- und die Folgen

Während sich die Redakteurin des NDR bereits seit März 2009 für meinen Fall zu interessieren begann, war der Sendetermin am 16.07.09 um 21.45 Uhr im Programm der ARD. 
 
Hintergrund: Beim Bodenverkehrsdienst am Münchner Airport tarifvertraglich gekündigt, soll ich mich nun für die selbe Stelle als Leiharbeiter bewerben - Extremschichtarbeit für 7,38 € / Std. Insgesamt in der Kritik steht "Seehofers Sozialstaat: Lohndumping am Flughafen München" 

 

- Drehtag: Vier Stunden vor der  Kamera des NDR

Es ist schon ein seltsames, weil seltenes Gefühl, eine derart lange Zeit vor der Kamera einer Fernseh-Reportage zu stehen. Vor den beiden mit Kamera und Mikro ausgestatteten TV-Profis haben selbst bundesdeutsche Politikgrößen Respekt; die Kamera lieferte vor kurzem noch Bilder aus Afghanistan.
Einen ganzen Nachmittag lang überlegen und entwickeln die Journalistin mit ihrem Kameramann eine Art Drehbuch, um die Story des gekündigten Flughafen-Mitarbeiters technisch optimal umsetzen zu können. Ich lasse mich darauf ein, mache mich zur Darstellerkopie der eigenen Person, habe bald das Zählen der unterschiedlichen Blickwinkel und Entfernungen aufgegeben, aus denen die Filmsequenzen gedreht werden, laufe nach Anweisung die Treppe des Besucherhügels am Airport hinauf, dann wieder hinunter, blicke von oben in Richtung eines eben sehr beschäftigt wirkenden ehemaligen Kollegen, der Gepäckwägen an einen Airbus heranzieht. Links davon startet ein Flieger. Welches Ziel er wohl hat?
Die Sentimentalität, mir selbst derlei Fragen in Richtung meiner noch vor Monaten ganz realen Arbeitswelt zu stellen, nur wenige Hundert Meter entfernt, gehört zu den nüchternen Überlegungen der Regie, welche ich dem TV-Zuschauer gerade durch solcherlei Eindrucke vermitteln soll. Doch der Ablauf des Drehbuchs wird unterbrochen. Der Kameramann deutet in die graue Wolkenwirklichkeit nach oben. Das Handzeichen und auch entsprechende Ausrufe werden sich in den nächsten Stunden wiederholen; so wie eben der stete Blick zum Himmel, zur Sonne, die mich blendet, sobald sie wieder einen Weg aus der Wolkenschicht gefunden hat.
Für mich werden diese Unterbrechungen vor allem dort zum Problem, wo es nun endlich zum Kern der Dreharbeiten kommen soll; dem Interview. Dann wird es eine schwierige Aufgabe; wenn der Kameramann mitten im eigenen Gedankengang das Erscheinen einer dunkelgrauen Wolke zur wetterbedingten Pause erklärt, wenn der Rhythmus des endlich gefundenen Redeflusses sofort nach Erscheinen der Sonne wieder aufgenommen werden soll, möglichst an der richtigen Stelle.
Ich beantwortete die Frage, wie es zu den Abmahnungen und schließlich zur Kündigung kam, in wie weit mich das Verhalten der FMG überrascht hat, und was ich tatsächlich hinter dem Kündigungsgrund vermute; nämlich dass ich einige Male meine Meinung über die Entwicklung bei Betriebsversammlungen offen kund getan hatte, wie manche Kritik aus Internet-Seiten herauskopiert den Weg in die Personalakte fanden. Ich erkläre, wie es sich anfühlt, nun die selbe Arbeit über eine Leiharbeitfirma auf Billiglohnbasis angeboten zu bekommen. Wie bizarr das Ganze erscheint, nun selbst zur Billigkonkurrenz für meine Kollegen zu werden - also gerade, was ich in den letzten Jahren kritisiert und zu vermeiden versucht habe.
Das Interview endete damit, dass ich deutlich zu machen suche, wie wichtig es für unsere Gesellschaft wäre, Menschen einzubeziehen - Menschen, die sich Wert geschätzt fühlen; dass seit Jahren aber genau das Gegenteil durch die Etablierung von Billiglohn und Zeitarbeit entsteht.
Die letzte Frage wird mir gestellt. "Wenn Sie Gelegenheit hätten: was würden Sie den Herren Seehofer und Fahrenschon sagen?"
"Dass die beiden nicht nur die Hochglanzbroschüren der FMG ansehen, sondern sich endlich der ganz realen Perspektive der arbeitenden Menschen am Airport annehmen sollten", lautet meine Antwort.
Interessant war diese letzte Frage auch deshalb, weil man eine Überleitung sucht, die einer Befragung von Panorama an Horst Seehofers dienen soll. Man kann also auch auf dessen Antwort gespannt sein:

Die Erfahrung letzten Jahre beim BVD am Münchner Flughafen, inkl. meiner Kündigung haben mich übrigens zum Bundestagskandidat der Linken für den Wahlkreis 214 (Erding/Ebersberg) gemacht.
weitere Info

 

Hier 
geht's zur Video-Aufzeichnung der Panorama- Sendung, ARD am 16.07.2009 
Folge 1

In wie weit hatte die Sendung, bei der auch gekündigte Betriebsratskandidaten der ver.di-Liste vor der Kamera standen, Einfluss auf die parallel stattfindenden Betriebsratswahl am Münchner Airport?

 

 

 

 

Nun, jedenfalls warb die ver.di-Liste per Plakaten unter dem Motto: "Lohn-Dumping - Hier geht's um Dich !" für die TV-Reportage, siehe rechts

 

 

 

 

... und es kam zu einem erdrutschartigen Sieg der ver.di-Liste, siehe unten

Das Ergebnis der Betriebsratswahl am Münchner Airport

wehr.di          13 (10) Sitze
Anna Müller    3    (2) Sitze
Grassl             5  (10) Sitze
Plath/Siegl  
   4    (7) Sitze
Viechter          1     (-) Sitze
Hertz            
    1     (-) Sitze
Zwicklbauer
        (-) Sitze
Eichinger 
       0     (-) Sitze

Gesamt         27  (29) Sitze

 

weitere Info zur Wahl

Folge 2

Originalton Seehofer. vor dem Panorama-Interview: "Unsere soziale Marktwirtschaft ist eine wertegebundene Wirtschaftsordnung. Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Rendite, nicht das Kapital."

Doch schaut man sich die Situation etwa am Münchener Flughafen - mehrheitlich im Landesbesitz - an, gewinnt man den Eindruck, dass Worte und Taten des bayerischen Volkstribuns mitunter weit auseinander klaffen. 51 Prozent hält das Land Bayern an der Flughafengesellschaft FMG. Und die hat vor einigen Jahren eine Billigtochter für das Bodenpersonal gegründet.

Zunächst zeigt sich Seehofer bzgl. des Problems überrascht, erbittet sich vor laufendem Mikrofon Bedenkzeit: „Ich denke wenn eine Woche vergangen ist, dann kommen sie wieder über meine Presseabteilung auf mich zu.“ (siehe: http://daserste.ndr.de/panorama/media/panoramapdfseehofer100.pdf)

Eine Woche später wird Seehofers Büro angerufen. Er habe zum Fall nichts mehr hinzuzufügen, lässt er Panorama ausrichten. Damit ist Seehofer wieder einem Problem ausgewichen.

Für die Betroffenen bedeutet dies: Sie machen die gleiche Arbeit wie die direkt beim Flughafen angestellten Kollegen, allerdings für deutlich weniger Lohn. Wenn sie denn überhaupt einen Festvertrag bekommen - denn über die Hälfte des Personals bei der Billigtochter sind Leiharbeiter.
Oder wenn sie wie ich nicht längst schon gekündigt sind, nun die Wahl zwischen Billiglohn (Billigkonkurrenz zu den ehem. noch tarifvertraglich beschäftigten Kollegen) und Hartz IV haben. Gegeneinander ausgespielt wird man ohnehin.

Inzwischen hat sich der Wettbewerb auch unter den Billiganbietern und Leiharbeitern weiter verschärft. Losch gegen Avia-Partner heisst im Jahr 2010 die Frage, denn:
"Die Rendite und das Kapital steht im Mittelpunkt, längst nicht mehr der Mensch."