Von Liebe erdrückt
Schüler-Theater der Tassilo-Realschule Erding
vom 30.04. - 11.05.02

Bericht von: Thom Delißen vom 11.05.

Nach 20.00 Uhr füllt sich das Foyer der Tassilo-Realschule an der Münchner Straße in Erding langsam mit Zuschauern.
In kleinen Grüppchen, ein Glas Prosecco in der Hand steht man beieinander, die Atmosphäre ist locker und entspannt, nichts erinnert an den Muff der Talare, die sonst diesen Ort beseelen.
Die Ankündigung: "Wir haben noch zwei Liebesszenen eingebaut!", lockt nach oben ins erste Stockwerk, wo die Bühne wartet.
"Ich hab Dich lieb." so versichern die zwei Hauptdarsteller des Szenarios, Cheilvette und Ilve sich gegenseitig, im Hintergrund eine grüne, mit Blüten übersäte, lebendige Grasfläche.
Verliebt spielen die beiden im Kreis ihrer Freunde mit der Freiheit, der Eigenständigkeit, der Freundschaft, symbolisiert durch einen Luftballon, mal fast stillstehend über den Köpfen der Protagonisten, mal durch einen Stoß in Bewegung gesetzt.
Marese, mit vollklingender Stimme und nahezu professionellem Auftreten, intoniert, unterstützt vom Orchester des Theaterensembles, das Lied "Flieg Luftballon flieg".
Im Folgenden bemächtigt sich Cheilvette ihres Liebhabers immer mehr, der widerum sich süchtig, willenlos ausliefert.
Zweisamkeit.
Augenzwinkernde Symbolik nun, als sie ihm, der eine Marionette schon fast, befiehlt, seine Liebe durch einen Schlauch in sie hinein zu blasen.
Erst zögert Ilve, doch schließlich gibt er sich ihr hin.
In ihrer Liebe allein mit sich selbst verlieren die beiden alle Freunde und jeden Bezug zur Realität.
Liebe essen Seele auf.
Immer wieder versuchen die Bühnenfiguren, die Ilves Ego darstellen, sein Verhalten zu ändern, doch er ist verloren, versinkt, verzehrt sich in der verzweifelten Anstrengung, den Ansprüchen seiner Liebe gerecht zu werden. Cheilvette hingegen nimmt, saugt, ihr mehr als wogender Busen, ihr aufgepumptes Hinterteil das sichtbare Zeichen.
Die Gewissensjustiz schreitet ein, nach einer fast schon akrobatischen Einlage mit einem Waschzuber unterziehen die Gehilfen den ausgelaugten Ilve einer Gehirnsäuberung. Rasch entdecken sie den "Liebesschleim" in seinen Gehirnwindungen, die "Liebesschleimchen" die in der weiteren Handlung eine zentrale Rolle spielen, als Verursacher des Übels "Liebe".
In diesem Teil der Aufführung beginnt sich das Theaterstück dem Zuschauer zu öffnen, er wird einbezogen. Der Kontakt mit dem Publikum wird gesucht, die Bühne erweitert sich, umfasst den ganzen Saal.
Zum gigantischen Liebeskoloss aufgeblasen erscheint Cheilvette auf der Bühne, ihren Lover, den degenerierten, gedemütigten, hirnlosen, hundeähnlichen Ilve, willenlos an der Kette.
Nicht ohne herben Witz, ersetzt die aufgedunsene, immer noch Liebessüchtige Cheilvette den ausgepowerten Befriediger mit seiner Luftpumpe, durch einen maschinellen Kompressor,- ein Schelm der Arges denkt.
Rauchschwaden über der Bühne.
Cheilvette's Liebhaber stirbt, innerlich ausgezehrt, die Totengräber tanzen singend ihren Reigen.
Wieder schwappt die Handlung über in den Zuschauerraum, auch die Balustrade, von der aus das Orchester das Stück begleitet, ist mit Schauspielern belebt.
Szenenwechsel.
Cheilvette allein, ihr Herzbub tot, dekorativ aufgehängt, die rote Rose hingebungsvoller Liebe im Mund, im Hintergrund.
Er wird begraben. Der Chor der Geister wirbelt auf der Bühne.
Und er wird bestraft: Zwei weissgekleidete Engelein verkünden das Urteil: "Liebe auf ewig."
Seine Liebe endet, so wie er auch im Sarg, in der Mülltonne. Cheilvette wirft den nun überflüssigen Ballast ab und macht sich auf die Suche nach dem nächsten Opfer. Donnernder, nicht enden wollender Schlussapplaus.
Fazit: Ein äusserst phantasievolles, freches, munteres Stück Animation.
Auch wenn die Dialoge streckenweise sehr schwer zu verstehen waren.- die Musik teilweise ein wenig zu laut, die Stimmchen manchmal ein wenig zu leise, die Mimik ab und an bei einem Lachen entgleist - der Versuch der 14 bis 18 jährigen Darstellerinnen, auf spielerische Weise Grundstrukturen menschlichen Verhaltens musikalisch und schauspielerisch aufzuarbeiten, hat überzeugt.
Und damit hat auch der Musik/Mathematik und Physiklehrer Michael Röhrl, verantwortlich für Text, Musik und Regie, mit einer erstaunlichen Leistung, einmal mehr überzeugt.

ŠTD 2002

Die Personen:
Cheilvette - Jennifer Kratt
Ilve Barbara Neueder
Marese Alice Bzoch
Mirro Wanda Dziak
Danjou Ivonne Viehweger
Levric Ramona Meier
Celene Isabel Kubica
Brees Mandy Szugger
Julie Gabriele Refle
Suella Anne Hadler
Tod Gustav Alber
und Sean Lujan

Die Musiker:
Corinna Gibas (Querflöte), Stefanie Kronseder (Querflöte), Bernhard Gerl (Querflöte), Mira Taferner (Saxophon), Ferdinand Gerl (Trompete), Konrad Stempel (Gitarre), Michael Röhrl (Klavier), Christine Baumgartner (Kontrabass), Stefan Wende (Schlagzeug)

Der Chor:
Bzoch Constante, Wökken Svenja, Müller Sonja, Rohregger Susanne, Repse Apollonia, Diephnas Katja, Reichenberg Isabel, Sellmaier Maria, Zimmermann Cornelia, Pasc Annamaria, Stollenberg Miriam, Ziese Stefanie

Die Techniker:
David Buddin (Lichttechnik), Pascal Kowalewski und Ferdinand Gerl (Licht- und Tontechnik)

Die Helfer:
Kathrin Wimmer (Lesehilfe), Stefanie Piterna (Souffleuse), Jennifer P. Lehmann (Organisation)

Leitung:

Michael Röhrl (LText, Musik, Regie)

Liane Naßl (Kostüme, Tanz, Regieassistenz)

Bericht von Thom Delissen
- Hintergrundinfo gerne an xedkult@yahoo.de
Weiteres, wie z. B. Bilder: www.realschule-erding.de