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Wir sind's!

(seit 12. Juni 2001)

 

AKTUELLE Fortsetzung 
von Elmar Ostertag (29.07.2002)

 

 

Zufälle gibt’s…!

Zeitgleich entstand in zwei völlig unterschiedlichen Köpfen eine Idee.

Florian Kleeblatt aus Germering kündigte sich und den ganzen Literatenkreis rund um die „Germeringer Wortfamilie“ bei Walter Koppe in einer e-mail mit dem Betreff „Wir sind’s!“ an. 

Zur selben Zeit schrieb Wolfgang Hofer eine Geschichte, die er an Walter Koppe mailte und ihn darum bat, doch einfach die Story selbst fortzusetzen und dann wieder an ihn zurückzusenden. Walter Koppe schickte seine Ergänzung an Wolfgang Hofer zurück, im Betreff noch Florian Kleeblatts „Wir sind’s!“ Schnell entstand die Idee, das völlig neue Projekt im Internet zu veröffentlichen, um neue interessierte Mitschreiber zu gewinnen… 

Und das Ergebnis (zumindest der momentane Teil) seht ihr nun vor Euch!

 

Die Fortsetzungsstory wird immer komplexer. Daher haben wir die ganze Sache nun modifiziert:

Es wird künftig nur noch eine Version geben, die fortgeschrieben werden kann. Die bisherigen Versionen 1 und 2 wurden nämlich zusammengeführt. Die restlichen zwei Versionen, die geschrieben wurden, an denen aber niemand mehr weiter geschrieben hat, werden nach wie vor hier aufrufbar sein.

 

 

 

Bisher aufgetretene Personen in chronologischer Reihenfolge:

Karl-Heinz Reimhuber (genannt "KH" oder Charlie)
 Adam Geigerwald
Ober

Schafkopfbrüder
 Wirt
 Eva Kaffine

Das Brett (Kind)

Fliegender Elefant

Brett 2 (Mutter)

Geistesräuber an der Tür (Gegner des Obersten Gremiums)

Susanne (Adams ältere Tochter)

Edgar Lewonsky

Junger Mann auf der Parkbank

Beamter auf der Parkbank

Eugen (Edgars Enkel)

Düsenjäger-Mücken (Kriegswaffen der Realitätspolizei)

Passanten vor dem Wirtshaus

Das Oberste Gremium (entsendet die Realitätspolizei, dessen Führer ist "Der Hüter des Cyberspace")

"Der Zeitritter" (Anführer des Obersten Gremiums, seine Lakaien sind die Düsenjäger-Mücken)

Klone (Mitglieder "Der Revulotion" (Gegner des Geistesräuber und des Obersten Gremiums)

Mädchen Hinuba (gehört zu "Der Revulotion")

Lewitok (ein Krieger der Geistesräuber-Revolution)

Otank der Weise (ältestes Mitglied "Der Revulotion)

Amazone

 

Erwähnte Personen

Jüngere Tochter von Adam (Sabine)

Oma und Opa von Sabine und Susanne

Erika (Adams Lebensgefährtin)

 

Welt / Orte:

Ort: Niederhaselbach

Lokalität: Gasthaus "Zum Geschlachteten Gockel"

Wohnung von Adam Geigerwald

Container

Park

Eingangsbereich von Edgars Wohnung

 

Parallelwelt:

Wüste

 

Anfang

 

Ort: Stimmen aus der Ferne (aus der Zukunft? )


"Hallo, hört mich jemand!"
"Grüß Gott, wer spricht denn da?"
"Ach, da gibt es ja doch noch so eine verkümmerte Seele da draußen, die des Sprechens mächtig ist!"
"Was soll jetzt das bedeuten?"
"Tatsächlich! Hab' ich mich doch nicht verhört, es gibt jemanden im cyberspacevernagelten Alltag, der sich akustisch verständigen kann. Mag man es denn glauben, daß ich hier jemanden real sprechend angetroffen habe."
"Also, ich muß schon sagen: Sie sind mir ein unhöflicher Kauz! Kommen hierher, stellen sich nicht vor und plappern in Rätseln."
Entschuldigen sie mich vielmals. Im Rausch des Internets, der virtuellen Realität, habe ich ganz die Regeln der "realen" Welt vergessen. Wenn ich mich vorstellen dürfte: Karl-Heinz, einer der wenigen, die noch dort leben wollen, wo einst die Realität herrschte."
"WIR SIND'S! KOMMT ZU UNS! LASST EUCH VON UNSEREN LINKEN GEDANKEN VERLINKEN! STEIGT EIN IN DIE EINZIG WAHRE UNIVERSELLE CYBERNETIC!"
"Hören sie's? Da rufen sie schon wieder, diese Geistesräuber, die Verdummer einstiger realer Intelligenz! Sie sind drauf und dran nun auch noch die letzten Seelen der in der Realität lebenden Menschen zu stehlen!"
"Also, sind's mir bitte nicht böse, aber ich bin leicht verwirrt, ob dieser Geschehnisse der letzten Minuten!" ...
(Wolfgang Hofer)

 

Kapitel 1 „Welt“

 

Ort: Wohnung / Wohnungstür
 

Da diesmal die Antwort ausblieb und ich zuvor nur mehr, wie aus weiter Entfernung, ein lautes Lachen vernahm, versuche ich nachzudenken, zwinge mich zur Ruhe.
An welchem Ort befinde ich mich hier, und wie bin ich hier hergelangt? 

Wenn ich es mir so recht überlege, eigentlich begann alles an jenem Donnerstagabend. Ich hatte es mir vor meinem PC häuslich eingerichtet, im Hintergrund lief das Fernsehgerät, aus dem Kinderzimmer meiner älteren Tochter kamen noch einige Rap-Rhythmen dazu.
Nichts Ungewöhnliches also zeichnete sich ab, als plötzlich von der Wohnungstür auch noch ein Klingeling ertönte.
Und dann stand draußen Karl-Heinz Reimhuber; jedenfalls genau der, den ich Jahre nicht mehr gesehen und natürlich auch nichts von ihm gehört hatte - der mir bis zu jenem Augenblick eigentlich wie vom Erdboden verschluckt schien.
Genau, damit fing es damals an.
Na, und dann erzählte er mir eben von jener Story, die ich ihm natürlich nicht abnahm, trotz seines rätselhaften Verschwindens und dem plötzlichen Wiederauftauchen - auch seines Aussehens wegen. Richtig ulkig sah er aus, in jenem seltsamen Jogginganzug, zu dem darunter eine Krawatte hervorblitzte und ein weißer Kragen sichtbar wurde. Und dann hatte er Ringe unter den Augen, so als hätte er Tage nicht mehr geschlafen.
(Walter Koppe)

 

Ort: Wohnungstür

 

Das war auch meine erste Frage an ihn:
"Wie lange haben Sie schon nicht mehr geschlafen?"
Er sah mich an, ein verwirrtes Grinsen schob sich gleichsam über sein Gesicht.
Es verwandelte sich in ein Lächeln.
Ein müdes Lächeln.
"Schlaf? Was ist das?" fragte er.
Dann fing er an zu erzählen, die Worte sprudelten aus seinem Mund, wie ein kristallklarer Gebirgsbach.
"Es war diese Seite, diese Homepage, wissen Sie, ein Link auf einer Mail."
"Kommen Sie rein!" hieß es da, "Ein 3-Fach-Klick auf diesen Link, und Sie werden die Welt aus einer anderen Perspektive sehen!"
"Ich dachte mir damals," ... als ob es ihm schwer fiel sich zu erinnern fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, "Dreifachklick? Was soll das?" Dann fuhr er fort:
"Ich klickte also auf diesen Link, er war metallisch blau, ich hatte nicht gewußt, daß meine Graphikkarte so gut ist, und hatte im selben Augenblick das Gefühl, der Stuhl auf dem ich saß, begänne sich zu drehen, immer schneller.
Ich schloß die Augen. Und da waren Farben, nur noch Farben, Kreise, Quadrate, Bögen Tunnel, Ellipsen, Bälle, Löcher..." er stöhnte gequält auf, "Ach, ich weiß nicht... Dann hörte ich ein schrilles Pfeifen, entsetzlich, wissen Sie, als ob man mit dem Fingernagel über eine Schiefertafel fährt, nur 100.000 Male lauter.
Ich meinte meinen Kopf platzen zu fühlen, wie einen prall mit Wasser gefüllten Luftballon. Als ich die Augen wieder aufmachte, lag ich in weichem Sand, blickte in einen Himmel, in ein Sternengestirn, das mir vollkommen unbekannt war. Drei Mondähnliche Planeten tauchten die Umgebung in fahles Licht.
Ich sah mich um. Es war eine Wüste, bis zum Horizont nur Sand. Dünen.
Langsam richtete ich mich auf. Ich betastete meinen Körper. Keine Verletzungen. Nichts tat weh.
Ich war da. Real. Ich existierte. Ich fühlte.
Dann sah ich, wie sich, in etwa fünfzig Metern Entfernung, der braun-beige Sand hob. Eine Art Hügel entstand. Und wieder dieses entsetzliche, kreischende Pfeifen. Fasziniert starrte ich zu der immer größer werdenden Erhebung.
Und dann wurden die Konturen klarer, doch was ich sah, ließ sich mit nichts, was meinem Gehirn bekannt war in Verbindung bringen. Verzweifelt suchte ich nach Assoziationen. Es war....

(Thom Delißen)
 

Ort: Wohnungstür / Wohnung / Gasthaus "Zum Geschlachteten Gockel"

 

Nun gut, mein Bekannter Karl-Heinz hatte mir sehr viel Verwirrendes über seine „3-Klick-Erfahrungen“ (meiner Meinung nach eine Art geheime Sekte oder Geheimbündnis, das unübersehbar Gehirnwäsche an seinen Jüngern betrieb) erzählt.
Doch er konnte in seiner Ausführung schließlich nicht mehr fortfahren, sondern fiel wie ein Sack mit schweren, mürben Kartoffeln plötzlich und unerwartet um und knallte auf den harten Boden vor meiner Wohnungstür (hierzu möchte ich anmerken – und das fällt mir eigentlich erst jetzt richtig auf -, daß ich wohl ziemlich unfreundlich gewesen war, weil ich Karl-Heinz bisher noch nicht in die Wohnung gebeten hatte). So lang nun KH (so wollen wir Herrn Karl-Heinz Reimhuber künftig nennen, zum einen wegen der Kürze, zum anderen, weil er früher schon immer diesen Spitznamen bekommen hatte) auf dem Boden und ich bekam richtig Angst davor, er könnte sich lebensgefährlich verletzt haben. Doch schließlich öffnete er seine Augen, schüttelte sich leicht und richtete sich mit einem leichten Knacksen auf. Abgesehen von ein paar leichten Schürfverletzungen war ihm Gott sei Dank nichts Schlimmeres passiert. Nach ein paar Gläsern Schnaps die wir dann in meiner Wohnung einnahmen (er, weil geschockt; ich, weil es einfach zu einer Form von Gastfreundlichkeit gehört), ging es ihm schon wieder besser und kurze Zeit später hatte er sich wieder von seinem Sturz erholt. In der Zeitspanne zwischen Sturz und Schnäpsen redeten wir kein Wort. Doch nach dieser Pause und nachdem er mir das "du" angeboten hatte, begann KH wieder in seinen für mich übergeschnappten Worten zu murmeln:
„Weißt du, Adam“, - das ist übrigens mein werter Name: Adam Geigerwald -, „die Vernetzung ist mit uns! Sie schlingt sich durch unsere Realität hindurch und johlt förmlich wie ein hysterischer läufiger Hund! Sie ist mit, um und in uns – und eigentlich ist es die einzige reale Realität der Unwirklichkeit!“
„Also, wenn ich ehrlich bin, KH, ich verstehe dich noch immer nicht!“
„Nun gut, ich muß wohl etwas weiter ausholen: Ein vergleichendes Beispiel für deine Unverständnis ist wohl die damalige Meinung der Leute über den verstorbene Schriftsteller Nikolaus Lenau, dessen Worte und Verse auch als Spinnerei und Geistesgestörtheit abgekanzelt wurden, obwohl sie von ihm in Wahrheit bei vollstem Verstand niedergeschrieben wurden......“
Karl-Heinz Reimhuber war durch seine Ausführungen in eine Art geistiger und spiritueller Trance verfallen, aus der er erst wieder erwachte, als ich ihn unterbrach und ihn somit wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte.
“Wie wär’s, wenn du mir das alles in einer gemütlicheren Atmosphäre erzählst?“, fragte ich ihn und er nickte mir daraufhin stumm zu.
Im Wirtshaus „Zum Geschlachteten Gockel“ (gleich bei mir ums Eck) saßen wir schließlich fünfzehn Minuten später schon an einem Zweiertisch und bestellten gerade beim Ober.
“Ich hätte gern’ eine kühle Halbe Weißbier!“
“Ist recht Adam, bring ich dir gleich!“ erwiderte der Ober.
“Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt der Ober schließlich auch meinen Begleiter, welcher jedoch schon wieder seinen seltsamen Blick aufgesetzt hatte und starr ins Leere stierte. Ich stieß Karl-Heinz leicht in die Seite und erkundigte mich bei ihm, was er zum Trinken wolle.
“Ach, Herr Ober, was ist denn schon ein Getränk, wenn man in Besitz einer wichtigeren Sache ist: Der wahren Realität, der neuen Realität, der virtuellen, neuen Erde...“
Verwirrt schaute mich der Ober an, und sein Blick machte mir deutlich, daß er diesen Karl-Heinz Reimhuber als einen äußerst gestörten Gast empfinden mußte. So bestellte ich schließlich selbst ein Bier für Karl-Heinz, um die etwas peinliche Situation zu beenden.
(Wolfgang Hofer)

 

Ort: Wirtshaus / Unbestimmt
 

Und aus seiner tiefen Benommenheit erwacht, griff er mich fast an.

Ja. Ich wußte, er sah es:
Das Ultimative.

Und dann kam es über seine Lippen.

"Ja, ja, ich sah es! Es war so groß, wie Dein Zeigefinger, wenn Du ihn direkt vor das Auge hältst! Bin ich verrückt? Ja!! Ja!!
Es war eine Zucchini! Wie eine Gurke! Wahrhaftig!!"
Er atmete schwer.

"Nicht gebraten, nicht geschmort!

Nein gekocht!
Ich sah deutlich, wie sie aus dem Wüstensand stieg!"
Seine Brille rutschte nach unten.

"Warum wollt ihr mir all das antun?"

(Thom Delißen)

 

Ort: Gasthaus / Wohnung

 

Jetzt wurde es mir wirklich zu bunt mit diesem völlig verrückten Kerl. So beschloß ich, sofort vom Tisch aufzustehen und das Ferne zu suchen. Doch plötzlich verschwammen mir die Augen und ich fand mich wieder in einer intergalaktischen Wabe - die weder fest, flüssig noch gasförmig war. Ihre Konsistenz änderte sich ständig. Und da hörte ich auch die Stimmen:

"WIR SIND'S! DIE NEUE REALITÄT! DIE WELT UND DEREN ZENTRIFUGALKRÄFTE WERDEN NICHT MEHR BESTEHEN, DENN WIR ERSETZEN ALL DAS WAS BISHER DIE ERDE BEHERRSCHTE, WIR SIND DIE MACHT DER IRRATIONALEN EINHEIT"

Große Fragezeichen bildeten sich in meinem Kopf und entwichen daraus wie Schaum aus einer Badewanne. Alles was man sich als Mensch nie vorzustellen wagte, war in dieser Wabe möglich. Daher nahm ich meinen Kopf ab und steckte ihn unter die Arme.

"Wir schließen jetzt! Bitte bezahlen sie ihre Rechnung!" hörte ich eine Stimme in lauterem Ton sagen.

"He, ihr beiden, wir schließen!"

Plötzlich war ich wieder in der bisherigen Realität und schaute den Ober mit großen Augen an.

"Schaun's nicht so blöd drein, bittschön zahlt's Eure Rechnung und geht's nach Hause, wir haben Sperrstunde!"

"Ist recht" entgegnete ich verdutzt, rüttelte Karl-Heinz aus seinem "Realitäts-Traum" und bezahlte die ausstehende Rechnung.

Anschließend ging ich - Karl-Heinz hinter mir - zu meiner Wohnung zurück, doch als ich ihn hineinbitten wollte und mich zu ihm umdrehte, war niemand mehr da.

So ging ich, noch völlig durcheinander, in meine Wohnung und bemerkte gar nicht, daß ich weder einen Schlüssel noch ein anderes Hilfsmittel benutzt hatte, um hinein zu kommen, sondern ohne Schmerz durch die Tür hindurchgegangen war.

Zusammen mit meinen verwirrenden Gedanken der heutigen Geschehnisse begab ich mich ins Bett und überlegte mir, ob dies alles nur ein böser Traum oder wirklich Realität gewesen war. Doch was war Realität? Was war wirklich, was nicht? Was war echt, was war ein Trugbild? Und dann schlief ich ein....

(Wolfgang Hofer) 

 

Kapitel 2 „Parallelwelt“

 

Ort: Wirtshaus in Niederhaselbach / Wüste

 

Jetzt wird s happig, dachte ich mir, nahm zur Kühlung einen Schluck des frischen vor mir stehenden Gebräus, und blickte sorgenvoll in die fragenden Gesichter jener Runde, die sich bis vor Sekunden noch am Nachbartisch auf ihr schönes Blatt Schafkopf konzentriert hatte. Das Wort "Zucchini" war der Zunge von Karl-Heinz einfach zu laut und zischend entwichen. Nun suchte ich dieses Fremdwort den andern gegenüber erklärbar zu machen:
"Zucchini haben die hier nicht" meinte ich laut "- aber Sauerkraut!"
Dann gab ich dem Wirt ein Zeichen und rief: "eine Portion Schweinswürstel mit Sauerkraut".
"Situation entschärft" dachte ich erleichtert, als die ersten am Nachbartisch ihre Konzentration wieder ihren Karten widmeten.
"Und Du - iß mal was richtiges!" stieß ich mein Gegenüber an.
Doch der Kontakt zu Karl-Heinz, das sah ich ihm an, war nun völlig verloren.
Statt dessen spürte ich eine Kraft, die von ihm ausging, mich seitwärts zu ziehen begann, binnen Sekundenbruchteilen erfaßte sie auch den Nachbartisch, riß Stühle und Tische um; ein Strudel aus zersplitterndem Holz drehte sich wie in einem Kreisel um uns herum. Der Wirt, der am weitesten vom Geschehen entfernt noch zu flüchten versuchte und sich krampfhaft an der Tür festklammerte, lief blau an, der Kragen plusterte sich auf. Doch umsonst. Schließlich wurde auch er in die äußere Umlaufbahn hineingezogen.
Inzwischen hatten sich die Holzteile aus Tischen, aus Stühlen, Decken und Wandbekleidung in Späne und schließlich feinen Holzstaub atomisiert.
Und dann legte sich der Sturm allmählich, die Sonne brauch durch den glitzernden Staub und für Sekunden kehrte eine absolute paradiesische Ruhe ein.

Erst später sollte ich erfahren, wieso aus der gewachsenen Materie Holz Silizium entstanden war.
Nach Momenten des ungläubigen Staunens, immerhin schien von uns keiner verletzt, fanden zuerst die Schafkopfbrüder und der Wirt ihre Worte wieder, und holten uns in die Realität zurück.
In allerlei Kraftausdrücken fluchend, angereichert mit Rufen wie "Birnbaum und Hollerbusch" machten sie sich Luft, und stoben bald wild gestikulierend in alle Richtungen auseinander.
"Realität" - was hieß das nun?
Vom "Geschlachteten Gockel" und auch den Häusern im weiten Umkreis um Niederhaselbach herum war nichts mehr zu sehen, von jenem seltsamen Sand begraben oder vom Wirbelwind fortgespült.
Oder war man gar selbst an einen anderen Ort, in eine andere Zeit gespült worden? Nur ein riesiges zucchiniartiges Gewächs stand dampfend mitten in der Wüste.
(Walter Koppe)

Kapitel 3 „Welt“

 

Ort: Wohnung
 

Als der Wecker klingelte und ich erwachte, hatte ich einen aschfahlen Geschmack im Mund. Ich kroch unter die Dusche, von
dort in die Küche, griff mir auf dem Weg einen Apfel aus der Obstschale auf dem Fensterbrett und biß hinein. Dann begann ich, Kaffee zu kochen. Ich bereitete die Kaffeemaschine  soweit vor, dass alles startklar war und drückte auf den Ein-Knopf.
Als das Wasser endlich unten am Filter heraustropfte, fiel der Tropfen aber nicht in die Kanne, sondern blieb haften und wurde
immer größer und größer, allmählich kamen Konturen hinzu und es entwickelte sich ein kleiner, wunderschöner Frauenkopf - däumlingshaft, der Kaffee-Körper folgte mit Armen, Rumpf und Beinen, alles was eine schöne Frau braucht. Sie hatte allerdings
seltsamerweise bereits ein geringeltes T-Shirt an, auf dem in großen roten Buchstaben "EVA" stand. Mir blieb vor entzücken ein Apfelstück im Hals stecken und ich bekam keine Luft mehr!

"Hoffnungslos", dachte ich in Blitzeseile und zwängte mich in ebensolcher so schnell in meine Tiefkühltruhe, wie ich konnte, um mich einzufrieren, bis ein hochentwickelter Arzt aus der Zukunft mich finden und retten würde oder mich eine schöne Prinzessin wachküßte. Als ich die Tür schloß, sah ich noch, wie Karl-Heinz sich mit einer Kaffeetasse in der Hand ein Speiseeis aus der Truhe nahm und Eva aus der Kanne heraushob...

(Brian Burger)
 

 

Ort: Wohnung
 

Karl-Heinz hatte mich in der Truhe entdeckt und zerrte mich mit seiner linken Hand heraus, in der rechten hielt er "Eva", das weibliche Kaffeewesen.

"Wie kommst du in meine Wohnung?" war meine erste Frage, die ich aber nicht an das komische Wesen richtete, sondern an Karl-Heinz.

"Durch die Tür, so wie du!"

"Was soll das bedeuten?"

"Na, überleg' doch mal ganz scharf, wie du gestern in deine Wohnung zurückgekommen bist?"

"Ich bin durch die Tür hineingegangen, wie ich es immer mache..."

"...denke scharf nach..."

"Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes durch die Tür gegangen, ich wanderte auf direktem Weg hindurch ohne mit dem Schlüssel aufzusperren!"

"Bingo! Und genauso kam auch ich in die Wohnung. Siehst du jetzt den Nutzen der neuen Realität?"

"Wenn es darauf hinausläuft, daß man seltsame Dinge anstellt, dann weiß ich nicht, ob das unbedingt ein Vorteil ist..."

"Ist es vielleicht ein Vorteil, sich selbst in einer Truhe einzufrieren?"

Ich bedachte KH mit einem verwirrten Blick und entgegnete schließlich: "Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr genau, weshalb ich das gemacht habe. Aber es kann sein, daß es etwas mit diesem komischen Kaffeewesen in deiner Hand zu tun hatte."

"Ach so, du meinst Eva! Sie treibt wohl wieder ihre Scherze. Wie oft habe ich ihr schon gesagt, daß sie es lassen soll, die Männer zu verwirren, aber sie schafft es immer wieder, daß die männlichen Wesen völlig verrückt werden..."

"Sei mir bitte nicht böse, aber wäre es nicht langsam Zeit mir zu erklären, was hier genau los ist? Seitdem du vor meiner Wohnungstür aufgetaucht bist, geraten wir von einer verrückten Situation in die nächste! Schön langsam zweifle ich sogar an meinem Verstand."

Bevor Karl-Heinz Reimhuber das Wort ergreifen konnte, begann es zu zischen und zu fauchen und dann stand plötzlich eine Frau vor uns.

Sie war wunderschön. Es war Eva, die zuvor noch unscheinbar und völlig unlogisch für mich in Karl-Heinz' Hand gewesen war. Jetzt stand sie als menschliche Gestalt vor uns. Sie trug nach wie vor ihr geringeltes helles T-Shirt und einen kurzen Rock, der ihre gesamte Figur positiv betonte. Aber nicht nur ihr Körper war zauberhaft anzusehen, sondern auch ihr Gesicht war von einer geschmeidigen Zart- und Lieblichkeit, wie ich sie noch nie zuvor bei einer Frau gesehen hatte. Besonders ihre Augen hatten es mir angetan, sie hatten einen solch hellen Schein und ein derart ehrliches Strahlen, was mich unglaublich faszinierte.

"Nun Adam, ich glaube wir stecken schon wieder mitten in der nächsten Situation und bevor ich dir alles nochmals von Anfang an und ganz klar erklären werde, möchte ich dir Eva vorstellen, Eva Kaffine!"

"Guten Tag, Adam, schön dich kennen zulernen!" sprach Eva in einem angenehmen Ton zu mir und gab mir ihre Hand.

Von ihrer Schönheit nahezu geblendet, begann ich zu stottern und reichte ihr schließlich auch meine Hand mit einem kurzen "Hallo, ich bin Adam, Adam Geigerwald!"

(Wolfgang Hofer)

 

Kapitel 4 „Parallelwelt“

 

Ort: Wüste

 

Und so stand ich da nun, mitten in der Wüste, mehr als nur leicht geschockt durch die Umstände, die mich hier her gerissen hatten.

Karl-Heinz stand neben mir, er wirkte wesentlich munterer als vorhin in dem Wirtshaus, wo er diesen Unsinn mit der Zuchini von sich gegeben hatte.

"Hab ich nicht recht gehabt? He?" schrie er mich an.

"Da!" Er hüpfte wie ein Besessener in dem staubfeinen Sand umher.

"Da!"

Ich blinzelte mit den Augen, sah noch einmal hin. Tatsächlich. Ich stand da in diesem riesigen Sandhaufen und dort, den Horizont überschattend, dieses riesige Gewächs. Ich blinzelte überrascht. Es war bestimmt zehn, wenn nicht 15 oder 20 Kilometer entfernt!

Es mußte wahrhaft gigantisch sein. Nun schön! Wenigstens ein Ziel.
Wo eine Pflanze wuchs, mußte es auch Wasser geben. Mein Mund war vollkommen ausgetrocknet, ich lechzte nach etwas Feuchtigkeit.

Die drei Sonnen am blauen Himmel, machten diese Wüste zu einer großen Bratpfanne, der Sand schien zu glühen. Ich sah Charlie an.
Er hatte sich beruhigt und stand nun mit hängenden Armen da, Schweißperlen rollten ihm die Schläfen hinab auf seine faltigen Wangen.
"Gehen wir hin! Oder, Charlie?"

Er nickte, wischte sich über die Stirn.
"Das wird wohl das Naheliegendste sein." sagte er.

Ich vermeinte in seiner Stimme einen unterschwelligen Zorn zu vernehmen. Energie.
Wir machten uns auf den mühseligen Weg durch den staubfeinen Sand. Es war nicht einfach hier zu marschieren, teilweise war der Sand wie Tiefschnee, wir kamen nur watend voran. Dann sah ich dieses Stück Holz. Es schien keine zwei Meter von mir über einem kleinen Sandhaufen zu schweben. Ich kämpfte mich zu ihm hin. Es schwebte tatsächlich!
Als ich nach dem Ding griff, wich es seitlich aus. Ich versuchte es mit zwei Händen zu greifen, es floh nach hinten.
Ich zog mich zurück, sofort nahm es wieder Stellung über dem Sandhaufen ein.
"Charlie, hilf mir! Wir müssen es fangen, das Ding!"
Zu zweit versuchten wir nun, es einzukreisen.

Vergebens.

Dann hatte ich die Idee.
Ich betrachtete mir den Sandhaufen genauer, wühlte ein wenig darin herum und fand es. Ein hufeisenförmiges Stück weißen Bleches.
Ich nahm es in Hand, drehte es, und sah verwundert, wie das Ding, das aussah wie eine Schiffsplanke, wunderliche Pirouetten drehte.
Als ich beide Daumen an die Enden des Hufeisens legte, kam es herangeschossen, und hielt genau vor uns, wie ein braves Pferd.
"Mann, Du bist genial, Alter!" sagte Charlie, "darauf wäre ich so schnell nicht gekommen."
Ich nickte nur. Immer noch nicht war ich mir eigentlich darüber im klaren, ob das Geschehen hier nun Wirklichkeit oder ein skurriler Traum war. Doch da war das Brett, nun ließ es sich ohne Probleme berühren, ja, ich fuhr erschrocken zurück, es schnurrte, wenn man es sanft berührte.

(Thom Delißen)

 

Ort: Wüste

 

Doch was hatte es mit diesem Holzteil für eine Bewandtnis? Wie ließ es sich logisch erklären, daß ein Brett einfach so in der Luft schwebte? Doch was war überhaupt Logik? Sollte man dieses Problem nicht einfach so irrsinnig angehen, wie es einem erschien?

Und so begann ich einfach zu dem Brett zu sprechen: 

"Welche Bedeutung hast du?"

Ich vernahm eine leises Knarren und dann hörte ich doch tatsächlich eine leise, beinahe tonlose Stimme.

"Ich bin."

Leicht verwundert, jedoch gar nicht mehr richtig überrascht, daß das Holz auch antworten konnte, setzte ich meine Unterhaltung fort. 

"Aber warum bist du?"

"Aus dem selben Grund wie du. Ich lebe. Ich habe eine Existenz!"

"Ich habe auch Holz zu Hause und verwende es zumeist, um es in meinem Ofen einzuheizen. Holz ist kein Lebewesen!" entgegnete ich.

"Du bist hier nicht zu Hause, du befindest dich weit entfernt von deiner Heimat - es gibt hier viele Dinge, die dir komisch erscheinen, jedoch für diesen Ort völlig normal und gewöhnlich sind." sprach das Holzbrett.

Nun brachte sich auch Charlie, den ich früher wohl Karl-Heinz nannte, in das Gespräch ein, indem er sich an das Holzstück wandte und fragte: "Was stellst du hier da?"

"Diese Frage ist im Grunde zwar berechtigt, nur befindet ihr euch hier eigentlich nicht in der Position Fragen zu stellen. Vielmehr läge es an Euch mir Antworten zu geben. Warum seid ihr hierher gekommen? Was wollt ihr hier unternehmen?"

"Natürlich bist du berechtigt hier Fragen zu stellen, drangen wir doch in Euer Wohngebiet ein..." meldete ich mich wieder zu Wort,

Doch das Brett hörte mir gar nicht mehr zu, denn aus der Luft erschien ein weiteres, etwas kleineres Holztrumm, daß sich schnell auf das andere zu bewegte. Als die zwei Brette aufeinander trafen begannen diese selbst ein Gespräch, daß Charlie und ich mitverfolgten. 

"Warum sprichst du schon wieder mit fremden Leuten?"

"Ich habe nicht mit ihnen gesprochen."

"Ich habe es doch ganz genau gehört, wie du artikuliert hast, ich habe gute Ohren, merk' dir das! So leicht kannst du mich nicht hinters Licht führen!"

"Ja gut, ich gebe es ja zu, Mutter, aber ich habe nichts geheimes verraten!"

"Das will ich hoffen, du Lausebengel! Und jetzt ab, daß du nach Hause kommst, daheim wartet schon eine gehörige Portion Leim auf dich!"

Schließlich flogen beide Bretter durch die Luft davon und Charlie und ich fanden uns wieder alleine auf dem heißen Wüstenboden vor - ganz alleine und verlassen von allem und mit völlig ausgetrockneten Kehlen. Doch das große Gewächs, die Zucchini, trieb uns an, den Weg fortzusetzen. 

Kaum waren wir jedoch losgegangen, da hörten wir ein immer lauter werdendes Sausen, daß vom Himmel kam. Wir konnten uns gerade noch hinter eine Sanddüne retten und nach einem lauten "Platsch" lag es auch schon vor uns im Sand: ein sonnengebräunter, fliegender Elefant!

(Wolfgang Hofer)

 

Kapitel 5, „Welt“

Ort: Wohnung

Hier muß ich nun doch etwas erklären:
Auch wenn für manchen einiges an unserer Geschichte doch ziemlich an den Haaren herbeigezogen scheint, z. B. daß die Kaffeemaschine
eine hellhäutige Blondine hervorzaubert - logischer wäre eine schwarze Mulattin; oder, daß ich mich vor diesem hübschen Zwergenwesen in eine Kühltruhe flüchte - im Normalfall habe ich weder vor weißen Mäusen noch vor langbeinigen Spinnenwesen angst - immerhin gebe ich für meine beiden Töchter auch viel lieber den starken großen Helden ab... so gestehe ich hier doch gerne ein, daß seit Auftauchen jenes sonderbaren Menschen nichts mehr so war wie zuvor, und daß mich dies doch verständlicherweise recht nervös machte.
Und so brauchte es auch seine Zeit, diesmal bei richtigem Kaffee, bis ich mich ein wenig beruhigen ließ - Immerhin besaß KH so viel
Anstand, um mir seine Bekannte nun doch ein wenig genauer vorzustellen; wobei - auch hier verlangte es einige Phantasie - denn natürlich war jenes Wesen an seiner Seite nicht echt - soviel hatte ich inzwischen immerhin begriffen, sondern Ergebnis irgendwelcher Projektionen, Energiebündel oder dergleichen - kombiniert übrigens mit meiner Vorstellung, so meinte jedenfalls KH. Auf jeden Fall wäre es nun ganz wichtig, diese "Bündel" eine Zeitlang bei mir zu Hause aufzubewahren, betonte er.
Auf meinen Einwand, daß dies auf keinen Fall gehen könne: "Was soll ich denn Erika (so heißt meine Lebensgefährtin) erzählen - und
auch meine beiden Töchter..., wenn die heute Abend von den Großeltern zurückkommen?" antwortete er, daß die Wahrscheinlichkeit sehr gering sei, daß die drei praktisch die selbe Empfangseinstellung besäßen.
"Ich habe das Sendespektrum quasi auf unterste Bandbreite eingestellt", versuchte er mir klarzumachen, und ergänzte: "ganz sicher sei Eva demnach für die andern unsichtbar, unhörbar und ungreifbar; übrigens auch deswegen, weil sie Frauen seien, d. h., ihnen die
geeignete Bereitschaft zur Aufnahme abgehe.
"Übrigens", meinte er "könne man Eva auch in der Größe einstellen, oder auch welche Klamotten sie trägt. Das mußt Du aber mit Eva
ausmachen. Sie hat da Möglichkeiten mit zu entscheiden..."
Wie zum Beweis erhob sie sich ganz stolz von ihrem Stuhl, schnippte mit dem Finger, und trug im nächsten Augenblick ein schulterfreies Abendkleid, schnippte nochmals, und hatte zu grobem Karohemd ausgefranste Blue Jeans an. So setzte sie sich ganz locker wieder an den Tisch und hob lächelnd die Kaffeetasse.
"Na dann, auf ein paar schöne Tage, Adam"
(Walter Koppe)

 

Kapitel 6 „Parallelwelt“

 

Ort: Wüste

 

War das das Delirium Tremens? Ich  hatte doch gar nicht so viel getrunken. Fassungslos starrte ich abwechselnd auf den Elefanten und Karl-Heinz....

Der wiederum sah mich sehr seltsam an und fragte schließlich: "Adam? Adam? Ist irgendetwas mit Dir los?"
"Siehst Du ihn denn nicht?"

"Wen? Was soll ich sehen? Hör auf Adam, Du machst mir Angst!"
Ich schenkte ihm keine Beachtung mehr und näherte mich vorsichtig dem Tier, das wie tot da lag, sich nicht bewegte. Immer näher wagte ich mich und schließlich streckte ich die Hand aus, um es zu berühren.
Nichts!

Meine Hand fuhr durch die Haut des Elefanten, des Bildes, der drei dimensionalen Projektion. Es war eine Fata Morgana, eine im Computer hergestellte Animation. Nur: Warum konnte sie Charlie nicht sehen? Ich drehte mich zu ihm um, lächelte.

"Es ist nichts. Oder siehst Du etwas?"
"Nein. Nein. Was sollte ich denn sehen?"
"Nun... vielleicht ein Tier?"

"Du meinst das sprechende Brett?"

"Ja, ja, --- genau!" sagte ich,  "das Brett. Siehst Du es irgendwo?"
Er schüttelte den Kopf.

"Wir hätten es benützen können, mit diesem hufeisenförmigen Teil hier kann man es steuern. Hast Du das nicht mitgekriegt, wie es herumgewieselt ist, als ich das Metall berührt habe?"

Noch immer hielt ich das  seltsame Stück Metall in meiner Hand.
"Vielleicht könnten wir es als Transportmittel benutzen? Verstehst Du? Dann brauchen wir nicht durch diesen verfluchten Sand zu waten. Pass mal auf."
Ich legte die Spitzen meiner Zeigefinger an die Enden des Hufeisens und rieb ein wenig daran.

Es war eine reine Instinkthandlung, oder aber irgendjemand hatte mir den Gedanken eingegeben. Jedenfalls - es funktionierte.
Wir sahen, wie die beiden Bretter mit einer enormen Geschwindigkeit über die Sandhügel auf uns zu sausten, um dann etwa einen Meter vor uns in der Luft schwebend, zum Halt zu kommen.
"Du hast Ihnen den Kontrollknochen überlassen! Du Dummkopf!"
"Ach Mum, wir haben schon so lange keinen Herrn mehr gehabt. Es ist doch tagaus tagein dasselbe hier. Es ist langweilig! Vielleicht haben wir jetzt ein wenig Abwechslung."
"Magst ja Recht haben."
Ganz offensichtlich ihre Worte an mich richtend sagte sie:
"Mein Herr, wir stehen zu Ihrer Verfügung. Solange sie den Knochen besitzen, werden wir alles für sie tun, was wir für nötig halten."

Ich starrte, immer noch verblüfft, auf die beiden Bretter, die da in der Luft schwebten, und mit mir redeten.

Faszinierend.
Karl Heinz kauerte, ganz offensichtlich zu Tode erschreckt, neben mir auf dem Boden.

Ich überlegte kurz. So phantastisch das hier auch alles wirkte, irgendwo mußte es etwas mit der Realität zu tun haben.
Realität. Realität.
Irrealität? Realismus? Real. Realo. Realogie. Logik.

"Kann man euch benutzen, um über den Wüstensand zu gelangen?"
"Natürlich, mein Herr. Dafür wurden wir ursprünglich konzipiert."
"Fein." sagte ich und zog Charlie an den Achseln nach oben. "Komm, Freund und Helfershelfer, reiten wir ein wenig!"

(Thom Delißen)

 

Ort: Wüste

 

Mit diesen Worten schnappte ich mir das erste Brett und Charlie sprang auf das andere, und der wilde Ritt durch die Wüste konnte beginnen.

Herrlich, diese Geschwindigkeit! 

Ein unbeschreibliches Gefühl, dieses Dahinrasen!

Spektakuläre Schnelligkeit.

Imponierendes Düsen.

Mir kam es vor, als wären wir schneller als das Licht und ich geriet durch diese Höllenfahrt förmlich in Ekstase. 

Im Taumel der unbeschreiblichen Hast zogen sämtliche Bilder tobend an mir vorbei. Erstaunliche Impressionen schossen mir in den Kopf und im Rausch der Bilder bemerkte ich gar nicht, daß die beiden Transportbretter schon lange wieder gelandet waren. Erst als mich Charlie fest rüttelte fand ich zurück in die Realität - oder vielmehr in die neue Realität.

Die beiden Bretter lagen zitternd und wie erschöpft in dem weichen Sand. Anscheinend ruhten sie sich aus.

Dieses Verhalten ließ darauf schließen, daß sie eine Art Lebewesen waren, keine Maschinen, wie ich zuerst vermutete hatte.

Charlie griff mich an der Schulter.

"Du bist ja ein ganz schön gerissener Hund, Adam" meinte Charlie zu mir. "Zuerst hast du mich immer als verrückt hingestellt, und nun bist du selbst noch mehr vom Affen gebissen, als ich selbst!"

"Ja, eigentlich total merkwürdig," antwortete ich, "aber jetzt, wo du es gerade ansprichst, interessieren würde es mich schon, was jetzt hinter all dem steckt, was uns seit deinem Auftauchen vor meiner Wohnungstüre passiert ist."

"Ich muß dir recht geben, schön langsam glaube ich auch, daß du erfahren solltest, was und warum dies alles hier passiert. Am besten ist es wohl, ich beginne ganz am Anfang, oder fast dort..."

Charlie räusperte sich kurz und begann schließlich zu berichten:

"Ich stand also an jenem Tage vor deiner Wohnungstür - völlig übermüdet und -  in deinen Augen -  wohl total durchgeknallt. Dann begann ich von meinen "3-Klick-Erfahrungen" zu sprechen, mit denen in der Tat alles angefangen hatte:

Als ich vor rund einem Monat im Internet surfte stieß ich über eine Suchmaschine auf eine Homepage ohne Inhalt. Nachdem ich die Seite schloß, öffnete sich jedoch ein neues Fenster und dort erschien ein metallisch blauer Link, auf den ich aus Neugierde dreimal klickte. Damit begann eine ähnliche Reise, wie jene, die du zuvor im Gasthaus miterlebt hast."

"Das alles ist ja schön und gut und ich erkenne, daß nun auch ich in dieser Wüste, von der du damals gesprochen hast, verweile. Aber wie in drei Teufels Namen ist es möglich, in diese "Welt" oder "neue Realität" zu gelangen und wie konntest du so einfach zurückkehren?"

"Leider kann ich dir nur beschränkt Informationen darüber geben mit welcher Technik es möglich war über diesen Link hierher zu gelangen - und obwohl ich eine Zeit lang hier gewesen bin konnte ich nicht viele Informationen sammeln - warum: dazu später. Jedenfalls, so wissen wir jetzt, kann das Ganze scheinbar an jedem beliebigen Ort, zu jeder Zeit passieren, das hast Du ja in dem Gasthaus gesehen. Zurück in die Welt wie du und ich sie kennen oder kannten, kam ich durch einen Zufall: der Strom in der "normalen Welt", besser gesagt in meiner Wohnung, fiel wegen einer defekten Sicherung aus und somit stürzte mein Rechner ab. Ich wurde in gleicher Weise, wie ich auch herkam, wieder zurückgeschleudert und fand mich auf meinem Computersessel wieder. Nach einem Blick auf meine digitale Armbanduhr mit Datumsanzeige sah ich, daß ich fast einen Monat fort gewesen war - daher erklärt sich auch mein heruntergekommenes Aussehen, als ich vor deiner Wohnungstür aufkreuzte."

"Jetzt würde ich aber schon noch gerne wissen“, begann ich zu fragen, "wie du gerade darauf gekommen bist, mich aufzusuchen. Wir hatten uns schließlich Jahre nicht gesehen und nicht viel mehr miteinander zu tun gehabt..."

Charlie schien nun zu überlegen, blickte kurz zu Boden und begann schließlich wieder mit seiner Erklärung anzusetzen.....

(Wolfgang Hofer)

 

Ort: Wüste

 

"Also, ich habe mich schon längere Zeit mit Dir beschäftigt, ich weiß Du wirst es so, wie ich es Dir erkläre nicht verstehen.

Aber weißt Du, es ist so daß Du ja nun beileibe nicht allein bist. Du bist sozusagen nur ein Teil von Dir.

Stichwort: Parallelwelten. Sagt Dir das was?

Siehst Du, es sieht so aus: Deine hiesige Form hat wohl einen Auftrag zu erledigen, genau so, wie bestimmt auch Dein Ich in einer anderen Welt eine Aufgabe zu erledigen hat.

Das alles muß undenkbar wichtig sein, sonst hätte das Oberste Gremium, oder wie auch immer Du die Spitze der Pyramide nennen willst, nicht entschieden alles so transparent zu machen.

Es kann nur einen Grund geben:

Es geht um das Wohl des Universums.

Wir sind nur Werkzeuge. Ausgesuchte Werkzeuge wohlgemerkt.

Außerdem haben wir ja irgendwo eine individuelle Intellektualität, die uns zu etwas Besonderem macht. Trifft eigentlich auf jedes Geschöpf zu, wir wissen eben nur ein wenig mehr.

Es ist wie auf der Schweinefarm:

Alle sind gleich, nur manche eben ein wenig gleicher.

Du kannst nichts dafür, Du standest eben auf der Liste.

Zufällig auf meiner Liste."

Ich hatte ihm mit offenem Mund zugehört.

Ich? Auserwählt? So ein Unsinn.

Oberstes Gremium?

Universum?

Ganz unvermittelt schoß mir ein Lied durch den Kopf, wahrscheinlich eine instinktive Abwehrreaktion meines Gehirns:
"Zwickts mi, I glab I dram..."

Ich sah mich um, die Wüste, in weiter Entfernung die riesige Zucchini, ein zerfledderter KH.

Irgendwie war Alles so verdammt real!

Ich holte tief Luft und stieß einen lang gezogenen Schrei aus,:
"Timbeeeeer!"

Ich brüllte so laut ich konnte, versuchte mir Alles von der Seele zu schreien.

Der Schrei, den übrigens die kanadischen Baumfäller ausstoßen, wenn ein Baum fällt, wurde von der Wüste verschluckt, wie eine Mücke von einem Salamander.

KH sah mich zu Tode erschrocken an.

"Don't worry, be happy! Komm! Auf geht's, weiter!"

Der Horizont, der in allen diese verwirrenden Farben aufgeblüht war, war zur Ruhe gekommen.

Wir hatten unsere fahrbaren Untersätze zum Stillstand gebracht, saßen in dem feinkörnigen Sand und überlegten, wie es weiter gehen solle.

„Wenn wir jetzt losfahren sind wir in spätestens zwei Stunden an dem Gewächs angelangt.“ sagte Charlie.

Verzweifelt, fast schon mit einer Art Hundeblick sah er mich ergeben an.

„Was hast Du dann vor?“ fragte ich ihn.
„Keine blasse Ahnung!“

Ich rieb mir die Bartstoppeln an meinem Kinn.

„Wir schauen uns den ganzen Spaß einmal an, irgendetwas dürfte sich dann schon ergeben."

Ich wandte mich an die beiden Bretter.

„He, ihr Beiden! Was hat es mit dieser Pflanze auf sich? Was ist dort? Was markiert sie?“

Ich erhielt keine Antwort, - schon mehrmals hatte ich versucht etwas über das Gewächs aus ihnen heraus zu bekommen, doch wenn man versuchte irgendwelche Informationen zu erhalten, waren sie wahrhaftig schweigsam wie Holz.
„Ich habe kein gutes Gefühl.“

„Hör auf, Charlie!“

Soviel der Mann auch wußte, soviel mehr Ahnung von all diesen Absurditäten er auch haben mochte, das Zusammensein mit ihm konnte durchaus anstrengend sein.

Dann schwebten wir wieder mit den Planken über dieser in die Unendlichkeit zu reichenden Sandwüste. Ich sah hin zu der Pflanze, majestätisch ragte sie, gewaltig und grün vor dem rostroten Horizont, der die nahende Nacht ankündigte. Falls es so etwas gab, hier auf diesem Planeten mit drei Sonnen und drei Monden.

Dann, schneller als ein Wimpernschlag waren sie auf einmal da.

Man konnte sie kaum sehen, doch es waren Abertausende. Kleine, fliegengroße, schwarze Insekten. Das Schlimmste:

Sie stachen!

Es schmerzte wie ein Wespenstich und ich kann mich nur noch an die ersten Augenblicke nach dem Überfall erinnern. Dann übermannte mich wohl eine erlösende Ohnmacht, die Schmerzen waren ganz einfach zu viel für meinen Verstand.

Ich hörte KH's hysterisches Kreischen, fühlte wie ich fiel, dann war es nur noch dunkel.

Keine wunderschöne Indianerin, die mir einen kühlen Trunk reichte, als ich aufwachte, keine hilfreiche Krankenschwester, kein gütiger Arzt.

Mein kompletter Körper schien in Flammen zu stehen, ich konnte mich nicht bewegen, war wie paralysiert. Die Zunge lag mir im Mund, wie ein vollkommen ausgetrockneter Schwamm mit überdimensionalen Ausmaßen.

Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch es gelang mir nicht, anscheinend waren sie zugeschwollen. Ich lauschte. Nichts war zu hören. Kein KH, kein Atmen, nichts.

Doch ich war ganz offensichtlich angebunden worden, oder fixiert, oder was auch immer.

Wer? Wer?

Irgendjemand fühlte sich ganz offenbar bedroht.

Warum? Warum ich?

Wo war Charlie?

Würde ich sterben? Wie würde ich sterben? Warum musste ich sterben? Mußte ich sterben? Wollte ich sterben? Durfte ich sterben?

(Thom Delißen)

 

Kapitel 7 „Welt“

 

Ort: Wohnungstür / Wohnung
 

Kaum hatte Eva zu Adam gesagt, daß sie sich auf ein paar schöne Tage mit ihm freue, klingelte es auch schon an der Wohnungstür. Durch den Spion erkannte ich einen Mann mit schwarzem Hut und Krawatte, der draußen stand und wartete, daß die Türe sich öffnete.

Mittlerweile war auch Karl-Heinz neben mir und spähte ebenfalls durch den Türspion. Schließlich wurde sein Gesicht aschfahl und er begann förmlich zu zittern. Es läutete zum zweiten Mal. Das Gesicht von KH war zusehends immer blasser und blasser geworden und stotternd und leise raunte er mir zu: "Bitte Adam, du darfst die Tür nicht öffnen!"

"Warum denn nicht?" erwiderte ich.

"Du fragst noch warum? Da draußen steht einer von der Realitätspolizei. Sie sind mir auf den Fersen! Ich hätte wissen sollen, daß sie mich schnell ertappen und so hab' ich auch noch dich mit in diese Sache hineingezogen!"

Auf meiner Stirn bildeten sich förmlich Fragezeichen.

"Karl-Heinz, ich finde es wäre langsam an der Zeit mir endlich alles von vorne zu berichten, anstatt mich ständig mit irgendwelchem kosmischem Gelaber voll zuplappern!" entgegnete ich gereizt.

"Ist ja gut, ist ja gut - ich werde dir alles und vom Anfang bis zum Ende erzählen, aber jetzt bitte ich dich inständig nicht die Türe zu öffnen!"

Es klingelte nun ein drittes Mal.

"Na gut, aber nur wenn du mir alles erzählst!"

"Ich verspreche es!"

Ich entfernte mich von der Haustür und ging mit Karl-Heinz zurück in die Küche. 

Als wir uns dort auf der Eckbank niedergesetzt hatten, hörten wir, wie sich die Türe öffnete und dann hörten wir Stimmen vom Eingangsbereich: "Es hat leider länger gedauert, bis ich ihnen öffnen konnte, aber ich war unter der Dusche und mußte mich zuerst anziehen!"

(Wolfgang Hofer)

 

Ort: Wohnungstür / Wohnung

 

Was sich genau in den folgenden Minuten abspielte kann ich nur aus Erzählungen und eigenen Eindrücken rekonstruieren. In diesem Abenteuer ist Alles möglich und deshalb trete ich zurück und lasse Sie, lieber Leser das tatsächliche Geschehen dieser Minuten erleben.

Das junge Mädchen an der Tür schüttelte die feuchten dunklen Locken, kleine Tropfen flogen durch die Luft und legten sich wie Regentropfen auf Möbel und Teppich. Das Handtuch um den jungen, schlanken Körper geschlungen lächelte sie dem Fremden kokett entgegen. Der Mann an der Tür starrte sie an, erwachte wie aus einem verzückten Traum, knurrend wie ein angreifendes wildes Tier stieß er sie brutal zur Seite .Mit großen schweren Schritten stürmte er in den Flur und schrie:„Wo ist er, wo versteckst du den Verräter, büßen soll er. Blitzschnell sprang das Mädchen auf, drehte sich wie von einer fremden Macht gesteuert um, packte instinktiv den nächstbesten Gegenstand, einen silbernen Kerzenleuchter und ließ ihn mit gewaltiger Wucht auf den Rücken des Mannes niedersausen. Mit einem ungläubigen Ausdruck in den glasigen Augen sank er zu Boden. Das Mädchen kauerte sich zitternd in eine Ecke des Flures und begann hilflos zu schluchzen.

Nichts hätte mich jetzt noch im Wohnzimmer zurückhalten können, die Stimme meiner Tochter ließ alle meine Alarmglocken erklingen. Von wilder Angst getrieben riss ich die Tür zum Flur auf und schrie: „Kind, um Himmels Willen, Susanne, was ist passiert? Hast du Schmerzen? Bist du verletzt? Kind, sag doch was! Wo sind Mama und Sabine? Wieso bist du überhaupt hier? Susanne, meine Tochter war außer sich vor Angst und schluchzte immer lauter und unbeherrschter.

Karl Heinz Reimhuber stand mit leerem Gesichtsausdruck in der Tür und murmelte fortwährend:“ Sie haben mich gefunden ich kann ihnen nicht entkommen, sie haben mich.“

Ich packte KH mit beiden Händen und schüttelte ihn und brüllte ihn an:

„Tu was! Tu endlich was! Du hast uns alles eingebrockt! Nur die Sorge um meine Tochter konnte mich aus meiner ohnmächtigen Wut, meinem Entsetzen vor dem Unbekannten und meinem instinktives Wissen, dass dies alles erst der Anfang einer Geschichte sein würde , die so unglaublich war, dass ich um meinen Verstand fürchten musste , in die Realität zurückholen.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich wie Eva Kaffine das Zauberwesen, die die Gestalt einer Frau angenommen hatte, auf dem Boden kniete und meine Tochter in einen Bademantel hüllte. Sie hielt Susanne im Arm und sprach mit leisen beruhigenden Worten auf sie ein. Ich war wie erstarrt, und doch nahm ich überrascht wahr, dass Susanne Eva sehen konnte, noch mehr überraschte mich, dass sie sich von Eva beruhigen ließ, so selbstverständlich, als ob sie Eva schon lange kennen würde.

Susanne wandte sich tränenüberströmt an mich: „Papa was ist hier los? Wer ist dieser Fremde und wer ist diese Frau? Was habe ich getan? Ist der Mann tot?“ Erst jetzt nahm ich den am Boden liegenden Fremden in mein Oberbewusstsein auf. Ich beugte mich voller Abscheu und doch neugierig über den Fremden. Er war äußerlich unverletzt, er atmete nicht und doch lebte er irgendwie. Es schien als wäre er Mensch und doch kein Mensch, wieso lag er hier? Hatte meine Tochter ihn niedergeschlagen? Und wenn ja, wie konnte sie das schaffen? Ich  beherrschte meine Gefühle, die mich zu ersticken drohten und versuchte so ruhig wie möglich auf meine Tochter einzugehen:

„Susanne, ich werde dir später alles erklären, soweit ich es selbst verstehe, aber jetzt müssen wir den Fremden hier wegbringen. Ich durchsuchte die Taschen des am Boden Liegenden – nichts

KH flüsterte hysterisch: „ Wir werden ihnen nicht entkommen.“

„Schluss jetzt!“, schrie ich ihn an, als könnte ich damit die ganze Situation bereinigen  „Was sollen wir tun mit ihm? Im Grunde wissen wir nicht mal wer er ist und was er will.

Jetzt mischte sich Eva ein: “Er ist einer von diesen Geistesräubern einer dieser Verdummer realer Intelligenz. Deine Tochter konnte ihn mit der Macht ihrer Gefühle besiegen und weil sie Computer hasst, weil sie nicht verseucht ist vom Virus cybervirtueller Kommunikation. Ich werde mich um Ihn kümmern geht ins Wohnzimmer und laßt mich allein mit ihm.

Sie legte Susanne die Hand auf die Stirn und lächelte sie zärtlich an, dann drehte sie sich um und kniete neben dem Bewußtlosen nieder. Ich nahm meine Tochter in den Arm, mit meiner freien Hand stieß ich Charlie ins Wohnzimmer und bevor ich die Tür endgültig schloss spähte ich vorsichtig durch den verbleibenden Spalt.

Eva beugte sich über den Bewusstlosen, ließ einen leisen Gesang ertönen, legte ihre Hände auf den Körper des Fremden, löste sich mit ihm in einem hellblauen Nebel auf und war verschwunden.

Erschrocken, die aufsteigende Panik unterdrückend, bettete ich Susanne auf das Sofa im Wohnzimmer Sie fiel sofort in einen tiefen narkotischen Schlaf.  Ich hüllte sie in eine Decke ein und wünschte, sie könnte Susanne wie ein Panzer, eine Rüstung schützen vor den unheimlichen Dingen, die mein Leben aus der Bahn zu werfen drohten.

Ich stöhnte auf: “Was ist hier bloß los, was passiert hier? Ich glaube ich verliere den Verstand. Meine Familie, ich will nicht dass sie da reingezogen wird. Charlie was passiert hier?

KH antwortete flüsternd mit besorgtem Blick auf Susanne: “Ich weiß es nicht, ich kann es nicht steuern oder erklären und es macht mir eine verdammte Scheißangst. Es hat mit dieser Seite zu tun, mit dieser Homepage, mit dem Link dem Dreifachklick, irgendwie, aber was passiert wirklich? Es ist wie eine Reise in eine andere Welt, ein anderes Bewußtsein entgegen jeder Realität wie wir sie kennen. Wir kommunizieren im Internet und irgendetwas holt uns aus unserer Welt, unserer Realität aber warum, mit welchem Ziel und warum mit Mitteln die jegliche Phantasie übertreffen? Ich dachte angestrengt nach, ich durfte nicht zulassen, dass die Angst von mir Besitz ergriff und mich im Denken und Handeln lähmte.

„Es muss damit zu tun haben, dass wir unsere Individualität aufgeben, ganz freiwillig mit unserem seichten Chat- Gequatsche das Interesse aneinander und den persönlichen Kontakt zueinander verlieren. Wir sehen die Augen des anderen nicht mehr, seine Blicke. Wir können in seinem Gesicht nicht mehr die Wahrheit  oder die Lüge lesen, die Gefühle, das Einverständnis, die Zweifel. Wir laden uns auf in einer Welt der Bits und Bytes, wir sind auf der Jagd nach Input, Fun, Action, Adventure. Nirgends mehr persönliche Kontakte, alles vernetzt! Gefühle vernetzt, Ängste vernetzt, Liebe vernetzt. Wir werden immer einsamer, trennen uns mehr und mehr von unseren Mitmenschen, werden zu Einzelgängern. Lassen uns lenken, steuern, benutzen von fremden Einflüssen.

„Das ist es“, schrie Karl-Heinz „ Merkst du es nicht? Je mehr wir unsere Gedanken und Gefühle austauschen, desto weniger driften wir ab in diese irreale Welt. Keine Stimmen, kein Verfallen in Trance, keine Träume, die nicht mehr von der Realität zu unterscheiden sind. Vielleicht haben wir eine Waffe gefunden. Vielleicht gibt es einen Weg kontrolliert in diese wahnsinnige Parallelwelt einzutauchen und zu vernichten was uns bedroht. Denn eines ist sicher, eine Macht will von uns Besitz ergreifen und uns in unserer Realität auslöschen .Ich befürchte nicht nur uns, sondern die ganze Menschheit.

„Karl-Heinz, wir können vielleicht etwas tun, etwas bewegen. Ich weiß, es klingt pathetisch, aber vielleicht ist es an uns die Menschheit zu retten. Wir müssen nur endlich den richtigen Weg finden.

Susanne rekelte sich auf dem Sofa, schlug die Augen auf, blickte verwundert um sich und starrte mich verständnislos an.

„Papa, du bist zu Hause? Eben war ich noch unter der Dusche, aber plötzlich wurde ich so müde, dass ich mich ein wenig hinlegen musste. Ich habe es nicht mal mehr in mein Zimmer geschafft, muss gleich eingeschlafen sein. Ihr Blick fiel auf KH.

„Wer ist dieser Mann Papa? Schnell vergewisserte sie sich, mit einem prüfenden Blick auf ihren Körper, ob sie ausreichend bekleidet war. Dann sah sie mich und KH gleichermaßen fragend an. KH und ich tauschten einen Blick des Einverständnisses, Eva hatte gute Arbeit geleistet, Susanne erinnerte sich an nichts.

Erleichtert fand ich mich schnell in meiner Vaterrolle wieder: “Moment, mein Fräulein, die Fragen stelle ich. Wo sind Mama und Sabine, warum bist du allein hier?“

Susanne spielte verlegen mit ihren Locken. „Ach weißt du Papa, ich hatte wieder mal Streit mit Mama, und Oma hat so tierisch genervt, dass ich abgehauen bin. Mama wollte nicht glauben, dass ich allein nach Hause komme. Die wird sich wundern. Ich weiß, ich soll nicht per Anhalter fahren. Aber da war so ein älterer freundlicher Typ, ein bißchen durchgeknallt, aber total nett. Der hat mich mitgenommen. Er faselte die ganze Zeit etwas davon, dass er den Schlüssel hätte, um die irreale Welt auszuschalten, irgendetwas von Kommunikation. Ich soll mich von Computern fernhalten, von denen drohe Gefahr. Ich und Computer, ich habe ihm gesagt, wie sehr ich dieses Zeug hasse, da war er beruhigt, Ich sage ja, völlig durchgeknallt, aber gut Autofahren konnte er.

Ich versuchte meine Erregung unter Kontrolle zu halten und zwang Charlie mit festem Blick, ebenfalls ruhig zu bleiben.

„Susanne hast du dir die Autonummer oder irgendetwas anderes gemerkt?“

„Warum denn, willst du Ärger machen, Papa?“

„Blödsinn, ich könnte mich bedanken, dass er dich sicher heimgebracht hat.“

„ Er hat mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer gegeben, falls ich mich je in Gefahr befinde, soll ich mich melden, einfach durchgeknallt der Typ. Mal sehen, ob ich den Zettel im Rucksack habe.“

Schon fast an der Tür drehte sie sich noch einmal zu Charlie um:

“Und Sie, wer sind sie denn nun eigentlich?“ In diesem Moment läutete das Telefon. Erika war außer sich vor Sorge um Susanne. Ich konnte sie glücklicher Weise beruhigen und nutzte die günstige Gelegenheit der Erleichterung über Susannes Auftauchen, um Erika auf Charlie vorzubereiten. Ich erklärte ihr, dass Charlie, ein alter Freund, persönliche Probleme habe, und dass ich ihn für ein paar Tage eingeladen habe, bei uns zu wohnen. Erika war nicht begeistert, aber ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich beruhigen würde. Susanne verließ mit einen Schulterzucken das Wohnzimmer um die Adresse ihres Fahrers zu suchen

Charlie und ich sahen uns sprachlos an. War das Zufall? Würden wir endlich weiterkommen und das Rätsel, das unser Leben durcheinander brachte Stück für Stück lösen können?

(Martina Schwarz-Moser)

Ort: Wohnung

 

Lösung?
Probleme?
Irritationen?
War ich nun total daneben oder fand dies alles statt?
Große Fragen, deren Lösung ich nicht kannte. Ja, ich wußte nicht einmal, ob ich diese Rätsel jemals lösen würde, ob ich jemals die Wahrheit erfahren würde. Doch das war im Grunde gar nicht mehr wichtig, denn die Hauptsache war, wieder aus diesem Schlamassel herauszukommen, in das ich immer mehr hineingeriet.
PENG!
Ein lautes Geräusch schreckte mich aus meinen Gedanken auf.
Rauchte es da etwa vom Gang ins Wohnzimmer herein? Brannte es in meiner Wohnung?
Eilig rannte ich hinaus in den Gang, wo zuvor Eva mitsamt dem Unbekannten in Luft aufgegangen war. Dort erblickte ich eine große Rauchwolke ohne Feuer, welche allmählich dünner wurde. Und mitten in der Rauchwolke stand Eva, völlig entkleidet, ihre Nacktheit nur mit einem Feigenblatt bedeckt.
"Hallo Adam, da bin ich wieder" hörte ich sie sprechen. Dann klickte es und sie trug wieder eine Jeans und ein lila Oberteil, das den Bauchnabel nicht ganz bedeckte.
Mit offenem Mund stand ich nun da und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Schließlich fing ich mich wieder und fragte: "Wo bist du gewesen? Warum bist du wieder hier und was geht überhaupt vor?"
"Ich habe den Typen entsorgt - diesen Geistesräuber. Es war leichter als ich dachte. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, er wird nicht wiederkommen!"
"Das will ich hoffen" entgegnete ich und wollte gleich weitersprechen, doch da erschien meine Tochter und meinte: "Mit wem redest du da? Irgendwie bist du merkwürdig heute - hast du vielleicht zuviel getrunken?"
"Jetzt reicht's mir aber, Susanne! Ich glaub' ich bin im falschen Film! Zuerst türmst du per Anhalter von Oma und jetzt bezichtigst du mich auch noch als Säufer!" schrie ich meine Tochter nun an.
"Beruhig dich, Dad. Es ist alles halb so wild wie du denkst!"
"Wie soll ich mich noch beruhigen, wenn ich in einen Alptraum nach dem anderen stürze! Du wolltest wissen mit wem ich rede? Ich weiß es selbst nicht, ob ich mit mir selbst rede oder was überhaupt mit mir vorgeht!"
Plötzlich begann sich alles um mich zu drehen und dann stürzte ich zu Boden und blieb reglos liegen.
Pause.
Ruhe.
Dunkelheit.
Schlaf.
Benommenheit.
Heftig blendete mich das Licht, als ich meine Augen wieder aufschlug. Von weiter weg hörte ich Stimmen:
"Ich glaube er ist aufgewacht" murmelte KH.
"Wir sollten nach im sehen." meinte ich Eva zu hören. Und meine Tochter sprach: "Nachdem was ihr mir alles erzählt habt, muß mein Vater ja wirklich sehr viel mitgemacht haben die letzten Tage..."
Dann kamen die Stimmen näher und plötzlich standen alle drei Personen rund um das Sofa im Schlafzimmer herum, auf dem ich eingehüllt in eine Decke lag. Anscheinend konnte Susanne die beiden Leute in meiner Wohnung doch sehen, weil sie ja mit ihnen gesprochen hatte. Weiter konnte ich nicht denken, dann schon fragte mich Eva in sanftem Ton: "Wie geht es dir jetzt?"
"Ich glaube ganz gut, so weit ich es feststellen kann" entgegnete ich und stierte irritiert in die Runde.
"Wir sind dir einige Erklärungen schuldig" begannen Eva und auch meine Tochter im Chor und dann setzte Susanne als erste an. Sie erzählte mir, sie habe die Nummer des Fahrers, der sie per Anhalter mitgenommen habe, im Rucksack gefunden und hätte dort schon angerufen, aber leider niemanden erreicht. Von Eva erfuhr ich, daß sie neben der Fähigkeit sich plötzlich umzukleiden auch die Gabe habe, andere Menschen verschwinden zu lassen, was allerdings soviel Kraft erfordere, daß sie auch selbst verschwinden müsse. Der Unbekannte in der Wohnung sei also auf diese Weise "entsorgt" und unwiederbringlich in einer Art Zeittunnel verschwunden.
Jetzt wurde mir schon Vieles klarer, dennoch wußte ich noch viel zu wenig, um alles zu verstehen, was geschehen war. So war meine nächste Frage an Eva: "Was hatte überhaupt dieser Geistesräuber in meiner Wohnung zu suchen?"
Jetzt schaltete sich KH ein: "Ursprünglich dachte ich, es handle sich um die Realitätspolizei, jedoch war es genau das Pandaente dazu."
"Wenn du so Angst vor der Realitätspolizei hast, dann bist du ja auch ein solcher Geistesräuber!" unterbrach ich KH scharf.
"Dein Rückschluß ist in erster Hinsicht mehr als logisch, doch es gibt Unterschiede - ich gehöre zu denen, die eine Revolution unter den Geistesräubern ausgelöst haben, weil ich ihre Methoden verabscheue. Die Realitätspolizei weiß zwar von dieser Rebellion, berücksichtigt sie aber nicht, so dass ich mir nicht nur einen, sondern zwei Feinde geschaffen habe - zum einen bin ich für die Polizei dennoch ein Geistesräuber und für die Geistesräuber gelte ich als Verräter und Abtrünniger. Du kannst dir wohl vorstellen in welcher misslichen Lage ich mich befinde."
Mir ging ein Licht auf, und es leuchtete von Minute zu Minute heller.
Und schließlich fragte ich: "Wie kommen wir in diese Welt von der du ständig sprichst? In diese andere Realität?"
(Wolfgang Hofer)

 

Ort: Wohnung

 

Hilflosigkeit, Entsetzen und Angst machten plötzlich einer wohltuenden Müdigkeit Platz und ich murmelte:

“Lasst uns jetzt zu Bett gehen, ich muss abschalten, ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Morgen ist ein neuer Tag, und ich bin sicher, die Ereignisse werden sich kaum in Luft auflösen, so erfreulich das auch wäre.“ Susanne protestierte und bestand darauf weitere Details zu erfahren. Mit einer groben abschließenden Handbewegung unterbrach ich sie.

“ Ich werde dir morgen die Situation aus meiner Sicht schildern, schildern meine Kleine, nicht erklären, denn das kann ich beim besten Willen nicht. Ich bitte Dich nicht, sondern ich verlange von Dir: Kein Wort zu Mama und Sabine. Kann sein, dass sie nach dem Schrecken mit dir früher kommen. Du kennst Mama, sie ist eine realistische Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, Du kannst dir vorstellen, wie sie reagieren würde. Und unser Bienchen, träumt von Ufos und Außerirdischen und hätte nichts Eiligeres zu tun als Ihren Freundinnen von der Invasion zu erzählen, die natürlich nur in unserem Haus ihren Anfang nimmt, Ich wäre schneller in der Klapsmühle, als du Piep sagen könntest. Also, meine Tochter, vertrau mir und schweig.“

Sabine sah mich nachdenklich an, sie hatte tiefe Ringe unter den Augen und sie war sehr blass. Zögernd kam sie auf mich zu seufzte tief auf und nahm mich in den Arm:

„O.K. Alterchen, kannst dich auf mich verlassen. Ich hüte unser Geheimnis, aber nicht zu lange. Du weißt, Mama kann man einfach auf Dauer nichts vormachen. Mit einem: “Also Gute Nacht allerseits“ verschwand sie in Ihrem Zimmer.

Ich dreht mich fragend zu Eva um, wo würde sie schlafen, - und schlafen Zauberwesen überhaupt. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, lachte sie leise auf:

„Ich brauche kein Bett, ich habe meine eigene Art zu ruhen“ flüsterte sie geheimnisvoll und verschwand in der Küche Richtung Kaffeemaschine.

Es war mir egal. Ich wollte nur noch Ruhe, nicht denken nur nicht denken
einfach flüchten in einen tiefen Schlaf. Wer weiß, vielleicht war alles nur ein böser Traum.

K. H. riß mich brutal aus meiner Müdigkeit.

„ Bist du eigentlich total bescheuert? Jetzt denkst du an schlafen? Wenn du tot bist, kannst du schlafen, jetzt ist keine Zeit dazu. Ich habe einen Plan!“

Das Wort Plan erreichte mich durch den Nebel der Erschöpfung. KH war wieder für eine Überraschung gut. Gerade noch in Todesangst und Resignation und jetzt hatte er einen Plan? Eigentlich war er mir nur noch lästig und ich musste die aufsteigende Aggression mit aller Kraft unterdrücken. Warum hatte er gerade mich aufgesucht, hätte er nicht irgendeinen anderen alten Bekannten in sein gefährliches und so unglaubliches Abenteuer mitnehmen können. „ So, so einen Plan hast du, also, Charlie? Was stellst du dir vor?“, fragte ich ohne Hoffnung. Wir gehen an den Computer, wir suchen die Homepage, den Link auf der Mail, du weißt schon, die Einladung:“ Kommen Sie rein“, 3-fach Klick und wir werden die Welt aus einer anderen Perspektive sehen.

Ich unterbrach seine Ausführungen lautstark „Du bist total verrückt, meinst du, mir soll es so ergehen wie Dir? Schau dich doch mal an. Entschuldige, du siehst aus wie ein Penner, immer noch, total durchgeknallt außerdem. Bitte stell dir vor irgendjemand erklärt dann Erika:

“Ihr Freund ist in den Computer gesaugt worden, er ist jetzt in einer anderen Dimension, aber wenn der Computer abstürzt, hat er gute Chancen wieder herauszukommen, nur hat er dann wahrscheinlich eine Macke.

Plötzlich konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Meine ganze Spannung entlud sich in einem atemberaubenden Lachkrampf. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören, ich sah Erika vor mir, wie sie verständnislos in den Computer starrte und neue Krämpfe von ungezügeltem Gelächter schüttelten mich. Die Tränen schossen mir aus den Augen und ich rang nach Luft. KH sah mir schweigend mit gerunzelter Stirn und ziemlich besorgtem Gesichtsausdruck zu, aber es war wie ein Zwang, ich lachte und lachte bis ich total erschöpft auf das Sofa sank und Tränen der Verzweiflung das Lachen verdrängten. Schließlich konnte ich mich beruhigen. KH fuhr in seinen Ausführungen fort.

„Natürlich kann nur einer reingehen, wenn wir die Homepage jemals wieder finden.  Der andere muss draußen bleiben und nach einer vereinbarten Frist die Netzverbindung des Computers unterbrechen.
Normalerweise müsste dann der, der drin ist wieder herauskommen.“

„Normalerweise? entgegnete ich fragend, was ist hier schon normal?

KH war wie besessen von der Idee:

„Natürlich gehe ich rein, ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren.“

„Hör schon auf“ Charlie, brummte ich ungeduldig. Vielleicht ist deine Idee gar nicht so schlecht. Und wenn ich, na ja, stotterte ich verlegen „ wenn ich dich einen Penner genannt habe vorhin, bitte entschuldige, ich...“

„Schon gut, winkte K. H. ungeduldig ab. „Mann, ich verstehe dich. Zurück zum Plan. Laß uns die Homepage suchen, auf geht’s.“

Plötzlich war ich wieder da, meine Energie und meine Abenteuerlust kehrten zurück. Ich erinnerte mich an unsere gemeinsame Erkenntnis die Menschheit vielleicht vor etwas Schrecklichem bewahren zu können. Wir machten uns gemeinsam an die Arbeit. Stunden um Stunden vergingen. Die Suche nach der besagten Homepage blieb ohne Erfolg und ich ertappte mich dabei, dass ich Charlies Glaubwürdigkeit anzweifelte

„. Vielleicht kann man da einfach nicht bewusst reinkommen“, murmelte Charlie resigniert. „ Vielleicht wissen wir zu viel.“

„Zuviel“, schrie ich empört auf“, Mensch Charlie, wir wissen nichts, gar nichts!“ „Ich bin mir da nicht so sicher“ entgegnete KH “ich denke, wir sind wir auf der richtigen Spur.“

Plötzlich durchfuhr mich ein wahnsinniger Gedanke. „Der Anhalter, Susannes Fahrer, vielleicht kann der uns helfen.“

KH nickte aufgeregt, ich glaube er konnte vor Aufregung kein Wort herausbringen.

„Das ist es! Susanne hat mir, als du ohnmächtig warst die Telefonnummer von dem Typen überlassen. Komm, wir rufen ihn an!“

„ Moment, Charlie, es ist mitten in der Nacht, du kannst nicht einfach diesen Fremden anklingeln!“

„ Adam bitte!“ erwiderte KH. „Vielleicht steht unser aller Zukunft auf den Spiel. Hör endlich auf mit deiner Rücksichtnahme, wo ist das Telefon?“

Charlie breitete den zerknitterten Zettel aus. Er legte ihn auf den Tisch und strich Ihn glatt. Mit zitternden Händen begann er zu wählen.

„Ohne Vorwahl“ murmelte er mit heiserer Stimme, „ er muss in unserer Stadt wohnen“ „Oder er hat die Vorwahl vergessen“, unkte ich mit klopfendem Herzen. Das Freizeichen ertönte einmal, zweimal, dreimal, mein Herz raste, ich griff mir unwillkürlich an die Brust und hielt den Atem an.

"Ja, bitte?" flüsterte eine schlaftrunkene Stimme fragend ins Telefon.

Charlie brachte keinen Ton heraus und ich befürchtete er würde wieder einhängen. Ungeduldig riss ich ihm den Hörer aus der Hand.

„Bitte, entschuldigen Sie die Störung, ich weiß, es ist mitten in der Nacht, aber es geht um Leben und Tod. Vielleicht sind Sie unsere Rettung.“

„Wer sind sie“, ertönte es aus den Hörer, „sind sie betrunken? Wie kommen sie zu meiner Telefonnummer? Was wollen Sie?“

„Hören Sie mir bitte zu“, meine Stimme versagte und wurde zu einem heiseren Krächzen. Ich räusperte mich:“ Sie haben meine Tochter Susanne im Auto mitgenommen und ihr Ihre Telefonnummer gegeben, falls sie sich je in Gefahr befände.“„Ist das verboten? Darum rufen sie mich mitten in der Nacht an, was soll das?“. „Nein, nein“, versuchte ich den Fremden zu beschwichtigen, „es geht um die Computer, die andere Welt“, meine Stimme überschlug sich und ich konnte vor Aufregung meine Gedanken nicht mehr ausdrücken. Alles geriet durcheinander. Ich hatte nur den einen Wunsch, mich dem Mann am Telefon verständlich zu machen. Ich lauschte angestrengt in das Schweigen am anderen Ende der Leitung. Plötzlich vernahm ich ein heiseres Flüstern: „Was meinen Sie genau?“ "Hören Sie", versuchte ich ihn und vor allem mich selbst zu beruhigen, "was ich in letzter Zeit erlebt habe, ist unbeschreiblich."

(Martina Schwarz-Moser)

 

Ort: Recycling-Hof / Park / Eingang eines Wohnhauses

 

Edgar war nicht besonders groß, aber es reichte aus, um über die Öffnung des Altglasbehälters linsen zu können.
"Braunglas" stand in schwarzen Lettern auf dem Container, den Edgar nun mit seinen mitgebrachten Flaschen füllte.
"Bürokraten", dachte er für sich, "die müssen doch alles regulieren, wo sie nur können!"
Wie sollte man sich dem jedoch widersetzen?
Schlürfend entfernte sich Edgar von den Recycling-Containern und machte sich auf den Heimweg.
Da er einer von jenen war, die gerne in Ruhe alle Sachen erledigen und die nichts mit unkontrollierter Hast und Eile angingen, setzte er sich nach der soeben vollbrachten Tätigkeit erst mal auf eine Parkbank unweit vom Recycling-Hof.
Eingangs vergaß ich wohl zu erwähnen, dass Edgar Pensionist war. Das erklärt wohl auch die Ruhe und Gelassenheit, die er an den Tag legte. Eines jedoch prägte ihn: Edgar war ein ewiger Weltverbesserer. Einer, der dem Anderen die Wahrheit ins Gesicht offenbarte und der alle eingefahrenen und sterilen Regeln und Strukturen verschmähte.
"Warum können die Leute nicht mal einen Gang zurückschalten? Weshalb hetzen sie sich von einer Handlung in die nächste?" dachte Edgar bei sich.
Edgar.
Wie das klang!
Doch es passte zu diesem Menschen wie die Faust aufs Auge - er war wie ein Mann, der vor Hunderten von Jahren eingefroren und lebend konserviert worden war und jetzt im 21. Jahrhundert in einem Leben auftaute, das sich um 180 Grad gewendet hatte.
"Ja, die Welt dreht sich!" schrie Edgar plötzlich laut auf.
Er hatte gar nicht bemerkt, dass sich neben ihm weitere Leute auf die Bank gesetzt hatten.
"Da könnten Sie Recht haben" meldete sich der junge Mann neben Edgar zu Wort, "unser Lehrer sagt auch immer, dass sich die Welt - unsere Erde - um die Sonne dreht!"
"Völliger Quatsch" geriet ein etwa vierzigjähriger krawattentragender Mann beinahe außer sich. "Das wollen uns die Wissenschaftler und Gelehrten nur ständig vortäuschen! Im Grunde dreht sich nämlich gar nichts. Die Windung hebt sich elementar gegenseitig auf - wir sind ein Staubkorn und das Universum mehr oder weniger nur eine kleine Kinderhand -. Mikroskopisch betrachtet werden wir Menschen erst sichtbar und meinen selbst wiederum, wir würden andere kleinere Lebewesen beobachten…."
Plötzlich brach der Mann seinen Monolog ab und meinte: "Ich muß jetzt ins Büro, empfehle mich."
Edgar hatte sich nach seinem Ausspruch völlig in den Hintergrund gedrängt und war auch jetzt, nach dem Weggang des Mannes, nicht gewillt, einen weiteren Kommentar abzugeben, denn die Unterhaltung lief auch ohne seine Mitwirkung und Anwesenheit.
So beschloß Edgar nun stillschweigend aufzustehen und die Gesellschaft auf der Parkbank zu verlassen. Langsam setzte er sich auf und verließ die immer reger werdende Diskussion, in die nun noch weitere Personen eingegriffen hatten.
Das eben Geschehene war typisch für Edgar. Er wollte nicht im Mittelpunkt stehen und trotzdem der Funke sein, der einen Wortwechsel auslöste. Sein Bestreben war es, die Leute aufzurütteln, ohne selbst viele Worte verlieren zu müssen. Hatte er einmal das Saatgut auf gutem Boden ausgestreut, vermehrten sich die daraufhin folgenden Worte wie von selbst.
Weltverbesserer.
Aufrührer.
Querdenker.
In dieser Art könnte man Edgar beschreiben, trotzdem war es schwer eine Schublade für ihn zu finden, weil sein Leben einfach zu viele Fassetten hatte. Den Park hinter sich lassend, flanierte Edgar nun zurück zu seiner Wohnung. Im Erdgeschoß angekommen warf er noch einen Blick in sein Postfach, als er plötzlich Eugen auf sich zustürmen sah. Eugen war Edgars Enkel und wohnte zusammen mit ihm in der Wohnung, weil seine Eltern gerade alleine in den Urlaub geflogen waren. Jetzt kam der etwa zehn Jahre alte Junge mit einem Blick auf seinen Großvater zugestürmt, der mehr als bizarr anmutete.
"Opa, da haben ganz seltsame Leute angerufen, und sie sagen, dass sie deine Hilfe brauchen" waren die ersten Worte, welche Eugen hervorbrachte und dann fiel er Edgar in die Arme wie ein Zinnsoldat mit nur einem Bein.
"Also Eugen, jetzt ganz langsam und von vorne" versuchte Edgar die Situation zu beruhigen. "Wer genau hat vorhin angerufen?"
"Es war eine Frau, die Stimme von ihr hörte sich sehr jung an, und dann war auch zeitweise ein Mann am Hörer. Anscheinend haben diese Leute schon mehrmals angerufen, weil sie ständig gefragt haben warum gestern einfach der Hörer aufgelegt wurde und anschließend keine telefonische Verbindung mehr möglich war.
Ich konnte ihnen auch nicht erklären, dass ich nicht derjenige sei, mit dem sie sprechen wollten und dann haben sie mir ihre Nummer dagelassen" berichtete Eugen pflichtbewusst seinem Opa.
"Na gut, ich habe schließlich meine Hilfe angeboten, jetzt muß ich auch in den saueren Apfel beißen."
(Wolfgang Hofer)


 Kapitel 8, „Übertritt von der Parallelwelt in die reale Welt“

 

Ort: Gasthaus / Wohnung

 

Im Wirtshaus war nach dem wirbelsturmartigen Sog ein heilloses Chaos entstanden.

Der Boden war übersäht von zersprungenen Gläsern und Tellern, auch die Spielkarten der Schafkopfbrüder lagen dort zerrissen und zerfleddert mitsamt den Geldschüsseln und dem Münzgeld ebenfalls im ganzen Raum verstreut. Doch nicht nur der Fußboden war übersäht von Unrat, sondern der ganze Raum mutete an, wie ein durch den Fleischwolf gedrehtes Stück Käse.

Die Deckenlampen waren geborsten und die Bilder an der Wand hingen entweder schief, oder waren gar abgefallen. Am Stärksten war jedoch die Wirtshaustheke beschädigt: Sämtliche Spirituosenflaschen waren durch den entstandenen Druck und Sturm zerplatzt und dort wo einst die Schenke befunden hatte, war nun ein riesiges Loch.

Kurz gesagt: Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Die meisten Leute im Gasthaus hatten sich noch vor dem Sog retten können, aber ein paar waren nicht mehr nach draußen gekommen und lagen nun zusammen mit dem Schutt auf dem Boden.

Durch den entstandenen Druck war auch die Eingangstür des Gasthauses nach draußen geflogen und ermöglichte einen direkten Blick zum Gehsteig und zur Straße von Niederhaselbach.

"Dieser Walter ist doch ständig unterwegs!" konnte man eine weibliche Stimme von draußen vernehmen, "Er hat sich jetzt doch glatt in den Kopf gesetzt, eine eigene Zeitschrift zu entwickeln. Manchmal frage ich mich schon, wie er auf solche Ideen kommt!"

"Laß ihm doch seine Freude, er ist eben genau das Gegenteil vom Rudolph. Der fliegt ständig durch die Weltgeschichte und will sich politisch entwickeln und Walter ist halt mehr dieser Künstlertyp, der sich in einer anderen Form verwirklichen will!" entgegnete eine männliche Stimme.

Dann verebbte die Unterhaltung.

Das waren wohl irgendwelche Passanten, die gar nicht bemerkt hatten, was dort passiert war, wo sie gerade vorübergegangen waren.

Richten wir unsere Konzentration nun aber wieder auf die Gaststätte:

Hörte man genau hin, war ein leichtes Husten zu vernehmen, daß irgendwo hinter den umgestürzten Stühlen und Tischen herkam.

Ja!

Tatsächlich!

Dort richtete sich gerade eine Gestalt auf, die uns wohlbekannt war.

Diesen Teil des Berichts kann ich nur aus Erzählungen rekonstruieren, jedoch glaube ich alles, was mir weitergegeben wurde.

Denn dort stand Karl-Heinz.

Karl-Heinz Reimhuber.

Genau jener, der vor einigen Tagen vor meiner Haustür aufgekreuzt war und mit dem ich zuletzt in der Wüste auf zwei heißen Brettern durch die Wüste gedüst war.

KH, Charlie oder Karl-Heinz, wurzelte wie ein Baum starr aufgerichtet auf dem zerstörten Boden der Gaststätte und starrte auf die Zerstörung. Er sah eigentlich noch immer aus wie zuvor. Sein Jogging-Anzug war nur inzwischen immens verdreckt und aufgerissen und sein seit mehreren Tagen nicht rasierter Bart machte ihn vergleichbar mit einem dahergelaufenen Stadtstreicher, wie man sie oft in U-Bahnhöfen antreffen kann.

Plötzlich sprang Karl-Heinz auf, verließ das Gasthaus und eilte schnellen Schrittes zu einem uns nur allzu bekannten Ort: Meiner Wohnung.

Er mußte nicht klingeln und er brauchte keinen Schlüssel, sondern er ging einfach mitten hindurch.

Warum einfach durch die Tür?

Nun, was war eigentlich bisher Unmöglich?

Na, sehen sie?

Also, warum wollen Sie dann für so eine Lächerlichkeit einer Begründung?

Und wenn sie trotzdem Erklärungsbedarf haben: Später.

Schließlich war K. H. in meinem Arbeitszimmer angekommen, wo er mit seinen zittrigen Händen meinen Computer einschaltete.

(Wolfgang Hofer)

 

Kapitel 9 „Überschneidung der Welten“

 

Ort: Wohnung

 

Es  dauerte eine Weile, bis der PC hochgefahren war und Charlie sah sich mit ängstlichem Blick in der Wohnung um.
Er hatte Zuflucht  gesucht, in einer Welt die für ihn fremd war, irgendwie, und doch wieder so bekannt. Was war nun mit Adam passiert?
Wie und warum war er wieder in diese, jetzige Wirklichkeit geschleudert worden?
Er fühlte sich ausgesprochen unwohl.
Er hatte keine Ahnung, wie die Realität nun reagieren würde, da er doch aus einer anderen Ebene, einer anderen Dimension stammte, eigentlich gar nicht hier sein dürfte.

Nun, was die materielle Seite anbelangte, - die Tastatur und Mouse des Computers gehorchten ihm, er konnte also ganz offensichtlich die augenblickliche Daseinsform beeinflussen.
Jetzt huschten seine Finger wie automatisch flink über das Keyboard, ja, die Erinnerung kam zurück. Wie war er damals zu dem 3-fach Klick gelangt?

Der PC versuchte zu booten und meldete schließlich „Fatal Error“.

Doch Charlie blieb keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, er hörte, wie sich die Tür in seinem Rücken öffnete, und drehte sich um.
Entsetzt starrte er die Gestalt an, die da im Türrahmen stand und ebenso ungläubig. und entsetzt zurückglotzte.

Es war sein Ebenbild. Glich ihm, wie ein Ei dem anderen.
Die beiden konnten einander nur eine Sekunde lang sehen, dann stieg dichter Nebel auf, Charlie spürte wie der Boden unter ihm bebte, sah einen hellen Lichtblitz, hörte einen ohrenbetäubenden Pfeifton und verlor schließlich das Bewusstsein.
Als er die Augen wieder öffnete,  war da kein Zwillingsbruder mehr, nur ein Häufchen schmutziger Wäsche, - ein dreckiger Jogginganzug, zerrissene Turnschuhe.

 

Als es an der Tür läutete war ich wohl nicht der Einzige, dem ein Schreck in die Glieder fuhr.
Realitätspolizei?

Geisterräuber?
Verfassungsschutz?

Schließlich aber fasste ich mir ein Herz und öffnete, vorsichtig, einen Spalt breit nur.
Draußen stand ein älterer Mann, weißes Haar, einen gepflegten Kinnbart, einen zerknautschten grauen Filzhut auf dem Kopf.
“Herr Adam Geigerwald?“
Er wartete keine Bestätigung ab:
“Sie haben mich angerufen. Mein Name ist Edgar Lewonsky. Sie haben Probleme?“
Er drückte mit seinen Schultern kräftig gegen die Tür und verschaffte sich so Einlass.
“Es eilt! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt auch nur „Hallo“ zu sagen, so holte ich es nun nach:
"Hallo. Sie sind der Mann den ich angerufen habe? Der meinte er könne uns weiterhelfen?“
“Ja. Der bin ich.“ sagte er ungeduldig.
“Wo können wir uns setzen? Sie müssen mir alles erzählen. Kommen Sie!“

Als ob es sein Haus wäre, strebte er auf das Wohnzimmer zu.

Alle dort warteten mit Bangen auf den Besucher.
“Es ist der Herr, den wir angerufen haben!“ verkündete ich, sah mich um.
“Wo ist Karl-Heinz abgeblieben?“

„Nach oben, an den PC.“

Susanne, die im Schneidersitz in einem der Clubsessel saß, deutete zur Treppe.

„Erzählen Sie!“

In etwa einer halben Stunde hatten wir ihm das  Wesentliche erklärt.

„Wo ist dieser Karl-Heinz? Wo ist der Computer?“

(Thom Delißen)

Kapitel 10 „Überschneidung der Welten“

Ort: Wohnung

 

Verdrehen sich jetzt vollends ihre Augen?

Wissen sie nicht mehr, wo sie sich genau befinden und sind sie vollends aus dem Geschehnis ausgestiegen, weil sie überhaupt nichts mehr verstehen?

Warten sie noch einen kleinen Moment ab und lassen sie sich kurz erklären, was vorhin geschehen ist.

Vielleicht haben sie ja schon einmal etwas von Parallelwelten gehört.

Also: Sie leben auf der Erde und sitzen gerade vor ihrem Computer. Logisch, oder?

Plötzlich geht ihre Zimmertüre auf und sie erblicken sich selbst, wie sie im Begriff sind gerade auf den PC zuzugehen.

Ist bis jetzt noch alles klar? Sie sind sozusagen zweimal da - wußten aber nie etwas voneinander, bis zu jenem Moment, als sie parallel auftraten. Da sie aber nur einmal existieren können, zumindest nicht zusammen an einem Ort sein können verschwindet eine Person.

In obigem Falle war dies der Karl-Heinz aus der ersten Welt.

Der zweite war zuvor aus der zweiten Welt - der Wüstenwelt - zurückgekehrt und hatte versucht die Geschehnisse auf einen Nenner zu bringen.

Doch jetzt war das Unvorstellbare geschehen.

Er hatte den einen KH aus der ersten Welt in Staub zerfallen - oder einfach irgendwohin verschwinden lassen.

Es läßt sich wahrlich schwer erklären und es ist umso unglaubwürdiger, aber es stimmt.

Nun gab es nur noch einen Karl-Heinz, Charlie, KH oder was auch immer - und dieser mußte nun versuchen alles aufzuklären, was zuvor an Durcheinander geschehen war.

 

Ich - Adam -, meine Tochter Susanne, Eva Kaffine und Edgar rannten zu meinem Computerzimmer und rissen die Türe auf.

Dort saß Karl-Heinz und hackte auf der Tastatur herum.

"Wo ist nur dieser verdammte Link mit dem Dreifachklick geblieben? Ich kann ihn ums Sterben der Welt nicht finden!" redete Karl Heinz mit sich selbst, bis er bemerkte, daß wir zu viert in der Türe standen.

Jetzt war er völlig durcheinander, und trotzdem begann es auch ihm zu dämmern, daß er sich in der Parallelwelt aufhielt.

Was tun? Sich für den Charlie ausgeben, der von unten in den Raum gekommen war, und der schon immer in der ersten Welt weilte, oder aber die Wahrheit sagen und erklären, daß er aus der zweiten Welt sei.

Er überlegte noch einen Bruchteil von Sekunden und dann blickte er nur noch erstaunt auf den Monitor, der einen metallisch blauen Link anzeigte. Schnell klickte er dreimal hintereinander darauf und dann begann es laut zu zischen…

(Wolfgang Hofer)

 

Karl-Heinz war verschwunden. Einfach nicht mehr da. Der Bildschirm des Computers zeigte ein großes Loch, das aussah, wie man sich die Schwarzen Löcher im Universum vorstellt. Dieses Loch schien einen Sog auszuüben, irgendetwas wirbelte im Kreis. Fasziniert starrten wir auf den Bildschirm, bis nach einiger Zeit, ich kann nicht genau sagen, ob es nur einige Minuten oder mehrere Stunden gewesen waren, tauchte ein kleiner Punkt in der Mitte des Schwarzen Loches auf, der, erst langsam und dann immer schneller, größer zu werden begann und nach kurzer Zeit als Charlies Gesicht zu erkennen war. Total überrascht guckten wir uns gegenseitig an, um unsere Augen dann wieder dem Bildschirm zuzuwenden. Charlie schien genauso verdutzt und überrascht wie wir zu sein, aber er fasste sich schneller als wir und begann zu sprechen. “ Hey Leute, ich weiß nicht, was passiert ist, aber als ich eben an den Computer gehen wollte, um diese Seite mit dem Dreifach-Klick zu finden, saß da eine Person an dem Computer, die genauso wie ich aussah. Ich konnte sie allerdings nur den Bruchteil einer Sekunde betrachten, dann schien irgendwas zu explodieren und was dann passierte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich für mehrere Stunden im Kreis herumgewirbelt wurde und immer näher zu einem bestimmten Punkt gesogen wurde. Und jetzt sehe ich, dass dieser Punkt euer Raum ist. Versucht doch bitte, mich hier herauszuholen, ich denke, ihr müßt einfach die Netzverbindung unterbrechen.” Der Mann, der sich als Edgar Lewonsky vorgestellt hatte, wendete sich an mich. “Mir sind drei Dinge klar geworden. Das erste ist etwas Grundsätzliches. Dieses Problem ist komplexer und komplizierter als ich gedacht habe. Zweitens, dieser Karl-Heinz, den wir hier auf dem Bildschirm sehen…Das ist doch Karl-Heinz, oder?” unterbrach er sich. “Ja ja”, stotterte ich, einen Seitenblick auf den Bildschirm beziehungsweise auf Charlie riskierend. “Also dieser Karl-Heinz ist nicht der Karl-Heinz, den wir vorher im Raum sitzend gesehen haben. Das ist nicht möglich, ich will es euch erklären”, fügte Edgar schnell hinzu, auf unsere ungläubigen Blicke reagierend. “In der parallelen Welt, der anderen Realität können parallele Gestalten existieren, die der Person in unserer Realität, wenn ihr es so nennen wollt, bis auf kleine Details oder sogar ohne irgendwelche Unterschiede ähneln. Und wenn eine Person, so wie Karl-Heinz, ein Reisender zwischen den Welten ist, kann es passieren, dass sich die zwei Ausgaben ein und derselben Person in einem Raum oder sonst wo begegnen, und in diesem Fall passiert genau das, was Charlie uns gerade erzählt hat, die Explosion und das alles. Nur das mit dem Auftauchen im Bildschirm verstehe ich nicht so ganz, es muss wohl was damit zu tun haben, dass der andere Karl-Heinz da im Computer verschwunden ist, ich denke über diesen Dreifach-Klick, er wird ihn wohl gerade in dem Moment gefunden haben, in dem wir den Raum betraten. Und das dritte, was…” “Ich weiß ja nicht, wer du bist, aber bitte, hör auf mit den langen Erklärungen und hilf mir wieder zurück in eure Realität zu kommen, hoffe, das ist die richtige für mich, aber hier als Animation auf einem Bildschirm will ich echt nicht bleiben.” “Karl-Heinz…entschuldige bitte dass ich dich so nenne, aber ich kenne ihren Nachnamen nicht und wenn du nichts dagegen…” “Bitte, es ist mir total egal, ich will nur aus dem Bildschirm raus, bitte. ”Ja, natürlich, aber bevor wir was unternehmen, müssen wir uns über die Sachlage klar werden. Also, das dritte, was mir aufgefallen ist, ist, dass unser Karl-Heinz hier ein anderes Zeitsystem hat, dieses den Sog ausübende Loch, das ihn hierhin gebracht hat, für mich war das nur einige Sekunden und…” “Aber mir schien das auch einige Stunden lang, nicht nur einige Sekunden!” rief Susanne aus. Edgars Gesicht wurde blass. Und wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Geigerwald?” Ich antwortete ihm, wie ich es ja auch schon zuvor in meiner Geschichte erwähnt hatte, dass ich es wirklich nicht genau sagen könne. Schweißperlen traten auf Edgars Stirn hervor. “Ok, dann ist sogar noch ernster als ich dachte. SIE haben sie sich eingeschaltet.” “Wer sind SIE?” fragte ich erschrocken. “Keine Zeit für lange Erklärungen, wir müssen von hier verschwinden. Karl-Heinz, Sie bleiben wo Sie sind, wir kommen zurück, und versuchen Sie, sich nicht bemerkbar zu machen, wenn SIE kommen.” Edgar zerrte uns aus dem Raum. Bevor er die Tür schloss, hörten wir noch ein “Aber was kann ich denn hier machen, ich bin doch…”, dann war die Tür zu und Edgar trieb uns zur Eile an. “Was ist denn los?” fragte ich. “Bitte, stell keine großen Fragen, wenn SIE die Zeit manipulieren, haben SIE etwas vor, was wirklich gefährlich ist, ich habe keine Ahnung, was genau passieren wird, aber glaubt mir, ihr wollt nicht an dem Ort sein, wo es passieren wird.”

(Sebastian Ley)

 

 

Die Türe zum Arbeitszimmer war kaum ins Schloss gefallen, als aus dem Zimmer ein lauter, hysterischer Schrei zu vernehmen war. Es klang wie Karl-Heinz's Stimme. Erschrocken hasteten Adam und Edgar zurück ins Arbeitszimmer, gefolgt von Susanne.

Von Karl-Heinz war auf dem Bildschirm nichts mehr zu sehen, dafür wälzte sich dicker Qualm über den Boden und kroch in jeden Winkel; wie ein gefräßiges Tier verschlang er alles Gegenständliche, alles Reale. Im Nu waren die fassungslos Dastehenden von fetten Schwaden eingehüllt, die jeden Blick verstellten.

Die Lautsprecher vibrierten mit tiefem Bass und formten Töne in düsteren Farben, die einem Requiem zur Ehre gereicht hätten. Die Zeit stand still. Der Pendel der kleinen Wanduhr in der Zimmerecke saß in der Mittenlage fest, wenngleich auch niemand davon Notiz nahm. Als die nebelhaften Schleier fielen, stand sie da: Diese menschenähnliche Gestalt, eingehüllt in ein schwarzes, bis auf den Boden reichendes Gewand.

 Adam schnappte nach Luft, sein Gaumen flatterte hörbar beim Einziehen des Atems. Susanne löste sich als erste aus der Starre und warf sich Schutz suchend ihrem Vater in die Arme. Eher instinktiv hielt Adam seine Tochter fest. Die menschliche Wärme tat ihm gut.

Edgar stand wie angewurzelt, aber seinem geübten Blicken blieb nichts verborgen - auch nicht, wie der Schwarzgekleidete kurz zusammenzuckte, als Susanne Schutz bei ihrem Vater suchte.

Es arbeitete in Edgar. Was hatte dieses Zucken zu bedeuten? War es etwa eine verwundbare Stelle? Die Achillesferse des Eindringlings?

Aus der dunklen Gestalt brach urplötzlich ein gellendes Lachen hervor und zerschnitt die angespannte Stille. Schallend und düster hallte es durch den Raum, es glich dem furchteinflössenden Lachen eines zu allem entschlossenen Kriegers.

"Ihr armen kleinen Menschlein," erneut wurde das schwarze Unwesen von einem Lachanfall durchgeschüttelt "habt Angst vor Eurer selbst geschaffenen Welt, vor euren eigenen Geschöpfen".

Die tief liegenden Augenhöhlen zogen alles in ihren Bann. Adam fühlte sich ihrem kalten Blick hilflos ausgeliefert, als der Schwarze mit einer galanten Verbeugung fortfuhr:

"Ich darf mich vorstellen. Der Hüter des Cyberspace - die Sublimation eurer Gedanken - der Ritter der Macht der irrationalen Einheit - von Euch geschaffen".

Regungslos und erschrocken fasziniert standen sie alle drei da: Adam, seine ihm in die Arme geflüchtete Tochter und Edgar, der sich größte Mühe gab, sich der kalten "Show" des Ritters nicht auszuliefern.

Und wieder bellte das höhnische Lachen durch den Raum und trieb den Versammelten erneut einen Schauer über den Rücken.

Adam schossen die Gedanken wie wild durch den Kopf. Wenn dieses Wesen ein Relikt des menschlichen Geistes war, musste seine Macht Grenzen haben - der selbst geschaffene Cyberspace musste eine zu entmachtende Schwachstelle haben.

Metallisch hell schimmerte die Kette um den Hals des Ritters. An ihr baumelte ein grün blitzendes, längliches Etwas, offensichtlich eine Art Fruchtbarkeitssymbol.

Es hatte die Form einer Zucchini.

(Elmar Ostertag)

 

Kapitel 11 „Parallelwelt"

Ort: Wüste

Sie erinnern sich meiner?

Können mich fixiert liegen sehen, in dieser undurchdringlichen Dunkelheit, gepeinigt von Tausenden von Nadelstichen?

Ein kalter Lufthauch überzog mich, durch den kalten Schweiß an meinem nackten Körper, mit einem Schauer.

Angestrengt versuchte ich in der Finsternis etwas zu sehen, - vergebens.

Ich lauschte.

Nichts.

Nur mein eigenes Atmen.

Was war passiert?

KH und ich waren über die Wüste geglitten. Dann waren da diese schwarzen Insekten mit ihren Stichen. Und dann... dies hier.

Wo war Charlie? Wo war KH?

Der Versuch meinen Kopf zu drehen scheiterte, ich war in einen Kubus gezwängt.

Ich versuchte zu schreien.

Nichts.

Versuchte irgendein Körperteil zu bewegen.

Nichts.

Versuchte die Augen zu rollen.

Nichts.

Entsetzen bemächtigte sich meiner.

Ich fühlte mich unendlich hilflos, alleine. Wer hatte Grund mir derartiges anzutun? Wem hatte ich Böses gewollt, dass er sich so an mir rächte?

Meine Frage sollte schnell beantwortet werden.

Die Konstruktion auf der ich festgeschnallt war, begann sich lautlos aus der Waagrechten in die Senkrechte zu bewegen. Meinen Gleichgewichtssinn hatte ich also noch! Ganz langsam kam ein diffuses Licht in meinen beschränkten Blickwinkel. Im Vordergrund war ein schwarzes Etwas zu erkennen.

„Erkennst Ihr mich?“

Es war eine weniger eine furchterregende Stimme, es war eine Kakaophonie unermesslichen Ausmaßes, schrill, grell, zerfetzend, ohrenbetäubend.

„Ich bin!“

Grelles aufleuchten des Lichts.

„Ich bin Ihr. Ich bin die hyperdimensionale Kraft. Der Ritter. Der Gebieter. Erfüllung unerwünschter Träume. Ihr werdet meine Waffen sein!“

Ich wurde ohnmächtig. Die Einflussnahme, diese komplexe, fast körperliche Überzeugung, die aus den Schallwellen geklungen hatte, raubte mir das Bewusstsein.

(Thom Delißen)

 

Ort: Wüste

 

Meine Ganglien drehten unendliche Pirouetten um nicht-materielle Antimaterie. Mein Geist war voll und doch meinte ich zu denken.

War dies ein Fall von Schizophrenie? War ich nun vollständig aus der Realität entrückt? Zu viel war schon geschehen, als könnte ich die Vorfälle noch als Gehirngespinste deuten. Nein, es mußte wohl passiert sein!

Unter stechenden Schmerzen versuchte ich die Augen zu öffnen, ohne noch weiter über die Vergangenheit nachzudenken. Ich konnte mir ohnehin nichts mehr zusammenreimen, es hatte auf irgendeine Weise überhaupt keinen Zusammenhang mehr.

Nun gut. Jetzt war jetzt und wohl oder übel war es nun für mich an der Zeit das nächste Abenteuer durchzustehen.

Langsam versuchte ich also meine Lider zu heben, um die Lage um mich herum abzuchecken.

Grausiges Brennen.

Ein innerlicher Schrei!

Blitzartig verschloß ich meine Augen wieder, weil mich das grelle Licht der drei Sonnen derart blendete, daß mir keine andere Wahl blieb. 

"Wir müssen Ihn in den Schatten bringen, er geht sonst wohlmöglich ein!" 

"Ja, du hast recht. Diese Realos sind schon recht empfindliche Kerle."

Ich merkte, wie es plötzlich kühler um mich wurde und so wagte ich nochmals den Versuch die Augen zu öffnen. 

Und siehe da: Jetzt konnte ich sie ohne Schmerzen zu empfinden öffnen. Doch was ich vor mir erblickte untertraf meine Vorahnungen:

Es war ein schlichter Spiegel.

Ein Spiegel!

Ein Spiegel?

Normalerweise zeigen solche Objekte genau das gleiche an, was man selbst ausübt, nur eben spiegelverkehrt. Aber in diesem Falle war es anders: Der Spiegel war kein Ding, sondern vielmehr ein Wesen, eine Person.

Oh nein! Es war ein Duplikat von mir!

Ein Klon.

Ein genetisches Ebenbild!

Mein eigenes genetisches Ebenbild!!!!

Bevor ich schreien, aufspringen oder sonst ein Handlung ausüben konnte, geriet ich in eine vollständige Starre und ich konnte quasi durch mich selbst sehen, was mit mir geschah: Ich, ich meine, es - das Spiegelbild, der Klon - berührte mich und nahm Kontakt mit mir auf.....

(Wolfgang Hofer)

Ort: Wüste

Genauso schnell wie die Starre über mich gekommen war, verschwand sie wieder.
Mit einem Schmerzensschrei versuchte ich mich ruckartig aufzurichten.
Diese Pein! Es schien mir, als ob ich mich Jahrhunderte lang nicht bewegt hätte.
Wir befanden uns im Schatten eines Felsens, soviel konnte ich erkennen, um mich herum etwa 20 oder 30 Wesen, die exakt so aussahen wie ich.

Klone?
Jedenfalls sahen sie alle genau so aus wie ich, und jeder von ihnen hatte mein Tatoo, mein persönliches Tatoo auf der linken Hinterbacke.

Es stellte eine Schlange dar, die eine Frau umfing, umschlang, die sich ganz offensichtlich darüber freute, dargestellt mit pikanten Einzelheiten.. Klein, aber sehr kunstvoll. Und einzigartig gewesen. Ein Original. Bis jetzt.
Wie ich. Immer hatte ich gedacht, der Mensch sei ein Individuum, einzigartig. Ich hatte den Schöpfer in seiner unendlichen Erschaffung von Vielfalt bewundert. Und jetzt das!

Einer von ihnen, vielleicht der Anführer stand jetzt vor mir und sprach mich an.
Er räusperte sich und fuhr sich mit der Hand durch das Haar, genau wie ich es immer tat, wenn ich irgendwelche Kunden von der Qualität des zu verkaufenden Produktes mit einem Redeschwall zu überzeugen versuchte. Und genau so geschah es. Ein Redeschwall.
“Legen Sie sich zurück mein Freund. Sie befinden sich in besten Händen. Keinen Augenblick zu spät haben wir Sie gefunden. Doch jetzt geht es Ihnen gut, nicht wahr? Hier ist es schön.
Hier brauchen Sie keine Angst zu haben. Nein! Sie sind ganz ruhig, entspannt, fast glücklich, nicht wahr? Sehen Sie, Sie haben uns, und wir sind alles Freunde, nicht wahr? Also...“
Er lächelte, lächelte mein „und jetzt kommt das Angebot Deines Lebens-Lächeln“, doch bevor er weiter reden konnte, hob ich den Arm und brüllte:

„Wer zur Hölle sind Sie? Was haben Sie in meinen Körpern zu tun? Wo bin ich? Was soll das? Warum hat man mich entführt, gefesselt und fast zu Tode gestochen? Wer ist dieser verdammte große Unbekannte? Warum sind wir Werkzeuge? Für was? Warum?“
“Guuck-Guck!!“

Eine Stimme von rechts. Einer meiner Klons winkte mir zu.

Im gleichen Moment jagte mir jemand von links eine Spritze in das Gesäß und ich kippte ins Nichts.

Als ich wieder erwachte, lag ich unter dem mir schon bekannten Nachthimmel, etwa zwei Meter von einem kleinen Lagerfeuer entfernt. Eine Stimme neben mir, die Gestalt konnte ich in der Dunkelheit nicht ausmachen, rief:
“Er ist wieder wach!“
Als ich mich in Richtung der Stimme drehte, meine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, erkannte ich ein Mädchen, nach unseren Maßstäben vielleicht 16 Jahre alt, langes Haar, schmale Hüften und süße Apfelbrüste. Eindeutig keiner meiner Klone.
Die anderen kamen näher, jeder hatte eine Fackel in der Hand und so wurde die Szenerie einer unheimlichen Beleuchtung zuteil.

Ich suchte nach jemanden, der mir ähnlich sah, vergebens...

Es war wirklich verwirrend.

Sah der da nicht aus wie Dustin Hoffmann? Und jener war einwandfrei Bruce Willis. Weiter hinten stand ein Leonard Nimoy, gleich daneben war Errol Flint zu sehen.
Die gesamte Leinwandprominenz der Erde schien vertreten!
Eine Frau mit dem Gesicht der jungen Greta Garbo beugte sich über mich:
“Geht es Ihnen besser? Wir wollten Sie nicht erschrecken. Gefallen wir Ihnen jetzt besser? Wissen Sie, vor ein paar Jahren sind etliche Ausgaben des „Movie Today“ von der Erde hier bei uns gelandet, irgendeiner von den Realisten hatte sie mitgebracht. Macht Ihnen das weniger Angst?“
Ich sah sie an. Sie war wirklich wunderschön.
“Sie sehen zauberhaft aus.“
Sie lächelte und wurde dann von einem jungen Mann mit Elvistolle zur Seite geschoben.
“Bist Du der Erlöser?“

(Thom Delißen)

 

 

Fragen über Fragen häuften sich in meinem Gehirn und ich suchte verzweifelt selbst nach Antworten - und jetzt wurde ich gefragt.

Ich, der doch am wenigsten von diesem ganzen irren Spiel wußte!

Dennoch hatte ich das dringende Bedürfnis zu sprechen und antwortete dem Mann: "Ich bin Adam, Adam Geigerwald. Und ich lebe!"

Das war zwar nicht gerade die Antwort gewesen, die sich der Mann erwartet hatte, aber dennoch verzog er seinen Mund fast zu einem Lächeln. 

Ich setzte mich auf.

"Wo befinde ich mich und wer seit ihr? Könnt ihr meinem vernebeltem Geist erklären, was geschehen ist?" fragte ich in die Runde und nach vielleicht tagelanger Suche nach einer Antwort bekam ich das erste mal eine.

Zuvor wurde ich jedoch zu einem Zelt gebracht und ins Innere begleitet. Dort saß ein alter Mann, älter als der alte Mann und das Meer und älter als Meister Joda aus dem Krieg der Sterne. Außerdem war dort das Mädchen und der junge Mann mit Elvistolle.

Zuerst wurde wir einander vorgestellt und zu meinem Erstaunen verstand ich die Sprache der Fremden. Der alte Mann hieß Otank, der Weise, das Mädchen war Hinuba und der junge Mann war Lewitok - ein stolzer Krieger.

Nachdem mir Getränke und Speisen angeboten worden waren - es war keine Zucchini dabei -, wurden mir endlich von Lewitok und Otank meine unzähligen Fragen beantwortet:

"Lieber Reisender, lieber Realo! Du kamst in unsere Welt - eine Welt, die von Euch, den Menschen, erschaffen worden ist. Diese Welt existiert nur durch Eure Abkapslung von Euch selbst. Als du mit deinem Freund Charlie, der an selber Stelle, wo du nun sitzt, schon vor gut einem Monat gesessen hat, hier in der Parallelwelt ankamst wurdest du überfallen. Überfallen, von einem Pulk aufgebrachter Düsenjäger-Mücken, den Kriegswaffen der Realitätspolizei. 

Dies mag sehr schwierig für dich zu begreifen sein, weshalb ich Dir die Hierarchie dieser Welt etwas genauer erläutern will:

Unsere Welt, unser Planet, scharrt sich um einen großen magischen Anziehungspunkt: die Zucchini. Diese Zucchini ist das Statussymbol unserer herrschenden Gewalt, dem Obersten Gremium. Das Oberste Gremium wiederum entsendet die Realitätspolizei, eine Schutztruppe, die versucht Überschneidungen unserer und Eurer Welt zu verhindern oder rückgängig zu machen. Wie es nun mal so ist, gibt es nicht nur die Realitätspolizei, sondern auch ihre Gegner. Gegner, die sich dafür ausgesprochen haben, den direkten Übergang von Eurer und Unserer Welt zu ermöglichen. Diese Organisation nennt sich "Geistesräuber". Sie versucht mit unsauberen Methoden, Menschen aus eurer Welt in unsere Welt hereinzuziehen. Sei es über Internet-Links, sei es per Gehirnmanipulation. Dein Freund Karl-Heinz, oder wie auch immer du ihn nennen magst, kam damals über einen Link in unsere Welt. Glücklicherweise geriet er in nicht in die Hände der Geistesräuber, sondern an uns. Denn wir wiederum sind eine Abspaltung der Geistesräuber, die einerseits die Machtstellung des Obersten Gremiums nicht für gut heißen, andererseits aber auch nicht die Methoden der als "Befreier" agierenden Geistesräuber teilen. Unsere Abspaltung nennt sich schlicht und ergreifend "Die Revulotion". Weil wir für keine der beiden anderen Vereinigungen eintreten werden wir von beiden verfolgt, so auch Charlie. Im Übrigen, das habe ich noch nicht erwähnt, wird das Oberste Gremium mittlerweile von einem zu groß gewordenen selbst ernannten Zeitwächter angeführt, dem "Hüter des Cyberspace", der sich selbst "Zeitritter" nennt. Wir konnten dich von ihm und seinen Lakaien, den Düsenjäger-Mücken befreien und du bist hier - zumindest vorläufig - in Sicherheit."

Jetzt war ich ziemlich platt und überfüllt mit Informationen, konnte mir natürlich noch nicht über alles meinen Reim machen, verstand jedoch schon einiges. Doch natürlich hatte ich noch weitere Fragen, die auch beantwortet werden sollten...

(Wolfgang Hofer)

 

 

Na schön.“ dachte ich mir. “Diesen Mist in dem Du jetzt sitzt hat also jemand von der Erde gemacht.“

Die Erde. Sie schien Millionen Lichtjahre entfernt, oder auch nur einen Mouseklick.

Das brachte mich auf eine Idee.

„Hör mal, Lewitok!“ sprach ich den Krieger an, der mir gerade versucht hatte die verzwickte Sachlage zu verdeutlichen.
“Gibt es bei Euch irgend so etwas wie Computer?“
Plötzlich war um mich herum die Hölle los. Die gesamte Menschenmenge, ich konnte etwa 50 von dem Platz aus, wo man mich zu Boden gelegt hatte sehen, hatten ihre Hände am Kopf, als würden sie sich die Ohren zuhalten.

Alles kreischte brüllte....

Lewitok sah mich mit verzerrtem Gesicht an, seine Augen wirkten wie zwei glühende Kohlestücke.
Bevor ich reagieren konnte, hatte er mich am Kragen gepackt und drückte mir nun die Kehle zu. Er würde mich erwürgen!
Verzweifelt mit der Luft ringend, überlegte ich fieberhaft. Was um alles in dieser oder jener Welt mochte die Leute so aufgebracht haben.

Ich röchelte: „Ich habe doch nur nach Computern gefragt....“

Er konnte mich kaum verstanden haben, oder nur sehr schlecht, denn schließlich drückte er mir ja die Luft ab, doch nach den ersten beiden Buchstaben des Wortes Computer hatte er mich losgelassen, statt an meine Kehle griffen seine Hände jetzt an seine Ohren, und er begann jämmerlich zu heulen.

„Sag es nicht! Sag es nicht! Sag es nicht!“

Ich kniete da auf dem Boden, kämpfte damit wieder Luft in meine Lungen zu pumpen. Der Kerl hätte mich beinahe umgebracht!
Dann blickte ich um mich. Es war faszinierend. All die Judy Garlands, Bruce Willis' , Schwarzeneggers, Blondies, Meryl Streeps, Dean Martins und Stewart Grangers, die Waynes und van Dammes waren in unterschiedliche Richtungen davongelaufen.

Doch sie verwandelten sich, - aus Ihnen wurden ganz allmählich, es war fast grausam dabei zuzusehen, Bretter.

Genau solche Bretter, wie die, die mich und Charly über die Wüste geführt hatten.

Die menschlichen Gestalten schienen zu schmelzen, platt zu werden, und dann, wenn sie fertig waren mit der Metamorphose, sausten sie mit rasanter Geschwindigkeit Richtung Osten, hinein in die Wüste.
Ehe ich mich versah, war ich Mutterseelenallein.

So dachte ich zumindest.

Ich hörte ein Keuchen hinter mir und fuhr herum, gerade noch rechtzeitig um das Bild einer vielleicht 18 – jährigen Amazone zu erblicken, die mit Wucht eben eines dieser Bretter auf meinen Kopf schmetterte.
Schwarz.

(Thom Delißen)

 

Rot. 

Gold.

Vielleicht waren dies die nächsten Farben, die in mein Gehirn schossen, ich kann es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls war ich mittlerweile Schläge und Stöße gewöhnt und kam mir gar wie ein Actionheld vor, obwohl ich doch im wirklichen Leben ein einfacher Vertreter war. 

Obwohl. Dies war das wirkliche Leben!

Ich war in keinem Computerspiel und es gab nicht unendliche Medi-Packs zur Verfügung. Ich hatte nur dieses eine Leben und mein Ziel war, mich heil durch die Welten und Level zu spielen. Und so war ich vom Normalbürger zum Überlebenskämpfer geworden.

Jedenfalls tat der Schlag mit dem Brett nicht seine Wirkung, sondern ließ mich nur für Sekunden auf den Boden fahren. Doch sogleich, mit der Hand meinen Hinterkopf nach Blut abtastend, stand ich wieder auf und drehte mich in die Richtung des Schlages.

Nichts.

Absolut nichts war dort. 

"Wieder einmal eine Fata Morgana", dachte ich und beschloß den Ort zu verlassen und genau so wie die Bretter in Richtung Osten zu wandern. Vielleicht konnte ich auf diesem Wege auch zur Zucchini gelangen. Denn seit meiner Begegnung mit den Düsenjäger-Mücken hatten ich meinen Orientierungssinn mehr oder weniger verloren. 

Ich wendete mich also zum Gehen, als ich eine helle, zarte Stimme hörte: "Komm mit mir! Ich kann Dir helfen!"

Ich drehte mich um meine eigene Achse, doch konnte ich nichts entdecken und so begann ich weiterzustapfen, doch da war wieder die Stimme: "Ich kann Dir helfen!", und dann rieselte feiner Wüstensand auf mein Haar. Ich blickte nach oben, und wahrhaftig: Dort schwebte die Amazone auf einem Brett und grinste mich mit ihrem zuckersüßen Honigmund an. 

"Was schaust du denn so blöd, noch nie eine ausgewachsene Amazone gesehen? Komm, spring auf! Wir haben keine Zeit zu verlieren!"

Und ihren Worten Taten folgen lassend, schwebte sie mit ihrem Brett zu mir nach unten und ich entschied mich kurzerhand, ihr Angebot anzunehmen und sprang auf das Brett hinter die Amazone. 

"Dann kann's ja losgehen!" schrie Sie und legte einen "Schuhmacher"-Start hin, so daß es mir beinahe die Socken auszog.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich an ihren rasanten Fahrstil gewohnt hatte, doch schon bald machte es mir richtig Spaß mit ihr in den Lüften zu segeln. Unter der heißen Ritt erzählte sie mir, daß sie Daphne hieß. Um mich nicht in Verlegenheit zu bringen, hatte sie sich mittlerweile aus dem Gepäckständer des Bretts ein knallenges T-Shirt geholt und über ihren makellosen, für eine Frau höchst muskulösen braungebrannten Körper gezogen. Außerdem hatte sie sich eine kurze Hose angelegt, um ihre Scham zu bedecken.

Wie lange der Brett-Flug dauerte vermag ich nicht mehr zu sagen, doch wir gelangten recht schnell an unser Ziel.

War es unser Ziel?

Jedenfalls hatte ich erwartet, daß ich nun endlich zu der Zucchini käme, aber dem war nicht so. Anstatt dessen befanden wir uns wieder in einer Art Lager; eigentlich war es eher ein Schrottplatz.

Unzählige Bretter lagen dort.

Was lag da vor mir? Wo war ich nun schon wieder hingeraten?

Unser Brett hatte gestoppt und Daphne war auf dem heißen Wüstenboden gelandet. Sie schien offenbar auf jemanden zu warten.

Von weitem hörte ich ein dumpfes Geräusch, daß näher kam.

Lichtblitze - aber nicht vom Himmel.

Es wurde immer lauter und greller.

Von weitem hatte das, was auf uns zukam noch sehr klein gewirkt, doch je näher es rückte, desto größer und unheilsamer wirkte es.

Ich begann zu zittern, doch Daphne legte ihre weichen Finger um mich und flüsterte mir zu: "Hab keine Angst, es wird dir nichts geschehen."

Ich versuchte mich zusammenzureißen und jetzt sah ich auch, was sie offenbar schon längst gewußt hatte.....

Es war eine riesengroße technische Maschine oder irgendetwas dergleichen.

Doch im Moment interessierte mich eines viel mehr.

Und zwar war das der Fahrer des Geräts:

Es war Charlie! Ja, genauer jener Karl-Heinz, der damals vor meiner Tür stand.

(Wolfgang Hofer)

 

Meine Verwirrung war komplett, obwohl ich mich längst in einer Verfassung jenseits allen Empfinden-Könnens wähnte.

Die Maschine war ein wirres Gebilde und glich einem riesigen Blechkasten, an den in fast surrealistischem Stil Schläuche, Leitungen, Kühlflächen, Sensoren, elektroniküberhäufte Leiterplatten und sonstige Undefinierbarkeiten montiert waren - ein gigantischer, faszinierender Schrotthaufen. Aber das Monstrum bebte und schnaufte und mittendrin saß Karlheinz mit einem siegerhaften, breiten Grinsen, das er durch eine der vielen Sichtluken schickte.

Auf dem Ungetüm stach inmitten des grünlichen Farbanstrichs ein großes weißes S hervor. Irgendwie war es mir bekannt.

"Einsteigen bitte", ertönte Charlies Stimme blechern aus dem Außenbord-Lautsprecher und mit sanftem Druck fühlte ich mich auch schon Richtung Einstiegsluke geschoben.

Die Aussicht auf eine mögliche Flucht vor der unberechenbaren, virtuellen Realität war mir mehr als angenehm - aber was war dann mit Daphne ? Ein Blick über die Schulter beruhigte mich - bis hin zur inneren Erregung. Mit kraftvollem Schwung stieg die Kriegerin mit auf die  Rampe.

Die Türe schloss automatisch, und fast gleichzeitig war da Charlies Stimme, diesmal im Klang ganz vertraut und ohne den vibrierenden Gießkannen-Charakter.

"Nächster halt: Sphäre C02-4427 - Vorsicht an der Abflugkante." Wie ein sich wild aufbäumendes Pferd rüttelte der Kasten, bevor er mit einem derart gewaltigen Ruck losschoss, dass es mir glatt die Füße wegzog. Ich fühlte mich schon zwischen Schaltern und Stühlen landen, als mein Kopf wider Erwarten weich abgefangen wurde.

Unerwartet, aber doch ganz und gar zufrieden fand ich mich jetzt in Daphnes Armen wieder - ihr lächelnder Mund, ihre weich geschwungenen Lippen schicksalhaft über mir.

"Willkommen an Bord der Sphärenschleuder". Charlie hatte jetzt Zeit für mich und quatschte los - riss mich förmlich aus den weichen Armen des Cyperspace zurück in das Reale der virtuellen Welt.

"Meine Berta mag zwar ungewöhnlich aussehen, katapultiert uns aber sicher durch Raum und Sphären - jedenfalls meistens, du weißt ja wie Frauen so sind."

Ein Ansatz von Lächeln umspielte Charlies Mundwinkel, trotzdem vermied er bei dieser Bemerkung den Blickkontakt zur Amazone.

"Eine kleine Übersetzungshilfe: C02-4427, das steht für Cyperspace 02, Raumkoordinate 4427“.

„Sofern Berta einen guten Tag hat - sie ist übrigens mein Meisterwerk - durchqueren wir mit ihr die Grenzen zwischen Realos und Cybers, ganz nach Belieben. Freilich hat sie ein paar kleine Macken und kommt nicht über jede Stelle im Raum-Zeit-Kontinuum hinweg. Aber insgesamt ist sie ein braves Mädchen".

Bei dieser Bemerkung glitten Charlies Finger feinfühlig und fast verspielt über den Monitor vor ihm, bevor er seinen sinnierenden Blick von der Apparatur wieder losriss.

Wie ein dahinfahrender Zug schaukelte uns der unförmige Kasten hin und her und ich begann mich zu entspannen – zumindest soweit, wie es der Blick auf den makellosen, braun gebrannten Körper vor mir zuließ. Daphne stand an einer der Aussichtsluken, nicht weit von mir.

„Kontakt in 5 Sekunden“ ertönte Charlies Stimme. Dann fing alles an, unter mir wegzukippen. Es war total verrückt, aber ich hatte das Gefühl, ins Endlose zu fallen – ein Sturz ohne das Aufknallen am Boden, ohne den erwarteten Schmerz, ohne den harten Kontakt zur realen Welt, ein Fall ins Bodenlose.

Die Konturen des Gegenständlichen bogen sich und brachen auseinander in wildem Tanz, die Farben flossen ineinander, rot und grün und blau, bis mein Bewusstsein in ohnmächtigem Taumel zerrann.

 

Dann: Ruhe – Stille – Nichts.

(Elmar Ostertag)

 

 

To be continued

Um Fortsetzung wird gebeten..