten zwei Wochen so hautnah mitbekam, deckte sich so gar nicht
mehr mit dem, was uns dort gefiel. Zweifellos, es hat sich einiges geändert
hier.
Unterdessen
bin ich 10 Tage hier und habe die gleichen Empfindungen wie Nina.
Was
wir am meisten vermissen ist der Teamgeist von damals.
Ein
wesentlicher Teil der Ausbildung der ”Ausbildung” hier, ist das Fundraising.
Es geht darum, dass jeder umgerechnet 5000 € auf der Straße für Humana und
seine Ausbildung sammeln soll, also nicht für Afrika.! Dies geschieht hauptsächlich
in der Form, dass du den Passanten die DI-Zeitung, in der die neuen Teams
vorgestellt werden und einige zusätzliche Infos über die Organisation stehen,
für 50 Kronen (7 Euro) verkaufen sollst.
Die
Älteren tun sich erfahrungsgemäss schwerer damit als die Jüngeren (besonders
wenn es sich um Mädchen handelt). Das war auch damals schon, nur mit dem großen
Unterschied, dass sie vom Team aufgefangen wurden. Die anderen Teammitgliedern
haben für die älteren gerne mitgesammelt, wenn diese sich in anderer Weise für
das Team engagiert haben. Z.B. indem sie sich um gutes, warmes Essen für die Heimkehrer
aus Kopenhagen kümmerten, sich zuständig für die Vorbereitung von
Geburtstagen, Abschiedsfesten und sonstigen lästigen Extraaufgaben zur Verfügung
stellten. Auf diese Weise blieben sie integrierter Bestandteil der Gruppe und
keiner kam auf den Gedanken ihnen Vorwürfe wegen ihrer ”geringeren
Leistung” zu machen.
Doch
jetzt erlebten wir anderes. Eine 63 jährige Polin, beschwerte sich bitterlich
darüber, wie schlecht es ihr die letzten Monate ergangen war:
”Ich
wurde respektlos behandelt und musste mich von blutjungen Gören, die 40 Jahre
jünger sind als ich, vor der Gruppe dumm anreden und demütigen lassen. Wenn
ich in England nicht alles aufgegeben und meine Wohnung für sechs Monate
weiter veremietet hätte, wäre ich wohl zurückgegangen, doch damit wäre ich
quasi obdachlos geworden. So blieb mir leider keine andere Wahl als all die
”psychische Tortur” hier auf mich zu nehmen. Aber immerhin, ich habe den
Anderen den Gefallen nicht getan, zu gehen, sondern mich durchgebissen und gehe
jetzt genauso nach Afrika wie sie.”
Ein
anderer, über 40 Jahre alter Schweizer hat das Problem mit dem Fundraising und
der Gruppe auf geschickte Weise gelöst. ”Bandscheibenprobleme” machten es
ihm unmöglich, so viele Stunden in der Kälte, auf der Strasse zu verbringen.
Deshalb durfte er als Betreuer bei der ”Butilbud” (den gescheiterten
Erwachsenen) einsteigen.
Er
vermeidet jede öffentliche Kritik, bietet sich andrerseits aber sehr geschickt
als Vermittlungsperson an. Um Kommunikationsprobleme mit den Jüngeren zu
vermeiden, lässt er jegliche Äußerungen und Urteile, basierend auf seiner
Lebenserfahrung, unter den Tisch fallen und bringt sich auf leicht clownhafte
Art und Weise 'rüber.
Beim
August- und Oktober-Team sind zwischen 25 –30% abgesprungen, die meisten
gleich ganz am Anfang, etwas was eigentlich durch persönliche Meetings
vermieden werden sollte, doch es hat offensichtlich im Gegensatz zu früher
nicht funktioniert. Auch von unserem Team ist die erste schon abgesprungen,
bevor es überhaupt begann, eine andere ist auf eine andere Schule mit einem
anderen Programm gewechselt.
Auch
wir dachten schon daran, die Schule zu wechseln und holten uns schon
entsprechende Infos von zwei ”alten Hasen”
Es gibt da z.B. sogar in Berlin eine Schule ohne Fundraising. Ich habe
dort angefragt, aber keine Antwort bekommen. Das dortige Team ist völlig
zusammengebrochen, worum, darüber weiß keiner genau Bescheid. Es heißt, dass
ein Aussteiger aus Lindersvold dort aufgetaucht sei und die vier Mädels dort
dermaßen verunsichert hätte, dass auch sie ausstiegen. Der Leiter hält sich
gerade in Barcelona auf und dies ist wohl der Grund, dass wir keine Antwort
bekamen.
Mit
Jörn, dem Leiter von Lindersvold hatten wir auch schon ein Gespräch. Er räumte
Fehler ein, war der Meinung, dass der Leiter/Betreuer des Oktoberteams
offensichtlich mit seiner Aufgabe völlig überfordert war und deshalb vieles
nicht so lief, wie geplant. Auch mit dem Fundraisng liegt das Team weit hinter
dem ”Goal”. Aber mit dem Februarteam soll alles wieder viel besser werden.
Er selbst, der sich zuletzt nur um Promotion kümmerte, würde wieder aktiv im
Training einsteigen.
Unterdessen
wurde das Augustteam verabschiedet. Die ”Take-Leave-Party” war umwerfend.
Welch ein kreatives Material die jungen Menschen hier haben. Du musst nur
Fernsehen und sonstige Ablenkung aus dem Alltag verbannen und schon treibt sie
die wildesten Blüten. Alle Teams und DI-Jobber wurden miteinbezogen. Wir färbten
unsere Gesichter schwarz und zogen bunte afrikanische Kleidung an.
Die
Performance war extrem lustig. Zuerst wurde das Augustteam mit dem Bus zum
Flughafen gefahren. dort mussten sie den psychologischen Dienst durchlaufen,
der prüfte, ob sie überhaupt afrikatauglich sind. Als sie endlich im Flugzeug
der African-Airline saßen, fehlten die Piloten. Schließlich wurden zwei Männer
mit Blindenstöcken von zwei Stewardessen ins Cockpit geführt.
”Dont
worry! Afrika is big enough; we will find it. Bis jetzt sind wir immer noch
nach Afrika gekommen, egal wie.”
Auf
dem Flug kamen sie in Turbolenzen und begegneten einem UFO, alles über ein
Notebook akustisch umrahmt.
Dann
mit einem völlig überladenen Bus durch den Busch. Mitten auf der Fahrt werden
sie von einer schwarzgekleideten Hexe angehalten. Alle müssen aussteigen und
bekommen ihre Zukunft in Afrika von ihr vorausgesagt.
Genau
das ist, was ich immer schon an Lindersvold mochte - diese spontanen
Inszenierungen anlässlich von Geburtstagen, Festen und Abschieden.
Unglaublich, dass dies und wie es mit einfachsten Mitteln geschieht.
Und
am nächsten Morgen wurde diese bunt zusammengewürfelte, nach deutschen Maßstäben
völlig unzureichend ausgebildete Truppe zum Flughafen gebracht, Ziel Afrika!
Wenn
das nur gut geht! Tut es; schon seit Jahrzehnten!
2.Bericht
(Februar 2006)
Die letzten
Tage dachte ich schon, dass mein 1.Bericht aus Lindersvold gleichzeitig auch
der letzte von dort gewesen sei.
Wir fühlten
uns gar nicht wohl mit lauter jungen Leuten, mindestens 30 Jahre, wenn nicht
mehr Jahren jünger als ich. Und dann noch die Geschichte mit dem Fundraising:
36000 Kronen (5000 Euros)
Als Algebraer habe ich sofort zum Rechnen angefangen. Bei 12 Kontakten einer, der
uns 20 Kronen gibt, wären es an die 600 Leute zum Ansprechen pro
Fundraising-Tag.
Kein Wunder,
dass ich entsprechen schlecht schlief. Zusätlich habe ich mich darüber geärgert,
dass es 2 Leute im Team gibt, die das DNYS Programm durchlaufen, d.h. sie
arbeiten 30 Std/Woche mit den schwierigen Jugendlichen hier und müssen dann
nur 6000 Kronen fundraisen.
Das gab es
hier letztes Jahr noch nicht und ich bekam es erst jetzt, zu spät also, mit.
Wir setzten uns vor unseren Altar und baten um einen guten Rat.
Durch einen
Schweizer, der im Oktoberteam ist, hörte ich, dass eine solche Möglichkeit an
einer anderen Schule, nämlich in Bustrup, bestehen würde und nicht nur das,
sondern dass das nächste Team dort am 1.März anfangen würde. Natürlich habe
ich gleich hingemailt, aber erst einmal keine Antwort bekommen.
In der
Zwischenzeit wurde ich immer nervöser und fasste in der Nacht den Entschluss,
meine Entscheidung noch vor dem nächsten Sonnenuntergang zu fällen.
Der Tag
verging, ich kam wegen einer Störung nicht ins Internet und auch telefonisch
erreichte ich niemand. So trat ich die Flucht nach vorne an und verkündete
Andrea, unserer Lehrerin, dass mein Entschluss gefallen sei, nämlich nach
Bustrup überzuwechseln. Sie war natürlich alles andere als glücklich und bat
mich alles in die Wege zu leiten, damit unser Umzug schnell über die Bühne
gehen könnte.
Und jetzt
geschah etwas Seltsames, typisch Lindersvold/Humana. So eine Nachricht
verbreitet sich immer irgendwie und wir erwarteten, immer mehr von den
Gruppenaktivitäten ausgeschlossen zu werden und von allen Seiten angefeindet,
bzw. rausgebissen zu werden, nach dem Motto:
’Ihr habt es
gewagt, uns verlassen zu wollen – dann sollt ihr auch unsere Ablehnung spüren, damit ihr euch ja auch schnell schleicht.’
Doch das
Gegenteil geschah: wir wurden integriert, bekamen wichtige Aufgaben zugewiesen,
wie die Organisation der Küche und Mainteneance (Feststellung was repariert
werden muss, Aktion-Weekend usw.) Nina lebte richtig auf, fühlte sich plötzlich von den Anderen mehr akzeptiert und auch
fühlte mich plötzlich
mehr aufgenommen. Als ich mich zu meinen Gefühlen und Ängsten bekannte fand
ich zu meinem Erstaunen Verständnis und das, obwohl ich damit den Tagesablauf
durcheinander gebracht hatte.
Die nächsten
Tage bekam ich das Feedback, dass ich den jungen Leuten hier nicht geheuer
gewesen sei, sie befürchteten, dass ich mich hier zum ”Guru” erheben
wollte; meinen ”Indientouch” ließ ich ja auch gleich von Anfang an heraushängen.
Doch diese Befürchtungen hatten sich plötzlich in Luft aufgelöst.
Tja die Zeit
verging ohne Antwort aus Busstrup und als sie endlich doch kam, klang sie merkwürdig
nüchtern. DI-Teacher ist dort eine Engländerin und sie war
offensichtlich gar nicht begeistert, dass wir, uns als älteres Ehepaar bei ihr
beworben hatten, wohl auch, weil es dort nur kleine Gruppen von 3 – 5 Leuten
gibt.
Die erste
Fundraising-Stunde kam und ich wurde plötzlich hellhörig. Mein Leben lang ärgere
ich mich schon, mich, meine Ideen und Produkte (Bücher) nicht verkaufen zu können.
Ich habe den Gesprächsverlauf nicht in der Hand, lasse mich zu leicht aufs
Glatteis führen, sprich ”verarschen”, schaffe es nicht, den Sack
zuzumachen. Heißt das etwa, ich könnte hier und gerade beim Fundraisen, wovor
ich mich am meisten fürchte, noch etwas sehr Wichtiges für mein Leben lernen?
Am nächsten
Tag arbeitete Nina freiwillig in der Küche, um eine Frau, die angeblich nicht
kochen kann, zu unterstützen. Ich saß im Klassenzimmer, die anderen waren
freundlich zu mir und ich fragte mich nun wirklich, was denn jetzt los sei.
Wollte ich jetzt wirklich noch nach Bustrup, besonders jetzt wo es uns hier
immer besser ging?
Als ich mir in
der Küche einen Kaffee holte, nahm mich Nina beiseite und sagte: ”Ich möchte
hier bleiben.” Es war gar nicht mehr Überredungsarbeit nötig, um ebenfalls
diesen Entschluss zu fassen. Also die ganze Kompanie kehrt. Kein Problem hier;
niemand nahm mir meinen ”Flucht-versuch” übel.
Tja
und so sind wir doch geblieben und gespannt, was die nächsten Wochen
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